Copyright: Christian Verheyen/Borussia

„Alle Analysen sind egal, wir stehen auf dem 4. Platz“ sagte Jonas Hofmann nach dem Sieg gegen die Hertha am letzten Samstag und fasste damit das harte Los jeder Begegnung am 34 Spieltag zusammen: entweder interessiert sich schon vorher kein Mensch mehr dafür oder aber es zählt einzig und allein das Ergebnis. An dem „Wie“, der Taktik, der Form einzelner Spieler usw. ist nach Abpfiff niemand interessiert, denn das nächste Spiel liegt fern und wird mit komplett neu gemischten Karten gespielt werden, so what? Deswegen haben wir bei Seitenwahl auch von unserem üblichen Nachbericht abgesehen. Wollte am Sonntag oder Montag wirklich noch wer diskutieren warum Stindl den Ball frei vorm Tor in der 41. Minute an den Pfosten setzt, warum man das Spiel „nur“ 2:1 gewonnen hat, obwohl ein sehr viel deutlicher Sieg möglich gewesen wäre? Eben!

Sobald der letzte Spieltag gespielt ist, gehen die Gedanken schon zur neuen Saison hin. Bei Borussia wurden neues Trikot und neuer Sponsor vorgestellt, diverse Abgänge sind mittlerweile klar, was Neuzugänge angeht, gibt es bislang nur Gerüchte. Aber ganz so unkommentiert wollen wir diese bemerkenswerte Spielzeit dann doch nicht lassen. Deshalb hier die Statements der SW-Redaktion zur Saison 2019/2020.

Claus-Dieter Mayer: 10, 10, 9, 8…nein, das sind nicht die Alter zufällig ausgewählter Grundschul-Kinder, sondern die erzielten Tore von Thuram, Plea, Stindl und Embolo, Gladbachs besten Torschützen der Saison. Gemessen an Lewandowskis 34 Treffern mag das bescheiden aussehen, aber es deutet eine große Stärke der Borussia an: der Erfolg ruhte auf vielen verschiedenen Schultern. Das zeigt sich auch an der Personalie Denis Zakaria. Der Schweizer spielte bis zu seiner Verletzung eine fantastische Saison und galt als vielleicht einziger Spieler als „unersetzbar“. Umso verblüffender daher, dass die Borussia in den 24 Spielen vor Zakarias Ausfall den nahezu identischen Punktedurchschnitt (1.92) aufweist wie in den 10 Spielen danach (1.9). Borussia hat einen über Jahre aufgebauten breiten Kader, der sich enorm robust gegenüber Rückschlägen, Formkrisen und Ausfällen zeigte. Waren Thuram, Zakaria oder Lainer die Stars der Hinrunde, so waren das zuletzt Neuhaus, Hofmann und Stindl. Irgendwer war immer da, um es zu richten (ausser in der Europa-League, aber das lassen wir hier mal unter den Tisch fallen).

Einen Riesenanteil hat natürlich auch der Trainer. Mancher war skeptisch gegenüber dessen was man so von Marco Roses Vorstellung im Vorfeld hörte. Würde ausgerechnet die für gepflegten Fußball stehende Borussia in eine krawallige Pressingmaschine verwandelt werden, während in Leipzig ein Nagelsmann ganz im Gegenteil versucht, RB zu entrangnicken? Das erste Heimspiel gegen Schalke war nicht ermutigend. Man presste und spielte vertikal nur um zu pressen und vertikal zu spielen. Es sah ähnlich unbeholfen aus wie ein 4-jähriger der sich zum ersten Mal auf ein Fahrrad ohne Stützräder setzt. Umso bemerkenswerter wie schnell sich die Mannschaft den Vorgaben des Trainers anpasste, aber auch wie schnell Rose sich den Fähigkeiten seines Kaders anpasste. Das Gladbacher Spiel ist weiterhin geprägt durch schönen Kombinationsfussball, aber hinzugekommen ist eine Intensität verbunden mit körperlicher Robustheit, die zuvor gefehlt hat. Als Rasenfunk-Moderator Max Jacob Ost der Tage meinte, die Borussia habe den vielleicht spiel-intelligentesten Kader der Liga wollte man auf jeden Fall nicht widersprechen.

Und dann sei noch mal der Saisonabschluss gewürdigt. Ich kann mich nicht erinnern, wann die Borussia jemals eine Spielzeit mit 3 Siegen abgeschlossen hätte. Und das nach 2 sehr unglücklichen Niederlagen, dem Abrutschen auf den fünften Platz und dem Ausfall der beiden Topstürmer. Die Selbstverständlichkeit mit der man die letzten Spiele gewann, war alles andere als selbstverständlich. 30 Punkte in der Rückrunde bedeuten, dass Marco Rose nun Platz 1 und 3 in den Halbserien der letzten 5 Post-Favre Jahre belegt. Es gab eben keinen Einbruch wie in den Vorjahren. Die 5 Punkte Unterschied lassen sich sehr einfach mit Glück/Zufall erklären. Wo man in der Hinrunde noch eher durchschnittliche Spiele in Mainz oder Hoffenheim gewinnen konnte, ließ man in der Rückrunde in bei sehr viel überzeugenderen Auftritten in Leipzig oder Freiburg Punkte liegen. Das passiert, aber insgesamt gab es keine echte Krise, kein Nachlassen. Nur wie man 2:0 in Gelsenkirchen verlieren konnte, wird wohl nie jemand verstehen…

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Michael Heinen: Das bittere Ausscheiden und teils peinliche Auftreten in Europa darf bei einer Analyse dieser Saison leider nicht verschwiegen werden. Es wird aber überlagert von einer herausragenden Leistung in der Bundesliga, die am langen Ende mit der Rückkehr in die europäische Königsklasse gekrönt wurde. Dieser Erfolg hat viele Gründe - und an allererster Stelle muss hier stets Max Eberl genannt werden, der es mit seinem Team seit Jahren versteht, die finanziellen Nachteile gegenüber der Konkurrenz durch Schnelligkeit und Bauernschläue wettzumachen. Mit Bensebaini, Embolo, Lainer und Thuram wurden erneut vier Leistungsträger verpflichtet, die auf Anhieb eingeschlagen sind und ihre Erwartungen sogar übererfüllten. Dafür wurden insgesamt weniger als 40 Mio. € Ablöse ausgegeben, was in Zeiten, in denen bei den Bayern ein 50-Mio.-Transfer als Schnäppchen durchgeht, besonders bemerkenswert ist.

Ein echter Schnapper war auch Borussias neuer Trainer, der sein neues Spielsystem innerhalb weniger Wochen erfolgreich implementierte, obwohl ihm eine längere Eingewöhnungszeit nicht vorzuwerfen gewesen wäre. Dass Borussia über mehrere Monate von der Tabellenspitze grüßte, konnte nur eine Momentaufnahme sein und war insbesondere dem zwischenzeitlichen Schwächeln der vier- bis fünfmal so finanzstarken Bayern zu verdanken. Mit Leverkusen, Wolfsburg und Schalke wurden dagegen drei Kohle-Klubs mit extremer externer Hilfe - teilweise deutlich - distanziert. Die Aussage von Eberl, dass Borussias Saisonergebnis so etwas wie eine "Meisterschaft" sei, ist daher keinesfalls übertrieben. Bayern-Fans, die über die erneute Meisterschaft ihres Klubs jubeln, freuen sich vermutlich auch, wenn sie ihre 4jährige Tochter beim Schach besiegen. Borussen-Fans dagegen haben echten Grund, auf ihren Verein und seine weit bemerkenswertere Leistung stolz zu sein.

Was besonders beeindruckt war die Charakterstärke der Mannschaft in der Schlussphase dieser Saison. Spätestens nach dem unglücklichen 0:1 in Freiburg schien es angesichts des Positivlaufs der Bayer-Elf auf eine Wiederholung des Vorjahres-Ergebnisses hinauszulaufen. Anstatt sich aber mit einem letztlich immer noch hervorragenden 5. Tabellenplatz zufriedenzugeben und diesen zu feiern, wurde die Parole ausgegeben, die Saison unbedingt auf Platz 4 beenden zu wollen. Und dieser Ansage folgten dann in den letzten drei Saisonspielen eindrucksvolle Taten. Der Tabellennachbar aus Wolfsburg wurde ebenso wie die neureiche Hertha und der Absteiger aus Paderborn dominiert und souverän geschlagen. Während Bayer in den Spielen in Berlin und auf Schalke Nerven zeigte, war Borussia im entscheidenden Moment voll da - und dies ohne drei ihrer wichtigsten Spieler (Zakaria, Thuram, Plea).

Auch wenn man sich stets darüber klar sein muss, dass ein solch erfreuliches Saisonergebnis nur möglich ist, wenn vieles passt: Es ist nicht einzusehen, warum die Entwicklung dieser Mannschaft damit schon am Ende sein sollte. Im Vergleich zu anderen Vereinen ist Borussia auch finanziell gut aufgestellt und selbst durch die Corona-Krise nicht in ernsthafte Schwierigkeiten geraten. Der Einzug in die Champions League wird es ihr zudem erlauben, den starken Kader weitgehend beisammen zu halten. Raffael und Johnson spielten bei all ihren Verdiensten schon jetzt keine Rolle mehr bei Marco Rose. Für Strobl kommt mit Beyer ein talentierter Defensivspieler zurück, sodass die Qualität insgesamt mindestens gehalten werden kann. Um die internationale Doppelbelastung, die nächste Saison hoffentlich etwas länger Bestand haben wird, abzufedern, werden vermutlich noch zwei bis drei weitere Ergänzungsspieler kommen. Wenn Borussias Scouting hier ein ähnliches Näschen beweist wie im Vorjahr, könnte sogar der eh schon große Konkurrenzkampf im Team noch weiter verschärft werden. Man darf also gespannt sein, was Marco Rose in seiner zweiten Saison als Borussen-Trainer auf die Beine stellen wird. Es ist nicht vermessen, daran zu glauben, dass Platz 4 nicht der letzte "Titel" sein wird, den Borussia in vielen weiteren erfolgreichen Roseberl-Jahren wird feiern dürfen.

Christian Spoo: Abpfiff gegen Hertha, zehntausende liegen sich in den Armen. Die Nordkurve hüpft, die Spieler davor. "Auf auf auf in die Champions-League" klingt es durch den Borussia-Park. Euphorisiert strömen schließlich die Massen aus dem Stadion und trinken die Gladbacher Kneipen leer. So wäre es ohne Corona gelaufen und das Fehlen all dieser Aspekte macht aus dem Erreichen des großen Ziels eine weit weniger emotionale Angelegenheit, als das normalerweise der Fall gewesen wäre. Inwieweit die äußeren Bedingungen in diesem merkwürdigen letzte Saisondrittel den Ausgang beeinflusst haben, wollen wir ein andermal verhandeln. Fest steht: Borussia hat zum Ende der Saison große Qualitäten bewiesen. Nach der verdienten Niederlage gegen Leverkusen und den unglücklichen in Freiburg und München hatten nicht wenige Platz vier schon abgehakt - mich eingeschlossen. Aber Borussia ließ sich nicht hängen sondern holte aus den letzten drei Spielen das Maximum an Punkten und damit die Grundlage dafür, vom Leverkusener Patzer in Berlin profitieren zu können. Trotz vieler Ausfälle spielte das Team zum Ende hin guten Fußball. Schon bei den genannten unglücklich punktlos gebliebenen Partien war das so. Mit Jonas Hofmann gehörte dabei ein Spieler zu den entscheidenden, den nicht wenige Anhänger bis dahin am liebsten auf der Bank sahen. Die Breite des Kaders erwies sich als Garant für den Erfolg. Den Ausfall dreier Leistungsträger wie Plea, Thuram und Zakaria derart kompensieren zu können, ist nicht selbstverständlich.

Unter dem Strich war es sportlich eine großartige Saison. Borussia spielte endlich ansehnlichen Fußball, der physischere Spielstil unter Marco Rose kam beim Publikum spürbar gut an. Was sich Borussia vom neuen Trainer versprochen hat, wurde gehalten. Der Sachse schaffte es schnell, seinen Stil zu implementieren und war gleichzeitig pragmatisch genug, sich in Detailfragen zu korrigieren. Das fußballerische Element, das manche schon auf dem Rückzug wähnten, blieb Teil des Borussenspiels. Die Kombination aus Physis und Willen und den spielerischen Fähigkeiten der Akteure machte so manches Spiel erst attraktiv. Bemerkenswert bleibt aber, dass die Mannschaft immer dann Probleme bekam, wenn ein Gegner sie mit ihren eigenen Waffen bekämpfte. Gegen ihrerseits hoch stehende und aggressiv pressende Teams tat sich Borussia in mancher Partie extrem schwer. Exemplarisch sei das Euro-League-Heimspiel gegen den Wolfsberger AC genannt. Das Auftreten in diesem Wettbewerb ist der eine weniger erfreuliche Punkt einer ansonsten tollen Saisonbilanz. Der andere ist die Effizienz. Borussia brauchte - auch und gerade im letzten Saisondrittel - extrem viele Chancen, um Tore zu erzielen. Mit dem Ausfall von Alassane Plea ist das nur unzureichend erklärt. Denn auch der Franzose, wie auch sein Landsmann Marcus Thuram, zeigten sich nicht immer treffsicher vor des Gegners Tor. Das aber sind Kleinigkeiten gemessen an dem, was Borussia erreicht hat. Der Trainerwechsel, die Neuverpflichtungen, Max Eberl hat alles richtig gemacht. Borussia 2020 macht Spaß - bzw. würde Spaß machen, wenn das leidige Thema Corona nicht wäre.

 

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Uwe Pirl: Vor der Saison tat ich mich schwer damit, klare Erwartungen zu formulieren. So sah ich denn in der Saisonvorschau einige Fragezeichen, mit denen Borussia Mönchengladbach in die abgelaufene Saison startete. Zeit, diese Fragen zu beantworten:

Wird es dem neuen Trainer gelingen, sein Spielsystem zu implementieren? Uneingeschränkt ja. Der Fußball, den man von Borussia Mönchengladbach in der abgelaufenen Saison gesehen hat, unterschied sich deutlich von dem eher verwaltenden Ansatz der Vorjahre. Und das von Anfang an. Von wenigen – leider folgenreichen – Ausnahmen wie den Heimspielen gegen Wolfsberg und Basaksehir abgesehen, konnte man eine viel aktiver spielende, körperlicher agierende Mannschaft sehen. Borussia in der Saison 2019/20 zuzuschauen hat überwiegend Spaß gemacht! Gibt es einen tauglichen Kompromiss zwischen Ballbesitz und Pressing? Ganz offensichtlich. Denn was man sehen konnte war nicht nur aggressives Pressing, sondern eine Mannschaft, die – geführt von Spielern wie Ginter, Zakaria und Stindl – sehr oft in der Lage war, zwischen Ballbesitz und Pressingphasen zu variieren, mal das Tempo herauszunehmen und den Ball kontrolliert laufen zu lassen und dann wieder anzuziehen, um den Gegner unter Druck zu setzen. Ist der nur punktuell ergänzte Kader bereit, diese Herausforderung anzunehmen? Ja, ja und nochmals ja. Je länger die Saison dauerte, desto klarer wurde auch der Mentalitätswandel. Gab es im Herbst trotz zeitweiliger Tabellenführung noch einige Aussetzer, bei der man die alte Bequemlichkeit zu erkennen glaubte, wurde im Frühjahr und vor allem in den letzten Spielen sehr deutlich, dass die Mannschaft auch psychisch robuster geworden und mit Rückschlägen umgehen konnte. Funktioniert das System Rose auch in einer Liga, in der man jede Woche Vollgas spielen muss? Ja, aber nur weil Borussia Mönchengladbach einen sehr breiten Kader hat, aus dem heraus die unvermeidlichen Ausfälle, die mit der intensiveren Spielweise wohl zwangsläufig einhergehen, fast jederzeit kompensiert werden konnten.  Schlagen die Neuzugänge ein? Lainer, Embolo, Thuram, Bensebaini – alles Volltreffer, mehr muss man dazu nicht sagen. Hält Yann Sommer einen Elfmeter? Ja, gegen Bremen. Kann man den Abgang von Thorgan Hazard kompensieren?  Wessen Abgang?

Zusammenfassend hat das erste Jahr unter Rose ungemein Spaß gemacht. Soviel Spaß, dass ich schon vergessen habe, dass er aus Probstheida kommt. 😊 Tabellenführung. Qualifikation für die Champions League. Ein paar wirklich herausragende Spiele. Was will man mehr? 

Mike Lukanz: XXX

Christian Heimanns: XXX


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