Der bislang so begeisternde Tabellenführer tritt nach den überragenden Siegen in München und gegen Wolfsburg beim Tabellenvierten an, der seine Gegner zuletzt mit 5:1, 4:2 und 6:1 gedemütigt hat. Bei allem Respekt vor dem Aufeinandertreffen der beiden besten Mannschaften der Vorsaison bei der Partie Leverkusen – Dortmund. Das wahre Spitzenspiel dieser 3. Spielrunde findet am Sonntag Abend in der Arena auf Schalke statt.

 

Seit 1996 war die Berichterstattung über Borussia nicht mehr so positiv wie in den letzten Tagen. Parallel weckt dies aber bei vielen die Hoffnung, dass aus den bislang hochklassigen Ansätzen endlich mal wieder so etwas wie nachhaltiger Erfolg wird. Die 7 Punkte aus den ersten drei Spielen gegen finanziell weit besser ausgestattete Konkurrenten war da ein mehr als beachtlicher Anfang. Mehr aber wohlgemerkt (noch) nicht. Ein realistischer Blick auf die Tabelle offenbart nämlich, dass die Elf von Lucien Favre nur einen einzigen Punkt vor Platz 9 rangiert und schon bei einem Misserfolg auf Schalke ins (obere) Mittelfeld zurückfallen kann.

 

Doch es stand hier schon letzte Woche und soll alleine schon aus Gründen des Aberglaubens wiederholt werden: Einer der größten Erfolge der bisherigen Ära Favre ist es, dass seine Mannschaft in solche Partien wie am kommenden Sonntag alles andere als chancenlos geht, sondern sich berechtigte Hoffnungen auf (mindestens) einen Punktgewinn machen darf. Ob es dann am Ende dazu auch tatsächlich kommen wird, hängt von einigen Faktoren ab, deren Eintrittswahrscheinlichkeit vorab nur schwer zu bestimmen ist.

 

Da wäre auf der einen Seite die zuletzt fast schon erschreckend konstante Borussia, die sich in dieser Saison auch nicht durch die bequeme Ausrede der Verletzungsanfälligkeit aus dem Tritt bringen lässt. Zwei Innenverteidiger sowie der torgefährlichste Stürmer sind zu ersetzen? Die Borussia des Jahres 2011 geht damit so um, wie es sich für einen ambitionierten Bundesligisten gehört. Interessant wird es sein, wie der Trainer mit der neuen Situation umgehen wird, wenn die betroffenen Stammspieler zurückkehren. Einen ersten Fingerzeig wird es hierzu bereits am Sonntag geben, denn Roel Brouwers ist nach abgesessener Sperre einsatzbereit und sollte natürlicherweise in die Innenverteidigung rücken. Dort vertrat ihn allerdings Havard Nordtveit derart souverän, dass eine Debatte über die sprichwörtlich nie zu verändernde Siegerelf unvermeidlich ist. Denn auch wenn die Sympathien im Fanlager eindeutig verteilt sind: Die qualitativen Unterschiede zwischen Thorben Marx und Roel Brouwers sind so groß nicht, so dass es eher eine Frage des Systems sein wird, ob Favre diesen einen möglichen Wechsel in der Startelf vornehmen wird.

 

Die Aufstellung des Gegners dürfte das entscheidende Argument für Roel Brouwers liefern, denn dieser wird als adäquater Gegenpart für den kopfballstarken Huntelaar gebraucht. Der spielstarke Dante wird es bevorzugt mit dem spanischen Zauberer Raul zu tun bekommen. Sonstige Veränderungen sind nicht zu erwarten und es ist zu hoffen, dass dies ebenso auf die Leistungsbereitschaft der Spieler zutrifft. Besondere Beachtung wird Raul Bobadilla zuteil werden, der an Gelsenkirchen gute Erinnerungen hat, gelangen ihm hier doch immerhin schon zwei ordentliche Auftritte mit einem Tor sowie einem herausgeholten Elfmeter. Ansonsten wusste der Argentinier in seinen ersten beiden Jahren bei Borussia nur sehr sporadisch zu überzeugen. Gala-Auftritte wie vorigen Freitag hatte er bereits in seiner ersten Saison gegen Werder Bremen sowie im Vorjahr beim Derbysieg in Köln. Danach folgten aber stets monatelange Perioden mit unzureichenden Leistungen. In dieser Saison wird er weniger Chancen als in der Vergangenheit bekommen, die nötige Konstanz endlich abzurufen. Sturmkonkurrent de Camargo ist bereits wieder im Training und könnte schon auf Schalke als Joker bereit stehen. Mike Hanke mag dem einen oder anderen zwar zu wenig torgefährlich erscheinen. Seine mannschaftsdienliche Art ist aber ein nicht zu unterschätzender Faktor des aktuellen Erfolgs, auf den Favre mit ziemlicher Sicherheit nicht so gerne verzichten wird.

 

Ein Erfolgserlebnis wird sich auch auf Schalke nur dann realisieren lassen, wenn sich alle Spieler zu 100% einbringen. Die Ruhrpott-Elf ist immerhin trotz eines 0:3 zu Saisonbeginn in Stuttgart mittlerweile auf Platz 4 vorgerückt. Gegen Köln und in Mainz wurde jeweils die erste Hälfte verschlafen. Danach konnte sich S04 aber aus einem Rückstand befreien, indem man im zweiten Spielabschnitt jeweils vier Tore folgen und den rheinischen Gegnern keine Chance mehr ließ. Dem peinlichen 0:2 gegen Helsinki folgte im Rückspiel ein begeisterndes 6:1 – erneut mit vier Treffern im zweiten Durchgang. Ob sich diese Leistungen auch gegen die defensiv so starken Favre-Jünger vom Niederrhein wiederholen lässt, darf getrost angezweifelt werden.

 

Dennoch: Vorsicht ist geboten vor den Offensivqualitäten der Schalker. Die Genialität eines Raul ist in der Bundesliga nur selten zu finden. Huntelaar hat in seiner Karriere fast immer auf höchstem Niveau seine Tore gemacht und ist aktuell in absoluter Topform mit bereits 12 Saisontoren in nur 6 Spielen. Jefferson Farfan, der 2008 für 10 Mio. Euro verpflichtet wurde, hat seinen Marktwert mittlerweile nahezu verdoppelt. Hinter diesen 3 internationalen Top-Angreifern zieht mit Lewis Holtby eines der größten Talente des deutschen Fußballs die Fäden, der mit seinen genialen Pässen auch die inzwischen top eingespielte Borussen-Viererkette sprengen kann.

 

Bei Standardsituationen müssen mit Huntelaar, Höwedes, Matip und Papadopoulos so einige Kopfballspezialisten bewacht werden. Die jüngsten Erfolgserlebnisse haben zudem das Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Die 90 Minuten der Aufholjagd mögen noch so anstrengend gewesen sein. Eine Mannschaft, die innerhalb einer Woche gleich zweimal eine Partie dermaßen überzeugend dreht, sollte von dieser Euphoriewelle in ausreichendem Maße getragen werden, um einen etwaigen Kräfteverschleiß zu kompensieren. Dies sollte auch für die angeschlagenen Spieler wie Farfan oder Raul gelten, seit deren Rückkehr in die erste Elf die stärkste Schalker Stammelf gefunden ist, die Ralf Rangnick auch gegen Gladbach wieder aufs Feld schicken wird.

 

Doch die Spiele in Helsinki sowie die ersten Halbzeiten gegen Köln und Mainz haben bewiesen, dass es auch anders laufen kann bei den Knappen. Wenn man diese nicht ins Spiel kommen lässt, sondern konsequent unter Druck setzt, dann lässt sich die Elf von Ralf Rangnick aus dem Konzept bringen. Lucien Favre wird vermutlich eine ähnliche Taktik wie bei den Bayern wählen und sollte damit die Schalker vor eine schwer zu knackende Aufgabe stellen. Da die Schalker im Tor mit Fährmann etwas wacklig besetzt sind und davor mit Matip, Papadopoulos und Höger einige Defensivspieler mit fragwürdiger Qualität aufbietet, sollten Borussias Offensivattacken ordentliche Aussichten auf Erfolg haben. Die Schalker Außenverteidiger haben ihre Vorzüge eher in der Offensive und sind dort zu beachten. Gleichermaßen leisten sie sich aber in der Defensive immer wieder Schwächen, die Reus und Arango ausnutzen können.

 

Die schlechte Bilanz, die Borussia in Gelsenkirchen vorweist, wo man seit 1992 nicht mehr gewinnen konnte, braucht die Mannschaft nicht zu belasten. Immerhin wurden allein in den letzten drei Wochen zwei langjährige Negativserien auf beeindruckende Weise gestoppt. Die Fans der Borussia sollten sich dennoch bei aller Euphorie vorab darüber im Klaren sein, dass die eigene Elf als Außenseiter in die Partie gehen wird. Ein Spiel wie gegen Wolfsburg wiederholt sich nicht alle Tage. Schalke wird ein anderes Kaliber sein und es wird unabhängig vom Ergebnis als Erfolg zu werten sein, wenn es der Mannschaft gelingt, sich gegen eine weitere Spitzenmannschaft zu behaupten.

 

Schalke: Fährmann – Höger, Höwedes, Matip, Fuchs – Farfan, Papadopoulos, Matip, Draxler – Raul, Huntelaar

 

Gladbach: ter Stegen – Jantschke, Brouwers, Dante, Daems – Reus, Nordtveit, Neustädter, Arango – Hanke, Bobadilla

 

Seitenwahl-Tips:

 

Michael Heinen: Beide Vereine schwimmen auf einer Euphoriewelle. Die von Schalke ist leider frischer und nachhaltiger. Deswegen gibt es für Borussia die höchste Niederlage in der Ägide von Lucien Favre. Schalke siegt mit 3:1.

 

Christian Heimanns: Unter Favre werden Negativserien beendet und kriegen Angstgegner endlich wieder selber Angst. Die Zuversicht des Anhangs traut der Mannschaft auch zu, in Gelsenkirchen zu siegen, aber soweit ist es noch nicht. Mit einem 2:2 Unentschieden legt die Borussia immer noch einen Bilderbuchstart hin und der Sieg in Schalke ist auch nur ein Jahr verschoben.

 

Christian Spoo: Borussia hält gut mit, aber Spieler wie Farfan und Raul lassen sich nicht 90 Minuten komplett in Schach halten. Am Ende behält Schalke mit 2:1 die Oberhand.

 

Christoph Clausen: Ja, ja. Realismus bewahren, Bäume wachsen nicht in den Himmel, es liegt noch viel Arbeit vor uns, die Tabellenführung ist nur eine Momentaufnahme. Alles richtig. Aber ich bringe es einfach nicht über mich, jetzt schon von der Euphoriewelle abzuspringen. Also tippe ich einen 2:0-Auswärtssieg.

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