Wieder ein Gegentor nach ruhendem Ball. Zweimal ausgekontert, im eigenen Stadion. Der Gegner trifft mit seinen ersten beiden Torschüssen. Marin und Arnautovic vergeben weitere Großchancen. Kein einziges Saisonspiel ohne Gegentor. Insgesamt schon 27. Im Schnitt drei pro Spiel. Der schlechteste Wert der Liga, natürlich. Noch erschreckender: Daran würde sich selbst dann nichts ändern, wenn man das 0:7 von Stuttgart komplett streichen könnte. Unschön auch der Blick in die Bundesligageschichte: Es gab Mannschaften, die nach neun Spielen so viele Tore kassiert hatten, einige sogar noch mehr. Bis auf eine einzige stiegen am Ende alle ab.

 

Die Offensivleistungen sind ja aller Ehren wert. Gegen Bremen erarbeitete sich die Borussia ein halbes Dutzend hochkarätiger Chancen, auch wenn man im Abschluss glücklos blieb oder am bärenstarken Sebastian Mielitz scheiterte. Trotz ausbaufähiger Chancenverwertung: Ginge es in der Tabelle nur nach erzielten Toren, die Borussia stünde auf Rang sieben. Das obwohl Igor de Camargo lange verletzt war, von dessen millionenschwerer Verpflichtung man sich vor der Saison einen Qualitätsschub für die Offensive erhoffte.


Borussia wird absteigen, wenn sie die Gegentorflut nicht in den Griff bekommt. Schon sechs Punkte Rückstand auf Nürnberg, sieben auf St. Pauli und Frankfurt, neun auf Freiburg, zehn auf Hannover, fünfzehn auf Mainz – alles Teams, mit denen man sich vor der Saison mindestens auf Augenhöhe hoffen durfte. Und da man vernünftigerweise davon ausgehen muss, dass bei Stuttgart, Schalke und Wolfsburg über kurz oder lang die höhere Qualität des Kaders und die größeren finanziellen Reserven zum Tragen kommen, sind nur noch zwei Vereine auf Tuchfühlung: Köln und Kaiserslautern. Gegen diese Teams geht es in den nächsten beiden Auswärtsspielen, dazwischen zuhause gegen Bayern. Macht Borussia dem Gegner das Toreschießen auch dann so leicht, könnte man schon im Winter fast aussichtslos abgeschlagen sein.


Sicher: Michael Frontzeck musste in der Defensive fast auf das letzte Aufgebot zurückgreifen. Brouwers und Schachten gesperrt, Dante rekonvaleszent, Jaurès und Jantschke verletzt. Auf der Ersatzbank saß am Samstag Michael Stuckmann von Borussias zweiter Mannschaft. Kein hoffnungsvoller Nachwuchsspieler, der an den Profikader herangeführt werden sollte, sondern ein 31-jähriger mit 4 Zweit- und 34-Drittligaspielen - vor der Saison geholt, weil man einen regionalligaerfahrenen Akteur suchte, um den Nachwuchs in der U23 zu führen.


Brouwers‘ und Schachtens Sperren sind mit dieser Partie abgelaufen, und auch Dante könnte demnächst, wenngleich wohl noch nicht nächsten Samstag, wieder einsatzfähig sein. Das ist wichtig; ein Garant für Besserung ist es nicht. Brouwers hatte vor seiner Sperre deutlich unter der Form der letzten Saison gespielt, Dante das Debakel in Stuttgart ebenso wenig verhindert wie das 0:4 gegen Frankfurt. Frontzeck wehrt sich zu Recht dagegen, die Gegentorflut an einzelnen Spielern festzumachen. Genauso falsch ist es im Umkehrschluss, sich von der Rückkehr einzelner Spieler die Rettung zu erhoffen.


An der Küste hieß es früher, etwas Lebendiges müsse in den Deich, damit er halte. Storm hat es im „Schimmelreiter“ eindrucksvoll beschrieben. Ganz so dramatisch ist es im Fußball nicht, aber auch hier werden auf eigene Weise individuelle Opfergaben gefordert. Wer, wie in manchen Internetforen, die Entlassung des Trainers fordert, dürfte indes die Rechnung ohne den Eberl gemacht haben. Häufiger noch ist der Torwart die Zielscheibe der Wut und Enttäuschung. Zumindest das zweite Gegentor hätte Logan Bailly wohl halten müssen, selbst wenn Anderson Wesleys Schuss abgefälscht hatte. Und auch beim ersten Bremer Treffer sah der Belgier zumindest nicht glücklich aus.


Aber natürlich liegt es nicht an Bailly alleine, und lag es auch bei den ersten beiden Bremer Treffern nicht. Beim ersten hätte einer der vielen Gladbacher Feldspieler energischer in den an sich harmlosen Freistoß hineinspritzen müssen. Beim zweiten hätte Wesley nicht so lange unbehelligt durchs Mittelfeld marschieren und Marx ihn nicht zum Schuss kommen lassen dürfen. Und dass auch ein Torwartwechsel die Probleme nicht lösen muss, kann man in Köln besichtigen – ebenso wie die möglichen Nebenwirkungen: Nach Mondragons diversen beleidigten Reaktionen könnte für den Keeper die Pforte zurück ins Tor fest verriegelt sein. Es ist denkbar, dass auch Bailly den Verlust seines Stammplatzes nicht stillschweigend hinnehmen würde. Durch einen ausgeprägten Hang zur Selbstkritik ist der Torwart ja bislang nicht aufgefallen.


Auf der anderen Seite: Wenn die Nordkurve beginnt, ironisch zu applaudieren, sobald der eigene Torwart einen harmlosen Roller aufnimmt, dann muss man sich Sorgen machen. Es gibt ja Gründe, warum Michael Frontzeck es wichtig fand, nach dem Spiel mit den hartgesottensten Fans zu diskutieren. Ohne die eigenen Anhänger im Rücken würde der Klassenerhalt noch schwerer als ohnehin schon. Und es könnte ein Zeitpunkt kommen, an dem der Torwart den eigenen Fans schlicht nicht mehr vermittelbar ist. Vielleicht ist er schon erreicht.


Vielleicht kommt der Trainer, der nach dem Spiel alles „erst einmal sacken“ lassen wollte, zu diesem Schluss. Aber natürlich wären die Probleme damit nicht gelöst. Einen Deich baut keiner alleine. Zu viele aus Borussias insgesamt recht junger Mannschaft agieren bei Standardsituationen zu oft halbherzig; es rücken zu viele zu oft weit auf, ohne sich einer Absicherung vergewissert zu haben; es geschehen in solchen Situationen zu viele unnötige Ballverluste; das immense Laufpensum vieler Spieler ist zu oft nicht funktional; Gegner dürfen zu oft zu lange durchs Mittelfeld laufen, ohne ernsthaft angegriffen zu werden. Nur wenn sich an all dem Grundlegendes ändern sollte, kann Borussia Mönchengladbach hoffen, nach dem MSV Duisburg 1975/76 die zweite Mannschaft der Bundesligageschichte zu werden, die nach neun Spieltagen 27 Gegentore schlucken musste und am Ende trotzdem die Klasse hält.

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