Hamburger SVDer Albtraum der Hamburger Polizei ist aktuell nur drei Punkte und sechs Tore entfernt. Nicht mehr trennt den FC St. Pauli vom dritten Platz der zweiten Liga, dessen Inhaber sich am Saisonende mit dem drittletzten Bundesligisten duellieren darf. Das wäre Stand jetzt der Hamburger SV.  Zwei innerstädtische Relegationsspiele – Einsatzleitung und Hamburger Ordnungshüter wären nicht zu beneiden. Für den Bundesligisten, der auf seinen Dino-Status so stolz ist, wäre es die ultimative Demütigung: Wenn am Saisonende nicht nur der Wirt an der Fankneipe „Unabsteigbar“ am S-Bahnhof Stellingen zwei Buchstaben übermalen und man die berühmte Uhr in der Imtech-Arena anhalten müsste, die die Minuten der Erstligazugehörigkeit zählt. Sondern wenn der Abstieg ausgerechnet am Millerntor besiegelt worden wäre.

Um das zu verhindern, leistete sich der HSV Mitte Februar den zweiten Trainerwechsel der Saison. Der Verein hatte gerade beim Tabellenletzten Eintracht Braunschweig verloren und war auf den vorletzten Rang zurückgefallen, nur noch einen Punkt vor Platz 18. Sieben Pflichtspiele in Folge waren verloren gegangen. Der neue Coach Mirko Slomka begann furios, mit einem 3:0-Heimsieg über Borussia Dortmund. Eine Woche Aufbruchstimmung danach überwiegend Ernüchterung: Niederlage im Nordderby bei Werder Bremen, Remis zuhause gegen Frankfurt, immerhin ein Sieg nach vor allem kämpferisch überzeugender Leistung gegen Nürnberg, Niederlage in Stuttgart, Remis gegen Freiburg.

Die Arbeit des neuen Trainers wird in den Hamburger Medien dennoch wohlwollend beurteilt und sein psychologisches und taktisches Geschickt gelobt. Insbesondere die Stabilisierung der Defensive spricht für Slomka. Unter seinen Vorgängern fiel der HSV nach einem Gegentor regelmäßig auseinander. In den letzten sieben Spielen vor dem Trainerwechsel kassierte das Team immer mindestens drei Gegentore. Seit Slomkas Amtsantritt war es nie mehr als eins. Ein Baustein dabei war die Wiederentdeckung von Spielern, die eigentlich schon aufs Abstellgleis geschoben worden waren: Slobodan Rajkovic war vor Slomka ohne eine einzige Einsatzminute in dieser Saison geblieben. Beim Sieg gegen Dortmund lieferte er in der Innenverteidigung eine bärenstarke Partie. Nachdem sich Rajkovic dann in der folgenden Partie einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, schlug die Stunde eines weiteren Aussortierten: Michael Mancienne stand seitdem in jeder Partie in der Startelf und lieferte immerhin ordentliche Partien ab. Inzwischen soll der Engländer, dessen Abschied zum Saisonende schon beschlossene Sache war, doch längerfristig bleiben.

Ein weiterer Baustein in der neu gewonnenen defensiven Sicherheit ist eine veränderte Spielweise. Vor dem Trainerwechsel hatten sich die Außenverteidiger bei eigenem Ballbesitz oft weit vorgeschoben und ein Sechser zwischen die Innenverteidiger fallen lassen, woraus aus der Vierer- eine Dreierkette geworden war. Welche Vorteile ein solches Modell haben kann, hat unter anderem der FC Barcelona demonstriert. In Hamburg überwogen aber zu oft die Nachteile, denn bei Ballverlust in der Vorwärtsbewegung erwies sich die Dreierkette zu oft als zu anfällig. Unter Slomka hat sich das Team von dieser Variante weitestgehend verabschiedet. Links ist Aushilfsaußenverteidiger Westermann (Marcell Jansen und Backup Lam sind beide verletzt) ohnehin nicht der Mann für dynamische Flügelläufe. Und wenn Rechtsverteidiger Diekmeier zu einem solchen ansetzt, verschieben sich die übrigen drei Verteidiger und ein Mittelfeldspieler so, dass faktisch doch wieder eine Art Viererkette entsteht.

Nie mehr als ein Gegentor, ja. Aber weil der HSV in vier von sechs Spielen unter Slomka auch entweder nur ein oder eben gar kein Tor erzielte, tritt der Club tabellarisch auf der Stelle. Die Offensivschwäche ist erstens Kehrseite einer verstärkt auf defensive Ordnung achtenden taktischen Ausrichtung. Sie ist zweitens dem Verletzungspech geschuldet: Beisters Kreuzbandriss in der Winterpause, muskuläre Probleme bei Toptorjäger Lasogga, Innenbanddehnung bei Ilicevic. Sie ist drittens Ergebnis einer unglücklichen Transferpolitik: Weder der vor der Saison geholte Jaques Zoua, Wunschspieler des damaligen Trainers Thorsten Fink, noch der im Winter ausgeliehene Ola John, Wunschspieler von Finks Nachfolger van Marwijk, konnten die über sie ausgeschütteten Vorschusslorbeeren rechtfertigen. Ohne Not verlieh man dazu im Winter Artjoms Rudnevs an Hannover 96, wo der Lette seitdem durchaus gefallen konnte.

Viertens schließlich ist die Misere der Hamburger Offensive auch die Misere des Raffael van der Vaart. Der mit viel medialem Tamtam zurückgeholte Niederländer war eigentlich als Schlüsselfigur für den Angriff auf die europäischen Plätze gedacht, hat aber vor allem mit sich selbst zu tun. Ob, wie manche mutmaßen, die Nachwirkungen seiner breit ausgeschlachteten Beziehungsturbulenzen die entscheidende Rolle spielen oder ob doch seine angeschlagene Gesundheit (zuletzt quälte ihn ein grippaler Infekt): van der Vaart ist ein Schatten seiner selbst.

Hoffnungsträger der Offensive sind Pierre-Michel Lasogga und Hakan Calhanoglou. In Gladbach werden erstmals seit vier Spielen wieder beide gleichzeitig auflaufen können: Im letzten Spiel war Calhanoglu gesperrt, zuvor fehlte Lasogga drei Spiele verletzt. Seine Rückkehr gegen Freiburg belebte den HSV sichtlich. Vor allem die erste Halbzeit lief unter der Überschrift: Lasogga gegen das Breisgau. Der Leihstürmer aus Berlin feuerte mehr Torschüsse ab als in der Vorwoche ohne ihn die komplette Mannschaft des HSV. Einer davon traf ins Ziel, weitere verfehlten es nur knapp oder wurden von einem stark aufgelegten Oliver Baumann entschärft. Zwei Wochen zuvor, ohne Lasogga, war Calhanoglu der überragende Akteur beim Heimsieg gegen den 1. FC Nürnberg gewesen, nicht nur seines spektakulären Tores zum 1:0 wegen.

Interessant wird sein, ob Mirko Slomka sich wieder, wie gegen Freiburg, für eine Raute im Mittelfeld und zwei echte Stürmer entscheidet. In diesem neuen System kam Zoua als zweite echte Spitze neben Lasogga deutlich besser zurecht als im 4-2-3-1 über den Flügel. Der Kameruner ist zwar kein Mann für geniale Momente, wohl aber ein zweikampfstarker Stürmer, der lange Bälle geschickt halten und Räume schaffen kann. Seine Scorerausbeute liegt allerdings nur bei mageren zwei Vorlagen und einem eigenen Treffer.

Oder aber Slomka kehrt wieder zur Doppelsechs vor der Abwehr zurück und opfert dafür einen Angreifer. Wobei im defensiven Mittelfeld ohnehin Milan Badelj ersetzt werden muss. Der Ausfall des Kroaten schmerzt den HSV, denn Badelj ist nicht nur durch seine Fähigkeiten in der Antizipation und im Schließen von Lücken wichtig für die Defensive, sondern durch sein Auge und seine technische Beschlagenheit auch eine wichtige Säule des Aufbauspiels. Ihn könnte Tomas Rincon ersetzen, der als körperlich robuster Abräumer vielleicht für die Defensive sogar noch hilfreicher sein könnte als Badelj, der unter Druck auch mal für den einen oder anderen Leichtsinnsfehler gut war. Im Spiel nach vorne sind von Rincon aber nur begrenzt Impulse zu erwarten. Anders wäre das bei Robert Tesche, einem weiteren eigentlich schon Aussortieren, der unter Slomka sein Comeback feierte, bislang aber nur als Einwechselspieler. Ein Startelfeinsatz von ihm wäre eine mutige, aber nachvollziehbare Entscheidung. Schließlich käme für die Sechserposition auch Petr Jiracek in Frage, der in den letzten Spielen allerdings durchwachsene Leistungen zeigte.

Psychologisch versuchte Mirko Slomka auf der Pressekonferenz vor dem Spiel, dem Thema Auswärtsfluch per Neudefinition zu begegnen. Das Thema macht den Hamburgern Sorgen: Fünf Auswärtsniederlagen in Folge, nimmt man Slomkas Hinrunde bei Hannover dazu, dann kommt er persönlich sogar auf 14 Auswärtsniederlagen hintereinander. Angesichts dieser Zahlen erklärte der Trainer die Partie in Gladbach kurzerhand zum Heimspiel. Die fünftausend mitgereisten HSV-Fans würden Lärm für fünfzehntausend machen und sicher hätten sich viele Hamburger Sympathisanten über das Gästekontingent hinaus Karten organisiert. Der Ansatz ist hier wohl: Das Pfeifen im Walde ist besser als das Pfeifen der Fans.

Aufstellungen:

Borussia Mönchengladbach: ter Stegen – Korb, Stranzl, Dominguez, Daems – Jantschke, Kramer – Herrmann, Arango – Raffael, Kruse.
Hamburger SV: Adler – Diekmeier, Djourou, Mancienne, Westermann – Rincon, Tesche – Arslan, van der Vaart, Calhanoglu – Lasogga.

Schiedsrichter: Thorsten Kinhöfer.
Assistenten: Florian Steuer, Christian Fischer.
Vierter Offizieller: Christian Leicher.

SEITENWAHL-Meinung:

Christoph Clausen: Vor allem die linke Hamburger Abwehrseite bietet der Borussia Einfallstore. Weil Herrmann diese aber zu selten effektiv nutzt und auf der anderen Seite die Gladbacher Innenverteidigung Lasogga nicht komplett in Schach halten kann, endet die Partie mit 1:1. Die Stimmung in Gladbach verbessert das nicht.

Christian Spoo: So blutleer wie gegen Frankfurt wird Borussia nicht zweimal in Folge auftreten. Und für diesen HSV sollte ein leicht angeregter Kreislauf reichen. Borussia gewinnt mit 4:1.

Thomas Häcki: Sagen wir es deutlich: Wenn man gegen diesen HSV nicht gewinnt, darf man sich auch über Europa keine Gedanken machen. Im Gegensatz zum Frankfurt-Spiel wird die Borussia mit dem nötigen Biss in die Begegnung gehen und folgerichtig 3:0 gewinnen.

Michael Heinen: Es wird schwerer als erhofft gegen den HSV. Trotzdem ist ein Sieg Pflicht, der mit einem 2:1 soeben gelingt.

Christian Heimanns: Die Klimaerwärmung zum Wochenende und Borussias 2:0 Sieg bedrohen den letzten Dinosaurier akut im Fortbestand seiner Art.

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