Ein vermurkstes Fußballjahr geht zu Ende. Selbst notorische Positivlinge wie Sportdirektor Max Eberl können sich dieses 2021 kaum schönreden. Bei Borussia Mönchengladbach ging unter dem Strich schief, was schief gehen konnte. Ein Jahr, das in der Champions-League begann, endet im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga. Die Mannschaft scheint in Auflösung begriffen. Auf der Habenseite steht allenfalls, dass man im DFB-Pokal noch dabei ist und mit Hannover 96 ein machbarer Gegner im Achtelfinale wartet. Wobei Hannover, Pokal, da war doch was… Die große Frage, die wohl jeden Borussenfan umtreibt, ist: Wie konnte das passieren? SEITENWAHL versucht, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Heute die erste Hälfte der Redaktion, Teil zwei folgt morgen.

 

Christian Spoo

Borussia im Abstiegskampf. Mit einer Mannschaft, die dafür eigentlich zu gut besetzt ist. Im Umfeld herrscht Unruhe. Sportdirektor Max Eberl steht im Fokus: Hat er den Laden im Griff? Gegen den Trend entscheidet sich Eberl, am Trainer festzuhalten.

So war das im Dezember 2010. Mit Michael Frontzeck ging Borussia seinerzeit in die Rückrunde. Die Krise verschärfte sich, Umstürzler formierten sich. Als alles zusammenzubrechen schien, gelang Eberl der sensationelle Befreiungsschlag – Frontzeck raus, Favre rein. Der Rest ist bekannt: Wir durften in den vergangenen elf Jahren Dinge erleben, von denen wir seinerzeit nicht zu träumen gewagt hätten. Das bleibt. Diese Leistung aller Beteiligten wird auch durch den Niedergang des zu Ende gehenden Jahres nicht geschmälert. Aber trotzdem sind wir wieder da, wo wir herzukommen nie vergessen durften. Das hat Max Eberl durch mantraartiges Wiederholen sichergestellt. Ironie der Geschichte: Seit einiger Zeit hat er sich das abgewöhnt – und prompt sind wir wieder in unserem natürlichen Habitat der 00er-Jahre. Schuld sind: Corona und Max Eberl. Oder sagen wir besser: Verantwortlich sind. Welche Auswirkungen die Pandemie auf den Fußball generell und auf Borussia speziell hat, muss man hier nicht ausführlich darlegen. Kurz gesagt: Ein Verein, der finanziell solide ist, aber nicht im Geld schwimmt, der auch und gerade in dieser außergewöhnlichen Situation zu Recht das große Risiko scheut und der den Erfolgen der jüngeren Vergangenheit zum Trotz eben nicht zu den ganz großen Hausnummern im deutschen oder gar europäischen Fußball gehört, den trifft die Pandemie besonders hart. Der Markt funktioniert anders als gewohnt, das Publikum fehlt nicht nur immer mal wieder für 90 Minuten, sondern auch permanent auf dem Konto.

Kommen wir zur Verantwortung von Max Eberl. Der Sportdirektor hat sich im Verein eine Stellung erarbeitet, in der er über allen thront. Borussia Mönchengladbach IST Max Eberl, so wie Bayern München lange Jahre Uli Hoeneß war. Und noch nicht mal ein Rummenigge steht ihm hier zur Seite. Neben Eberl hat allenfalls Geschäftsführer Stephan Schippers noch so etwas wie Macht, weil er auf dem Geld sitzt. Im sportlichen Bereich dagegen gibt es nur Eberl, was er vermutlich mit Blick auf sein Team bestreiten würde, was in diesem Team wiederum aber jeder bestätigen wird. Diese Position hat Max Eberl sich erarbeitet und verdient. Er hat enorm viel richtig gemacht. Nicht umsonst galt er lange Zeit als potenzieller Nachfolger von Hoeneß in München. Und nicht zu Unrecht haben wir alle aufgeatmet, als sich Eberl längerfristig zu Borussia bekannt hat. Wer aber allein die Macht hat, trägt auch allein die Verantwortung. Dabei geht es nicht zuvorderst um auslaufende Verträge und ärgerliche Verluste. Corona ist der Aspekt für den Eberl nichts kann, und ob er beispielsweise bei den Personalien Ginter und Zakaria, die Borussia ablösefrei verlassen werden, irgendetwas hätte anders machen können, ist eine fruchtlose Diskussion, da sie ohne profundes Insiderwissen auf blanker Spekulation beruht.

Der Aspekt, für den Eberl etwas kann, ist die allgemeine Ausrichtung des Vereins. Und die hat sich als falsch erwiesen. „Etwas Neues“ wollte Eberl ausprobieren, als er die bleierne Hecking-Zeit beendete. Das war seinerzeit völlig nachvollziehbar, aber „etwas Neues“, das muss man zweieinhalb Jahre später wohl sagen, war unter dem Strich „etwas Falsches“. Max Eberl hat sich in eine Idee vom Fußball verliebt oder verbissen, die nicht zu Borussia zu passen scheint. Er hat auf Personal gesetzt, das mit Borussia nichts anzufangen weiß. Max Eberl hat die vielzitierten selbstgesetzten Leitplanken verlassen und hat offenbar nicht den Willen oder die Kraft, wieder darüber zurück auf die Straße zu springen. Ein gutes Jahr lang schien der eingeschlagene Weg trotzdem zum Ziel zu führen. Spätestens mit Beginn dieses Jahres zeigte sich dann aber, dass Borussia sich verlaufen hatte. Zwölf Monate später irren wir weiter herum. Fehler wurden nicht korrigiert, sondern wiederholt. Der neue Wanderführer aus Österreich ist eine etwas weniger unsympathische Kopie des alten aus der DDR. Er scheint sich aber auch nicht besser im Wald auszukennen. Die Truppe folgt ihm ohnehin nur murrend, sieht sich ständig anderswo um, manche bleiben immer wieder stehen, um Blaubeeren zu pflücken, die meisten wollen raus aus dem Wald, aber jeder auf seinem eigenen Weg. Oder, um nochmal auf die Vergangenheit zu rekurrieren: Wir sind an dem Punkt, an dem wieder „Ein Team“-Schilder gedruckt werden könnten, als verzweifelter Versuch, die Tatsache zu überspielen, dass diese Aussage eben vollumfänglich verkehrt ist. Max Eberl trägt dafür die Verantwortung. Seine einzige Chance ist, den Olymp zu verlassen, wo er sich mit Energydrink und Weib eingerichtet zu haben scheint. Nur wenn Eberl die Grundfehler wirklich erkennt und die richtigen Schlüsse zieht, kommt Borussia aus der aktuellen misslichen Lage heraus. Tut er das nicht, werden wir feststellen müssen, dass er nicht nur für die Probleme die Verantwortung trägt, sondern dass er das Problem ist.

 

Uwe Pirl

Borussia Mönchengladbach hat das Jahr 2021 mit 18 Punkten aus 13 Spielen auf Platz 8 begonnen und mit 19 Punkten aus 17 Spielen auf Platz 14 beendet. Enttäuschend, keine Frage. Zwischen diesen tabellarischen Momentaufnahmen liegen: Eine Eberl-Auszeit, ein Trainerabgang nach wochenlangem Herumgeeier, eine Badewanne an einem Essener See, zwei völlig verkackte Derbys (davon eines vom damaligen Übungsleiter ohne Not hergeschenkt), mehrere (fast schon traditionell zu nennende) hilflose Auftritte gegen Augsburg, Mainz und Union Berlin, ehrfürchtiges Erstarren sowohl vor Peps Wunderelf als auch vor dem SC Freiburg bei der schmeichelhaften 0:6-Heimniederlage, aber auch die Verpflichtung von Adi Hütter, ein Unentschieden und ein berauschender Sieg gegen Bayern München sowie ein Heimsieg gegen Dortmund.

Woran liegt also der Abstieg von Borussia Mönchengladbach im Jahr 2021? Zunächst bleibt uns ein Blick auf die Trainerbank nicht erspart. Sicher hat der unwürdige Abgang der Probstheidaer Ich-AG seinen Beitrag geleistet – das ist aber nicht das, worauf ich hinauswill. Als Gladbach und die Getränkedosenvertriebsgesellschaft das erste Mal unter Rose bzw. Nagelsmann aufeinandertrafen, beschrieb ich die Ausgangsposition der beiden Trainer dahingehend, dass der eine (Nagelsmann) einer rein auf aggressives Pressing getrimmten Mannschaft fußballerische Elemente beimischen müsse, wohingegen der andere (Rose) einer rein auf spielerische Lösungen fokussierten Mannschaft die nötige Aggressivität gegen den Ball zu vermitteln habe. Leider hat das bei Nagelsmann hervorragend funktioniert, wohingegen Rose sich als Wiedergänger von André Schubert entpuppte, unter dem zwar aggressiv gegen den Ball gespielt wurde, jedoch mit zunehmender Amtszeit die unter seinem Vorgänger geschaffene spielerische Struktur vor allem in der Defensive völlig verloren ging. Diese wurde – jedenfalls bisher – unter dem neuen Übungsleiter noch nicht wiedergefunden und es bleibt ganz neutral ausgedrückt eine der spannenden Fragen für den Rest der Saison, ob Adi Hütter der richtige Trainer dafür ist.

Der zweite Blick geht auf die Mannschaft, die sich nicht als solche darstellt. Max Eberl hat in seinem Jahresrückblick das Team sinngemäß mit „Alles super Jungs, top Charaktere …“ beschrieben. Das mag zutreffen oder auch nicht, wenn es so ist, ist es möglicherweise Teil des Problems: Denn nur mit lieben tollen Jungs funktioniert es in der Bundesliga eben auch nicht. Man stelle sich vor, wie Martin Stranzl oder Granit Xhaka im Spiel gegen Freiburg auf die Leistung der Kollegen reagiert hätten (oder nein, vielleicht lieber doch nicht, das könnte Teile der Bevölkerung verunsichern …). Wenn sich dann noch mehrere Stammspieler gleichzeitig mehr mit ihrer persönlichen Zukunft zu beschäftigen scheinen als mit dem Erfolg des Teams und wenn Christoph Kramer im Interview bei 11Freunde bekennt, sich mit Teilen des Teams gar nicht verständigen zu können, weil man im buchstäblichen Sinne keine gemeinsame Sprache spricht, sind das beunruhigende Signale, die darauf hindeuten, dass die vielzitierten Leitplanken bei der Kaderplanung in den letzten Jahren ein bisschen in Vergessenheit geraten zu sein scheinen. Sowas geht gut, wenn es bei allen läuft, ist jedoch meistens nicht krisenfest.

Das leitet über zum Management, dessen öffentliche Aussagen in den letzten Monaten auf eine zunehmende Diskrepanz zwischen Innen- und Außenwahrnehmung der Realität hindeuten. Letztes Beispiel ist die Behauptung Eberls, ohne Corona hätte man Rose in Gladbach halten können. Wenn er das wirklich glaubt, ist das naiv. Man sieht aber von außen auch andere Baustellen: Das Scouting von Borussia Mönchengladbach funktioniert offensichtlich nur in Frankreich. Aus der Nachwuchsarbeit kommt nichts mehr, was auch nur in die Nähe des Bundesligakaders kommt. Identifikationsfiguren wie Sommer, Jantschke, Kramer, Stindl und Herrmann gehen unweigerlich in die letzte Phase ihrer Karriere und Stand jetzt gibt es (vielleicht mit Ausnahme von Elvedi) keinen der jüngeren Spieler, der seine Zukunft absehbar in Gladbach und den Verein nicht nur als Durchgangsstation zu noch größeren Fleischtöpfen sieht. Das alles gibt kein gutes Bild ab und lässt den Eindruck entstehen, dass wir in den letzten 10 Jahren eine Hochphase erlebt haben, die gerade an ihr Ende kommt und von wieder schwierigeren Zeiten abgelöst wird.

 

Christian Grünewald

Wieviel kann aus Sicht eines Sportdirektors in einem Jahr schieflaufen?

Max Eberl: "Ja."

Eigentlich begann 2021 noch mit dem sicheren Gefühl, dass bei Borussia alles weiter in den geordneten und wohlbewährten Bahnen der vergangenen Jahre laufen würde. Borussia stand im Achtelfinale der Champions League und das Erfolgsgespann Eberl/Schippers verlängerte seine Verträge langfristig bis 2026. Doch schon wenige Tage später sorgte die Posse um Breel Embolo und dessen kolportierte Badewannen-Partyflucht für unangenehme Nebengeräusche - und zwang den Sportdirektor, seinen ersten mehrwöchigen Urlaub seit rund einem Jahrzehnt dann doch frühzeitig abzubrechen. Und nicht genug, die Zeit seiner Abwesenheit nutzte sein damaliger Übungsleiter auch gleich, um mit dessen "echter Liebe" alles klar zu machen. Dies würde den Verein erst ein paar Monate später mit aller Wucht einholen - sportlich lief es zunächst ordentlich. Borussia spielte zwar - wie schon in Großteilen der Hinrunde - nicht besonders gut, holte aber doch die nötigen Punkte. Und hatte mit den Siegen gegen Bayern und Dortmund sogar zwei Glanzlichter parat, die zum Träumen einluden. Doch die Niederlagen gegen Köln und Mainz zeigten schnell die bis heute vorhandenen Probleme der Mannschaft auf - alles überschattet vom Abgang eines scheidenden Cheftrainers, der sein schon zuvor zaghaft wirkendes Teammanagement nun auf ein Minimum zu reduzieren schien. Im Autopiloten-Modus beendete Borussia die Saison zwischen Arbeitssiegen und (unnötigen) Pleiten und verpasste am Ende verdient den internationalen Wettbewerb.

Ein Wandel musste her - und Adi Hütter, mit medialem Gegenwind und einer satten Ablöse aus Frankfurt verpflichtet, sollte diesen anstoßen. Ein Trainer, der zu Borussia zu passen scheint. Das Problem: Außer einigen Talenten bekam er keine Spieler, die spieltaktisch oder charakterlich eine notwendige Neuausrichtung umsetzen konnten. Corona blieb, und so blieb es auch im Kader bei der unausgewogenen Mischung aus starken Spielern, die ihre Zukunft aber bereits woanders sehen, und Mitläufern, die dem Kader keine Impulse mehr geben können. Hätte Jonas Hofmann seine bestechende Verfassung nicht konserviert und die Youngster um Scally und Koné nicht überraschend überperformt, das zusätzliche Verletzungspech hätte den Absturz wohl schon früher eingeleitet. Doch wieder glänzten die Schaufensterpuppen im Fohlendress medienwirksam gegen Dortmund und zerstörten die Bayern regelrecht im Pokal - an der Qualität der Mannschaft sollte es doch keine Zweifel geben!? Hütter probierte neue Ansätze, die teilweise zu greifen schienen - bis die Mannschaft im rheinischen Derby in kompletter Selbstüberschätzung brutal abstürzte. Und schließlich beim historischen 0:6 nach 36 Minuten gegen Freiburg und weiteren, torreichen Niederlagen ihre schon lange lauernde Bräsigkeit und Hilflosigkeit endgültig offenbarte. Mit dieser Truppe einen Abstiegskampf zu bestreiten, sollte jedem Borussiafan Sorgen bereiten.

Die vertragliche Hinhalterei von Zakaria und Ginter (mit vorhersehbarem Ausgang) waren weitere Stacheln im Fell des Alphatiers Max Eberl, der 2021 erstmals auch mit seinem eigenen Privatleben für einige Schlagzeilen gesorgt hatte. Dabei ist es verständlich, dass in der nunmehr über zwölfjährigen, erfolgreichen Zeit auf diesem Posten nicht jedes Jahr gleichermaßen gut verläuft - diesen Kredit hat er sich bei echten Fans lang und hart erarbeitet. Umso mehr ist Max Eberl schon in diesem Winter ein glückliches Händchen und eine Rückkehr zu alter Form zu wünschen, um dem negativen Trend entgegenzuwirken. Borussia braucht dringend frisches Blut, damit in dieser offenbar unvermeidlichen Übergangssaison ein Kampf um den Klassenerhalt vermieden und die Basis für eine sportliche Neuausrichtung gelegt wird. 2022 kann also nur besser werden? Warten wir es ab.


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