Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die vieles über ein Spiel aussagen. Es war ausgerechnet Gäste-Stürmer Timo Werner, der nach seinen drei Toren beim 1:3 gegen Red Bull am Mikro bei „DAZN“ offen zugab, dass er und seine Mannschaft in der Halbzeitpause im Borussia-Park gar nicht so recht wussten, warum sie hier eigentlich führten. Borussia hatte in diesen ersten 45 Minuten am Freitagabend nicht nur die bisher beste Saisonleistung geboten, sondern auch einen Vorgeschmack auf das geliefert, wie die Zukunft unter Trainer Marco Rose aussehen könnte: Borussia spielte kraftvoll, leidenschaftlich offensiv, mit Zug zum Tor. Und damit ist auch schon die Geschichte des Spiels erzählt. Borussia traf trotz dieses vielversprechenden Auftritts auf eine Art Klon ihrer selbst, nur dass dieser Klon in allem, was er tat, zwei Jahre Entwicklung voraus hat: abgezockter, reifer, effizienter. Hätte das Spiel trotzdem auch anders enden können? Absolut. War die Niederlage also unverdient? Ganz im Gegenteil.

Schon unmittelbar nach Spielschluss entstand schnell ein so nicht erwartetes Gefühl unter Anhängern Borussias. Es schien, als seien nur wenige wirklich sauer oder enttäuscht ob der erneuten Niederlage gegen den Klub aus der Marketingabteilung des Getränkeherstellers. Das Gladbacher Publikum hat zwar in den vergangenen Jahren eine selten angebrachte, weil übertriebene Erwartungshaltung entwickelt, nach diesen 90 Minuten gegen einen (noch) zu starken Gegner jedoch ein feines Gespür an den Tag gelegt für das, was die Mannschaft zuvor geboten hatte. Viele sahen, dass mehr drin gewesen wäre an diesem Abend, nachdem die bisherigen Heimniederlagen gegen diesen Gegner zu oft von deprimierender Chancenlosigkeit geprägt waren.

Breel Embolo und Denis Zakaria auf der Zehn respektive der Sechs stachen am Freitagabend in einigen Momenten hervor und können prägende Spieler werden in dieser Saison. Beide verbinden unwiderstehliche Dynamik mit Technik und Wucht. Ob Embolos feiner Chip auf Plea in Halbzeit eins oder Zakarias Ablaufen gegen Timo Werner (!) mit folgendem, selbst eingeleitetem Gegenangriff in Halbzeit zwei: in diesen Momenten flackerte internationale Klasse im Kader auf. Eine Klasse, die Abwehrchef Matthias Ginter, eigentlich qua Status als Nationalspieler mit selbiger gesegnet, im Duell mit Timo Werner leider zu oft vermissen ließ. Irgendwas ist halt immer.

Es wird spannend zu sehen sein, wie Lars Stindl die Statik im Spiel verändern kann und wird. Nicht wenige setzen darauf, dass es der Kapitän ist, der dem bislang noch manchmal rohen und kopflosen Spiel Struktur geben wird, der das zurzeit noch fehlende Bindeglied sein kann. Wenn Ramy Bensebaini das hält, was er verspricht, sollte auch in der Abwehr ein Qualitätssprung zu erwarten sein.

Diese Niederlage macht also in der Tat Mut, sie macht Lust auf mehr und es ist für die längere Sicht vielleicht sogar gut, dass Breel Embolo in der Nachspielzeit nicht auch noch das 2:2 erzielt hat. Hier kann etwas entstehen, das, mit der nötigen Konsequenz und Konzentration umgesetzt, ganz offensichtlich auch gegen die Leipzigs dieser Welt bestehen kann. Waren es doch vor allem diese Art Mannschaften, zu denen auch Dortmund und Leverkusen gehören, gegen die Borussia in den vergangenen zwei, drei Jahren oft sehr blass und vor allem sehr chancenlos war.

Doch je deutlicher Roses Idee auf dem Platz zu sehen ist, desto deutlich hörbarer werden in den ersten Tagen nach dem Spiel auch die Zweifel und kritischen Stimmen einiger Beobachter und Fans, die sich fragen, ob das der Fußball sei, für den Borussia stehen soll. Hier mischen sich ohne Frage zugleich Favre-Nostalgie und persönliche Geschmäcker. Die Wucht und Aggressivität, mit der allen voran der am Freitag so starke Embolo in der Offensive auftritt, sind neu und so anders als das mitunter filigrane Kurzpassspiel der Jahre zuvor, das unter Dieter Hecking zuletzt aber vor allem zu einem völlig uninspirierten und offensiv ineffektiven Ballgeschiebe verkommen war.

Letztlich ist Rose, ja, ist der gesamte Klub mit dem neu gewählten Ansatz nur konsequent: „You get what you pay for”, sagen die Engländer hier. Die Entscheidung Max Eberls für eine Veränderung, die Verpflichtung von Marco Rose als Trainer, die Transfers von Embolo, Marcus Thuram, Stefan Lainer und Bensebaini, der über weiten Teilen sehr gefällige Auftritt gegen eins der besten Teams der Liga: Der Weg und die Entwicklung Borussias in der laufenden Saison sind bis dato offenkundig und linear. Jeder im Klub hat stets betont, dass dieser Kurswechsel Zeit benötige. Mit der Leistung der ersten 45 Minuten vom vergangenen Freitag, verbunden mit dem Abstellen einiger kleiner, aber entscheidender individueller Fehler, wird es für 14 andere Gegner in der Bundesliga reichen. Einer davon wartet in zwei Wochen. Für die Stimmung im Verein und die Akzeptanz des neuen Weges wäre ein Sieg dort extrem wichtig.

Gerne darf dann auch jemand nach dem Spiel Timo Werner zitieren.

Die Seitenwahl-Einschätzungen:

Michael Heinen: Die abgezockte und blitzschnelle RB-Elf kam für die neue Borussia noch etwas zu früh. Doch trotz des enttäuschenden Ergebnisses war eine deutliche Leistungssteigerung erkennbar, die gegen die meisten anderen Bundesligisten für drei Punkte gereicht hätte – u.a. auch gegen Köln.

Christian Spoo: Das ist er also, dieser Rose-Fußball. Selten hat eine Niederlage so viel Spaß gemacht. Aber wenn Borussia vor dem Tor nicht effizienter wird, werden noch viele Spiele so laufen wie dieses. Und dann ist irgendwann auch der Spaß am Powerfußball dahin.

Thomas Häcki: Manchmal verliert man, weil der andere einfach besser ist. Oder eben reifer. Man kann sich über drei individuelle Fehler die Haare raufen, die Leidenschaft kann man der Mannschaft aber keinesfalls absprechen. Die Fohlen befinden sich weiterhin im Umbruch, aber auf dem richtigen Weg.

Claus-Dieter Mayer: Zumindest eine gute halbe Stunde lang war es das beste Pflichtspiel in der Ära Rose. Dummerweise spielt Timo Werner noch lieber gegen die Borussia, als es Peter Wynhoff einst gegen den FC Köln tat, so dass es am Ende irgendwie ein unfairer Vergleich war. Besonders Mut macht der Quantensprung, den Embolo auf der 10er-Position seit dem Schalke-Spiel gemacht hat.


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