Seit über einem Monat führt Borussia Mönchengladbach inzwischen die Tabellen der Fußball-Bundesliga an. Angesichts von inzwischen vier Punkten Vorsprung auf Platz 2 wird dies noch mindestens drei weitere Wochen der Fall sein. Nach 11 Spieltagen kommen selbst die bayern- und bvb-lastigen Medien nicht umhin anzuerkennen, dass diese Fohlenelf völlig zurecht da oben steht und der Erfolg kein Zufall ist. Marco Rose ist es gelungen, seine Mannschaft taktisch flexibel auszurichten und nahezu jeden Spieler zur Topform zu bringen. Zudem ist durch den Einbau der Neuzugänge eine kämpferische Komponente hinzugekommen, die der Mannschaft in der ebenfalls nicht unerfolgreichen Vorsaison zeitweise noch gefehlt hatte: Die neue Fohlenelf versprüht den absoluten Willen und die Lust, erfolgreich Fußball zu spielen.

Aber Vorsicht: Im Vorjahr setzte die Krise genau in dem Moment ein, als die Medien anfingen, Borussia zum Meisterschaftsanwärter hochzuschreiben. Genau an diesem Punkt sind wir jetzt erneut angekommen und es wird spannend sein zu sehen, wie Rose und sein Team damit umgehen. In den letzten Wochen war die Mentalität der Spieler so überragend, dass ihr zuzutrauen ist, mit dieser Situation besser klarzukommen als im Vorjahr: Auch da war die Euphorie nach 20 Spieltagen riesig, ehe Borussia anschließend beinahe noch aus den Europacup-Rängen katapultiert wurden. Der damalige Leistungsabfall sollte Warnung genug sein, dass die Saison noch lang und absolut nichts erreicht worden ist außer einer wunderschönen Momentaufnahme. Hinzu kommt, dass dieselben Spieler, die derzeit zurecht so sehr in den Himmel gelobt werden, noch vor wenigen Wochen gegen Wolfsberg und in Istanbul all das vermissen lassen haben, was sie derzeit auszeichnet.

All das wirkt wie eine weit entfernte Vergangenheit: Momentan läuft es bei fast allen Spielern optimal: Das gilt für Benes, wie auch für Thuram, Zakaria, Herrmann, Sommer und so viele. Es kommt aber nur ganz selten vor, dass sich solch eine Topform über eine ganze Saison hinweg halten lässt. Es wird in dieser Saison noch die eine oder andere Leistungsdelle geben, sowohl individuell als auch kollektiv in der Mannschaft. Erst wenn Borussia die erste Krise mit einigen sieglosen Spielen durchlebt hat, wird sich zeigen, wie viel Spitzenmannschaft wirklich in ihr steckt und was tatsächlich zu erreichen ist.

Die Saison ist noch sehr lang, denn bislang sind erst weniger als ein Drittel aller Partien absolviert. Der kraftraubende Spielstil von Rose machte sich bereits in den zweiten Halbzeiten der letzten Spiele bemerkbar, und konnte dort zumeist nur mit großer Kraftanstrengung und dem absoluten Siegeswillen des Teams kompensiert werden. Am Beispiel Eintracht Frankfurt hat sich in der Vorsaison erkennen lassen, dass irgendwann auch das nicht mehr ausreicht und manchmal ein körperlicher Einbruch zum Saisonende unvermeidlich ist. Rose und sein Trainerteam werden das wissen und daher die Belastungen entsprechend steuern. Die Rotation klappt bislang deshalb so hervorragend, weil Borussia inzwischen auch in der Breite überragend aufgestellt ist. Am vergangenen Sonntag hätte Rose neben Hofmann, Neuhaus und Stindl alternativ noch Raffael, Strobl, Traore, Beyer und Wendt von der Bank bringen können. Jantschke, Embolo und Johnson fehlten zudem weiter verletzungsbedingt.

Gegen Bremen spielte die Mannschaft von Anfang an selbstbewusst und offensiv, ohne sich davon beeindrucken zu lassen, dass ihnen die Tabellenführung selbst bei einer Niederlage nicht zu nehmen gewesen wäre. Der SV Werder war ein harter Gegner, der besser spielte als es der Tabellenplatz ausdrückt. Dennoch war der Sieg hoch verdient, denn Borussia war insgesamt in der Defensive – zu der nun einmal auch der Torhüter gehört – wie auch in Sachen Effizienz deutlich besser als der Gast. Genau wie Werder hatten die Borussen eine Fülle weiterer Großchancen, sodass die Partie gut und gerne 5:3 hätte ausgehen können.

Bereits nach einer Minute hätte Gladbach durch Thuram in Führung gehen können. Genau wie bei der späteren Großchance von Stindl hatte der Schiedsrichter-Assistent fälschlicherweise die Fahne gehoben, wäre im Falle eines Torerfolgs aber mit ziemlicher Sicherheit vom VAR überstimmt worden. Auch bei den beiden strittigen Situationen entschied der Kölner Keller nachvollziehbar: Den leichten Tritt von Rashica, der Zakaria aus dem Tritt und zu Fall brachte, hatte Schiedsrichter Stieler ebenso wenig wahrgenommen wie Bensebainis unabsichtlichen Fußtritt und sein leichtes Zupfen am Trikot. Was viele „Experten“ leider immer noch nicht wissen: Bei solchen serious missed incidents spielt die Eindeutigkeit des Fehlers keine Rolle; der Schiedsrichter ist vielmehr gefordert, die von ihm zuvor anders wahrgenommene Szene auf dem Bildschirm neu zu bewerten, was Stieler in beiden Szenen vertretbar tat. Selbst wenn sich dies durch die jeweilige Fanbrille auch anders interpretieren ließ.

In einigen Szenen war der Schiedsrichter hingegen sehr großzügig und ließ speziell den Bremern in Halbzeit 1 ihre sehr harte Gangart etwas zu sehr durchgehen. Korrekt die Gelb-Rote Karte für Bensebaini, der völlig unnötig beim Spielstand von 3:0 kurz vor Schluss sein Sensebein ausholte. Die erste Gelbe Karte dagegen war diskutabel und lässt sich nur dadurch erklären, dass Stieler beim Elfmeter auch das Trikotzupfen als ahndungswürdig eingeschätzt hat.

Der harten Gangart des Ex-Dortmunders Nuri Sahin war die größte Schrecksekunde der Partie geschuldet als Laszlo Benes vom Platz humpelte. Ähnlich wie bei Christoph Kramer, bei dem eine Zerrung am Innenband diagnostiziert wurde, kam der Slowake mit einer Prellung am Sprunggelenk verhältnismäßig glimpflich davon, so dass er nicht allzu lange ausfallen sollte. Nicht ganz unproblematisch trotzdem, dass es zuletzt in so gut wie jedem Spiel ein bis zwei verletzungsbedingte Ausfälle gab.

Bei Union Berlin in zwei Wochen sollten beide Spieler ebenso wieder zur Verfügung stehen wie auch Oscar Wendt, der durch Bensebainis Platzverweis in die Startelf zurückkehren dürfte. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen scheint Rose auf dieser Position eh regelmäßig rotieren zu wollen, sodass der Ausfall für eine Partie verkraftbar sein sollte. Zumal der Algerier anders als Wendt zwischenzeitlich mit seiner Nationalmannschaft unterwegs sein wird. Mittelfristig wird sich Wendt aber anstrengen müssen, um nicht dauerhaft ins zweite Glied zurückgedrängt zu werden, da Bensebaini gegen Werder einmal mehr eine höchst solide Leistung zeigte.

Die Partie in Berlin wird vermutlich eine der schwierigsten Aufgaben der nächsten Wochen sein. Union hat zuletzt drei Pflichtspiele in Folge gewonnen und in den Partien gegen Bayern, Dortmund und Freiburg bewiesen, dass sie sich vor keinem Gegner zu verstecken brauchen. Dennoch wird Borussia natürlich auch in diese Partie als Favorit gehen und sollte diese Rolle selbstbewusst annehmen, ohne jedoch in den Irrglauben zu verfallen, dass sich irgendein Spiel von alleine gewinnen lässt. Borussia hat eine starke Mannschaft, in der Spitze ebenso wie in der Breite. Sie überragt ihre Konkurrenz aber nicht so stark als dass sie diese mit 80 % aus dem Stadion fegen kann. Der Erfolg muss sich vielmehr in jedem Spiel gegen jeden Gegner aufs Neue erarbeitet werden. Wenn dies bis Mai mit ähnlich beeindruckender Konstanz gelingt wie bisher, könnte sich die aktuell so wohlige Momentaufnahme tatsächlich zu mehr entwickeln als „nur“ einem wunderschönen Traum. Bis dahin ist es allerdings noch ein sehr weiter Weg.

Mike Lukanz: „Zuerst hieß es, die ersten Siege waren Pflichtsiege. Jetzt, nach den ersten ´Wochen der Wahrheit´ hat Borussia die Tabellenführung sogar ausgebaut und hat es in der eigenen Hand, in der Europa League zu überwintern. Es ist und bleibt unheimlich, was Marco Rose und die Mannschaft gerade darbieten. Aber unfassbar gut.“

Christian Spoo: „Es war wie erwartet. Ein Spiel mit viel Aktion und suboptimaler Abwehrleistung auf beiden Seiten. Aber Borussia hat im Moment neben jeder Menge Power auch das nötige Glück. Und Yann Sommer.“

Uwe Pirl: „Denkwürdiger Spieltag: Sommer hält einen Elfmeter. Der VAR macht – jedenfalls bezogen auf Gladbach – alles richtig. Herrmann trifft zweimal und spielt 90 Minuten durch. Und Gladbach ist mit 4 Punkten Vorsprung Tabellenführer. Ich versteh die Welt nicht mehr …!“

Claus-Dieter Mayer: „Wüsste man nicht nur zu genau, dass solch ein Quatsch nicht existiert, wäre man geneigt zu sagen, dass die Borussia das ´Momentum´ auf ihrer Seite hat. So bleibt uns aber nichts Anderes übrig, als entzückt diese wunderbare Mischung aus einem genauen Plan, harter Arbeit und ein bisschen Glück zu bewundern.“

Thomas Häcki: „Es gibt Tage, die sind wie gemalt. Die Borussia gewinnt nicht, weil sie besser war, wohl aber weil sie cleverer agiert. Hatte man das nicht immer über die Bayern gesagt?“


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