Mit einem vor allem in der ersten Halbzeit überragenden Konter- und Offensivfußball, den man in Mönchengladbach lange vermisst hat, schlug Borussia im letzten Testspiel des Trainingslagers die chinesische Nationalmannschaft mit 4:0 im EM-Stadion in Faro. Bereits zur Halbzeitpause stand das Endergebnis fest, das durch zwei Tore von David Degen und je eines von Federico Insua und Wesley Sonck zustande gekommen war. Nach diesen sieben Tagen an der Algarve und drei Siegen in drei Testspielen reiste die Mannschaft um den zufriedenen Trainer Jupp Heynckes heute Morgen zurück nach Deutschland.

Wie es nach den Eindrücken vom Spiel gegen den FC Falkirk zu erwarten war, bot Jupp Heynckes im Testspiel gestern seine zurzeit stärkste Formation auf. Vor Torhüter Keller bildeten Neuzugang Steve Gohouri und Ze António die Innenverteidigung, die in der Hinrunde lange Zeit verletzten Marcell Jansen und Kasper Bögelund die Außenverteidigung. Bernd Thijs spielte vor der Abwehr, unterstützt von Eugen Polanski (links) und David Degen (rechts) auf den Flügeln, dazu Federico Insua als offensiver Spielmacher hinter den Spitzen Mikkel Thygesen und Wesley Sonck.

Bereits nach wenigen Minuten war zu erkennen, dass Borussia aggressiv zu Werke ging. Bei gegnerischem Ballbesitz rückten die Feldspieler weit in die Offensive, um die technisch versierten Chinesen, die ohne sechs Stammspieler angetreten waren, im Spielaufbau zu stören. Nach sieben Minuten schlug der souverän aufspielende Ze António einen langen Pass auf den rechten Flügel, der von einem chinesischen Verteidiger vor David Degen abgefangen wurde. Der Schweizer setzte jedoch sofort nach und eroberte damit den Ball zurück. In vollem Sprint überlupfte er einen zweiten Verteidiger, um abschließend auch den chinesischen Torwart mit einem gefühlvollen Heber zu überwinden. Ein phantastisches Tor  von David Degen, der auch danach auf der rechten Seite im Verbund mit Kasper Bögelund offensivfreudig und spielstark agierte.

Knapp zwei Minuten später wurde eine kleine Unaufmerksamkeit in der Abwehr fast mit dem sofortigen Ausgleich bestraft. Den Schuss eines chinesischen Stürmers konnte Marcell Jansen nur noch abfälschen, doch Keller war mit einem Reflex zur Stelle und lenkte den Ball aus kurzem Winkel über die Latte. Nach dieser turbulenten Anfangsphase beruhigte sich das Spiel etwas, ohne auf Borussias Seite an Tempo und Zielstrebigkeit zu verlieren. Die Pässe wurden meist direkt gespielt, die Flanken wurden oft gewechselt und der Gegner trotz der eigenen Führung weiter früh gestört. Die rechte Seite um Bögelund und Degen war hierbei stärker als ihr Pendant mit Marcell Jansen und Eugen Polanski auf dem linken Flügel.

In der 34. Minute ein nächstes Highlight. Der sehr laufstarke, aber etwas glücklose Thygesen schlug vom rechten Flügel eine lange Flanke an das linke Strafraumeck, wo Wesley Sonck den Ball mit seinem schwachen linken Fuß volley nahm. Technisch sauber getroffen, aber zu unplatziert, fiel der Schuss Torwart Yang Ling in die Arme. Diese Szene war jedoch nur der Auftakt zu einer Schlussphase, die durch Tempo, Zielstrebigkeit und Spielwitz vollends überzeugte. Eine Minute nach Soncks Volleyschuss lief Thygesen mit dem Ball in Richtung Strafraumgrenze, wo er mangels freistehender Mitspieler kurz stoppte. Aus dem Rückraum sprintete Degen zwischen die Abwehrreihe, Thygesen reagierte geistesgegenwärtig und lupfte den Ball über die Abwehrreihe der Asiaten. Degen umspielte den Torwart, wurde aber zur Außenlinie abgedrängt. Dort verlud er den Torwart ein zweites Mal und schoss aus kurzer Distanz zum 2:0 ins Tor.

Weitere 180 Sekunden später erkämpfte sich Bernd Thijs am Mittelkreis den Ball durch energisches Pressing, als die Chinesen in der Vorwärtsbewegung waren. Thijs passte sofort auf Sonck, der den Ball in hohem Tempo Richtung Strafraum trieb. Wieder war es Degen, der vom rechten Flügel in den Strafraum sprintete und von Sonck in Szene gesetzt wurde. Mit einer Schussfinte ließ er zwei Verteidiger ins Leere rutschen, passte in die Mitte auf Insua, der den Ball annahm und locker ins linke, untere Eck zum 3:0 einschob.

Den Schlusspunkt dieser überzeugenden Halbzeit setzte dann Wesley Sonck. Erneut war es ein Ballgewinn der Defensive, der dem 4:0 vorausging. Insua passte scharf auf den rechten Flügel, wo Bögelund einige Meter lief, um danach aus vollem Lauf perfekt zwischen Torwart und gegnerischer Abwehrlinie an den zweiten Pfosten zu passen, wo Sonck wartete. Der Belgier besaß in diesem Moment noch die Ruhe und Übersicht, um den Ball gegen die Laufrichtung des Torwarts ins Tor zu lenken.

In der Halbzeitpause rieben sich Journalisten und die rund einhundert mitgereisten Fans verwundert die Augen ob der Darbietung der Borussia in der ersten Halbzeit, was zu einigen Gesprächen im eigens für das Spiel eingerichteten Catering-Bereich führte.

Jupp Heynckes wechselte in der Halbzeitpause nicht aus und es dauerte zehn Minuten, bis die nächste Chance für Borussia zu verzeichnen war. Eine Flanke von der rechten Seite veranlasste Wesley Sonck, einen Torschuss per Seitfallzieher anzusetzen, doch traf er den Ball nicht richtig. Das Spiel verlor nun deutlich an Tempo. Borussia agierte nach wie vor konzentriert, verwaltete das Spiel jedoch etwas mehr. Jupp Heynckes nutzte die Zeit für zwei Wechsel. Thygesen, der bereits vor dem Spiel aufgrund einer leichten Erkrankung angeschlagen war, verließ das Spielfeld und wurde durch den etwas defensiver agierenden Oliver Kirch ersetzt, so dass Borussia auf ein 4-5-1 umstellte. Weiter kam Frederic Löhe zu seinem ersten ernsthaften Einsatz, als er unter großem Applaus für Kasey Keller eingewechselt wurde. Jupp Heynckes bedankte sich mit dieser Einwechslung für den Einsatz und das Engagement von Löhe, der als dritter Torwart und aus der A-Jugend kommend mit an die Algarve geflogen war.

In der 67. Minute schlug der solide, aber unauffällig spielende Eugen Polanski eine Ecke von der linken Seite in den Strafraum, wo sich Wesley Sonck am zweiten Pfosten durchsetzte, den Ball aber nur gegen die Latte köpfen konnte. Unmittelbar danach verließ auch Nationalspieler Jansen das Feld, für ihn kam Robert Fleßers in die Partie. David Degen hatte 20 Minuten vor dem Ende eine weitere große Chance nach einem Konter, doch anstatt in die Mitte auf den freistehenden Sonck zu passen, versuchte es Degen mit einigen Kabinettstückchen, was abschließend zum Ballverlust führte. Das Spiel war längst entschieden, doch Wesley Sonck zeigte dem Schweizer mit Gesten und Ausrufen deutlich, was er von diesem Eigensinn hält. Auch wenn Degen leicht lächelnd den Kopf schüttelte: Sonck ist Stürmer, und Stürmer wollen Tore schießen, ganz egal, ob es 0:0 oder 4:0 steht.

Die Chinesen übernahmen in dieser Phase etwas deutlicher die Initiative, auch bedingt durch die vielen Wechsel bei Borussia. So kamen in der letzten Viertelstunde des Spiels noch Kahê, Svensson, Helveg und Kluge für Degen, Gohouri, Bögelund und Polanski. Frederic Löhe konnte sich in dieser Phase bei einigen Fernschüssen und Ecken der Chinesen auszeichnen und somit beweisen, dass er nicht zu Unrecht eine Woche bei den Profis trainieren durfte.

15 Minuten vor dem Schlusspfiff kam es noch einmal zu einer schönen Kombination über Insua. Der Argentinier „tunnelte" einen Gegenspieler, schlug aus dem Fußgelenk einen weiten Pass auf den linken Flügel auf Kahê. Der Brasilianer trabte leicht mit dem Ball Richtung Strafraum und wartete auf nachrückende Mitspieler. Danach der kluge Pass in die Mitte auf den mitgelaufenen Insua, der sofort abzog, doch nur in die Arme des Torwarts zielte. Die letzte Chance des Spiels hatte dann Peer Kluge, der wie David Degen in der ersten Halbzeit den Torwart der Chinesen mit einem Heber überlisten wollte, doch nicht so genau zielte wie Degen 80 Minuten zuvor.

Borussia setzte mit diesem Spiel den positiven Höhepunkt des einwöchigen Trainingslagers. Das Ergebnis kann und darf allerdings keinen Anlass geben, um die kommenden Aufgaben in der Rückrunde als Selbstläufer zu betrachten. Dennoch: nach den spielerisch schwachen bis katastrophalen Leistungen der Hinrunde setzte die Mannschaft von Jupp Heynckes mit diesem Spiel ein Ausrufezeichen. Die Art und Weise, wie das Ergebnis zustande kam, ist die logische Konsequenz der konzentrierten Arbeit im Trainingslager. Jupp Heynckes zeigte sich nach dem Spiel dementsprechend zufrieden und bestätigte, dass seine Mannschaft speziell in der ersten Halbzeit das umgesetzt habe, was seit Trainingsauftakt intensiv geübt wurde. „Da die Ergebnisse der Laktatwerte zu Beginn des Trainings Anfang Januar überragend waren, haben wir die Schwerpunkte auf taktisches Verhalten gelegt. Frühes Pressing und schnelles Spiel in die Spitzen.", so Heynckes nach dem Spiel. Es gelte, diese Leistungen nun in den Spielen im Rahmen des Turniers in Düsseldorf und gegen den RSC Anderlecht zu bestätigen, um dann gut vorbereitet in Cottbus in die Rückrunde der Bundesliga zu starten.

Nach dem Spiel kam es zu euphorischen Szenen zwischen Fans und Mannschaft. Jupp Heynckes wurde lautstark gefeiert, die Mannschaft mit einem lauten „kommt raus, wenn ihr Borussen seid" zum Mitfeiern aufgefordert. So entstand zum Abschluss ein großes und versöhnliches Bild zwischen Borussia und ihren Fans, als sich die Spieler zwischen die Anhänger stellten und alle gemeinsam, dirigiert von Nando Rafael, den Klassiker „es gibt nur eine Borussia" sangen. Ob es, wie von einem Fan bemerkt, der „Geist von Portugal" sein wird, der die Mannschaft durch die Rückrunde begleiten wird, sei dahingestellt. Entscheidend wird der Auftritt in Cottbus sein, dessen ist sich vor allem Jupp Heynckes bewusst. Doch er ist vorsichtig optimistisch. Ein guter Teamgeist, gesunde Leistungsträger und ein spielerischer und taktischer Fortschritt - erarbeitet im Trainingslager - machen Mut!

Borussia: Keller (67. Löhe) - Bögelund (79. Helveg), Gohouri (79. Svensson), Zé Antonio, Jansen (71. Fleßers) - Thijs, Polanski (79. Kluge), Degen (76. Kahê), Insua - Sonck, Thygesen (79. Kirch).
Tore: 1:0, 2:0 Degen (7., 35.), 3:0 Insua (38.), 4:0 Sonck (40.).
Zuschauer: 100.

Aus Portugal berichtete Mike Lukanz

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