Erzgebirge AueErkennbar stolz über den Aufstieg in die 2. Bundesliga und ein (noch nicht ganz fertiges) neues Tribünendach rief der Präsident des FC Erzgebirge Aue in einer unmittelbar vor Spielbeginn ausgestrahlten Videobotschaft seine Mannschaft zum „Kampf um jeden Ball“ auf. Die Lilaweißen setzten diese Aufforderung ab der ersten Minute überzeugend um und kauften der Borussia die erste halbe Stunde und noch einmal zu Beginn der zweiten Halbzeit den Schneid ab. Allein, der Mut der Wismut brachte nicht den Einzug in die zweite Pokalrunde, denn der Erstligist begann schließlich, sich zu wehren. Dessen solide Abwehrleistung – nicht nur, aber insbesondere, als Brouwers in der 62. Minute auf der Torlinie eine Auer Führung verhinderte –, eine deutliche Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte der Partie und ein an diesem Samstagabend effizienter Umgang mit eigenen Torchancen machte letztlich den Unterschied und die Borussia darf hoffen, so durchaus noch weitere Pokalrunden zu erreichen.

Michael Frontzeck konnte auf Arango länder- sowie auf de Camargo und Bobadilla bänderbedingt nicht zurückgreifen, aber letztlich ein schlagkräftiges Team aufstellen. Anstelle des verletzten Bailly bewachte Heimeroth, der beim einzigen Gegentreffer chancenlos war, das Borussentor fehlerfrei. Die Viererabwehr Levels – Dante – Brouwers – Daems riegelte mit wenigen Ausnahmen den Gladbacher Strafraum gegen eindringende Erzgebirgler erfolgreich ab. Marx und Herrmann lieferten hinten wie vorne eine solide Leistung. Das Kombinationsspiel von Bradley und Reus mit dem Sturmduo Matmour und Mo Idrissou wurde im Spielverlauf immer besser und mit insgesamt drei sehenswerten Treffern belohnt.

In der ersten Halbzeit gelang es dem Gast jedoch noch nicht, nach der Balleroberung schnell und sicher auf Offensive umzuschalten. Aue hattte durch gutes Stellungsspiel und engagiertes Nachsetzen zunächst mehr vom Spiel, ohne jedoch zu zwingenden Chancen zu kommen. Eine solche gelang der Borussia dann in der 35. Minute, als Mo Idrissou nach Flanke von Matmour das Auer Gehäuse knapp verfehlte. In der Flutlichtatmosphäre des Lößnitztales entwickelte sich ein typisches Pokalspiel, das letztlich erst durch den Treffer des besten Gladbachers Marco Reus in der 87. Minute zum 1:3 entschieden wurde. Sowohl das 0:1 der Gäste in Spielminute 38 durch den auch in der 2. Hälfte sehr starken Bradley als auch der Ausgleich durch den Auer Hochscheidt gelang nach einem schnell ausgeführten Konter. Wäre Ballbesitz eine Erfolgskategorie im Fußball, hätte die zwischenzeitlich mit Wechselgesängen „Wismut“ und „Aue“ gefeierte Heimmannschaft geführt.

In der zweiten Halbzeit kamen zwischenzeitlich alle Zuschauer, mit zunehmender Spieldauer aber vor allem die gut zweitausend mitgereisten Fohlenfans auf ihre Kosten. Kämpferisch zog die Borussia gleich und konnte sich spielerische Vorteile erarbeiten. Eine Auer Führung schien, vor allem in der Phase nach dem Ausgleich in der 47. Minute, den Gästen vom Niederrhein zu drohen. Doch so wie die Borussia nach vorne hin zunehmend lauf- und kombinationsstärker agierte, verteidigte sie nach hinten – wenn nötig eben auf der Linie – erstligaentsprechend. Die Führung durch Idrissou in der 64. und die Entscheidung durch Reus machten den insgesamt verdienten Sieg perfekt. Dabei konnte sich der eingewechselte Roman Neustädter mit seinem klugen Zuspiel noch ins Scorerbuch eintragen. Die für die Schlussviertelstunde bei Aue mitspielenden frischen Kräfte Wemmer und Kempe konnten hingegen keine Wende mehr bewirken.

Letztlich konnte aber auch der unterlegene Zweitligist FC Erzgebirge Aue auf die gezeigte Leistung stolz sein und wurden von seinen Fans bei Ehrenrunde und Steigerlied angemessen verabschiedet. Wenn es den Erzgebirglern gelingt, in den Ligaspielen ähnliche Leistungen zu zeigen und noch effizienter vor dem gegnerischen Tor zu agieren, scheint auch der Klassenerhalt für den früheren dreimaligen DDR-Meister machbar. Dieser spielte unter seinem früheren Namen BSG Wismut Aue zuletzt international, als einige der aktuellen Spieler noch gar nicht geboren waren: Im Herbst 1987 kam man gegen Reykjavik noch in die zweite Runde des UEFA-Cups, um dann nach 0:2 gegen KS Flamurtari im albanischen Vlora auszuscheiden und sich so bis heute von der europäischen Bühne zu verabschieden. Auch Borussia Mönchengladbach spielte in jener Saison im UEFA-Cup-Wettbewerb, jedoch mit zwei Niederlagen gegen Espanyol Barcelona nur in der ersten Runde. Die vorerst letzten europäischen Pflichtspiele der Borussia fanden dann neun Jahre später – mit Erfolg gegen Arsenal London und mit weniger Erfolg gegen AS Monaco – statt. Nur vier weitere DFB-Pokalspiele führten, würden sie gewonnen, zur sechsten Finalteilnahme in Berlin und damit wäre erfahrungsgemäß auch der Zugang zum europäischen Wettbewerb erreicht. Im letzten Jahr hätten Siege gegen Duisburg, Augsburg, Köln und Bremen - genau in dieser Reihenfolge natürlich - dazu verholfen. Im DFB-Pokal 2010/11 hat die Borussia am Samstagabend im Lößnitztal am Fuße des Zeller Berges schon einmal einen guten Anfang gemacht. Auf weitere spannende Pokalrunden darf gehofft werden.



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