Es gibt gute Gründe, nicht Boris Becker sein zu wollen. Einer davon ist, dass Becker solche Augenblicke nicht mehr erlebt, wie sie den Anhängern von Borussia Mönchengladbach am Sonntag geschenkt wurden. Außenseiter war Becker zuletzt bei seinem ersten Wimbledonsieg, aber das ist lange her und taugt nur noch zur fernen Erinnerung in einer Bierwerbung. Seitdem ist Becker die Rolle des Favoriten gewohnt, nach der aktiven Karriere vornehmlich in seiner Eigenschaft als Fan des FC Bayern München. Das hat Vorteile, weil man so viele Siege und Titel feiert. Aber man verpasst auf diese Weise das Gefühl, das alle Anhänger von Borussia Mönchengladbach am Sonntag in vollen Zügen genießen durften: das Gefühl ungläubiger, sprachloser Begeisterung über einen grandiosen Sensationssieg gegen einen haushohen Favoriten.

Alles hatte vorher für Leverkusen gesprochen: die individuelle Qualität der Bayerelf, ihr beeindruckender Sieg in Dortmund, der mäßige Auftakt der Borussia, die schwarze Auswärtsbilanz der letzten Saison, die viel zitierten 26 sieglosen Spiele gegen Leverkusen. So steht man auch am nächsten Tag noch einigermaßen fassungslos vor dem, was sich am Sonntag ereignete. Unglaublich sind die Zahlen: sechs Tore, höchste Leverkusener Heimniederlage überhaupt, Arangos erstes Bundesligator seit 29 Spielen, Herrmann erster Bundesliga-Doppelpack.

Unglaublich war auch, wie die Zahlen zustande kamen. Phasenweise spielten die Borussen den Favoriten derart an die Wand, dass sich selbst die nüchtern-seriöse Presse vor Begeisterung kaum mehr einkriegen mochte. Unter den sechs Toren war nicht ein glückliches: kein abgefälschter Kullerball, kein ungeahndetes Abseits, keine missglückte Flanke, die sich zufällig ins Tor senkt. Stattdessen eine energische Balleroberung (Idrissou gegen Vidal), ein gedankenschneller Lauf in die Spitze (Hermann), ein spektakulärer Außenristschuss in den Winkel (wieder Herrmann), ein herrlich ins Tor gezirkelter Freistoß aus fast dreißig Metern (Arango), ein fulminanter Volleyschuss, kombiniert mit geballter Willenskraft beim Verwerten des Abprallers (Arango und Idrissou), ein schneller Konter, mit sattem Schuss in den Winkel abgeschlossen (Reus). Das Gladbacher Offensivspiel an diesem Tag war ein Katalog aller Sonnenseiten des Fußballs. Gebräunt gehen daraus die Herren Bradley, Reus, Arango, Herrmann und Idrissou hervor, während Matmour und wohl auch Bobadilla fürs Erste im Schatten stehen könnten.

Gelegentliche Regenschauer gab es in der Defensive. Zwar erlaubten es die gut verschiebenden Borussen, Derdiyok, Kießling oder Barnetta nur selten, ihre beträchtlichen Stärken ausspielen. Aber die Reihe der Kopfballgegentore aus den ersten beiden Pflichtspielen der Saison setzte sich fort. Wieder durfte ein Gegner in aller Seelenruhe flanken, ohne ernsthaft gestört zu werden. Wieder war die Flanke lange unterwegs, und wieder sah der zuständige Verteidiger im Kopfballduell unglücklich aus. Und vielleicht hätte das Spiel doch den vorher allseits erwarteten Ausgang genommen, hätte die hilfreiche Querlatte nicht beim Spielstand von 1:1 Stefan Kießlings Kopfball den Weg ins Tor verwehrt. Auch später, als sich die Borussia vorne längst in einen Rausch gespielt hatte, verfiel sie hinten von Zeit zu Zeit in Sekundenschlaf. So kam es zum unnötigen Elfmeter, zu Baillys missratenem Versuch, eine Flanke vor Kießling abzufangen, und zu Jörgensens Großchance, die das Spiel beinahe wieder spannend gemacht hätte.

Was bleibt nach diesem Spiel, außer einer gebrochenen Serie und euphorischen Schlagzeilen? Auf den ersten Blick hat Michael Frontzeck mit der langweilig-nüchternen Feststellung Recht, dass es auch für diesen Sieg nur drei Punkte gibt. Aber vielleicht auch nicht. Man spricht nicht umsonst davon, dass Mannschaften „einen Lauf haben“. So wie unerwartete Misserfolge eine negative psychologische Eigendynamik entfalten können, so können umgekehrt unerwartete Siege Kräfte freisetzen, die über den Spieltag hinaustragen. In dem Maße, in dem sie dadurch künftige Siege wahrscheinlicher machen, sind sie eben doch mehrt wert als drei Punkte. In der vergangenen Saison markierte der völlig überraschende 3:2-Erfolg in Hamburg einen Wendepunkt. Zuvor hatte die Borussia, inklusive Pokal, sieben Mal hintereinander verloren. Nach Hamburg brachte man erst den VfB Stuttgart an den Rand einer Niederlage und siegte dann in Frankfurt und zuhause gegen Schalke 04.

Andererseits dämpft Frontzeck mit gutem Grund. Das Spiel am Sonntag war eine Sternstunde, wunderschön, aber vom Normalfall himmelweit entfernt. Gladbachs Offensive wird auch in dieser Saison Leistungsschwankungen genug, die Defensive nicht nur bei Flanken Aussetzer genug haben, so dass die Borussia gegen Vereine der Kategorie Bayer Leverkusens Außenseiter bleiben wird. Aber, wie gerade besichtigt, muss das ja nicht das Schlechteste sein.

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