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Weiter geht´s mit dem großen Borussen-Check 2012/13, in dem gestern bereits der Kader von Borussia untersucht wurde und heute neben System, Vorbereitung und Umfeld des Vereins insbesondere auch die Einschätzungen der Seitenwahl-Redaktion verraten werden.


Das System

Lucien Favre zeigte sich nach der EM höchst angetan von der spanischen Kunst, ohne Stürmer den maximalen Erfolg zu erzielen. Spätestens in diesen Tagen dürfte bei ihm der Drang entstanden sein, einen Stürmer seines bislang so erfolgreichen 4-4-2-Systems zugunsten einer größeren Präsenz im Mittelfeld zu opfern. Gegen den FC Sevilla ging ein erster Versuch in diese Richtung gründlich schief. Zwar tummelten sich viele Borussen im Mittelfeld, die aber von dort so gut wie nie in den gegnerischen Strafraum eindrangen. Die fehlende Durchschlagskraft veranlasste Favre, im letzten Testspiel bei Norwich City dann doch wieder zum bewährten 4-4-2 zurückzukehren, in dem lediglich die drei Königstransfers für die drei Abgänge einsprangen und de Camargo für Hanke agierte. Es ist davon auszugehen, dass Borussia genau in dieser Formation auch in die Saison starten wird. Die ersten Spiele – insbesondere jene gegen Kiew – sind zu wichtig, um übermäßig zu experimentieren. Ob sich das System dann dauerhaft bewährt, wird vom Erfolg der ersten Saisonphase abhängen.

In den vergangenen 1 ½ Jahren war Borussia durchgängig so erfolgreich, dass es schwachsinnig gewesen wäre, Entscheidendes zu verändern. Setzt sich dies weiter fort, so spricht auch zukünftig nichts dafür. Es ist aber sehr davon auszugehen, dass Favre in schwächeren Phasen am System herumdoktern wird, das offensichtlich nicht seiner absoluten Lieblingsspielweise entspricht. Sollten sich die schnellen Ring und/oder Hrgota auf den offensiven Außenbahnen anbieten, so könnte neben dem international üblichen 4-2-3-1 z. B. auch ein 4-3-3-System eine interessante Option darstellen – also ein typisch holländisches System, das auf einen kopfballstarken Spielertyp wie de Jong im Sturmzentrum zugeschnitten wäre.

Die Vorbereitung


Geht man stur nach den Ergebnissen, so konnte die Vorbereitung kaum besser laufen. 5 Siege und 2 Unentschieden gegen teilweise namhafte Gegner können rein statistisch als großer Erfolg verbucht werden. Doch war noch lange nicht alles Gold, was Borussias neuformierte Mannschaft auf die Beine stellte. Gegen den stärksten Testspielgegner aus Sevilla, der als einziger das Niveau von Dynamo Kiew erreichen dürfte, wurde keine einzige Torchance herausgespielt. Einzig einer starken Defensive, aus der besonders ter Stegen und Dominguez hervorstachen, und viel Glück war es zu verdanken, dass es ein 0:0 und keine Heimniederlage setzte. Auch gegen die englischen Vertreter Birmingham und Norwich ließ die Mannschaft von Lucien Favre durch individuelle Fehler zu viele Torchancen zu, die sich gegen stärkere Gegner rächen könnten.

Die guten Ansätze sind aber trotz allem nicht zu übersehen. Die Defensive stabilisierte sich spätestens mit dem Hinzustoßen von Alvaro Dominguez. Vorne offenbarten de Camargo und Hrgota eine erfreulich starke Frühform, so dass die Last des Alleinunterhalters von Luuk de Jong genommen werden sollte. Der Holländer selbst zeigte sich im abschließenden Testspiel bei Norwich ebenso verbessert und scheint sich langsam in seine neue Mannschaft zu integrieren.

Doch ob gut oder schlecht. Oft genug hat sich gezeigt, dass Vorbereitungsspiele nur solange etwas wert sind bis der Ball erstmals offiziell rollt. Ein Mathew Leckie galt im Vorjahr als Gewinner der Testspielserie, was er dann aber in den Pflichtspielen nicht mehr umsetzen konnte. Wichtig wird es also erst ab kommenden Samstag, wenn mit dem kleinen Derby auf dem Tivoli die Saison gleich heiß losgeht.

Das Umfeld


So optimistisch ging Borussia lange nicht in eine neue Spielzeit. Bedenkt man, dass der Verein noch vor einem knappen Jahr hauchdünn dem Absturz in Liga 2 entkommen ist, so überrascht die Selbstverständlichkeit, mit der ein Verharren im oberen Tabellendrittel von vielen angenommen wird. Die Architekten des Erfolgs, also insbesondere Max Eberl und Lucien Favre, werden daher nicht müde darauf hinzuweisen, dass ein Etablieren in der oberen Tabellenhälfte bereits ein großer Erfolg für den Verein wäre. Zur Erinnerung: Bis zur letzten Saison galt noch der 10. Tabellenplatz unter Horst Köppel als größte Errungenschaft des vergangenen Jahrzehnts. Im Grunde hat Borussia zuletzt gleich drei Schritte auf einmal gemacht, so dass aufzupassen ist, darüber nicht ins Stolpern zu geraten. Die Nüchternheit und der Realismus, mit der von Vereinsseite die Erfolge aufgenommen wurden, sprechen aber gegen dieses Negativszenario.

Wichtig wäre, dass auch von Fanseite entsprechend reagiert wird, wenn gerade zu Saisonbeginn nicht alles so läuft wie erwünscht. Die Integration der Neuen, die Kompensation der Alten und das Gewöhnen an ein neues Spielsystem – all dies benötigt Zeit und kann selbst vom Beinahe-Harry Potter aus der Schweiz nur schwer innerhalb weniger Wochen umgesetzt werden. Ebenso gewichtig wie eine gute Platzierung zum Saisonende sollte daher bewertet werden, welche Perspektive die Mannschaft bietet, um den Verein dauerhaft wieder den Fußball in den gewünschten Tabellenregionen spielen zu lassen, den uns die Elf des Vorjahres in einmaliger Art und Weise geschenkt hat.

Der Ausblick

 

Michael Heinen: Borussia hat seine Hausaufgabe höchst zufriedenstellend erledigt. Dennoch gibt es keine Garantien dafür, dass dies zum erhofften Erfolg führen wird. Die vorige Saison war in jeder Hinsicht überragend und wäre selbst in alter Besetzung nur sehr schwer wiederholbar gewesen. Schon die Rückrunde deutete an, dass es für Borussia deutlich schwieriger wird, wenn sie von den übrigen Mannschaften als Spitzenteam wahrgenommen und entsprechend bekämpft wird. In dieser späten Saisonphase wurde zudem deutlich, dass die intensive Spielweise der Mannschaft enorme Kraftreserven erfordert. Der Einbruch in der Endphase gegen Hoffenheim stand hierfür sinnbildlich. Umso interessanter wird zu beobachten sein, wie diese junge Mannschaft mit der ungewohnten Doppelbelastung von 8 internationalen Pflichtspielen bis zur Winterpause zurechtkommen wird. Es würde daher alles in allem – nach dem Wunder in der Relegation und dem unfassbaren Einzug in die Play-Offs der Champions-League – einer weiteren Sensation gleichkommen, wenn die neuformierte Mannschaft gleich zu Saisonbeginn den hohen Erwartungen einiger euphorisierter Fans entsprechen könnte und sich im oberen Tabellendrittel festsetzt. Realistischer erscheint tatsächlich die offizielle Zielsetzung des Vereins, am Ende des Spieljahres unter den besten 8 Mannschaften der Liga zu landen.

Christian Heimanns: "Das Rückgrat verloren" betont Lucien Favre und er meint damit: Je einen zentralen Stürmer, Mittelfeldspieler, Abwehrspieler. Und obwohl Borussia mehr Geld auf den Transfermarkt geworfen hat als vom Bundesligaaufstieg bis 1990 zusammen, kann keiner garantieren, dass der Ersatz genauso gut ist. Probieren wir es trotzdem optimistisch: Die neuen sind jung und verfügen über nachgewiesene Qualität, der Trainer ist der gleiche und einer der besten der Liga. Und manche Konkurrenten um die europäischen Plätze wirken noch angeschlagen, wie Stuttgart, oder müssen neu würfeln, wie Bremen. Eine Platzierung zwischen 5-7 kann eintreffen und sollte dann gerechterweise als Erfolg gewertet werden.

Christoph Clausen: Welchen Tabellenplatz eine Fußballmannschaft am Ende belegt, lässt sich zu 92% aus dem Gehaltsvolumen des Kaders ablesen. Zu diesem Schluss zumindest kamen der Ökonom Stefan Szymanski und der Sportjournalist Simon Kuper, die Daten von vierzig englischen Clubs über einen Zeitraum von 19 Jahren auswerteten. So gesehen wäre das tabellarische Mittelfeld borussischer Normalfall und die letzte Spielzeit nur ein schöner Ausreißer nach oben. Hoffnung ließe sich aus der 8%-Nische schöpfen. Wo sich ein besonders fähiger Trainer und ein besonders fähiger Sportdirektor in dieser einnisten, könnte dem ersten Ausreißer ein zweiter folgen. Schick daran wäre, dass die dadurch generierten Einnahmen mittelfristig selbst den borussischen Normalfall nach oben verschieben könnten. Kiew auszuschalten wäre ein guter Anfang. Gleichwohl: Nervenschonend wäre es für alle Borussenfans, die Erwartungen nicht höher zu schrauben als auf einen einstelligen Tabellenplatz. Freudige Überraschungen muss das ja nicht ausschließen.

Christian Grünewald: Der VfL erntet in dieser Saison die Früchte anderthalb überragender Jahre. Gefeierte Last-Minute-Rettung 2011, Champions League-Qualifikation 2012 und ein Fußball, der dem Namen „Borussia Mönchengladbach“ endlich wieder einen gewissen Klang verlieh. Im Sommer wurden nicht zuletzt durch eine selbstbewusste Transferpolitik klare Zeichen gesetzt, den beschrittenen Weg konsequent fortzusetzen. In der neuen Mannschaft scheinen ausreichend Qualität und vor allem Potenzial vorhanden, um einen Absturz zu verhindern. Die langersehnte Rückkehr auf die europäische Bühne bringt jedoch auch Risiken mit sich. Ein nicht unwahrscheinliches Scheitern gegen das international erfahrene Dynamo Kiew könnte die mancherorts bereits gestiegene Erwartungshaltung schon früh auf eine harte Probe stellen. Auch die vielbeschriebene Mehrfachbelastung und der notwendig gewordene Teilumbau der Mannschaft würden einen eher holprigen Saisonstart nicht unbedingt überraschend erscheinen lassen. Zudem wird sich erstmals zeigen, inwieweit System und Methodik von Erfolgstrainer Lucien Favre auch unter veränderten Vorzeichen dauerhaft funktionieren können. Aufgrund der engen Leistungsdichte in der oberen Tabellenhälfte scheint für Borussia zwischen Platz 4 und Platz 10 vieles möglich zu sein – am Ende wird man sich wohl etwa in der Mitte einfinden.


Christian Spoo: Ja, Max Eberl und Konsorten haben getan, was sie konnten. Nun liegt der Fall bei Borussia so, dass sie genau das auch tun mussten. Für das amputierte Rückgrat der Überraschungsmannnschaft aus der vergangenen Saison musste Ersatz her, dass der hochkarätig würde sein müssen, ist klar, dass er gar teurer werden würde, war unvermeidlich. Dass die Neuzugänge dennoch die abgegebenen Leistungsträger schnell werden vergessen machen können, ist nicht garantiert, es scheint aber im Rahmen des Möglichen. Optimistisch stimmt obendrein, dass Spieler aus der "zweiten Reihe" in der Vorbereitung mehr als angedeutet haben, dass sie sich mit einem Platz auf der Bank nicht einfach abfinden werden. So ist mit Tolga Cigerci, Lukas Rupp, Alexander Ring und Amin Younes durchaus zu rechnen, was unter dem Strich eine Verstärkung des in der Vergangenheit doch sehr knappen potenziellen Stammelfpersonals bedeutet. Dennoch besteht kein Grund zu vorschnellem Optimismus. Der Saisonstart bietet enormes Frustpotenzial. Im Pokal zog Borussia genau so das schwerst mögliche Los wie in der Champions-League-Qualifikation. Das Auftakprogramm in der Liga ist undankbar. Ein Fehlstart in die Spielzeit ist denkbar - die Konsequenzen sind schwer auszurechnen. Ist man im Verein tatsächlich so bescheiden, wie man derzeit tut? Und sind die Fans in der Lage, nach einer rauschhaften Saison gegebenenfalls wieder in dem "Normalmodus" zu wechseln? Vor allem: wie reagiert der bisweilen kapriziöse Lucien Favre, wenn nicht alles nach Plan läuft? Es gibt viele Unwägbarkeiten zu Beginn der Spielzeit. Zu viele, als dass ich eine genaue Prognose wagen möchte. Nur so viel: selbst ich als gelernter Skeptiker in Borussendingen habe angesichts der enormen Investitionen und des zweifellos vorhandenen Potenzials eine gewisse Erwartung. Und die besagt, dass alles von Bundesliga-Platz acht abwärts eine Enttäuschung wäre. International dagegen erwarte ich erst einmal nichts. Es ist einfach schön, mal dabei zu sein.

 


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