Es ist mal wieder ein Donnerstag, der 19.Mai. Im Fernsehen läuft das Relegationshinspiel, und mit einer Mischung aus Interesse und Schaudern sieht man die Bemühungen der Vereine aus Hamburg und Berlin, den letzten Platz auf der oberen Reihe der Stecktabelle der kommenden Saison zu ergattern. Ganz entspannt schaut der Anhänger von Borussia Mönchengladbach nicht auf dieses Spiel. 

Zum einen, weil alleine das Wort „Relegation“ nicht nur Gedanken an die Erlösung durch die Tore von Reus und de Camargo zurückbringt, sondern weil man sich immer auch noch an die Anspannung und Angst in den Stunden davor erinnern kann. Der stete Aufruf, dies („wo wir herkommen“) nicht zu vergessen, war seit jeher so nötig wie die Ermahnung des Zehnjährigen, vor dem Schlafengehen den Spalt unter dem Bett auf Monstereinzug zu prüfen. Das vergisst man nicht.   

Zum anderen aber auch, weil dieselben Fans vor gar nicht so langer Zeit auf die Stecktabelle blickten und überlegten, ob die Borussia nicht am heutigen Abend würde spielen müssen. 

Bekanntlich ist dies nicht der Fall. Borussia Mönchengladbach beschließt die Saison auf Platz 10 mit einem gesunden Punktepolster auf Platz 16 und demzufolge hat sich alle Sorge als unbegründet erwiesen. Will man diese Saison, die Sorgen der Anhänger und die Verwerfungen zwischen ihnen und dem Verein nun einordnen, dann muss man aber weiter zurückblicken als nur bis zu Saisonbeginn. 

Vor etwas mehr als drei Jahren, am 2. April 2019, gab Borussia bekannt, die Zusammenarbeit mit Dieter Hecking zum Ende der Saison beenden zu wollen. Das lag sicher nicht nur an etwas durchwachsenen Ergebnissen in der Zeit davor, sondern, wie Max Eberl später erklärte, auch daran, dass der Verein einen neuen Impuls suchte. Borussias Weg war seit der überstandenen Relegation recht gradlinig verlaufen. Zwar weitgehend nach oben, aber nun schien man nicht mehr so recht vorwärts zu kommen. Max Eberl hatte entschieden, dass man diesen Weg nun verlassen wollte. Weil er nicht zu den Zielen zu führen schien, die ihm vorschwebten. Borussia suchte und fand seinen dafür nötigen Impulsgeber vermeintlich in Marco Rose. 

Bis hier hin ist keiner der Parteien etwas vorzuwerfen. Hecking schien überrascht und enttäuscht und konnte einem leidtun, hatte er doch nun wirklich keine schlechte Arbeit abgeliefert, aber wenn man glaubte, dass auf diesem Weg nicht mehr viel zu erreichen war, auf einem anderen aber schon, dann war die Solidität eines Heckings eben nicht mehr genug. Wenn man davon überzeugt war, schien das eine logische Konsequenz, und sie wurde mit aller Wertschätzung für den scheidenden Coach auch ordentlich begründet. Das ließ sich nachvollziehen. 

Der neue Trainer kam und das erste Jahr schien Eberl recht zu geben. Die Skeptiker, die ob der Herkunft Roses aus dem RaBa-Imperium nicht bedingungslos mit Liebe werfen wollten, verstummten bald, auch wenn im DFB-Pokal in der 2. Runde Schluss war und auch die Euroleague-Vorrunde wenig erbaulich mit Platz 3 endete. Neben der unglücklichen Heimniederlage gegen Erdogan-Lieblingsclub Basaksehir aus Istanbul blieb auch noch eine Klatsche daheim gegen den Wolfsberger AC im Gedächtnis. 

Aber am Ende der Saison stand die CL-Qualifikation, Marco Rose saß mit einer Bitburger-Flasche auf der Trainerbank und tat den mittlerweile berüchtigten Ausspruch über den "lässigen Verein”. An der Stelle hätte man es wissen müssen. Borussia Mönchengladbach ist so ziemlich alles, aber bestimmt nicht “lässig”. Lässig hingegen nahm es Marco Rose mit der Vereinstreue. Nach einem beeindruckend unsouveränen Herumgeeiere gab er im Februar 2021 endlich zu, dass er sich die Ausstiegsklausel mit gutem Grund hatte in den Vertrag schreiben lassen. Zwischenzeitlich war der Motor trotz einer guten CL-Saison etwas ins Stottern geraten. Irgendwie schien es, als verlöre das Team seine Selbstverständlichkeit. Das Derby zuhause ging verloren. Und nach der Verkündigung des Wechsels befanden sich Trainer und Mannschaft in freiem Fall. 

Max Eberl hielt trotz allem am Trainer fest. Weil er offensichtlich sehr von seiner Idee überzeugt war. Proteste tat er ab, wie er das schon zuvor an anderer Stelle getan hatte. Vielleicht hat Max Eberl an der Stelle einfach nicht verstanden, warum Marco Roses Abgang die Fans so aufbrachte. Oder, nicht nur vielleicht, denn hätte er es verstanden, hätte er nicht zwei Monate später mit genau derselben Masche wie die Dortmunder Rose aus Gladbach lotsten, Adi Hütter aus Frankfurt geholt. Die Parallelen waren mannigfaltig. Hütter hatte eine (immerhin etwas höhere) Ausstiegsklausel im Vertrag für den Fall, dass ein potenterer Verein einen Job frei hätte. Auch Adi Hütter stammte aus der RaBa-Schule. Auch er hatte ein unwürdiges Schauspiel um seine Zukunft in Frankfurt veranstaltet; sich sogar zu einem eindeutigen Dementi hinreißen lassen. Und nach dem Feststehen seines Abgangs verpasste er mit seiner alten Mannschaft die zuvor mehr als machbar erscheinenden Ziele. Eigentlich ist nur verwunderlich, warum Adi Hütter in Gladbach nicht von Anfang an mehr Gegenwind entgegenschlug. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe des Wechsels stand die Eintracht mit 7 Punkten Vorsprung auf Dortmund auf einem Championsleague-Platz. Borussia war im Niemandsland der Tabelle versunken. Dieser Wechsel war von außen betrachtet mit nichts zu erklären, außer mit der Aussicht auf ein höheres Gehalt. Die Fans hatten Marco Roses Verhalten mit Recht deutlich kritisiert. Jetzt setze man ihnen eine erstaunlich exakte Kopie vor. 

Ist Max Eberl vorzuwerfen, sich nicht beizeiten von Rose getrennt zu haben? In der Rückschau selbstverständlich. War sein Verhalten ohne dieses Wissen über die Zukunft nachzuvollziehen? Vielleicht. Aber wie ist die Entscheidung für Hütter als Nachfolge auf diesem Wege und mit dieser Geschichte im Rücken zu beurteilen? Max Eberl muss sehr überzeugt gewesen sein, dass er mit allem Recht hatte und Roses Ausstieg nur ein zu korrigierender Unfall war. 

Was folgte, war wiederum ein kurzes Hoch nach holprigem Start. Dieses eine, großartige Spiel der Hütterzeit gegen den FC Bayern überstrahlte dabei lange Zeit alles, in dem Sinne, dass doch nicht alles falsch sein konnte. Aber das war es. Es folgte der sportliche Einbruch, ja Totalausfall. Über die Gründe, auch diejenigen, die Hütter sicher nicht zu verantworten hatte, ist genug geschrieben worden. Aber es wurde bald offensichtlich, dass der Trainer zumindest Teil des Problems und ganz sicher nicht Teil der Lösung sein würde. Beim verlorenen Derby konnte man es schon sehen, beim darauffolgenden Spiel gegen Freiburg wurde es mehr als offensichtlich: Der Trainer hatte keine Idee, wie er der Probleme Herr werden sollte. Das setzte sich in einer beispiellosen Serie von Misserfolgen fort. Beispiellos nicht deshalb, weil sie Ergebnisse an sich so außergewöhnlich waren, sondern weil im gesamten Profifußball Europas sich kaum ein Verein finden wird, der eine derartige Geduld mit einem so offensichtlich glück- und hilflosen Trainer zeigen würde.  

Aber Max Eberl hielt auch hier wieder zum Trainer, und nach seiner Demission tat es ihm sein Nachfolger gleich, vermutlich, weil es bei Borussia plötzlich an allen Ecken brannte und man nicht noch eine Baustelle gebrauchen konnte. Immerhin hat Roland Virkus am Ende der Saison den längst überfälligen Schritt vollzogen.

Die Frage ist nun, welche Schlussfolgerung der Verein ziehen wird. Unter Max Eberl hat Borussia die alten Leitplanken durchbrochen und einen neuen Weg gesucht, der Erfolg versprach. Gehalten hat er nichts. Im Gegenteil, der Verein hat wahnsinnig viel verspielt in den letzten beiden Jahren. Er hat an Attraktivität für Spieler verloren. Er musste andere Vereine an sich vorbeiziehen lassen, die einst neidisch nach Gladbach geblickt hatten. 

Für die Zukunft des Vereins wird entscheidend sein, welchen Weg er jetzt einschlägt: Wird er versuchen, auf den alten Weg zurückzukehren? Wird ein neuer Weg eingeschlagen in der Hoffnung, dass es diesmal der richtige ist? Oder wird man an der Strategie der letzten drei Jahre festhalten festgehalten und sich an einen weiteren Trainer dieser Ausrichtung binden in der Hoffnung, dass aller guten Dinge drei sind? Für den ersten Weg stünde ein Favre, für den zweiten zum Beispiel ein Farke. Für die dritte Variante fände sich bestimmt noch ein ehemaliger Salzburg- oder Liefering-Trainer mit Ausstiegsklausel. In dem Falle erhöhten sich die Chancen, dass man bald ein donnerstägliches Relegationsspiel nicht am Fernsehen guckt. Sondern im Borussia-Park.  


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