Ich will nicht schwindeln, ich werde nicht schwindeln,
die Zeiten sind schwarz, ich mach euch nichts weis

In einem Gedicht von Erich Kästner finden sich diese Zeilen, bei denen man sich vorstellen könnte, wie der einzigartige Dichter das Wort auf der nächsten Jahreshauptversammlung von Borussia Mönchengladbach ergreift. Der Verein lebt wahrhaftig in schwarzen Zeiten und wenn das dort auch nichts neues ist, bekommen sie inzwischen doch einen noch trostloseren Anstrich als üblich.


Eine Niederlage bei Bayern München ist für die Gladbacher Borussen nun wirklich nichts neues. Eine gewisse opferbereite Schicksalsergebenheit auch nicht, mit der man das Unheil über sich ergehen lässt. Ungewohnt und unangenehm ist es aber, wenn dieser Fatalismus eine Größenordnung annimmt wie dieser Tage und sämtliche Fans und Experten um den Verein nur noch die Höhe der Niederlage kalkulieren. "Wieviel werden wir wohl kriegen?" war einer der meistgehörten Sätze zuletzt, und das gegen einen FC Bayern, der keineswegs den Maßstab der nationalen Klasse darstellt. Dabei kann man dem dermaßen entnervten Anhang noch nicht mal einen Vorwurf machen. Zynismus und Demut sind einfach nur die Folge ungezählter Enttäuschungen, ein Gradmesser für das, was den Fans zugemutet worden ist, ein Anzeiger für den sportlichen Wert, für fehlende Hoffnungen und die Stimmung im Verein. Wiederholung gegen Dortmund zu erwarten.


Dass das Spiel braver Borussen gegen biedere Bayern nur 1:0 verloren ging, heisst auch leider nicht im mindesten, dass die Lage nicht so schlecht wäre. Es steht das typische Panorama "niederrheinischer Abstieg" in Aussicht, mit den wesentlichen Elementen: Klarer und vorzeitiger Abstieg als Tabellenletzter, Verlust hoffnungsvoller Talente und der besten Spieler. Das geschieht in Mönchengladbach nun zum dritten Mal und es fühlt sich noch schlechter an als die ersten beiden Male.


Die Zeit liegt im Sterben, bald wird sie begraben,
im Osten zimmern sie schon den Sarg


Wir können nur vermuten, dass Kästner hier Köln gemeint hat. Sicher ist die depressive Stimmung um das Großstädtchen, das sich Vitusstadt nennt, höchst berechtigt. Aber warum fühlt es sich dieses Mal mehr als sonst wie Folter an? Beim ersten Mal hatte die Anhängerschaft kaum die endgültige Degradierung zum Durchschnittsverein vergegenwärtigt, da sorgte ein so ungewöhnlicher Trainer wie Hans Meyer bereits für Aufbruchsstimmung. Bis zum zweiten Abstieg gab es immerhin sechs Jahre 1. Bundesliga. Nach einer sagenhaft knappen Rettung im ersten Jahr und ein bisschen Hans Meyer folgt nun der Abstieg im dritten und es verbreitet sich vielfach die Stimmung, dass es jetzt zuviel war.


Jeder missgelaunte Fan hat seine eigenen Gründe, aber ein paar Ursachen lassen sich deutlicher ausmachen als andere. Manche hängen mit dem Umzug vom Bökelberg zusammen. In technischer Hinsicht, in Bezug auf Trainingssituation und als Faktor im Kampf um Talente im Jugendbereich, mag die Migration unumgänglich gewesen sein; ein Zuhause entsteht dadurch noch nicht. Der Bökelberg wurde von den Fans als Glaubensmittelpunkt verehrt, als Zeuge der Geschichte und als Kontrapunkt zu den immer häufiger wechselnden Spielern. Der von vielen als schmerzlich empfundene Verlust dieses Heiligtums hat einen Verlust an Identifikation zur Folge. Was sich etwas lehrerhaft und amateur-psychologisch anhört, kann für Borussia Mönchengladbach ganz konkrete und schmerzhafte Folgen haben, denn die mangelnde Bindung bedeutet einfach, dass es weniger Leuten die oft weiten Fahrten wert sein wird, um unansehnliche Spiele zu sehen. Dazu kommen die erschütternd unpassenden Anstoßzeiten in der zweiten Liga und dann werden die früheren Fans so reagieren, wie es Leute tun, die mit höheren Preisen und weniger Emotionen zur Kundschaft erzogen werden: Sie werden das Produkt ablehnen.


Und es gibt noch einen Wandel in der Fanszene. Auch bei Borussia Mönchengladbach sind die kuttengewandeten Fans alter Schule nur noch Dekoration; den Ton geben, buchstäblich, Ultragruppierungen an, mit Fahne oder ohne. Ohne die jungen Fans diskreditieren zu wollen, dadurch hat sich auch eine Austauschbarkeit ergeben, die früher nicht da war. Als am Bökelberg die Nordkurve sich mit dem Rücken zum Spielfeld stellte, um der eigenen Mannschaft die Meinung zu geigen, war ein Roy Präger tief beeindruckt und sprach mit regerechter Bewunderung davon in die Kameras. Im Nordpark spielt sich so sehr das gleiche ab wie in allen Stadien, dass es jede Bedeutung verliert. Nach Siegen sollen die Spieler in die Kurve, um eine Humba von der Stange zu produzieren, nach Niederlagen hängen schreiende Jugendliche im Ballnetz und drohen ihren Idolen von letzter Woche fürchterliches an, nur um sie nächste Woche wieder buchstabieren zu lassen.


Auf diese Weise ist keiner Mannschaft mehr ein Kontakt mit den Fans zu vermitteln, den Spielern fehlt die Identifikation mit dem austauschbaren Verein genauso wie dem Anhang die mit den Passanten auf dem Rasen. Für die Fans, die nicht in den Netzen hängen, wird sich nächstes Jahr die Frage nach der Dauerkarte ganz anders stellen als bisher. Der Verein Borussia Mönchengladbach wird sich etwas einfallen lassen müssen, damit die Antwort nicht in vielen Fällen "Nein" lauten wird. Und wird etwas anderes finden müssen als Kästners Antwort auf die Frage nach dem Positiven:

Ja, weiss der Teufel, wo das bleibt.

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