VfL Wolfsburg„Durch diesen Sieg rücken die Bayern bis auf einen Punkt an Tabellenführer Mönchengladbach heran.“ Eine Radiodurchsage, die auf der Zunge zerschmolz wie Erdbeereis im Sommer.  Den betagteren Borussenfans mag eine schemenhafte Erinnerung erschienen sein. Diese beiden Protagonisten in dieser Rollenverteilung, das hatte es doch schon gegeben. Damals vor über dreißig Jahren, als die Kanzler Brandt und dann Schmidt hießen und die Charthits „El Condor Pasa“ oder „Yes, Sir, I can boogie“. Als die Gladbacher sich die Meistertitel mit Bayern München aufteilten und europaweit für begeisternden Fußball standen.

 

Aber schnell lagerte sich, wie ein Störsender, über diese Erinnerung eine zweite: an die letzten beiden Male, als die Borussia auf Platz gestanden hatte und am Saisonende jeweils abgestiegen war. An den 6:3-Erfolg in Leverkusen am zweiten Spieltag der Vorsaison, dem ein katastrophaler Absturz gefolgt war. Als „Gift“ hatte Max Eberl den Kantersieg im Nachhinein bezeichnet.

 

Abseits des Aberglaubens, zu dem Fußballer und ihre Fans neigen, spricht aber wenig dafür, dass sich die jüngere Gladbacher Geschichte wiederholt. Die Mannschaft hat in den letzten Monaten eine bemerkenswerte Gelassenheit im Umgang mit Rückschlägen entwickelt. Drei Leistungsträger in Abwehr- und Sturmzentrum verletzt oder gesperrt, dazu ein frühes Gegentor: Das wären in der letzten Hinrunde Garanten völliger Konfusion gewesen. Inzwischen hat die Mannschaft gelernt, auch in solchen Situationen die Struktur zu wahren und auf die eigene Chance zu warten. Ohne diesen Fortschritt hätte sie die Relegation nicht erreicht und erfolgreich bestritten.

 

Dass die eigene Chance am Freitagabend so schnell kam, dabei halfen freilich auch die Gäste kräftig mit. Wäre Kjaer nicht ausgerutscht, hätte Schulze sich gegen Reus nicht so plump angestellt, die Partie hätte sich sehr viel komplizierter gestalten können. So aber wuchsen den Gladbachern Flügel und den Wolfsburger Bleifüße. Die Kommentare waren hinterher übersät von Ausdrücken wie begeisternd, großartig, rauschend, glanzvoll und Galavorstellung. In der Tat: Streckenweise erinnerte nicht nur der Tabellenstand an die Zeit vor dreißig Jahren. Hans Meyer bemerkte mal, der Mythos der Weisweilerelf hänge wie ein Mühlstein um das Genick des Vereins. Daran ist viel Wahres, aber es ist doch nur die eine Seite der Medaille. Es hilft alles nichts: Wer Fans haben will, die selbst in den Niederungen der zweiten Liga das Team vieltausendfach quer durchs ganze Land begleiten, der muss auch mit der kollektiven Erinnerung leben, die sie dazu treibt, und mit der Sehnsucht, die daraus erwächst.

 

Am Freitag wurde diese endlich mal wieder gestillt. Dabei hat man sich an manches schon gern gewöhnt: an die Torgefahr eines Marko Reus, an die Souveranität eines Marc-Ancré ter Stegen, an die technischen Finessen eines Juan Arango, an die Nervenstärke eines Filip Daems, an die Passsicherheit eines Mike Hanke. Anderes war eine freudige Überraschung: Gegen Stuttgart hatte sich die Mannschaft immer wieder dumme Ballverluste geleistet, diesmal kombinierte sie sich phasenweise traumwandlerisch sicher durchs Mittelfeld.

 

Sicher: Hier wurden die Früchte sorgfältiger Trainingsarbeit geerntet. Mike Hanke ließ hinterher wissen, den besonders spektakulären Spielzug, der zum vierten Tor führte, habe man ganz ähnlich eingeübt. Es bleibt aber auch ein Stück Unerklärlichkeit daran, warum an diesem Abend so viele Spieler Glanzform erreichten. Insbesondere der oft kritisierte Roman Neustädter machte eines seiner stärksten Spiele für die Borussia: Sehr beweglich und ballsicher, war Neustädter zentraler Angelpunkt vieler gelungener Angriffszüge. Die Krönung seiner Leistung erfolgte vor dem vierten Treffer, als er rechtzeitig erkannte, dass die Wolfsburger Bobadilla ins Abseits stellen wollten, kurz verzögerte und dann im idealen Moment dem auf dem Flügel durchstartenden Arango den Ball auflegte. Sollte der Ex-Mainzer diese Form konstant abrufen können, wäre die Borussia auf der Achterposition ihrer Sorgen weitgehend ledig.

 

Im Tandem mit Neustädter machte auf Thorben Marx eine sehr ordentliche Partie. Von den Abstimmungsproblemen, die zwischen Marx und Bradley eher die Regel denn die Ausnahme gewesen waren, war kaum etwas zu sehen. So konnte Havard Nordtveit getrost in die Abwehr rücken und überzeugend nachweisen, warum dies im Trikot der norwegischen U21 seine Stammposition ist.

 

Ein Fortschritt schließlich war geradezu rätselhaft: Raul Bobadilla hatte so oft durch Undiszipliniertheit und Eigensinnigkeit die Fans verprellt, dass man am Freitag glauben mochte, ein Doppelgänger habe seinen Platz eingenommen. Der Argentinier verband seine gewohnte Robustheit im Zweikampf mit engagierter Defensivarbeit und dem wachen Blick für den Mitspieler. In dieser Verfassung gehört der Stürmer zur gehobenen Bundesligaklasse. Er wurde nach seiner Auswechslung völlig zu Recht mit Standing Ovations gefeiert.

 

So gibt es genug Anlass, um eine Woche lang zu schwelgen, ein bisschen wenigstens. Natürlich weiß jeder, der seine Sinne noch beisammen hat, dass die Tabellenführung nicht von langer Dauer und vielleicht schon nächste Woche wieder Geschichte sein wird. Aber der Abend des 19. August 2011 war dennoch ein besonderer. Er hat nicht nur herzerwärmende Erinnerungen geweckt an längst vergangene Glanzzeiten. Er hat den Anhängern dieses Vereins auch eine neue Erinnerung geschenkt, eine wunderschöne. Die Seele des leidgeprüften Borussenfans braucht das, von Zeit zu Zeit.

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