Vor etwas mehr als einer Woche wurde an dieser Stelle die Frage aufgeworfen, ob sich Borussen-Fans den Vorwurf der Paranoia gefallen lassen müssen, wenn sie die Häufung eindeutiger Fehlentscheidungen zu Ungunsten des eigenen Vereins hinterfragen. Neun Tage später kann dies eindeutig verneint werden.


Ein Richter stimmt sich selber zu


Grund dafür bietet zunächst einmal die heutige Entscheidung des DFB-Sportgerichts, dass die Sperre von vier Spielen gegen Roel Brouwers in voller Höhe bestehen bleibt. Wie der DFB mitteilt, folgte das „Gericht in der DFB-Zentrale damit dem vorausgegangenen Einzelrichterurteil“. Nicht erwähnt wird, dass besagter Einzelrichter eben jener Hans E. Lorenz war, der nun als Vorsitzender in der mündlichen Verhandlung über Borussias Einspruch gegen sein eigenes Urteil entscheiden durfte. Kurz gesagt: Hans E. Lorenz teilt seine eigene Meinung. Derartige personelle Dopplungen sind beim DFB nicht unüblich und werden in der Otto-Fleck-Schneise offenbar für unproblematisch gehalten. Vielleicht freut man sich darüber, dass zwischen Lorenz und Lorenz keine Differenzen bestehen.

Brouwers, der sich in den vorherigen beiden Bundesligaspielzeiten mit insgesamt vier Gelben Karten als einer der fairsten Innenverteidiger der Liga präsentierte, war nach einer überharten Attacke gegen den Schalker Huntelaar zu Recht des Feldes verwiesen worden. Die Dauer der Sperre überraschte indes, gerade in Relation zu Urteilen in anderen Fällen. Zuletzt war der Stuttgarter Delpierre zu drei Spielen Sperre verurteilt worden, nach einem Foulspiel, dessen Brutalität die Attacke Brouwers deutlich übertraf und das zudem – in Abgrenzung zum Vergehen unseres Innenverteidigers – eindeutig als absichtliches Frustfoul gewertet werden muss.


Der doppelte Lorenz indes hatte in seiner ursprünglichen Urteilsbegründung im Fall Brouwers sogar eine doppelt so harte Strafe wie im Fall Delpierre für vertretbar gehalten. Dort hatte er davon gesprochen, Brouwers' Attacke könne auch als Tätlichkeit gewertet werden, was wohl eine Strafe von sechs Spielen nach sich gezogen hätte. Mit dieser originellen Interpretation des Begriffs Tätlichkeit hatte sich Lorenz als Teil einer kleinen, möglicherweise nur aus ihm selbst bestehenden Minderheit geoutet. In der nun gefällten Entscheidung zeigte sich der zweifache Lorenz insofern huldvoll, als er vom Befund Tätlichkeit wieder abrückte und stattdessen von „rohem Spiel“ sprach, das „gerade noch im Rahmen eines Zweikampfs gesehen werden kann“.

Borussia hat bislang nicht entschieden, ob man gegen das Urteil des doppelten Lorenz Berufung beim Bundesgericht gemäß §§25ff. der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB einlegen wird. Gemäß §28 („Verbot der Schlechterstellung“) könnte in einer solchen Verhandlung das Strafmaß allenfalls verringert, keinesfalls aber erhöht werden. Dass sich eine Berufung lohnen kann, zeigte im Januar 2010 der Fall des Düsseldorfers Ranisav Jovanovic. Der Stürmer war nach einem Ellenbogenschlag gegen den Bielefelder Mijatovic ursprünglich für vier Spiele gesperrt worden. In der Bundesgerichtsverhandlung wurde zwar auf „krass sportwidriges Verhalten im Sinne einer Tätlichkeit“ entschieden, das Strafmaß aber auf drei Spiele reduziert.


Das Unfehlbarkeitsdogma des DFB

Nicht nur aus diesem Grund ist es den Verantwortlichen bei Borussia anzuraten, alle vorhandenen Rechtsmittel auszuschöpfen, selbst wenn wenig Hoffnung besteht, dass dies den DFB und seine Gremien in ihrem Wirken beeinflussen wird. Das Eingestehen eigener Fehler wird dort bekanntlich weniger gerne gesehen. Warum Schiedsrichter Aytekin im Spiel gegen den FC St. Pauli Mo Idrissou eine Gelb-Rote Karte zeigte, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Wäre es ihm wirklich so schwergefallen, im Nachhinein einzugestehen, dass er für das entstandene Rudel eine einheitliche Bestrafung herstellen wollte und in der Hektik des Geschehens auf Seiten von Borussia mit Idrissou anstelle von Bobadilla den falschen Spieler aussuchte?

Warum Christian Dingert und seine drei Assistenten am vergangenen Samstag gegen den VfL Wolfsburg den Fallrückzieher am Mann nicht als gefährliches Spiel werteten, ist noch viel weniger nachzuvollziehen. Wenn ein Schiedsrichtergespann eine strittige Situation nicht oder falsch sieht, so ist das eine Sache. Vollkommen inakzeptabel ist hingegen die grundfalsche Einschätzung eines offensichtlich regelwidrigen Verhaltens. Beinahe erinnert dies an die legendäre Fehlentscheidung von Hermann Albrecht im Februar 2003 im Bundesliga-Nachholspiel gegen Wolfsburg, als dieser im Anschluss an einen Einwurf auf Abseits entschied. Ein Bundesliga-Schiedsrichter mit derartiger Unkenntnis des offiziellen Regelwerks sollte seine Daseinsberechtigung im Profifussball eigentlich verwirkt haben. Beim DFB werden solcherlei Probleme aber lieber totgeschwiegen als offen mit ihnen umzugehen.


Bei allen berechtigten Beschwerden über die Ungleichbehandlung, die uns in dieser Saison schon einige wertvolle Punkte gekostet hat. Es wäre fahrlässig anzunehmen, dass der schwache Saisonstart von Borussia ausschließlich auf die teils kuriosen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zurückzuführen ist. Diese dürfen nicht davon ablenken, dass es noch genügend andere Baustellen gibt, die es zu diskutieren und auszubessern gilt.


Die Besetzung der Viererkette

Als da wären die 20 Gegentore aus den ersten sieben Spielen. Bis ins Jahr 1996 muss man zurückblicken, um eine vergleichbar schlechte Bilanz eines Erstligisten zu finden – damals kam dieser aus Freiburg und stieg zum Ende der Saison ab. Die Qualität in der Borussen-Defensive dieser Tage ist nicht nur für mittelfristig anvisierte höhere Ansprüche zu beschränkt.

Immerhin: Das durch die personellen Schwächungen befürchtete Abwehrchaos blieb gegen Wolfsburg aus. Stattdessen lieferte die neu formierte Viererkette ihr bislang bestes Saisonspiel ab. Daraus zu schließen, dass die neuen Spieler jeder für sich die bessere Alternative darstellen, wäre nach nur einer betrachteten Begegnung zu vorschnell geurteilt. Sebastian Schachten hat ein beachtliches Startelfdebüt geliefert, knappe drei Jahre nach seinem ersten Bundesligaeinsatz. Angesichts der Personallage wird er noch mindestens drei weitere Gelegenheiten zur Bewährung bekommen, ehe Dante und/oder Brouwers wieder für die Startelf in Frage kommen.


Um seinen Platz fürchten muss dann sogar unser Kapitän, der allerdings seinerseits in der Innenverteidigung für sich warb. Schon in der Aufstiegssaison war Filip Daems in dieser zentralen Position weit souveräner aufgetreten, als es zumeist auf der Außenbahn der Fall ist. Einziges Problem: In der Abwehrzentrale besteht die größere Konkurrenz. Bamba Anderson wies immerhin bereits zum zweiten Mal nach, dass der Sprung von der 2. in die 1. Liga nicht für jeden Spieler ein Problem darstellt. Kann er seine Leistung gegen die kommenden starken Gegner weiter in dieser Form abrufen, sollte er in der Innenverteidigung ebenso gesetzt sein wie Dante, der mit seiner Qualität ohnehin über allen anderen steht. Da mit Dante, Daems, Schachten und Levels einige Spieler mehrere Positionen in der Viererkette bekleiden können, bieten sich demnächst einige Variationsmöglichkeiten, aus denen sich am Ende hoffentlich eine stabilere defensive Grundordnung bilden lassen wird.


Die Besetzung des Sturms

So rosig es personell im Angriff auszusehen scheint, aus der klaren Dominanz gegen den VfL Wolfsburg entsprang letzten Endes nur ein einziges Tor. Viele Chancen wurden bereits im Ansatz fahrlässig vereitelt. Raul Bobadilla hat seine Hausaufgaben zuletzt ordentlich erledigt. Bei seinen Abschlussversuchen wirkt er aber regelmäßig so, als wäre seine größte Sorge, den gegnerischen Torwart mit einem allzu gefährlichen Schuss versehentlich zu verletzen. Von einem geplatzten Knoten scheint der Argentinier immer noch so weit entfernt wie Karim Matmour von der Torjägerkanone. Der Kurzeinsatz von Igor de Camargo hingegen hat Hoffnung gemacht, ihn schon bald häufiger und länger im Borussen-Dress sehen zu können. Außerdem spricht vieles für den bislang in dieser Saison besten Offensivspieler Mo Idrissou. Am vorigen Samstag traf Michael Frontzeck die unpopuläre Entscheidung, den Kameruner zu Beginn auf die Bank zu setzen, weil dieser unverschuldet beim erfolgreichen Auftritt auf Schalke fehlte. Wenn demnächst Herrmann, Matmour und de Camargo wieder fit sind, werden sie mit Reus, Bobadilla und Idrissou um insgesamt drei verfügbare Plätze streiten.


Der Konkurrenzkampf ist bei Borussia also vorne wie hinten entfacht und wird einige Härtefälle hervorbringen. Die erfreulichen Tendenzen aus dem Wolfsburg-Spiel – in der deutlich verbesserten Verteidigung sowie mit dem viel versprechenden Kurzeinsatz von de Camargo – machen trotz der immer noch schlechten Tabellenlage Mut, dass das Saisonziel einer erneut sorgenfreien Saison realisierbar ist. Mehr als dies wäre aber selbst dann nicht zu erwarten, sofern der unsägliche Spruch von der sich ausgleichenden Gerechtigkeit ausnahmsweise einmal zuträfe und Borussia an den folgenden 27 Spieltagen eine Flut zuvorkommender Schiedsrichter-Entscheidungen bescheren würde.

... lade FuPa Widget ...
Borussia Mönchengladbach auf FuPa
... lade FuPa Widget ...
Borussia Mönchengladbach auf FuPa

Twitterfeed


Folge uns auf Twitter