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Es war ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Nachmittag im Borussia-Park am Karnevalswochenende. Als wäre das späte, wenngleich nicht unverdiente 1:1 der Hoffenheimer nicht schon ärgerlich genug, sorgte auch die Leistung der Schiedsrichter einmal mehr für Kopfschütteln und Frust. Dem Fass den Boden ausgeschlagen haben jedoch einige wenige Zuschauer in der Nordkurve. Borussia hat sich an diesem Tag vor allem mit sich selbst beschäftigt, einige Fans sich selbst disqualifiziert.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ein paar Handvoll Unverbesserliche haben mit ihrem Banner am Samstag nicht nur Borussia als Verein, sondern auch sich selbst und zudem der grundsätzlich angebrachten Kritik an Projekten wie das der TSG Hoffenheim einen Bärendienst erwiesen und darüber hinaus verdeutlicht, in ihrer eigenen Parallelwelt zu leben.

Die seither vernommene Kritik, Borussia oder Max Eberl hätten in ihrer Kritik die schrecklichen Ereignisse aus Hanau instrumentalisiert oder gar relativiert, ist ebenso abenteuerlich. In Zeiten, in denen wir gerade leben, ist es leicht, den intellektuellen Überblick zu verlieren, dazu noch in emotional aufgeladenen Stunden nach Spielschluss. Dennoch: In einer Woche, in der ein Faschist gezielt Unschuldige auf offener Straße erschießt, die er für Fremde hielt, jemanden im Fadenkreuz zu zeigen, ist nicht nur geschmacklos and widerlich, sondern schlichtweg dumm. Ja, der Kontext der Ereignisse ist hier natürlich entscheidend und das hat nichts, aber auch gar nichts mit Relativierung zu tun. Borussia steht schon historisch als Verein ganz besonders für Werte, wie auch der jüngst veröffentlichte Dokumentarfilm über Borussias Freundschaftsspiel in Israel vor exakt 50 Jahren verdeutlicht hat. Fangruppierungen, die vorgeben, alles für ihren Verein zu tun, treten die Werte eben dieses Vereins mit Füßen und bewiesen einmal mehr nur, dass es ihnen ausschließlich um sich selbst geht.

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Darüber hinaus wird diese Aktion in ihrer Dummheit und Kurzsichtigkeit exakt das Gegenteil bewirken. Es wird, weil im Kontext geschehen, zu einer Stärkung derer führen, die man kritisieren wollte. Damit es niemand falsch versteht: Der zurzeit durch DFB und zur DFL zur Schau getragene und übertriebene Kotau vor Dietmar Hopp ist gleichermaßen zu kritisieren. Aber Dummheit mit größerer und menschenverachtender Dummheit zu beantworten darf und kann nicht die Lösung sein.

Zum Sportlichen: Die Spielunterbrechung wegen der gezeigten Plakate wird das Remis nicht ermöglicht haben, wenngleich danach ein sichtbarer Knick im Spiel Borussias zu sehen war. Nach dem frühen 1:0 durch Matthias Ginter, das dem eigenen Spiel hätte Sicherheit geben müssen, entwickelte die Partie eine kaum zu erklärende Trägheit. Hoffenheim war exakt der Gegner, den man erwartet hatte. Spielstark, kombinationssicher, wenngleich nahezu ohne nennenswerte Torchance über fast 90 Minuten. 

Borussia, obgleich inzwischen frei von Verletzungssorgen und daher vermeintlich in Bestbesetzung, konnte nie die Aggressivität aus dem Leipzig-Spiel noch die Zielstrebigkeit und Finesse aus der Partie in Düsseldorf entwickeln. Dennoch hätte es für den neunten Heimsieg in Folge reichen müssen, denn die Torchancen dazu waren da. Allen voran natürlich der vergebene Elfmeter von Alassane Plea, der nach einer gefühlten Ewigkeit und für Menschen im Stadion aus nicht nachvollziehbaren Gründen durch den VAR ermöglicht worden war. Plea, nach abgesessener Sperre zurück in der Startelf, wirkte insgesamt zu verbissen, ihm ging eine gewisse Leichtigkeit ab. Das dann tatsächlich erzielte 2:0 wenige Minuten später nach einem blitzsauberen Konter wurde wiederum, leider berechtigt, nach vorangegangenem Handspiel Oscar Wendts zurückgenommen. 

Wir wollen an dieser Stelle uns gar nicht in den ermüdenden Diskussionen um Details beider Entscheidungen verlieren. Es sind nicht die Regeln als solche, die frustrieren. Sondern die dilettantische und technokratische Umsetzung durch den DFB und dessen Schiedsrichter. Der Prinzip VAR wird qua natura ewig das Problem haben, etwas gerechter machen zu wollen, das im Zweifel nicht gerecht sein kann. Zumindest nicht, solange Menschen Entscheidungen treffen. Und der VAR ist eben auch nur ein weiterer Mensch, der subjektive Einschätzungen vornimmt. Diverse Entscheidungen von Felix Brych und seinem Gespann waren im Spiel selbst erneut nicht nachzuvollziehen. Seien es Kleinigkeiten wie das Wegschlagen des Balles oder abfällige Gesten durch Sebastian Rudy (beides nicht mit Gelb bedacht) oder der mehr als offensichtliche, aber nicht geahndete Rückpass zu Torwart Oliver Baumann kurz vor Schluss: die klare Linie des DFB, von der Tobias Stieler nach dem Spiel in Leipzig schwadronierte und auf die er sich und seine Entscheidungen berief, ist eben genau nicht zu erkennen. Der DFB ist drauf und dran, eine eigentlich sinnvolle Sache selbst zu zerstören, weil die Akzeptanz schwindet. 

Was bleibt, ist ein Nachmittag, der einen gleichsam nachdenklich wie frustriert zurücklässt. Tabellarisch ist noch nichts Dramatisches passiert, zumal Borussia nach wie vor das Spiel gegen Köln in der Hinterhand hat. Platz 4 zu verteidigen wird jedoch die Aufgabe für die verbleibenden elf Spieltage, nachdem sich der FC Schalke wohl aus dem Rennen verabschiedet hat. Im März stehen die Heimspiele gegen Dortmund, Leverkusen und Köln an. Dazu das schwere Auswärtsspiel in Frankfurt. Dann wird sich zeigen, ob Borussia das Zeug zur Spitzenmannschaft hat.

Einige Fans werden die Heimspiele wohl dann nur noch am Fernsehschirm verbringen, Borussia will Stadionverbote verhängen. Und das ist gut so. 

Michael Heinen: "Den starken Worten von Mike - sowohl zum unfassbar dämlichen Banner als auch zum einmal mehr vom DFB schlecht umgesetzten VAR - ist nichts hinzuzufügen. Es war in allen Belangen ein schwarzer Tag für jeden Borussen und Freund des Fußballs."

Claus-Dieter Mayer: Leider geschehen die Märchen meistens in der Paralellwelt: In dieser holt Paderborn ein 2:2 in München, fährt die Borussia einen verdienten 2:0 Arbeitssieg ein und verstehen die Borussia-Fans es mit feinster Ironie das Projekt Hoffenheim so auf den Arm zu nehmen, dass ausserhalb Sinsheims die ganz Nation lacht. Diese Märchenwelt liess sich am Wochenende zwar kurz einmal verführerisch blicken, wurde dann aber leider fix wieder von der ernüchtenden Realität ersetzt. Das fühlt sich doppelt scheisse an…

 


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