„Im Kampf um Europa sind wir komplett mit dabei“. Durchaus selbstbewusst präsentiert sich Borussia offiziell vor der Reise nach Berlin. Marco Rose hat offenbar doch noch Ziele und nimmt die Euro-League-Plätze wieder ins Visier. Max Eberl sekundiert, man sei ja ohnehin der Underdog im Fernduell mit Dortmund und Leverkusen und wolle aus dieser Position heraus versuchen, aus der Saison noch das Beste herauszuholen. Hehre Worte, die mit Taten erst noch untermauert werden müssen. Denn die sechs Punkte aus zwei Spielen, die diese selbstbewusst klingenden Ansagen überhaupt erst möglich machen, waren auch mit wohlwollender Betrachtung zu wenig, um schon Beweis für Trendwende in der bisher überaus enttäuschenden Spielzeit zu sein. Schalke war Schalke – und war trotz aller Beteuerungen, dass Schalke ja immer noch Schalke ist, doch nur Schalke. Gegen Freiburg drehte man zwar das Spiel, legte aber zunächst eine der entsetzlichsten Halbzeiten einer an entsetzlichen Halbzeiten nicht gerade armen Saison hin und kassierte am Ende zum gefühlt zwanzigsten Mal einen entscheidenden Gegentreffer in der Schlussminute – VARseidank zählte der nicht. Dass Borussia im Moment hinten unter Druck häufig wackelt, wurde einem dennoch einmal mehr deutlich vor Augen geführt. Um wirklich von einer Trendwende sprechen zu können, bedarf es weiterer Siege. Der erste sollte bei den in dieser Saison durchaus schlagbar erscheinenden Berlinern gelingen.

Hertha BSC kämpft gegen den Abstieg. Der Klassenerhalt ist das einzige erklärte Ziel des neuen alten Trainers Pal Dardai, der seit Januar wieder das sportliche Sagen bei den West-Berlinern hat. Mit 17 Punkten, zwei vor dem Relegationsplatz, stand Hertha seinerzeit nicht da, wo der Verein sich selbst einordnete. Nach der Trennung von Trainer Labbadia und dem Langzeitsportdirektor Michael Preetz hat sich die Situation zumindest auf dem Papier nicht verändert. 25 Punkte sind es jetzt, der Abstand zu Platz 16 beträgt aber genau wie zur Zeit des Trainerwechsels zwei Punkte. Zuletzt war aber durchaus ein Aufwärtstrend zu beobachten: Sieben Punkte aus vier Spielen gab es, verloren ging nur die Partie in Dortmund. Dardai selbst spricht von einer guten Quote, mit der Hertha – so man sie beibehält – in der Bundesliga bleiben wird.

Dass der grundsolide, bescheiden auftretende Ungar wieder Trainer ist, darf man als das vorläufige Scheitern der großen Träume beim selbsternannten Big City Club betrachten. Vor fast genau zwei Jahren wurde Dardai entlassen, in der Zwischenzeit gab es vier Trainer: Covic, Klinsmann, Nouri und Labbadia, von denen einer vor allem Schlagzeilen machte, ein weiterer zumindest anfangs auch Punkte sammelte, aber am Ende auch nicht den Ansprüchen genügte, so dass man sich bei Hertha der langweiligen Solidität der Jahre vor 2019 erinnerte und Dardai zurückholte bzw. hochholte, denn er war als Jugendtrainer im Verein geblieben. In den verlorenen zwei Jahren holte Hertha neue Spieler für rund 150 Millionen Euro. Einige davon gehören zwar durchaus jetzt zu den Leistungsträgern, eine schlagkräftige Mannschaft ließ sich daraus bislang freilich nicht formen. Ob die durch die Dardai-Reinstallation erfolgte Rückbesinnung nur aus der Not geboren ist, oder ob man sich bei der Hertha Visionen vom Top-Five-Kandidaten vorerst klemmt, wird man sehen. Dass zuletzt der Name Ralf Rangnick in Berlin mindestens ebenso ernsthaft diskutiert wurde, wie in Mönchengladbach – wo man allerdings tatsächlich einen neuen Trainer braucht – spricht nicht für den Einzug nachhaltiger Bescheidenheit in Charlottenburg.

Zu den für viel Geld geholten Spielern der Berliner gehören die drei Angreifer: Dodi Lukebakio war zu seiner Düsseldorfer Zeit durchaus auch Objekt der Begierde bei Borussia, Jhon Cordoba scheiterte beim 1.FC Köln, weil er unmittelbar nach der Fabelsaison des Anthony Modeste dessen Erbe antreten sollte, was ihn in eine ähnlich unglückliche Rolle brachte, wie Luuk de Jong einst in Gladbach als nominellen Reus-Nachfolger. In Berlin läuft es recht ordentlich, sechs Tore hat der Kolumbianer erzielt, ist damit zweitbester Torschütze. Einen Treffer mehr hat Matheus Cunha auf dem Konto. Der Brasilianer kam aus Leipzig, wo er sich nicht durchsetzen konnte, und ist die wohl schärfste Waffe der Berliner zurzeit. Sogar in den Kader der Nationalmannschaft hat sich der schnelle, vorne auf jeder Position einsetzbare Cunha gespielt.

In der Verteidigung kann Pal Dardai wohl wieder auf seinen Sohn Marton setzen, der zuletzt angeschlagen fehlte. Im Mittelfeld muss er den starken Franzosen Lucas Tousart ersetzen, der gesperrt genauso fehlt wie Vladimir Darida. Im Tor steht wegen der Corona-Infektion von Rune Jarstein, wie schon im Berliner Derby gegen Union, Alexander Schwolow, eine nennenswerte Schwächung stellt das aber nicht dar.

Mit dem Auftritt seiner Mannschaft in diesem Derby war Pal Dardai trotz der Punkteteilung nicht zufrieden. Zu unstrukturiert war ihm das Spiel seiner Elf, zu sehr wichen die Spieler vom vorgegebenen Plan ab. Dardai hatte seinem Team sozusagen Rose-Fußball verordnet, um dem Gegner aus Köpenick den Schneid abzukaufen. Doch mit exakt diesen Mitteln – Pressing, schnell nach vorne – agierten die Unioner und ließen Hertha kaum ins Spiel kommen. Ein auch in Gladbach nicht ganz unbekanntes Phänomen: Nicht selten in der Ära Rose staunte man darüber, dass Teams, die sich der ihm zugeschriebenen Mittel bedienten, die eigentlichen Rosefußballer in Erstaunen zu versetzen vermochten – Wolfsberg lässt grüßen. Dass Hertha diese Spielart eigentlich beherrscht, zeigt aber zum Beispiel deren überzeugender 3:0-Sieg gegen Bayer Leverkusen vor drei Wochen.

Bei Borussia fehlt weiterhin Jonas Hofmann wegen seiner Covid-19-Erkrankung, ob Nico Elvedi spielen kann, stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. Gegebenenfalls stehen Jantschke, Beyer oder auch Bensebaini als Ersatz zur Verfügung. Im Mittelfeld hat sich Hannes Wolf als Hofmann-Ersatz gegen Freiburg nicht aufgedrängt. Möglicherweise bekommt Valentino Lazaro gegen seinen früheren Arbeitgeber eine weitere Chance, die er, sollte er in Gladbach bleiben wollen, dann auch nutze sollte. Der bisherige Eindruck, den der Österreicher hinterlassen hat, dürfte bei Borussia niemanden dazu bringen, das Portemonnaie aufzumachen und die geforderten gut 20 Millionen an Inter Mailand zu überweisen.

Mögliche Aufstellung

Hertha BSC: Schwolow – Klünter, Stark, Dardai, Zeefuik – Asacibar, Guendouzi, Mittelstädt – Lukebakio, Matheus Cunha – Cordoba

Borussia: Sommer – Ginter, Zakaria, Bensebaini – Lainer, Kramer, Neuhaus, Wendt – Stindl, Thuram, Plea

SEITENWAHL-Prognose:

Christian Spoo: Hertha zeigt Borussia, wo der Trend die Wende hat. Nach der 1:2-Niederlage in Berlin kann Borussia sich auf das Verteidigen eines einstelligen Tabellenplatzes konzentrieren.

Thomas Häcki: Kein Spiel für Feinschmecker. Weil die Borussia erneut Schwächen im Defensivverhalten zeigt, geht die Partie mit 1:2 verloren

Mike Lukanz: Ach komm, ich hau mal einen raus in diesen tristen Zeiten: Borussia gewinnt spektakulär mit 4:2 in Berlin. Trainer und Mannschaft liegen sich nach Schlusspfiff strahlend in den Armen.

Michael Heinen: In Berlin reicht es nur zu einem 1:1, was die Aussichten auf Platz 7 und damit der (wahrscheinlichen) Teilnahme an der einzig wahren CL leider nicht erhöht.

Claus-Dieter Mayer: Das droege 0:0 in Berlin erstickt jegliche Hoffnung auf einen furiosen Saison-Endspurt der Borussia im Keim.

Uwe Pirl: Big City gegen gallisches Dorf - man weiß ja wie das ausgeht: 1:3 für die Gallier (vorausgesetzt, der Zaubertrank ist vorhanden).


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