Es war erneut kein gutes Spiel, das Borussia in Mainz ablieferte. Wie schon beim 1:0-Sieg im vergangenen Jahr gab es wenig spielerische Glanzlichter und einen letztlich glücklichen Erfolg, den erst eine Standardsituation ermöglichte. Man könnte auch sagen, dass die Torhüter den Unterschied ausmachten. Denn während Yann Sommer in einigen Situationen hervorragend parierte, patzte sein Gegenüber beim entscheidenden 2:1.

Juan Arango wäre vor Scham im Boden versunken, wenn er einen Freistoß aus dieser Distanz derart harmlos aufs Tor gestreichelt hätte wie Alassane Plea. Am Ende spielt es aber keine so große Rolle, wie der Sieg zustande gekommen ist. Wichtig sind die drei erzielten Punkte, die zunächst einmal den ganz großen Druck von Marco Rose und seiner neuen Mannschaft nehmen. Ohne diese Punkte hätte es angesichts des bevorstehenden schweren Spiels gegen RB Leipzig demnächst vermutlich ein noch heißeres Derby beim 1. FC Köln gegeben.

Dass der Saisonstart holprig verlaufen würde, war von Beginn an eingeplant worden. Man sollte aber nicht unterschätzen, wie schnell die öffentliche Meinung umschlagen kann. Zwei bis drei sieglose Spiele reichen heutzutage leicht aus, damit aus dem „gehyptesten Trainer des Landes“ ganz schnell ein „überschätzter Nerd“ wird, der seine Spieler überfordert.

Nach dem Spiel in Mainz räumte Rose selbst ein, dass seine gewünschte Taktik nur zum Teil aufgegangen ist. Das Pressing gegen den Ball funktionierte bereits ordentlich. Aber das spielerische Element beim Ballbesitz wurde allzu sehr vernachlässigt. Zudem stand auch die Defensive nicht mehr ganz so sicher wie noch eine Woche zuvor gegen Schalke 04, sondern erinnerte phasenweise an das Testspiel gegen Chelsea – bloß dass der Gegner nicht ganz so stark war wie die Engländer. Die Mainzer waren aber immerhin deutlich gefährlicher als die harmlosen Schalker, die es insbesondere Borussias Außenverteidiger sehr leicht machten zu glänzen.

Oscar Wendt tat sich in Mainz wieder deutlich schwerer, wird aber trotzdem gegen Leipzig eine weitere Bewährungschance erhalten. Sollte er diese gegen die schnellen Sachsen nicht nutzen, dürfte nach der Länderspielpause Neuzugang Ramy Bensebaini seine Chance erhalten.

Eine solche erhielt am Samstag unverhofft Tony Jantschke, der Nico Elvedi in Halbzeit 2 sehr solide vertrat. Es ist schön zu sehen, dass auf den Oberlausitzer im Notfall Verlass ist. Auch wenn er bereits seit 11 Jahren für Borussia aufläuft, darf nicht vergessen werden, dass er sich mit 29 Jahren immer noch im besseren Fußballeralter befindet.

Trotzdem sollte der kurzfristige Ausfall von Elvedi die Sinne schärfen für eine noch lange Saison, in der viel passieren kann. Borussia ist zwar auf jeder Position doppelt besetzt, könnte aber insbesondere auf der 10er-Position hinter den Spitzen noch einen Qualitätsspieler vertragen. Auf eine vollständige Rückkehr von Lars Stindl zu hoffen, der ansonsten für diese Rolle prädestiniert sein könnte, ist mutig. Ansonsten hat bislang noch kein Spieler auf der Position überzeugt. Florian Neuhaus probierte sich in Mainz, blieb aber einmal mehr blass. Kein Problem bei einem solch jungen Spieler, der sich in das neue System erst einmal einfinden muss. Seine eigenen Ansprüche für den weiteren Saisonverlauf liegen aber definitiv höher als das, was er in den letzten Wochen zu zeigen imstande war.

Wie schnell es allerdings bergauf gehen kann, unterstrich Neuzugang Breel Embolo, der gegen Schalke zu den größeren Enttäuschungen gehörte. In Mainz wurde er für das Sturmzentrum eingewechselt und dort direkt zum Matchwinner. Erst zog er den Freistoß vor dem 2:1, um später das 3:1 selbst nachzulegen. Es war die wichtigste Szene des Spiels, als anschließend sämtliche (Ersatz-)Spieler zu ihm rannten und ihm zu diesem wichtigen Treffer gratulierten. Weiß Gott keine Selbstverständlichkeit bei einem Spieler, der erst wenige Monate im Verein ist und ein Beleg, wie sehr es in der Mannschaft stimmt.

Gegen RB Leipzig hat Borussia am kommenden Freitag nicht viel zu verlieren. In den bislang drei Heimspielen gegen die Dosenstädter setzte es drei Niederlagen. Außerdem ist die Elf des kleinen Pistoleros Julian Nagelsmann sehr gut in die Saison gestartet und könnte mit ihrem blitzartigen Spiel zu früh kommen für das noch im Aufbau befindliche neue Gladbach. Andererseits: Wenn ein Trainer wissen sollte, wie dieses RB-System zu knacken ist, dann vermutlich Marco Rose.

Rein tabellarisch wäre ein Überraschungssieg wichtig, da sich im oberen Bereich der Tabelle bis auf den SC Freiburg bereits die üblichen Verdächtigen breit gemacht haben, die sich – bis auf die Bayern – bereits in beeindruckender Frühform präsentieren. Wenn sie sich – wie so oft in den vergangenen Jahren – frühzeitig vom Rest der Liga absetzen, wäre es toll, wenn Borussia dabei sein könnte. Es wäre aber auch kein Weltuntergang, wenn sich die Fohlenelf zunächst einmal dahinter in Lauerstellung positionieren würde. Wichtiger als der Tabellenplatz sollte in dieser Saison die Perspektive sein, die sich der Mannschaft bietet. Ein „Irgendwie“-Fußball, wie er in den letzten Jahren zunehmend zu beobachten war, bietet letztlich keine so nachhaltigen Erfolgsaussichten wie ein Systemfußball mit erkennbarer Handschrift. Davon war die Mannschaft zwar in Mainz noch einiges entfernt, aber zumindest in Ansätzen lässt sich erkennen, wo die Reise hingehen soll. Gegen Sandhausen, Schalke und Mainz reichte die individuelle Qualität der Mannschaft letztlich aus, um die Partien erfolgreich zu bestreiten. Um dies selbst gegen Leipzig wiederholen zu können, wird sich die Mannschaft aber ähnlich steigern müssen wie zuletzt Embolo.


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