Krise? Was für eine Krise? Michael Frontzeck war die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben. Gefragt hatte ihn ein Reporter nicht nach der aktuellen Lage bei Borussia. Die ist, das wird wohl auch Frontzeck uneingeschränkt konzedieren, nach wie vor mit Krise sehr richtig überschrieben. Die Frage des Journalisten aber bezog sich auf den nächsten Gegner, auf Mainz 05. Und dessen Situation – Tabellendritter mit 24 Punkten – weigert sich Frontzeck wohl zu Recht, als Krise zu bezeichnen.  



Mainz 05

Das Krisengerede in Mainz hatte der unglücklich aussehende Interviewer allerdings nicht erfunden. Tatsächlich scheint der Fußballfrieden in Rheinhessen spätestens nach der 0:1-Niederlage gegen Hannover vom vergangenen Samstag leicht gestört zu sein.

N
ach großartigem Start (sieben Spiele, sieben Siege) haben die Mainzer zuletzt viermal in Folge verloren. Am vergangenen Samstag zeigte sich, wie schnell auch im bis dato immer friedlich-kuscheligen Mainzer Fußballbiotop die Erwartungen in die Höhe schnellen – und wie leicht die Anhänger infolgedessen enttäuscht reagieren. Mit Pfiffen quittierten die Mainzer Fans die erfolglosen Bemühungen der Mannschaft, den Ball im Tor des Gegners Hannover 96 unterzubringen. Dabei spielte Mainz nicht schlecht, war engagiert, hatte zahlreiche Chancen, blieb aber glücklos.  

Mit Unverständnis reagierte – zurecht – auch der Torhüter der 05er. Schon während der Partie konterte Christian Wetklo die Pfiffe, indem er der Kurve einen Vogel zeigte. Unmittelbar nach Abpfiff der Partie echauffierte sich Wetklo auch mit Worten über die seiner Ansicht nach unangebrachten Unmutsbekundungen des Publikums. „Wer ein Team sehen will, das Deutscher Meister werden kann, soll doch zu den Bayern gehen“ gab der Schlussmann im Sky-Interview zu Protokoll. Er habe sich gefühlt, wie bei einem Auswärtsspiel. Wenig überraschend kochten die Emotionen danach weiter hoch. Während Vereinspräsident Harald Strutz dem Torhüter beisprang, ging Trainer Thomas Tuchel auf Distanz. Mit der etwas merkwürdigen Einlassung, die Mannschaft selbst habe die Erwartungen ja hoch geschraubt, ließ der Trainer seinen Torwart öffentlich im Regen stehen. 
 

Klar ist: ein Großteil der Mainzer Fans ist nicht bereit oder in der Lage, den sensationellen Saisonstart als das zu sehen, was er ist: ein Ausreißer nach oben, der die Mannschaft sehr frühzeitig in die glückliche Lage versetzt hat, nicht mehr nach unten schauen zu müssen. Niemand konnte erwarten, dass die Siegesserie immer weiter anhält. Angesichts der Tatsache, dass das Team auch bei den bislang fünf Niederlagen in dieser Saison nie wirklich chancenlos war oder gar richtig schlecht spielte, wirkt die Unzufriedenheit des Publikums vollends bizarr – zumindest wenn man mit den Augen eines häufig und kräftig gebeutelten Borussenfans nach Mainz schaut. Die Krise der Mainzer hätte man als Borusse liebend gern. Andererseits sollte man nicht zu deutlich den Finger in Richtung der Mainzer Anhängerschaft ausstrecken. Auszuschließen wären solche Reaktionen in ähnlicher Situation auch in Gladbach nicht. Auszuschließen ist, Erfahrung macht klug und pessimistisch, allenfalls die ähnliche Situation an und für sich.
 

In Mönchengladbach wird Mainz 05 fast in Bestbesetzung antreten können. Die verletzten Polanski und Caligiuri stehen wieder zur Verfügung. Allein Innenverteidiger Bo Svensson fehlt wegen einer Knieverletzung. Mit Lewis Holtby und André Schürrle hat Mainz seit Mittwoch zwei neue Nationalspieler im Kader. Ob beide von Beginn an spielen werden ist trotz ihres gewachsenen Renommées keinesfalls gewiss. Thomas Tuchel ließ in dieser Saison schon des Öfteren einen der beiden Jungstars zunächst auf der Bank. „Müde“ seien die beiden derzeit, analysiert Trainer Tuchel, der gewisse Erschöpfungszustände bei vielen seiner Spieler festzustellen meint. Der dritte deutsche Nationalspieler in Reihen der Rheinhessen hat in dieser Saison gar noch keine Minute gespielt. Malik Fahti ist nach seiner Rückkehr aus Moskau über den Reservistenstatus nicht mehr hinausgekommen. Der Linksverteidiger kommt am bisher sehr guten Österreicher Christian Fuchs nicht vorbei. Ein Startelf-Einsatz Fahtis im linken Mittelfeld an Stelle von Lewis Holtby scheint in Gladbach allerdings nicht ausgeschlossen.
 

Borussia
 

Was ein einziges Spiel doch ausmachen kann! Schwankte die Stimmung unter Borussias Fans vor dem Derby wochenlang zwischen Verzweiflung, Wut und Resignation, ist plötzlich wieder eitel Freude angesagt. Zwar ist allerorten auch zu hören, dass die Partie in Köln „nur ein Spiel“ war, in dem es „nur drei Punkte“ gab – aber die gefühlte Wahrheit ist für die Mehrheit der Anhänger wohl näher an den neun Punkten, die schon Tobi Levels nach dem Abpfiff gewonnen zu haben glaubte.
 

Schön ist auf jeden Fall, dass der Derbysieg die unselige Trainerdiskussion für ein paar Tage gestoppt hat. Zwar scheint im Verein selbst tatsächlich niemand an einen Trainerwechsel gedacht zu haben, aber es war auch schön, eine Woche lang auf die Presse-Unkereien von den angeblichen Gesetzmäßigkeiten der Branche und die Tiraden vieler Experten in den Diskussionsforen verzichten zu dürfen.
 

Nichtsdestoweniger ist die Lage Borussias nach wie vor prekär. Die Mannschaft steht immer noch auf einem Abstiegsplatz, die Konkurrenten Schalke und Kaiserslautern konnten am vergangenen Wochenende jeweils noch einen schon verloren geglaubten Punkt retten. Allein das Abrutschen des FC St.Pauli in Richtung Tabellenkeller darf aus Borussensicht als positiv gewertet werden. Angesichts des bisherigen Verlaufs der Bundesligasaison können wir es uns kaum noch leisten, nur auf uns selbst zu gucken – jeder zusätzliche Konkurrent im Abstiegskampf muss uns wohl oder übel willkommen sein – es reicht, dass mit Freiburg, Hannover und, ja, auch Mainz schon drei ursprünglich schlechter eingeschätzte Teams schon fast uneinholbar davongezogen sind. 
 

Nach dem Ablauf der Rotsperre von Juan Arango kann Borussia am Samstag gegen Mainz erstmals seit langer Zeit wieder in Bestbesetzung antreten – das gilt allerdings ausschließlich für die Offensive. Der Venezolaner hat vier Bundesliga-Spiele ausgesetzt, zwischendurch allerdings beim Pokalspiel gegen Leverkusen eine sehr ordentliche Vorstellung geliefert. Angesichts der noch nicht konstanten Form von Patrick Herrmann (der zudem angeschlagen ist), ist die Rückkehr des Mannes mit der Nummer 18 eine gute Nachricht. 
 

Ganz vorne wäre Trainer Michael Frontzeck nach dem überzeugenden Auftritt des Angriffsduos De Camargo/Bobadilla mit dem Klammerbeutel gepudert, würde er personell etwas ändern. Auf den Auftritt von Raul Bobadilla warten Borussias Fans gespannt. In der Vergangenheit war es immer das gleiche: nach einem guten Spiel und vielen Worten von geplatzten Knoten und gelernten Lektionen stand eine Woche später wieder der andere Raul Bobadilla auf dem Platz. Der eigensinnige, der sinnfrei wütende, der ineffektive Raul Bobadilla. Kaum etwas wäre dem Argentinier, seinen Teamkollegen und uns Fans mehr zu wünschen, als dass der Stürmer seine Leistung einmal über mehrere Spiele hinweg auf höherem Niveau zu konservieren schafft. 
 

Die Borussen-Defensive ist im Gegensatz zur Offensive von „Bestbesetzung“ so weit weg, wie der 1.FC Köln von einem ruhigen Umfeld. Die Dramatik und Signifikanz der erneuten Verletzungen von Roel Brouwers und Dante sind angesichts der Freude über den Derbysieg ein wenig in den Hintergrund geraten, und in der Tat war es zur Abwechslung mal ganz nett, nicht nur über Rückschläge zu sprechen sondern sich einfach mal ein bisschen zu freuen.
 

Jetzt aber ist Schluss mit Freuen, wir haben ein neues altes Abwehrproblem. Wie eminent wichtig Roel Brouwers sein kann, war in der zweiten Halbzeit des Bayern-Spieles deutlich zu sehen. Erst mit der Einwechslung des Niederländers kehrte Ruhe ins Gladbacher Spiel ein. Die Abwehr, die bis dahin ein Bild des Jammers abgegeben hatte, stand plötzlich stabil. Auch gegen Köln war Brouwers ein beruhigender Faktor und agierte bis zu seiner Verletzung souverän. Über den Wert eines gesunden Dante muss ohnehin kein Wort mehr verloren werden.
 

So wird am Samstag voraussichtlich die vom Boulevard hämisch aber nicht ganz zu Unrecht als „Wackel-Abwehr“ verspottete Formation ihr unerwartetes und unerwünschtes Comeback geben. Dass der reaktivierte Jan-Ingwer Callsen-Bracker direkt ein Kandidat für die Startelf ist, darf als unwahrscheinlich gelten.
  

Aufstellungen 

Borussia
: Heimeroth – Levels, Anderson, Daems, Schachten – Marx, Bradley – Reus, Arango – de Camargo, Bobadilla

Mainz: Wetklo - Heller, Bungert, Noveski, Fuchs – Karhan, Polanski – Schürrle, Ivanschitz, Holtby (Fahti) – Szalai
 

SEITENWAHL-Prognose:
 

Christoph Clausen
: Dies ist eines der Spiele, in dem ich mir völlig konträre Szenarien gleich gut vorstellen kann. Entweder: Borussia macht die gleichen Fehler wie nach dem Sieg in Leverkusen und Mainz gelingt ein frühes Tor. Am Ende steht ein 0:3 und große Ernüchterung. Oder: Borussia hat gelernt und geht von der ersten Minute konzentriert, diszipliniert und engagiert zu Werke. Die Abwehr steht nicht zu tief, der Mainzer Aufbau wird früh gestört und am Ende steht ein 3:0 und große Erleichterung. Da ich mich nicht entscheiden kann, was ich für wahrscheinlicher halte, wähle ich die Mitte: ein 1:1 Unentschieden. 

Thomas Häcki
: Sechs Halbzeiten in Serie spielte die Borussia grauenhaften Bundesligafussball. Dann kam Roel Brouwers zurück in die Abwehr und plötzlich zeigte man den Fussball, den man zu spielen in der Lage ist. Nun fehlt Brouwers und mit ihm Dante. Das macht das Spiel nur schwer prognostizierbar. Aus bewährtem Zweckpessimismus lautet der Tipp daher 1:2 mit dem Zusatz, dass im Falle eines Sieges der "Bock umgestossen" ist. 

Michael Heinen: Borussia ist wieder auf dem Weg der Besserung. Gegen engagierte, aber inzwischen glücklose Mainzer gelingt ein 2:1-Sieg, mit dem die Abstiegsränge endlich wieder verlassen werden.

Christian Spoo
: Ich lasse mich nicht blenden vom Derbysieg. Konstanz ist in dieser Saison bis dato ein Fremdwort und ich sehe wenig Grund, warum sich das genau jetzt ändern sollte. Der Ausfall von Brouwers und Dante macht es mir zusätzlich schwer, in Bezug auf das Mainz-Spiel optimistisch zu sein. Zu allem Überfluss pfeift mit Babak Rafati auch noch der schlechteste Schiedsrichter der Bundesliga. Nein, wir werden weiter auf den ersten Heimsieg warten müssen. Mainz schießt sich mit einem 2:0 aus der eingebildeten Krise und uns tiefer in die echte.


Christian Heimanns:  Erfahrene Tippspielprofis wissen, mit dem Trend tippen zahlt sich aus. Ein 2:1 Sieg für Borussia ist gebucht.



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