Alexander Baumjohann stellt Hütchen aufDie beste Laune herrschte noch unter den Journalisten, als am heutigen Donnerstag Jupp Heynckes zur ersten richtigen Trainingseinheit bat, nachdem Borussia samt Begleitung gestern noch die Strapazen der langen Anreise in den Knochen stecken hatte. Während Borussias Mediendirektor Markus Aretz einem Fan erklären musste, woher der Bökelberg seinen Namen hat, verhielten sich die anderen circa 100 mitgereisten Fans auffällig ruhig und beobachteten das Treiben, das in Griffweite vor Ihnen stattfand, bedächtig und ähnlich konzentriert wie die Profis vor ihnen agierten. Dabei gibt es an der Algarve in diesen Tagen gleich mehrere Gründe, gut gelaunt dem Tag zu begegnen. Das Wetter und das Umfeld sind überragend, die Trainingsbedingungen nicht weniger gut. Und dennoch spürt der Beobachter die Anspannung der Akteure auf dem Platz.

Borussia versucht im Winter 2007 an der Algarve das Rezept zu finden, um den drohenden Abstieg in die Zweitklassigkeit zu verhindern. Die Hausaufgaben wurden auf dem ersten Blick gemacht: jeder Mannschaftsteil wurde durch einen Transfer ergänzt und verstärkt. Die Langzeitverletzten sind - bis auf Oliver Neuville und Filip Daems - wieder so nah an der Mannschaft, dass der Konkurrenzkampf in den nächsten Tagen zunehmen wird, da speziell Steve Gohouri und Mikkel Thygesen im Training einen starken Eindruck hinterließen und durchaus mehr als nur Alternativen zum bestehenden Kader sind.

Josef Heynckes in Aktion Dass Jupp Heynckes akribisch und detailgenau arbeitet, überrascht indes nicht. Er fordert viel ein, weil es auch um viel geht. Die Hinrunde steckt noch jedem in den Knochen; allen voran Heynckes selber. Kritisch wird jede Bewegung von ihm beäugt, wenn er sich - ganz Taktiker - mit rudernden Armbewegungen zwischen die Spieler stellt, rattern die Auslöser der Fotografen wie Maschinengewehre. Er gibt sich Mühe, motiviert die Spieler. Er lobt jede kleine gelungene Aktion genauso, wie er energisch und wütend einschreitet, wenn er das Gefühl hat, die Spieler lassen nur einen Bruchteil ihrer Konzentration und Zielstrebigkeit im Training liegen.

Doch, so die Eindrücke der ersten Trainingseinheiten, auch die Spieler scheinen zu realisieren, welche Bedeutung diese sieben Tage an Portugals Algarve für sie haben. Die Intensität der Trainingsspiele ist hoch, die Spieler loben sich untereinander, geben sich Tipps oder schreien sich lauthals an. Kasey Keller, Marcell Jansen, Bo Svensson, Bernd Thijs und auch Wesley Sonck fallen hierbei besonders auf. „Pocho, gut gemacht", „Tobias, Du musst aufpassen, verdammt!", „Genau so geht es, Jungs" und Kaseys energisches „Keine Flanke, keine Flanke". Von mangelndem Teamgeist ist vordergründig nichts zu sehen. Friede, Freude, Eierkuchen ist es dennoch nicht und spätestens am Ende des Trainingslagers, wenn die wichtigen Testspiele gegen Freiburg, Falkirk und die VR China gelaufen sein werden, wird sich zeigen, ob einzelne Spieler ihr persönliches Schicksal noch immer unter dem des Vereins stellen.

„Ich weiß, was ich kann"

In Einzelgesprächen lässt der ein oder andere Spieler sehr wohl durchblicken, welche genauen Vorstellungen er vom Trainingslager und dem Ausblick auf die so wichtige Rückrunde hat. Im SEITENWAHL-Gespräch mit Wesley Sonck erleben wir einen besonnenen, aber motivierten Stürmer, der sich der Bedeutung dieser Woche durchaus bewusst ist.

Im Gespräch mit Wesley Sonck „Ich hatte viel Pech in den vergangenen zwei Jahren", beginnt Sonck nachdenklich das Gespräch. „Immer, wenn ich gerade fit war, passieren diese Verletzungen. In Viersen springt mein Gegenspieler in Kniehöhe in mich hinein und ein Jahr vorher bricht Bouma mir im Spiel gegen den PSV Eindhoven drei Rippen".
Angesprochen auf das Spiel Borussias, führt er selbstkritisch aus: „Natürlich ist es schwer für mich als Stürmer, wenn ich im gesamten Spiel nur ein, zwei Torchancen bekomme. Ich bin kein Spieler, der sich den Ball an der Mittellinie holt, mehrere Gegenspieler umdribbelt und dann das Tor macht. Könnte ich das, wäre ich europäische Spitze. Das bin ich zurzeit nicht und das weiß ich auch."
Ungewohnte Töne von einem, der als Stinkstiefel und selbstherrlich gilt. Doch Wesley Sonck weiß um seine Qualitäten: „Ich habe immer meine Tore gemacht, egal, wo ich gespielt habe. In Genk, in der Nationalmannschaft, in der ChampionsLeague. Aber das geht nur, wenn ich auch spiele".
Ob es ihn nerve, wenn seine Konkurrenten im Sturm acht oder zehn Chancen von Beginn an erhalten und er nach einem schlechten Spiel draußen ist. „Ganz ehrlich? Mich interessiert nicht, was ein Kahê macht. Ich interessiere mich nur für mein eigenes Spiel. Ich weiß, was ich kann. Kahê hat andere Qualitäten, ganz klar. Aber was spricht dagegen, dass es Kahê und Sonck heißt und nicht immer nur Kahê oder Sonck?".
Er merkt, dass Borussias Fans ihn unterstützen, ihn schätzen und gar fordern. Mit einem Lachen erwähnt er: „Ja klar, die Leute sehen mich doch auf dem Platz. Sie wissen, was ich kann und leisten könnte, wenn ich einmal mehrere Spiele am Stück spielen dürfte."

„Der Trainer hat Recht. Ich muss noch mehr arbeiten"

Das Spiel müsse schneller werden bei Borussia, sagt er. „Ich liebe das schnelle Spiel. Ein, zwei Ballkontakte und weiter. Ich habe als Stürmer nicht so viel Zeit, um den Ball anzunehmen, mich zu drehen und dann zu gucken, was ich mache. Das können Mittelfeldspieler machen." Und weiter: „Aber ich bin froh, dass Marcell Jansen wieder da ist, dass Bögelund wieder fit ist. Dazu Pocho und jetzt Mikkel, das sind alles Spieler, die mein Spiel spielen. Marcell ist sehr wichtig, der macht auch verrückte Dinge und flankt einfach aus dem Fuß in den Strafraum, ohne immer bis zur Grundlinie durchlaufen zu müssen. Sowas brauche ich als Stürmer, dann mache ich auch Tore."
Zum Schluss ein Eingeständnis: „Natürlich hat der Trainer auch Recht. Ich muss mehr arbeiten auf dem Feld, Pressing spielen. Da helfen mir die Jungs im Mittelfeld schon sehr, wie heute im Training. Ich sehe ja nicht, was hinter mir passiert. Da nützt es wenig, wenn ich den Verteidiger zustelle, er aber in Ruhe passen kann, weil das Mittelfeld nicht nachrückt. Also rufen die Jungs ‚Jetzt, jetzt‘, dann weiß ich, dass sie hinter mir ihren Job gemacht haben. Denn als Stürmer muss ich nicht irgendwo im Mittelfeld sein, sondern ganz vorne. Da werden Tore gemacht."

Am Belgier ist gut zu erkennen, welche Stimmungslage in Alvor herrscht. Leise Forderungen nach einem Stammplatz klingen in diesen Aussagen mit, ohne dabei zu vergessen, dass ein Stammplatz nicht selbstverständlich ist. Bis nächste Woche wünscht sich Jupp Heynckes, dass sieben bis acht Plätze fest vergeben sind. Angespanntes und konzentriertes Auftreten und Arbeiten dürfte Jupp Heynckes bei seinen Spielern nicht ungelegen sein. Denn dann weiß er, dass sie ihn verstanden haben.

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