Visionen sind gut, Visionen geben Kraft, Visionen sind die Triebfeder des Fortschritts. Und manchmal sind Visionen auch so stark, dass man gar nicht wahrnehmen möchte, wenn etwas schief geht. Der Blick geht nur nach vorne, die Scheuklappen behindern die Wahrnehmung so sehr, dass man die Katastrophen gar nicht nahen sieht. Davon berichtet schon das Alte Testament, als die Menschheit die Vision hatte, einen Turm in den Himmel zu bauen. Das fand der Herrgott nicht sehr originell und schob dem einen Riegel vor. Der Rest ist bekannt. „Nicht einmal Gott könnte dieses Schiff versenken" soll Bruce Ismay, der Eigner der Titanic, ein paar tausend Jahre später beim Stapellauf des damals modernsten Luxusliner der Welt gesagt haben. Teilweise hat er Recht behalten, denn das erledigte bei der Jungfernfahrt dann auch ein höchst irdischer Eisberg. Und damit sind wir auch schon bei der Vision von Borussia Mönchengladbach.

 

Leider fallen einige Gemeinsamkeiten nur zu deutlich ins Auge. Zuversichtlich stach die Titanic in See und so starteten die Fohlen auch in die Saison. Als die Lage ernst wurde, bzw. als man gegen mittelmäßige Teams mit 0:4 und 0:7 unterging, blieb man jeweils ruhig und lies sich nicht auf seinem Weg beirren. Und obwohl das Schiff immer deutlicher Schlagseite bekam, wurde die nahende Katastrophe lange, schließlich zu lange, ignoriert. Am Ende stand eine der größten Schiffskatastrophen der Geschichte. Oder eben der dritte Abstieg. Mittlerweile ist bei der Borussia der Schiffsrumpf so voll gelaufen, dass die Ratten aus allen Löchern kriechen, sei es in Form einer Initiative oder in Person eines bekannten Fernseh-Clowns mit Frisur-Problemen. Die Lethargie der Schiffscrew spielt ihnen dabei in die Karten.

Ausgerechnet jetzt bekommt man Besuch aus der größten deutschen Hafenstadt. Mit Schiffbrüchen kennt man sich beim HSV weniger aus, wohl aber mit geplatzten Visionen. Als stolzes hanseatisches Passagierschiff stach man mit dem Ziel, mindestens einen internationalen Platz zu erreichen, in See. Mittlerweile dümpelt man als Hafenbarkasse im Mittelfeld der Bundesliga. Dazu spielen die Hamburger mittlerweile fast genauso erfolglos wie die Elf vom Niederrhein, allerdings nicht ganz so erbarmungswürdig. Von den letzten neun Spielen verlor man sechs. Einschließlich des DfB-Pokals wurden die letzten fünf Auswärtsspiele allesamt punktlos abgegeben. Dabei scheint das Problem an der Alster ähnlich wie an der Niers zu sein. In Hamburg fehlen mit Petric und Mathijsen ebenfalls zwei wichtige Akteure, was dem sportlichen Erfolg letztlich abträglich ist. Das auch Kacar, Benjamin, Jansen und Diekmeier ausfallen, macht die Situation nicht einfacher. Der ausbleibende Erfolg hat bereits in den Führungsetagen für Unruhe gesorgt. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Horst Becker, trat am Dienstag von seinem Amt zurück. Das dürfte allerdings kaum für eine Atempause beim Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann sorgen. In ihm haben die Fans einen Verantwortlichen für die Krise ausgemacht, was sie nach der 2:4 Heimpleite gegen Leverkusen auch deutlich zum Ausdruck brachten. Das auch Armin Veh nicht grade geliebt wird, ist dabei eher eine Randerscheinung. Wenn am Niederrhein der Keller unter Wasser steht, dann ist in der Hansestadt Feuer unterm Dach.

Ausgerechnet also der HSV. Bereits vor Jahresfrist stand Michael Frontzeck mit dem Rücken zur Wand. Dann fuhr man nach Hamburg und gewann sensationell nach zweimaligem Rückstand. Der „Bock" war umgestoßen. Erlebt die Borussia vielleicht ein Dejà-vu? Besteht also doch noch ein Fünkchen Hoffnung für die Fohlenelf? Wer sich die letzten Spiele der beiden Mannschaften angeschaut hat, darf dies bezweifeln. Der Unterschied liegt darin, dass man in Hamburg nach Rückständen noch kämpft, während man in Mönchengladbach bereits beim ersten Gegentor resigniert – egal wann es fällt. Auf was man bei der Borussia noch hofft, ist dem Beobachter ein Rätsel. Die Winterpause wird dabei kaum die Rettung sein, denn bis dahin hat man (unnötig) viele Spiele abgegeben und wird höchstwahrscheinlich auch aus dem Pokal ausgeschieden sein. In einem Aufeinandertreffen zweier völlig verunsicherter Mannschaften scheint das Heimteam also die schlechteren Voraussetzungen zu haben. Die Hamburger sind schlagbar, allerdings nur mit einem Mindestmaß an Selbstvertrauen. Und dies zu vermitteln ist eben auch Aufgabe des Trainers. Schafft er dies auch gegen Hamburg nicht, bleiben eigentlich keine Argumente mehr, nicht die Reißleine zu ziehen. Mag sein, dass sich die Verantwortlichen bei einer erneuten Niederlage endlich aus ihrer Starre lösen. Vielleicht ist es dann aber auch bereits zu spät. Auch bei der Titanic füllte man erst die Rettungsboote, als schon zuviel Zeit verstrichen war. Wahrscheinlich ist allerdings, dass man dem Schiff weiter beim Untergang zuschaut. Dann sollte man konsequenterweise kontinuierlich für die zweite Liga planen.

Der HSV

Torwartwechsel? Gab es auch in Hamburg. Erst Rost, dann Drobny, nun wieder Rost. Rotationen in der Viererkette? Bei den Norddeutschen nicht unbekannt. Was den Gladbachern ihre linke Problemzone, dass ist den Hamburgern ihre rechte Verteidigerseite. Wenigstens in der Innenverteidigung hat man mit Westermann und Demel nun so etwas wie Kontinuität. Gezwungenermaßen, denn eigentlich ist Demel ein Außenverteidiger und springt dort nur für den verletzten Mathijsen ein. Auch das kommt bekannt vor. Auf links ist Aogo zurückgekehrt. Rechts hilft nach dem Ausfall von Benjamin nur noch der Blick in die Glaskugel. Tesche? Rincon? Sie alle haben in dieser Saison bereits diese Position gespielt und enttäuscht. Aber auch das Mittelfeld ist eine einzige Enttäuschung. Jarolim spielt im defensiven Mittelfeld halbwegs konstant und demonstriert, wie wichtig ein starker Sechser sein kann. Trochowski müht sich, läuft aber buchstäblich seiner Form hinterher. Zé Roberto scheint in Gedanken bereits in seiner brasilianischen Heimat zu sein. Im Sturm spielt van Nistelrooy die Rolle des Ungeheuers von Loch Ness. Ab und an wird er gesichtet, um dann für Wochen erneut unterzutauchen. Das alles klingt nicht gut und es ist auch nicht gut. In Hamburg spielt zusammen, was nicht zusammen gehört. Am viel zitierten Wort „Zweckgemeinschaft" stört hier eben die Gemeinschaft. Das ist einer der Hauptkritikpunkte am Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann. Der in Mönchengladbach viel gerühmte Plan scheint bei den Hanseaten gänzlich zu fehlen. Lediglich der individuellen Klasse einzelner Spieler sind zwischenzeitliche Erfolgserlebnisse zu verdanken. Bezogen auf die Qualität des Kaders ist dies natürlich viel zu wenig.

Die Borussia

Machen wir es kurz. Im Tor steht Christofer Heimeroth. Marco Reus kehrt nach abgesessener Gelbsperre wieder ins Team zurück. Nach der fünften Verwarnung fehlt hingegen Tobias Levels. Damit sind alle genannt, die nicht bereits beim ersten Rückschlag in Resignation verfallen sind und damit ihren Job völlig unprofessionell ausüben. Da es somit völlig gleichgültig erscheint, wer die restlichen neun Plätze ausfüllt, wird darüber der Mantel des Schweigens gehüllt. Erwartet werden dürfen die üblichen Verdächtigen, was schon in der Vergangenheit nicht funktioniert hat. Natürlich ist das Verletzungspech vorhanden. Wenn aber einzelne Spieler (z. B. Daems oder Bradley) wiederholt zeigen, dass sie bestimmte Positionen einfach nicht spielen können, sollte man über Alternativen nachdenken und sich nicht in Ausreden für die eigene fehlende Kreativität flüchten.

Aufstellungen

Borussia: Heimeroth – Schachten, Callsen-Bracker, Daems, Wissing – Marx, Bradley – Reus, Arango –de Camargo, Idrissou

 

HSV: Rost – Rincon, Demel, Westermann, Aogo – Jarolim- Zé Roberto, Trochowski, Son – Guerrero, van Nistelrooy

 


SEITENWAHL-Prognose

Christoph Clausen: 0:2

Thomas Häcki: Der HSV ist absolut schlagbar. Aber das war auch Hannover, Mainz oder Freiburg. Dieses Spiel entscheidet die Psyche. Leider ist zu befürchten, dass das Spiel in den Köpfen bereits vor dem Anpfiff verloren ist. Und so gilt für die Borussen wieder einmal: „Sie waren stets bemüht….". Heimniederlage mit 0:2.

Christian Heimanns: Wenn ein Gegner mal recht käme, so richtig in einer dicken Krise und als Opfer und Aufbauhilfe geeignet, dann wäre das der HSV. In Hamburg werden sie umgekehrt das gleiche von Borussia denken. Nachdem so alle Zutaten für ein nervöses Spiel in Eiseskälte vorhanden sind, wird die Mannschaft mit ganz leicht besserer Abwehr gewinnen - 0:1 für den Norden.

Michael Heinen: Endspielstimmung im Borussia-Park. Für mindestens einen Ex-Borussen wird es die letzte Partie als Trainer seiner aktuellen Mannschaft sein. Wollen wir hoffen, dass Armin Veh mit der 5. Auswärtsniederlage des HSV in Folge von der Bundesliga erlöst wird. So sehr seine Elf aber derzeit kriselt: Nach den letzten Spielen fällt es schwer sich vorzustellen, wie Borussia irgendein Spiel gewinnen sollte. Daher droht ein 1:3, das einen weiteren Sargnagel ins kaum noch zu verhindernde Borussen-Grab zimmert.

Christian Spoo: In der momentanen Zusammensetzung, mit dem zur Verfügung stehenden Personal und den Wirren im Umfeld kommt Borussia nicht auf die Füße. Nach dem 1:4 bleibt nur die vage Hoffnung auf eine glücklichere Zeit nach dem Jahreswechsel.

 


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