Es hätte alles so entspannt sein können: eine prima Saison geht zu Ende, Borussia hat den Klassenerhalt längst sicher, kein Schielen auf die Anzeigetafel, Abschiedsfest für Oliver Neuville – ein schöner Fußballnachmittag im Borussia-Park. Hätte. Sein Können. Wäre da nicht der vergangene Samstag gewesen – mit dem auch mit einigem zeitlichen Abstand als sehr unschön und leicht beschämend zu bewertenden Auftritt in Hannover.


Das 1:6 und sein Zustandekommen sorgen nun doch für etwas gemischte Gefühle vor dem Saisonausklang. Auch wenn Michael Frontzeck nicht mehr darüber sprechen mag und sich weiter in zweifelhafter Vorwärtsverteidigung übt: Einen weiteren eher uninspirierten Auftritt werden die Fans der Mannschaft nicht durchgehen lassen. Das Team droht, sich trotz einer weitgehend vernünftigen Saisonleistung um einen Großteil der Anerkennung dafür zu bringen. Und schließlich sollte Borussia es vermeiden, sich zum zweiten Mal innerhalb von acht Tagen dem (wenn auch ungerechtfertigten) Vorwurf auszusetzen, den Wettbewerb zu verzerren. Denn für den Gegner Bayer Leverkusen geht es noch um Platz drei, der zur Champions-League-Qualifikation berechtigen würde.


Borussia


Gibt Michael Frontzeck den Spielern, die in Hannover kollektiv unterdurchschnittlich agiert haben, eine Chance, sich zu rehabilitieren oder nimmt der den Auftritt vom vergangenen Wochenende zum Anlass, einigen Akteuren einen Denkzettel zu verpassen? Wer die Linie des Trainers über die ablaufende Saison beobachtet hat, weiß, dass Bestrafungsaktionen nicht zu seinem Standardrepertoire gehören. Allenfalls für unbotmäßiges Verhalten abseits des Platzes wurden Spieler schon einmal mit Nichtnominierung sanktioniert, nicht aber für eine einmalige schlechte Leistung. So wird Frontzeck aller Voraussicht nach an seinem Stammpersonal festhalten – was dennoch zwei oder drei Änderungen in der Startelf zur Folge haben dürfte.


Thorben Marx kehrt nach überwundener Verletzung zurück und ersetzt Marcel Meeuwis. Raul Bobadilla hat seine Gelbsperre abgesessen und wird anstelle von Rob Friend beginnen. Womöglich wird Patrick Herrmann als einziger Spieler, der in Hannover zufrieden stellend agierte, wie schon im letzten Heimspiel wieder einen Platz in der Anfangsformation bekommen. Dafür müsste Karim Matmour auf die Bank.


Bei einer weiteren Personalie hat Michael Frontzeck sich schon festgelegt: Oliver Neuville wird sein letztes Spiel für Borussias Bundesligamannschaft machen. Gegen seinen früheren Club aus Leverkusen wird sich der scheidende Stürmer vom Publikum verabschieden dürfen. In der Startelf wird der 36-jährige freilich nicht stehen. Zu erwarten ist, dass er im Laufe der zweiten Halbzeit eingewechselt werden wird – je nach Spielstand früher oder später.


Bayer Leverkusen


Der alte Mann kann es noch. Das ist die Botschaft, die Jupp Heynckes mit in den Borussia Park bringt. Hier war er bei seinem vorletzten Engagement auf ganzer Linie gescheitert. Das Experiment mit dem alten Fahrensmann und Ur-Borussen in eine neue Zeit zu starten, ging für Borussia und Heynckes so schief, wie es nur schief gehen konnte. Das Resultat ist so traurig wie allbekannt: der Trainer wurde vom Publikum beschimpft und zog sich schließlich frustriert zurück. Das Team taumelte in die zweite Liga. „Heynckes kann es nicht mehr, ein Trainer von gestern", so war das fast einhellige Urteil aller Beobachter.

Wie falsch man liegen kann! Knapp zwei Jahre nach seiner Demission in Gladbach rettete Heynckes zunächst die Münchner Bayern aus einer für sie düsteren Lage und brachte sie in die Champions-League, die sie sich nun zu gewinnen anschicken. Dann übernahm er in Leverkusen eine nach der Ära Labbadia verunsicherte Mannschaft und führte sie zur Herbstmeisterschaft in der Bundesliga. Erst in der zweiten Saisonhälfte ging den Leverkusenern die Luft aus, nicht zuletzt infolge der Verletzung von Schlüsselspieler Simon Rolfes. Aber selbst wenn Bayer die Qualifikation für die Championsleague verwehrt bleiben sollte hat der Trainer unter Beweis gestellt, dass er es eben doch noch kann – und auch, dass sein vielgerühmtes, in Gladbach aber leider schiefgegangenes Credo, mit jungen Spielern etwas erreichen zu wollen, durchaus noch dem Wirklichkeitstest standhält. Borussias Fans sollten Heynckes am Samstag zumindest mit Respekt empfangen. Schließlich kam im auch nach der unerfreulichen Episode im Jahr 2006 kein böses Wort über „seinen" Verein über die Lippen.

Nominell sind die Leverkusener selbstredend ein stärkerer Gegner, als es Hannover 96 am vergangenen Wochenende für Borussia war. Das fängt vorne an, wo mit Stefan Kießling und Eren Derdiyok zwei Stürmer spielen, die es in dieser Saison gemeinsam schon zu 33 Treffern gebracht haben. Für Nationalstürmer Kießling geht es am Samstag noch um die Torjägerkrone. Mit 21 Saisontoren liegt er derzeit gleichauf mit dem Wolfsbürger Edin Dzeko. Für Patrick Helmes bleibt abermals nur die Jokerrolle. Nach seiner schweren Verletzung ist er bisher nicht wirklich auf die Füße gekommen. Die WM findet ohne Helmes statt, in Leverkusen ist er nur Ersatz, dennoch will Bayer das Kölner Geißbock-Eigengewächs nicht ziehen lassen. Bei Helmes’ Ex-Verein auf der anderen Seite des Rheins träumen viele von einer Rückholaktion, ungeachtet der Tatsache, dass man dort mit ähnlichen Aktionen in jüngerer Vergangenheit viel Geld verbrannt hat.

Im Mittelfeld fällt neben Simon Rolfes aller Voraussicht nach auch Tranquillo Barnetta aus, der Schweizer hat Hüftprobleme. Für ihn dürfte wieder der junge Burak Kaplan beginnen. Der Türke hat in bisher drei Bundesligaspielen zweimal getroffen und verdiente sich gute Noten. Im offensiven Mittelfeld wird außerdem Bayern-Leihgabe Toni Kroos sein letztes Spiel für Leverkusen bestreiten.

Im defensiven Mittelfeld läuft alles auf das Duo Arturo Vidal/Lars Bender hinaus. Stefan Reinartz, der wie Gladbachs Marco Reus zum Malta-Länderspiel eingeladen wurde, muss in der Abwehr spielen.

Reinartz wird wohl neben Sami Hyypiä in der Innenverteidigung stehen. Manuel Friedrich hat beim 1:1 der Leverkusener gegen Hertha BSC Berlin seine fünfte gelbe Karte gesehen. Die Viererkette ergänzen die Außenverteidiger Gonzalo Castro und Hans Sarpei.

Für Torwart René Adler ist die Saison vorbei. Ersatzmann Fabian Giefer kommt zu seinem dritten Saisonspiel. Uns allen ist zu wünschen, dass er im Borussia-Park sein allererstes Bundesliga-Gegentor kassieren wird. Gerne auch sein zweites, drittes und viertes.

Aufstellungen

Borussia
: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Daems – Marx, Bradley – Matmour, Reus, Arango – Bobadilla Leverkusen: Giefer – Sarpei, Reinartz, Hyypiä, Castro – Vidal, Bender – Kaplan, Kroos – Kießling, Derdiyok


SEITENWAHL-Tipp


Christoph Clausen: Wichtiger als das Ergebnis ist das Auftreten der Mannschaft. Bleiben die Versprechen auf Wiedergutmachtung für Hannover kein Lippenbekenntnis, könnte die Saison mit einem 2:2 wieder versöhnlich enden. Sie hätte es verdient.

Thomas Häcki: Eigentlich verbietet es sich, gegen Leverkusen auf Sieg zu tippen. Schließlich liegt der letzte Heimsieg in den Hochzeiten von David Hasselhoff. Es ist aber zu hoffen, dass nach der "Frechheit von Hannover" deutliche Worte gefunden wurden und die Mannschaft zum Saisonende vor eigenem Publikum noch einmal eine Reaktion zeigt. Tut sie das nicht, begleitet uns eine Diskussion über (un)professionelle Einstellung, die sicherlich einen Schatten auf eine gute Saison werfen würde. Also positiv denken: 3:2 und ein Tor für Olli.

Christian Heimanns: Das 1:1 ist noch kein Ergebnis, das einen versöhnlichen Saisonausklang beschert. Die Leistung dazu muss auch bis zur letzten Minute stimmen und ob das klappt, mag tippen wer will.

Michael Heinen: Wenn ich richtig gezählt habe, endeten 13 der letzten 17 Heimspiele gegen Leverkusen mit einem Remis. Auch wenn Bayer 04 nichts mit Tradition zu tun hat, knüpfen wir an eine solche an und verabschieden uns mit einem 1:1 aus der Saison.

Mike Lukanz: Tja, was tippt man für ein solches Spiel, nach einer solchen Saison? Meine Redaktionskollegen outen sich als Langweiler und vertrauen der Statistik. Pah, Statistiken!, oder hätte jemand gedacht, dass in den Spielen gegen Hannover 15 Tore fallen? Daher tippe ich - mit einem Schuss Wehmut - ein 4:2 für Borussia, natürlich mit zwei Neuville-Toren. Irgendwie findet am Samstag einiges sein Ende.

Christian Spoo: Ein versöhnlicher Saisonausklang bleibt uns verwehrt. Borussia schlägt sich besser, als in Hannover, verliert aber dennoch verdient mit 1:3.

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