Hannover 96Ein letztes Mal in dieser Saison geht die versammelte Borussenschaft auf Reisen. Mindestens 4.900 Fans zuzüglich ca. 25 Spieler reisen auf alle möglichen Weisen nach Hannover zum letzten Auswärtsspiel der Saison 2009/10. Warum eigentlich? Bei den Spielern ist es berufsbedingt ja klar, aber was treibt die Tausenden von Anhängern dazu, einer Mannschaft dabei zuzusehen, wie sie wieder einmal schlechtestes Auswärtsteam der Liga wird? Die Hoffnung vermutlich, noch zum drittschlechtesten Team aufzusteigen, das wäre durchaus noch machbar. Und so rare Dinge wie Auswärtssiege werden ja deswegen als kostbar empfunden, weil sie so selten sind.

 

Borussia

Wer als Borussenfan bei mehr als 10 Auswärtssiegen dabei war, ist entweder eine besonders treue Seele, die seit dem ersten Aufstieg sehr viel mit Borussia unterwegs war, oder ein alter Fahrensmann, der in den Neunziger oder Achtziger Jahren glorreiches erlebt hat. Als Mitte der Hinrunde mit den Siegen in Hamburg und Frankfurt der Höhenflug des aktuellen Teams eingeläutet wurde, erzählte man schon freudig vom Ende des Auswärtsdeppentums. Kein willenloses Ergeben mehr in fremden Stadien, keine hohen Klatschen mit untätigem Zusehen eigenerseits, kein Punktelieferant mehr sein. Der Blick auf die Tabelle scheint das alles zu widerlegen, aber so einfach ist die Lage gar nicht.

Okay, das mit dem Punktelieferanten aus der Welt zu räumen wird schwierig. 10 geholte Punkte auswärts und nur die beiden Siege, das ist nicht viel. (Wir hatten auch schon weniger, aber das tut jetzt nichts zur Sache.) Was die Tabelle nicht sagt ist, dass das Auftreten der Mannschaft auswärts dieses Jahr oft einen schweren Unterschied gemacht hat zu den höflichen Punkteabgebern früherer Jahre. Tatsächlich kamen nach den beiden einzigen Siegen noch ein paar sehenswerte Auftritte in Bayern und in Leverkusen. Die Bayern bekamen das Spiel nur in den Griff, weil Robben in der zweiten Halbzeit eingewechselt wurde; in Leverkusen wurde ein Rückstand in eine zwischenzeitliche Führung umgebogen und die Bayerspieler waren nach der Partie zu ausgepumpt für Interviews. Dazu kommt der Auftritt in Mainz, der absolut einen Sieg verdient gehabt hätte. Kleines zählbares Detail: Bisher gab es auch keine hohen Niederlagen auswärts, die Klatsche der Saison fing sich Borussia zuhause gegen Wolfsburg ein.

Blöderweise zählen alle hätte, wäre, müsste und sollte nicht in der Tabelle. Kann man denn bei 10 Pünktchen sagen, dass wirklich etwas besser läuft als vorher? Man kann darauf vermutlich mehr Antworten finden als die kommende, aber ich bin nun mal der Meinung: Ja, es ist anders als in vielen Jahren zuvor. Die Mannschaft steht stabiler, lässt sich nicht so schnell den Schneid abkaufen, geht nicht einfach unter. Sie kann auch mal in Führung gehen und Rückstände aufholen. Die entscheidende Frage ist – was fehlt denn, um die positiven Ansätze auch mal in zählbares umzuwandeln, wenn Borussia draussen spielen muss? Die Antwort dürfte sein: Cleverness vorm gegnerischen Tor in engen Szenen. Auswärts kommen die Schwächen dieser Mannschaft stärker zum tragen als daheim, wo das Manko fehlender Stürmertore schon mal anders ausgeglichen werden kann, und sei es durch Eigentore des Gegners, danke 96. Auswärts hängen die Kirschen ein bisschen höher und wo das Selbstbewusstsein inzwischen da ist und fußballerische Fähigkeiten vorhanden, muss vorne statt Hackentrick mal die trockene Spitze reichen. Und die nötigen und verdienten Punkte holen.

Hannover

An der Leine geht eine dramatische Saison zu Ende. Das alles übertönende Thema war natürlich der freiwillig aus dem Leben geschiedene Nationaltorwart Robert Enke. Wenn Hannover 96 am Ende absteigt, braucht es nicht viel Phantasie um die Legendenbildung vorherzusagen von der Mannschaft, die psychisch geschlagen und durch Verletzungen dezimiert ihrem Schicksal geweiht war, allem Kampfgeist zum Trotz.

Das wäre dann aber etwas kurz gegriffen. Ich will mir nicht anmaßen, die Wirkung von Enkes Tod auf die Mannschaft einschätzen zu wollen. So groß sie auch war, entscheidend dürften andere Faktoren sein und zwar in erster Linie die Kaderzusammenstellung. Und was das angeht, geht sicher noch so einiger Dank aus Hannover in Richtung des ehemaligen Sportdirektors Christian Hochstätter. Dessen Hang, Spieler zu holen, die er einmal als bewährt empfunden hat, hat 96 zum Beispiel mit Jan Schlaudraff und Mikael Forssell versorgt; und woher er die kennt, ist keinem Borussen ein Geheimnis. Dabei traf Hochstätter zum Zeitpunkt der Transfers keinerlei Kritik, genauso wenig wie für Mike Hanke. Ganz im Gegenteil sah es so aus, als würde Hannover sich endlich aus dem ewigen unteren Mittelfeld befreien und mal so unterhalb der Europaligaplätze anklopfen.

Inzwischen muss man das allerdings so bewerten, dass selbst bei noch so leistungsbezogenen Verträgen Kaderplätze durch ständig verletzte Spieler belegt wurden beziehungsweise im Fall Hanke durch einen restlos stagnierenden. Da Hochstätter allerdings schon seit über einem Jahr nicht mehr bei 96 tätig ist, können sich ein weiterer Sportdirektor und ein paar Trainer die gleichen Schuhe anziehen. Denn auch Jörg Schmadtke gelang es nicht ansatzweise, jemanden für die Lücke im Mittelfeld zu finden, die der Abgang von Szabolcs Huszti hinterlassen hatte. Und da ist auch ein Präsident, der über seine Versuche, Deutschlands Regeln beim Vereinskapital auszuhebeln, den Verein aus den Augen verlor und im dicksten Abstiegskampf einen Trainer holte, der die Tabelle zum ersten Mal von unten sah. Slomka mag sich inzwischen an die Perspektive gewöhnt haben, Martin Kind hätte dennoch allen Grund, mal ein bisschen über das eigene Handeln nachzudenken.

Wenn man alle hausgemachten Probleme einmal abzieht, bleibt aber auch eine gehörige Portion Pech über. So brachten sich die Hannoveraner mit einem völlig überraschenden 4:2 gegen Schalke wieder in eine brauchbare Position, verloren aber in diesem Spiel ihre beiden besten, Elson und vor allem Koné. Sollte der Stürmer auch am Samstag nicht einsatzbereit sein, wäre der glücklose Hanke einzige Spitze. Jedenfalls wenn Borussias „bête noire“ Jiri Stajner, nur auf der Bank sitzt.

Trotz der schlimmen Saison ist für Hannover noch keineswegs alles verloren. Zum einen werden Borussias Auswärtshelden in Hannover sicher nicht als unschlagbar eingeschätzt, zum anderen gilt eine Niederlage des VFL Bochum gegen Bayern als ausgemacht. Falls den Bochumern nicht eine völlige Überraschung gegen den Championsleague-Finalisten gelingt, kommt es dann am letzten Spieltag beim Spiel Bochum-Hannover zur Entscheidung über Relegation und Abstieg. Selig ist die Mannschaft, die sich so ein Geharke aus entspannter Position ansehen kann, nämlich Borussia. Vielleicht lässt sich diese Ruhe ja auch dazu ausnutzen, den Hannoveranern mit ein paar Kontertoren ebenfalls frühzeitige Gewissheit im Abstiegskampf zu verschaffen.

Aufstellungen:

Hannover: Fromlowitz – Cherundolo, Eggiman, Haggui, Schulz – Pinto, Schmidebach, S. Chahed, Bruggink, Balitsch – Hanke

Borussia: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Daems – Matmour, Bradley, Marx, Arango – Reus, Friend.

SEITENWAHL-Meinung:

Christoph Clausen: In den Foren der 96er herrscht erstaunlicher Optimismus. Als sportlich auf Augenhöhe sieht man sich da, ein Christian Schulz sei einem Dante ebenbürtig, von einem Heimsieg mit drei Toren Abstand wird gesprochen. Gibt sich Borussia noch mal Mühe, sollte am Samstag an der Leine Realismus einkehren. Ein Auswärtssieg in Hannover ist sicher drin, zum Beispiel mit 2:0.

Christian Spoo: Nachdem die Borussen am vergangenen Samstag gezeigt haben, dass sie sich nicht auf dem Erreichten auszuruhen gedenken, werden sie sich wohl auch in Hannover nicht hängen lassen. So sollte gegen einen nervösen Gegner der dritte Auswärtssieg der Saison gelingen. Borussia schlägt H96 mit 3:2.

Mike Lukanz; Wenn es Borussia gelingt, früh in Führung zu gehen, ist ein dreifacher Punktgewinn bei völlig verunsicherten und ängstlichen Niedersachsen drin. Die Frage wird sein, inwieweit die Mannschaft Kraft aufwenden wird, auch einem Rückstand hinterher zu laufen. Hannover erkämpft sich einen 2:1-Heimsieg und hat damit sein Endspiel in Bochum.

Michael Heinen:
Borussia hält sich im Abstiegskampf schadlos und gönnt Hannover nur einen Punkt. Das Spiel endet 1:1.

Thomas Häcki: In Hannover liegen die Nerven blank. Man geht mit der Hypothek von 0:10 Toren aus den beiden letzten Spielen in die Partie. Zudem wäre eine Niederlage eine mittlere Katastrophe und könnte im ungünstigsten Fall sogar den Abstieg bedeuten. Mit einem Sieg sähe das Bild jedoch deutlich positiver aus und der Druck würde an Bochum abgegeben. Für die Borussia geht es hingegen um nichts. In einem zerfahrenen Spiel gewinnen die Niedersachsen mit 1:0 und ich werde mich fragen, warum ich mir die Anreise angetan habe.

Christian Heimanns: Motivation und Nervosität werden sich in Hannover so die Grenzen halten wie das Spielergebnis von 1:1.

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  • RT @MichaelCUISANCE: Danke fur allés, es its nur der anfang 🙌🏼🐎 @borussia
  • @Neun_Drei Auch verletzt?
  • Während jeder Raffaels Tore feiert, sollte man auch den Jüngsten sehr loben. Bravo, vous avez bien fait, @MichaelCUISANCE! #bmgvfb
  • @Neun_Drei Was fehlt?
  • Milliarden Chinesen, die am Wochentag nachts um 0.30 Uhr 2 Stunden deutsche Bundesliga gucken, sind die Zielgruppe dieser Anstoßzeit #bmgvfb
  • @jarkoh Siegtor Max Eberl.
  • Wenn das so kommt, wie es sich liest, sind morgen Dirk Bremser, Max Eberl & Uwe Kamps im Kader. #BMGVFB

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