Es gibt einige Parallelen zwischen damals und heute. Auch als die Borussia vor einem halben Jahr auf den HSV traf, hatten beide am Wochenende zuvor einen Punkt geholt: die Hamburger nach einem torreichen und streckenweise dramatischen Spiel, die Gladbacher nach einem ereignisarmen. Auch damals hatte die Borussia besser gespielt als schwache Kölner, den Sieg aber verpasst. Auch damals hatte sie defensiv nicht viel zugelassen, war im Spiel nach vorne aber nur selten über gut gemeinte Ansätze hinausgekommen. Auch damals waren Spieler und Verantwortliche ziemlich begeistert von der eigenen Leistung, was auch damals einigen Willen zum positiven Denken erforderte. Dennoch war die Erleichterung auch damals verständlich: Nach quälender, damals freilich viel längerer Durststrecke hatte man endlich wieder gepunktet. Um die Kette der Ähnlichkeiten fortzusetzen, müsste die Borussia bloß auch diesmal gegen Hamburg gewinnen. 

Borussia

So bedeckt sich Michael Frontzeck in Sachen Aufstellung hielt, in der Defensive dürfte es kaum Überraschungen geben. Für Michael Bradley, der wegen Sperre und Nasenbeinbruch gewissermaßen doppelt ausfällt, wird sicher Marcel Meeuwis neben Thorben Marx spielen, wie bereits in den Spieltagen 2 bis 8. Alle anderen Varianten – Albermann, Jantschke, Neustädter – kämen zumindest in der Startelf überraschend. Wichtiger als die Frage nach Marx‘ Partner ist ohnehin, dass Marx selbst wieder spielt. Seine Rückkehr tat der defensiven Stabilität der Borussia letzte Woche sichtlich gut und auch seine Fähigkeit zum schnellen Pass in die Spitze könnte sehr wichtig werden.

Womit wir beim Spiel nach vorne wären. Im Vorbericht zur Hinrundenpartie schlug SW in gewohnter Weitsicht vor, Marko Reus ins Zentrum zu befördern. Damals blieb Reus zunächst noch auf dem Flügel, erzielte aber immerhin sein wichtiges Tor durch die Mitte. Fast genau ein halbes Jahr später durfte er letzten Samstag nun ganz offiziell die Rolle als hängende Spitze ausfüllen. Für eine Neuauflage spricht einiges, gerade angesichts der aktuellen Verfassung der HSV-Defensive. Die nämlich ist in der Rückrunde besonders im Zentrum ungewohnt anfällig, sobald schnelle Spieler steil geschickt werden. Vor allem Rozehnal erwies sich in solchen Situation ein ums andere Mal als überfordert. Um diese Schwäche auszunutzen, ist Colautti zu langsam, Matmour zu wenig torgefährlich, Reus aber prädestiniert.

Sehr viel souveräner präsentierte sich Rozehnal im Luftkampf, wie zu erwarten bei einem Innenverteidiger, dem zu zwei Metern Körpergröße nur ein Zentimeter fehlt. Das wiederum könnte gegen einen Einsatz Rob Friends sprechen, dessen bloße Anwesenheit manche Teamkollegen davon abbringt, den Ball flach zu halten. So gesehen, wäre vielleicht Raul Bobadilla die bessere Wahl.

Die Wahl hat Michael Frontzeck auch auf dem rechten Flügel. Spielt Reus tatsächlich wieder hängende Spitze, wird er sich zwischen Patrick Herrmann und dem wieder genesenen Karim Matmour entscheiden müssen. Die Wahl ist schwierig, denn es gibt für beide Varianten gibt es gute Argumente. Spielt auf Hamburgs linker Seite Piotr Trochowski ähnlich stark wie letzte Woche, so wartet auf Tobias Levels rechts in Gladbachs Viererkette Schwerstarbeit. Schon in Köln war Levels so sehr damit befasst, Lukas Podolski aus dem Spiel zu nehmen, dass er sehr viel seltener als sonst zu eigenen Offensivvorstößen ansetzte. So gesehen, könnte die Unterstützung des erfahrenen Matmour hilfreich sein.

Andererseits: Gerade auf der rechten Seite könnten sich Lücken für schnelle Gegenstöße ergeben, wenn Trochowski, wie so oft, Defensivdienste als unter seiner Würde ansieht. Das wiederum könnte für den flinken Herrmann sprechen, dessen beherztes Spiel nach vorne in Köln der Borussia gut und dessen Auswechslung ihr schlecht bekam. Tatsächlich fehlte es merklich an Entlastung, nachdem der Debütant ausgepumpt das Feld verlassen hatte. Das war nicht der einzige, aber doch ein Grund dafür, dass die Borussia sich im Lauf der zweiten Halbzeit zu tief in die eigene Hälfte drücken ließ.

Letztlich läuft es auf die Frage hinaus, wie viel Offensivmut sich die Borussia gönnen will. Zu bedenken wäre dabei: Es ist wahrscheinlich, dass der HSV am Sonntag trifft. Selbst in Köln, wo die Borussia über weite Strecken sehr gut und aufmerksam verschob, kam es eben doch zu einzelnen Unsortiertheiten. Außer dem Gegentor führte das zu zwei Großchancen, die Novakovic teils im Slapstick-Stil versemmelte, ein van Nistelrooy sich aber kaum entgehen lassen würde. Soll die Frontzeck-Elf am Samstag also punkten, dann wird das ohne eigene Tore kaum gehen.

Der Hamburger SV

In Hamburg, das seine Bewohner gern und gar nicht hanseatisch bescheiden als „schönste Stadt der Welt“ apostrophieren, gab es zuletzt reichlich böses Blut. Erbittert gestritten wird über die Schulreform, gegen die so viele Unterschriften gesammelt wurden, dass im Juli ein Plebiszit entscheiden wird. Die Elbphilharmonie wird erstens nicht rechtzeitig fertig und zweitens immer teurer. Ohnehin gelten sie und die Hafencity, deren Wahrzeichen sie werden soll, den einen als Symbol für Hamburgs Aufstieg in die erste Reihe der Weltmetropolen, den anderen für Großmannsucht und soziale Spaltung. Während des scheinbar endlosen Winters erregte man sich über vereiste Straßen und Wege und untätige Winterdienste. Und der Präsident der Bürgerschaft musste gar zurücktreten, nachdem auf sein Betreiben hin zuerst die Straße geräumt worden war, in der er selbst wohnte.

Da passen die Zustände beim HSV ins Bild. Erst wird Bruno Labbadia vorgehalten, die Spieler durch ausgiebige Besprechungen bei Minusgraden zu peinigen. Dann klagt Eljero Elia lautstark über die medizinische Abteilung des Vereins; kurz darauf berichtet die Lokalpresse von einem sich anbahnenden Wechsel des Dribblers zu Bayern München. Jerome Boateng scheint es nach Manchester zu ziehen; über einen Umzug Zé Robertos nach New York wird spekuliert. Mit Paulo Guerrero konnte man sich noch auf keine Vertragsverlängerung einigen. Gerüchte, dass Jogi Löw nach der WM Bruno Labbadia beerben soll, brachten HSV-Boss Bernd Hoffmann in Rage. Der enervierte Trainer selbst titulierte in der Pressekonferenz anonyme Internetposter als „Hosenscheißer“, was ihm in eben jenem Internet keine Liebeserklärungen einbrachte.

Und dann verletzt sich am Donnerstag auch noch Marcell Jansen, der mit ganz wenigen Ausnahmen konstant starke Leistungen als Antreiber im linken Mittelfeld zeigte und nach Elia Topscorer der Saison ist. Jansen fällt offenbar für den Rest der Saison aus. Als hätte sich das Verletzungspech nicht ohnehin schon eine seinen aktuellen Hauptwohnsitz an der Alster gesucht: Guerroro, Petric, Zé Roberto, Boateng, Elia, nun Jansen – alles Leistungsträger, die längerfristig ausfielen oder lange durch verschleppte Verletzungen gehandicappt wurden.

Immerhin soll Guerrero am Sonntag nach langer Verletzungspause wieder in den Kader zurückkehren. Der Stürmer hatte in den ersten vier Saisonpartien vier Treffer erzielt, sich dann aber beim WM-Qualifikationsspiel in Venezuela einen Kreuzbandriss beschrieben. Die Trainingseindrücke werden als „hervorragend“ beschrieben. Im Sturm muss es dem HSV also nicht bange sein, zumal dort ein Mladen Petric spielt und man Ruud van Nistelrooys Qualitäten niemandem mehr erklären muss.

Nun sind auch die besten Stürmer für gescheite Vorarbeit dankbar. In der Hinrunde waren dafür vor allem die brillanten Dribblings Elias und die Pässe der beiden Sechser Zé Roberto und Jarolim zuständig. Beide aber schwächelten in der Rückrunde, durch Verletzungen geplant. Elia fällt am Sonntag ganz aus; für ihn wird wieder der junge Tunay Torun spielen. Auch Jarolims Einsatz ist zumindest fraglich: Der Tscheche selbst bezifferte seine Einsatzchancen am Donnerstag auf 50:50. Auch bedingt durch Elias und Zé Robertos Zwischentief wuchs die zentrale Rolle des Impulsgebers immer mehr Marcell Jansen zu, der in schwierigen Phasen von seinen Kollegen sichtlich gesucht wurde. Nach Jansens Verletzung werden sie künftig woanders suchen müssen.

Piotr Trochowski bot sich als Ziel lange wenig an. Dem Nationalspieler wird Faulheit in der Defensive ebenso vorgeworfen wie ein Hang zum überhasteten Abschluss auch in Situationen, in denen Kollegen viel besser postiert sind. Gegen Schalke allerdings bereitete er zwei Tore vor und lieferte überhaupt seine vielleicht beste Saisonleistung ab. Trochowski ennerviert zwar die Fans mit seinen häufig erfolglosen Fernschüssen. Gleichwohl: Keine Mannschaft war in dieser Saison aus der Distanz so oft erfolgreich wie gerade der HSV – und keine für Fernschüsse so anfällig wie die Borussia.

Auch in Hamburgs Defensive wütet das Verletzungspech. Joris Mathijsen, von den beiden Innenverteidigern zuletzt der deutlich stabilere, könnte am Sonntag fehlen, Linksverteidiger Dennis Aogo ebenso. Jerome Boateng ist dagegen wieder einsatzfähig, wenn auch nach eigener Aussage nicht wieder in vollem Besitz seiner Kräfte. Wir erinnern uns: Im Hinspiel humpelte Boateng in der Schlussphase über das Feld, was seinen Teil zur Hamburger Niederlage beitrug. Dass Bruno Labbadia ihn damals nicht auswechselte, trug ihm heftige Kritik ein, nicht nur von anonymen Internetnutzern. Zuletzt dagegen entzündete sich die Kritik eher daran, dass Boateng inzwischen als Außenverteidiger eingesetzt wird, anstatt wieder ins Abwehrzentrum zu rücken, um dort den unsicheren Rozehnal zu ersetzen.

Fallen Aogo und Mathijsen am Sonntag gleichzeitig aus, steht Labbadia vor einem Dilemma. Denn nach Jansens Ausfall ist Boateng zwar auf beiden Positionen die erste Alternative, kann aber ohne Instantkloning nur auf einer spielen. Immerhin hat der Trainer durch die Rückkehr des Langzeitverletzten Bastian Reinhardt eine weitere Alternative für die Innenverteidigung. Nachdem Guy Demel formschwach vom Afrikacup zurückkehrte, hat sich rechts hinten Thomas Rincon etabliert. Er leistete zuletzt defensiv solide Leistungen ab, ohne nach vorne viele Impulse zu setzen. Am Sonntag wird er es mit seinem Nationalmannschaftskollegen Juan Arango zu tun haben.

Man sieht: Der Hamburger Sturm ist zwar formidabel, Mittelfeld und Abwehr aber sind empfindlich geschwächt. Auch das würde aus Sicht der Borussia dafür sprechen, in Auf- und Einstellung Mut zur Offensive zu signalisieren. Letztlich lag darin ja der Schlüssel zum Überraschungscoup im Hinspiel. Damals hatte die Borussia einen zweimaligen Rückstand deshalb gedreht, weil sie nach verhaltener erster halber Stunde immer entschlossener nach vorne gespielt hatte. Es wäre doch schön, wenn man das Spiel am Sonntag auch in dieser Hinsicht eine Parallele liefern würde.

Mögliche Aufstellungen

Borussia: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Daems – Meeuwis, Marx – Arango, Herrmann – Reus, Bobadilla.
Hamburger SV: Rost – Rincon, Rozehnal, Mathijsen, Boateng – Jarolim, Zé Roberto – Torun, Trochowski – Petric, van Nistelrooy.

SEITENWAHL-Prognose

Christoph Clausen: Gegen Hamburgs Hochkaräter im Sturm muss die Borussia mindestens ein, eher zwei Gegentore einplanen. Spielt sie aber beherzt nach vorne, könnte gegen die ohnehin kriselnde und nun zusätzlich ersatzgeschwächte Defensive aber einiges möglich sein. Zu einem erneuten Sieg mag es vielleicht nicht reichen. Aber mit einem 2:2 könnte man auch gut leben.

Christian Spoo: Borussia präsentiert sich stabiler als im vergangenen Heimspiel, die Abschlussschwäche bleibt aber virulent. Der Hamburger SV dagegen hat mit Ruud van Nistelrooy einen besonderen Stürmer. Wenn es so etwas wie "eingebaute Torgarantie" gibt, dann beim Niederländer. Das macht nach 90 Minuten 1:2 aus Borussensicht.

Michael Heinen: Die Frage, ob man gegen Borussia tippen darf, ist so alt wie das Tippen selbst. Dieses Mal stellt sie sich aber nicht, denn Borussia kann mit dem 1:1 gegen den HSV gut leben.

Christian Heimanns: Da ich mir um meine Aussichten in der redaktionsinternen Tippliste ohnehin keine Illusionen mache, kann ich frühlingshaften Optimismus versprühen. Borussia gewinnt mit 2:1, das Leben ist schön.

Mike Lukanz: Auf das Duell Dante gegen van Nistelrooy freue ich mich schon seit Wochen. Kurioserweise ist unser Abwehrchef der beste Spieler der Saison, und das bei 47 Gegentoren. Den niederländischen Weltklassestürmer wird auch Dante nicht 90 Minuten in den Griff kriegen. Dennoch liegt uns der HSV, so dass das Spiel mit 3:2 gewonnen wird.

Thomas Häcki: Ein Sieg gegen Hamburg und die Messe wäre wohl vorzeitig gelesen. Ein schöner Gedanke. Da ich aber schon zu lange Gladbach-Fan bin und die Fohlen sich derzeit nicht unbedingt durch die Nutzung ihrer Chancen auszeichnen, wäre ein 2:2 schon ein Erfolg. Der hilft zwar nicht wirklich, macht aber auch nichts kaputt.

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