Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach. Für den nostalgisch veranlagten Fußballfan liegt ein Zauber über dieser Begegnung. Bis weit in die 80er Jahre galt dieses Aufeinandertreffen als eines der wichtigsten Duelle in der deutschen Eliteklasse. Wenn die seinerzeit „besten Aufsteiger der Bundesligageschichte“ aufeinandertrafen, war ihnen die Aufmerksamkeit von Fußballdeutschland gewiss. Weder Hamburg gegen Bremen noch Schalke gegen Dortmund konnten seinerzeit mit diesem ewigen Klassiker der Bundesliga konkurrieren. Bayern gegen Gladbach war kein Fußballspiel im herkömmlichen Sinne. Hier trafen Systeme und Weltanschauungen aufeinander, Leidenschaft gegen Effizienz, Arm gegen Reich, Preußen gegen Bajuwaren, Offensive gegen Defensive.  Bayern München gegen Borussia Mönchengladbach. Keine andere Begegnung zeigt so deutlich den unterschiedlichen Werdegang von Traditionsvereinen auf. Wenn am Sonntag die ehemals stilbildenden Klubs aufeinandertreffen, liegt die einzige Gemeinsamkeit darin, eine fast verkorkste Vorsaison zu reparieren.


Die Vorstellungen von einer verkorksten Saison liegen dabei freilich weit auseinander. Für die Bayern erscheint es demütigend genug, dass sich der selbsternannte Weltclub in diesem Jahr für die Champions League qualifizieren muss. Dabei halten sich aber Scham und Erleichterung durchaus die Waage. Schließlich verdankt man nur dem Schwächeln von Hannover 96 in der Endphase der letzten Saison, sich in diesem Jahr nicht im „Cup der Verlierer“ mit Mannschaften wie Rabotnicki Skopje oder Olympiakos Volou messen zu müssen. Am Niederrhein ist man hingegen froh, gegen den FC Bayern München und nicht beim FC Ingolstadt starten zu dürfen. Letztendlich grenzt es immer noch an ein Wunder, nicht abgestiegen zu sein. So glücklich also beide Vereine sein können, letztendlich ihr Saison-Mindestziel erreicht zu haben – einig ist man sich, eine solche Zitterpartie nicht nochmal erleben zu wollen. Die Vorgehensweisen, dies zu verhindern, könnten hingegen unterschiedlicher nicht sein.

Bei der Borussia war man in der vergangenen Saison bemüht, die ausgerufene neue Kontinuität zu leben und somit auch bei Misserfolgen nicht in den im Profifußball üblichen Aktionismus zu verfallen. Angesichts der desolaten Hinrunde wirkte man dabei allerdings seltsam desorientiert und agierte erst, als bereits alles verloren schien. Dies rief naturgemäß viele Kritiker auf den Plan, welche auch nach der erfolgreichen Abwehr des Abstiegs und einer populistisch anmutenden Opposition um die Galionsfigur Stefan Effenberg nicht verstummt sind. In Mönchengladbach setzt man trotzdem den Weg der kontinuierlichen Weiterentwicklung fort. Dabei vertraut man im Wesentlichen der Mannschaft, welche in der letzten Saison auf der Zielgeraden den Abstieg abwenden konnte. Änderungen gab es alleine im Bereich der Ergänzungsspieler. Hier allerdings so vehement, dass es im Vorfeld für reichliche Diskussionen sorgte. In erster Linie standen Spieler zur Disposition, denen man den Sprung in die erste Elf nicht mehr zutraute. Sie wurden fast ausschließlich durch hoffnungsvolle Talente ersetzt. Dass Spieler wie Matmour, Anderson, Idrissou und Levels von dieser Bereinigung betroffen waren, überraschte und sorgte für Unruhe im Umfeld.

Dabei ist zu beachten, dass es keinem dieser Spieler in der vergangenen Saison gelungen war, seinen Mehrwert für die Mannschaft langfristig unter Beweis zu stellen. Wenn man sich also von diesen Spielern trennt, ist dies in gewisser Weise konsequent. Eine Konsequenz die man auch bei Beachtung des Werdegangs von Trainer Lucien Favre durchaus erwarten konnte. Auf allen seinen Stationen erneuerte er im ersten Schritt rigoros den vorhandenen Kader und formte ihn nach seinen Vorstellungen um. Stets erfolgreich möchte man hinzufügen, denn nach einem Jahr der Findung spielten Favres Mannschaften erfolgreich. Ein Zustand, gegen den man auch in Mönchengladbach nichts einzuwenden hätte. Was Fans und Experten hingegen zweifeln lässt, ist der Umstand, dass der Königstransfer in dieser Saison ausblieb. Man verstärkte sich bislang auf keiner Position sondern investierte vielmehr in die Breite des Kaders. Vor dem Hintergrund der vergangenen Saison ist dies vielen zu wenig.

Ganz anders agiert man beim Rekordmeister in München. Als der Erfolg ausblieb, nutzte man dies für einen offenen Machtkampf mit Erfolgstrainer van Gaal. Dieser hatte zwar in der Saison zuvor fast das Triple geschafft, doch sind solche Erfolge bei den Bayern im Zweifel bekanntlich Schnee von gestern. Nun soll es der vermeintlich pflegeleichtere Heynckes richten. Das die Freundschaft zu Präsident Hoeneß bei der Verpflichtung eine Rolle gespielt hat, ist dabei kein Geheimnis. Zudem ist Heynckes kein Mensch den es in den Vordergrund drängt. Die Eitelkeiten der Herren Hoeneß und Rummenigge nach Öffentlichkeit sollten somit leicht zu befriedigen sein. Es wäre aber falsch, die Verpflichtung des neuen Trainers rein auf subjektive Gründe zu begrenzen. Der ehemalige Gladbacher Coach hat in Leverkusen hervorragende Arbeit geleistet und auch die unangenehme Personalie Ballack letztendlich souverän und diplomatisch bewältigt. Hier zeigte er sich wesentlich feinfühliger als Nationaltrainer Löw in einer ähnlichen Situation. Dem Gladbacher Urgestein ist also zuzumuten, sich auf dem dünnen bayrischen Eis sicher zu bewegen. Somit war die Wahl der Münchener folgerichtig.

Heynckes bemühte sich auch sofort, den Kardinalfehler seines Vorgängers nicht zu wiederholen und forderte eine Stärkung der Defensive. Damit stieß er bei den Verantwortlichen des FC Bayern auf offene Ohren, schließlich waren die Defensivschwächen der Vorsaison nicht zu übersehen. Für die lange Zeit vakante Rechtsverteidigerposition holte man aus Genua einen alten Bekannten aus Schalker Zeiten. Rafinha stand schon länger auf der Wunschliste der Bayern, nun hat es endlich geklappt. Für die Innenverteidigerposition wurde Jerome Boateng aus Manchester verpflichtet. Ein Risiko, denn der gebürtige Berliner war bislang eher als Außenverteidiger erfolgreich. Dennoch gilt er als Wunschkandidat auf dieser Position, was durch den zähen Transferpoker mit Manchester bestätigt wurde. Weniger erfolgreich verlief hingegen die geplante Verstärkung im defensiven Mittelfeld mit dem Ex-Leverkusener Arturo Vidal. Der Chilene entschied sich nach langem hin und her für Juventus Turin, was man in München offensichtlich als persönliche Beleidigung aufnahm. Fehlende charakterliche Eigenschaften will der Vorstandsvorsitzende Rummenigge bei Vidal ausgemacht haben und übersieht dabei, wer den Transferpoker um den Ex-Leverkusener eigentlich begonnen hatte. Der Charakter von Königstransfer Manuel Neuer steht für den Bayern-Funktionär hingegen außer Frage. 22 Mio. Euro ließ man sich den Wechsel des Schalker Torhüters kosten. Und das, obwohl die Widerstände der Fangemeinde bereits während der letzten Saison offenkundig wurden. „Koa Neuer“ hallte es durch die Allianz-Arena. Insbesondere die Ultra-Szene machte ihrer Ablehnung lautstark Luft und verpflichtete den künftigen Bayern-Keeper zu Benimmregeln. Der Protest nahm teilweise groteske Züge an. Auch wenn sich die Ultras dabei selber der Lächerlichkeit preisgeben, Manuel Neuer dürfte bereits zu Beginn einen schweren Stand in München haben. Misslingt der Start, sind interne Unruhen vorprogrammiert.

Davon geht man an der Säbener Strasse allerdings nicht aus. Die Rheinländer sind so etwas wie der Lieblingsgegner, schafften sie es doch erst einmal, die Bayern in deren Stadion zu besiegen. Daran ändern auch offene Personalien nichts. Während Borussia Mönchengladbach personell fast aus dem Vollen schöpfen kann, bangt man an der Isar wieder einmal um das geniale Duo Robben / Ribery. Ob die Außenspieler am Sonntag zum Einsatz kommen ist fraglich. Zwar meldeten sich beide mit Sondertrainingsschichten zurück, Trainer Heynckes ist aber gut beraten, die verletzungsanfälligen Spieler nicht zu früh einzusetzen. Wirklich notwendig erscheint dies auch nicht. In Braunschweig zeigten sich die Bayern auch ohne „Robbery“ souverän. Im Gegensatz zum letzten Jahr ist der Kader ausgeruht, die Vorbereitung lief bis auf die Neuer-Groteske störungsfrei. Bei der Borussia fehlt hingegen lediglich Arango. Ihn wird voraussichtlich Lukas Rupp vertreten, der in Regensburg ein ordentliches Debüt im Rauten-Trikot gab. Neuzugang King darf allenfalls auf einen Einsatz von der Bank hoffen. Bayern ist somit am Sonntag Favorit. Die Rollen im vermeintlichen Klassenkampf sind eindeutig verteilt.  Doch bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt.

Aufstellungen

Bayern: Neuer – Rafinha, Boateng, Badstuber, Lahm – Schweinsteiger, Gustavo, Müller, Olic, Kroos  - Gomez
Borussia: Ter Stegen – Jantschke, Stranzl, Dante, Daems – Neustädter, Nordtveit, Rupp (Arango), Reus – de Carmargo, Hanke


SEITENWAHL-Prognose

Christoph Clausen: Für einen Gladbacher Erfolg bei den Bayern bräuchte es mindestens eine der folgenden Bedingungen: 1. ungewöhnlich gute Form der Borussia; 2.ungewöhnlich schlechte Form der Bayern; 3. viel Glück. Testspiel- und Pokalauftritte beider Teams sprechen nicht in besonderem Maße für 1 oder 2. Und auf 3 kann man nur hoffen, es aber nicht prognostizieren. Ergibt als Tipp einen Münchner Heimsieg, vielleicht mit 2:0.

Thomas Häcki: Es gibt sicherlich genügend Gründe, warum man in München punkten kann. Leider fällt mir keiner ein. Das 0:2 ist zwar kein Beinbruch, setzt aber die Borussia schon früh unter Druck.

Christian Heimanns: Falls den Bayern ihre erprobte Flügelzange fehlt, kann es für die Borussen zu einem 1:1 reichen

Michael Heinen: Die Bayern tun sich zwar lange schwer. Am Ende siegen sie aber mit 1:0 und Borussia kann sich zumindest rühmen, dem großen Favoriten Paroli geboten zu haben.

Christian Spoo: Nach dem 1:4 beim künftigen Deutschen Meister findet Borussia sich auf dem wohlbekannten letzten Tabellenplatz wieder. Jetzt bleiben nur noch 33 Spieltage, um da unten wieder rauszukommen.

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