1. FC KölnPlötzlich brachen die zwei in schallendes Gelächter aus. Diejenigen, die in ihrer Nähe saßen, wussten zunächst nicht, warum. Einen Witz hatte keiner gemacht. Ein Blick hatte ausgereicht, an jenem Novemberabend vor elf Jahren auf dem Gladbacher Bökelberg. Die heimische Borussia spielte an diesem Abend im DFB-Pokal gegen den 1. FC Kaiserslautern. Die Gladbacher waren in der zweiten Liga zuhause, der Gegner eine Klasse höher, aber davon war an diesem Abend nichts zu sehen. Tatsächlich führte der Zweitligist hoch verdient mit 3:1, am Ende sollte es ein 5:1 werden.  Als aber ein Gladbacher den Ball zu Uwe Kamps zurückspielte, ertönten wütende Pfiffe von der Haupttribüne. Da sahen sich die beiden Journalisten wortlos an. Und lachten laut.

 

Wie in einem Brennglas trat er hier zutage: der Hang der Fußballfans zu Erwartungen, die jedes Maß verlieren. Elf Jahre später ist es wohl das Wissen um diesen Hang, das Borussias Verantwortliche zur Vorsicht mahnen lässt. „Deutscher Meister wird nur der VfL“ singen im Fanblock schon die Ersten und meinen es nicht ironisch. Die ins Uferlose steigenden Ambitionen werden auch medial gespeist: Ob Gladbach das Zeug zum Titel habe, wurde ein entgeisterter Marc-André ter Stegen im Interview gefragt.

 

Der Spaß sei jedem gegönnt, solange man ein paar simple Realitäten nicht vergisst. Ja, Borussia spielt bislang eine überragende, eine wahrhaft herzerwärmende Runde. Aber die Mittel für eine Ersatzbank wie Borussia Dortmund, wie Bayern München, Werder Bremen, Schalke 04, Bayer Leverkusen oder der VfB Stuttgart hat sie nicht. Formkrisen oder schwere Verletzungen von Leistungsträgern könnte sie sehr viel schlechter kompensieren. Vieles spricht dafür, dass sie auch dann nicht so gnadenlos abstürzen würde wie in der Hinrunde der letzten Spielzeit. Aber wenn sie am Ende auf Platz neun landen würde, dann hätte auch das größten Respekt verdient. Dass momentan viele einem neunten Platz das Wörtchen „nur“ voranstellen würden, ist Indiz dafür, wie dramatisch die Borussen die Prognosen übertreffen.

 

Gewiss: Es fällt schwer, nach vier Siegen in Folge nicht ins Träumen zu geraten, vor allem angesichts der Art und Weise, wie nach Bremen nun auch Köln deklassiert wurde. Der Auswärtssieg in der Domstadt fiel ein Tor niedriger aus als im letzten Jahr. Deutlicher war er trotzdem. Allenfalls in den ersten zwanzig Minuten konnten die Kölner mithalten. Danach zogen die Borussen ihr Kurzpassspiel mit solch souveräner Selbstverständlichkeit auf und entschärften gegnerische Angriffsversuche mit solcher Sicherheit, dass man um das Wort Klassenunterschied schwer herumkommt.

 

Am Ende konnten die Kölner froh sein, dass die Borussen nach dem 3:0 ein paar Gänge zurückgeschaltet und dem Gegner ein Debakel erspart hatten. Entsprechend beeindruckt äußerten sich die Unterlegenen. Die „aktuell beste Mannschaft der Liga“ hatte Stale Solbakken ausgemacht, „um Klassen besser“ sah sie Sascha Riether, „überragend“ fand Michael Rensing das Gladbacher Spiel ohne Ball. Dass ihm das Spiel mit Ball drei Tore beschert hatte, musste er nicht extra erwähnen.

 

Es wirkt fast, als hätte es Methode: Sobald ein Klischee zu viel mediale Geschwätzigkeit provoziert, korrigieren es die Borussen auf dem Platz. Das galt für das Klischee vom Favreschen Minimalistenfußball. Oberflächliche Beobachter hatten es bemüht, als die Borussen drei Spiele in Folge mit 1:0 gewonnen hatten. Dabei hätte man sich die Partien vor allem gegen Nürnberg und Hamburg nur ansehen müssen, um zu erkennen, wie leicht sehr viel höhere Siege möglich gewesen wären. Gegen Bremen und Köln nutzte die Favre-Elf zwar nicht alle Chancen, aber genug, damit sich die Dominanz auch im Ergebnis spiegelte.

 

Es gilt auch für das Klischee von der BoREUSsia. Borussias Ausnahmespieler wäre der Erste, der zustimmt: Der Erfolg trägt nicht nur seinen Namen. Das hätte man auch vor dem rheinischen Derby wissen können; das Spiel zeigte es aber auch denen, die ihre Erkenntnisse in erster Linie aus dem Studium der Torschützenliste beziehen. Endlich wurde Mike Hanke auch persönlich zählbar für sein unermüdliches und für die Mannschaft so wichtiges Engagement belohnt. Es wäre keine Überraschung, wenn Roman Neustädter demnächst folgen würde. Wie schon gegen Bremen verpasste der Mittelfeldspieler auch gegen Köln einen Treffer denkbar knapp.

 

Am nächsten Spieltag wartet der schwerste Prüfstein, den die Liga aktuell zu bieten hat. Ein Prüfstein für die Gladbacher Defensive, denen Götze, Lewandowski, Kagawa und Großkreutz sehr viel mehr abverlangen dürften als ein erst übermotivierter und dann lustloser Podolski oder ein überforderter Peszko. Ein Prüfstein für die Gladbacher Offensive, der die Dortmunder kaum so naiv Räume gewähren werden, wie es die Bremer und Kölner taten. Falls es gegen den amtierenden Meister und aktuellen Tabellenführer aber die erste Heimniederlage der Saison setzt, wird das Spiel auch zum Prüfstein für den Realitätssinn der Gladbacher Anhänger.

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