Es gibt Auswärtsspiele, bei denen man unbeschwert antreten kann, weil niemand etwas erwartet. Das Spiel der Borussia in Hamburg war ein solches – mit bekanntem Ergebnis. „Wir haben nichts zu verlieren“ - das gilt am Samstag in Frankfurt nicht. Es geht gegen ein Team, das von der Leistungsfähigkeit her als gleichwertig einzustufen ist, es geht gegen einen Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt, auch wenn man das in Frankfurt wohl offiziell anders sieht. Die Eintracht hat zwar vier Punkte mehr auf dem Konto, am Riederwald ist aber ein Abwärtstrend auszumachen, dazu kommen erhebliche Verletzungsprobleme und aufkommende Unruhe im Umfeld. Borussia sollte sich dort also durchaus eine Sieg- oder zumindest Punktchance ausrechnen. Wenn die Mannschaft das unbekümmerte Auftreten von Hamburg trotzdem wiederholen kann – wir hätten nichts dagegen.



Borussia
 
 

Dass eine Mannschaft nach einem torlosen Spiel vom Publikum mit donnerndem Applaus verabschiedet wird, ist selten. Dass es auch noch das oft ungnädige Publikum im Borussia-Park war, macht das Ganze noch erstaunlicher. Die Fans haben anerkannt, dass die Borussia nach dem Überraschungssieg in Hamburg auch im Heimspiel gegen Stuttgart alles eingebracht hat, was an Kampf- und Spielfertigkeit vorhanden ist. Viele solcher Spiele kann sich eine Mannschaft in der Situation der Gladbacher aber nicht erlauben. Ein Unentschieden nach einem überlegen geführten Spiel sind im Endeffekt zwei verlorene Punkte gegen den Abstieg. Und so ist das Stuttgart-Spiel nur etwas wert, wenn Borussia bis zur Winterpause auf die gute Leistung noch Zählbares draufpackt. 
 

Hinten bleibt nach der erneuten Verletzung von Filip Daems (Sehnenscheidenentzündung) alles beim Alten.


Ob sich personell sonst etwas ändert, hängt von der „Matmour-Frage“ ab. Der Algerier war am Samstag und am Mittwoch in der WM-Qualifikation im Einsatz, hat lange Reisen und strapaziöse Erlebnisse auf und neben dem Platz hinter sich. Zudem funktionierte das Sturm-Duo Friend/Matmour in den Augen vieler Zuschauer nicht. Matmour war gegen Stuttgart, auch wenn die offizielle Lesart von Michael Frontzeck eine andere ist, Borussias schwächster Mann. Dass er deswegen aber aus der Startelf fliegt, ist keinesfalls ausgemacht
 

Wie aber könnte der Borussen-Angriff stattdessen aussehen? Raul Bobadilla fällt weiterhin aus, so müssen wir weiter auf das Experiment Friend/Bobadilla warten. Viele sehen ja in diesem Duo, ohne einen Beweis führen zu können, das bestmögliche. Die Kombination Friend/Colautti, die angeblich nicht funktioniert, wäre gegen Stuttgart um ein Haar zum Einsatz gekommen. Der Israeli stand – beschämenderweise von den eigenen Fans ausgepfiffen - schon bereit, als Marco Reus nach Auswechslung verlangte. Nach dessen bemerkenswerter Spontanheilung musste Colautti aber wieder auf die Bank, von der er sich nurmehr zum Warmlaufen erheben durfte.

Bleibt Oliver Neuville, der gegen Stuttgart einen weiteren Kurzeinsatz hinlegte, der nicht als Bewerbung um einen Startplatz gelten kann - auch wenn ein Großteil des Kurvenpublikums da vermutlich anderer Ansicht ist.  

Der Gegner aus Frankfurt
 

Ungeduld und überhöhte Ansprüche: das werfen
wir Borussia-Fans uns gegenseitig ja gerne vor, und das oft zu recht.
Bei Eintracht Frankfurt ist dieses Phänomen allerdings ebenso bekannt – und hat zuletzt weitrechende Folgen gehabt. Der solide aber glamourfreie Trainer Friedhelm Funkel hatte es über Jahre geschafft, den einstigen Fahrstuhlverein aus der Hessenmetropole nicht nur viermal in Folge vor dem Abstieg zu bewahren, er bescherte den Eintracht-Anhängern sogar zuletzt zweimal eine so gut wie sorgenfreie Saison. Denen war das aber nicht genug. Ihre Eintracht gehört doch eigentlich in den UEFA-Cup. Dort durfte das Team tatsächlich im Jahr 2006 als Pokalvize antreten. Auch das nicht zuletzt der Verdienst von Friedhelm Funkel. Aber die „Funkel raus“-Chöre waren in der vergangenen Saison regelmäßig unüberhörbar. Am Ende obsiegten die Krakeeler, Funkel wurde trotz verlängerten Vertrages entlassen und spielt nach der Eintracht-Tragödie nun seit kurzem eine Hauptrolle im Drama „Von der Hertha-Mania zur Hertha-Tasmania“. 

In Frankfurt wurde anstelle des unglamourösen Funkel Michael Skibbe verpflichtet. Ein Trainer, dessen Glamourfaktor sich bei Licht betrachtet auf die mutmaßliche Existenz pikanter Fotos auf seinem Handy beschränkt.
Skibbe ist im Prinzip Funkel reloaded, zudem gilt für den Ex-Schnauzbartträger und –Bundestrainer, dass er bisher stets ausgezeichnet besetzte Mannschaften trainierte und mit denen immer am unteren Rande der Erwartungen blieb.  

Bei der Eintracht läuft es bisher aber recht ordentlich: nach einem bemerkenswerten Saisonstart mit sechs Spielen ohne Niederlage (davon allerdings vier Unentschieden) ist seit dem siebten Spieltag so etwas wie Normalität eingekehrt: die Eintracht spielt mal ordentlich, mal unterirdisch. Es setzte eine deftige Heimniederlage (0:3 gegen den VfB Stuttgart), auswärts holten die Frankfurter nichts mehr. Gegen die ebenfalls in der unteren Tabellenhälfte angesiedelten Teams aus Hannover und Bochum gab es jeweils einen knappen 2:1-Sieg. Im Prinzip hat sich also, nimmt man die Momentaufnahme als Maßstab, gegenüber der Ära Funkel nichts geändert. 

Geändert aber hat sich der Stil. Intern knarzt es dem Vernehmen nach ganz gewaltig. Während Friedhelm Funkel den Verein trotz des zweifelhaften Umgangs mit seiner Person nie öffentlich kritisierte, holzt Skibbe munter gegen alle und jeden. Er nahm dem in der teaminternen Hierarchie weit oben stehenden Ioannis Amanatidis die Kapitänsbinde ab, die Strukturen im Verein und vor allem das Scouting nahm sich Skibbe ebenfalls verbal vor. Vor allem die geplatzte Verpflichtung des früheren Schalkers Lincoln soll Skibbe schon früh gegen seinen neuen Arbeitgeber aufgebracht haben.


Vor dem Spiel gegen Borussia ist Eintracht Frankfurt weiter von starken Personalsorgen geplagt. In jedem Mannschaftsteil fehlen Stammkräfte, einige Spieler sind noch fraglich. Michael Skibbe gab sich am Donnerstag ratlos, welche elf Spieler er aufs Feld schicken wird.

Im Tor hat die Eintracht ein Dauerproblem. Der traditionell seit Jahren vor jeder Spielzeit abgeschriebene Oka Nikolov darf sich traditionell wieder Stammtorwart nennen. Er wird gegen Borussia wieder spielen. Der vor der Saison als Nummer 1 geholte Ralf Fährmann, der auf Schalke das Problem hatte, Manuel Neuer vor der Nase zu haben, verletzte sich in der Vorbereitung, kam erst am vergangenen Spieltag wegen einer Verletzung Nikolovs zu seinem ersten Einsatz und kassierte gleich vier Gegentore. Der ebenfalls durchaus „Nummer-eins-taugliche“ Markus Pröll erholt sich derzeit von einer langwierigen Verletzung.  

In der Frankfurter Defensive konzentriert sich vieles auf einen Mann, den wohl bestgehassten Verteidiger der Liga. Maik Franz hat sich durch sein Spiel an der Grenze des Erlaubten bei Gegnern und dem Publikum einen zweifelhaften Ruf erarbeitet. Zuletzt fiel er aber auch durch kuriose Eigentore bzw. Assists vor dem eigenen Kasten auf. Bei der Niederlage in Leverkusen musste Franz auf der rechten Abwehrseite ran, ob das auch gegen Borussia so sein wird, hängt davon ab, ob der etatmäßige Rechtsverteidiger Patrick Ochs trotz Rippenbruchs wieder spielen kann. Wenn nicht, könnte der Brasilianer Chris neben Marco Russ innen verteidigen. Aber auch Chris ist - Stand Donnerstag Nachmittag - angeschlagen. Und auch der etatmäßige Linksverteidiger, der Schweizer Christoph Spycher, ist angeschlagen. Ob er spielen kann, entscheidet sich kurzfristig.

Im Mittelfeld bevorzugt Michael Skibbe in Heimspielen eine „Raute“. Als Sechser bieten sich Chris oder, falls er in die Abwehr oder ganz passen muss. der Schweizer Nationalspieler Pirmin Schwegler.
Die Halbpositionen wurden in den vergangenen Wochen meist von Selim Teber und Zlatan Bajramovic bekleidet, hinter den Spitzen könnte der Brasilianer Caio eine weitere Chance erhalten, nach ordentlichem Start in seine zweite Frankfurter Saison ist der aber inzwischen wieder in der Sorgenkind-Form der vergangenen Spielzeit. Auch Teber, Alex Meier oder Ümit Korkmaz können die Position im zentralen offensiven Mittelfeld spielen. Meier agiert allerdings – vor allem in Heimspielen – oft auch als zweite, hängende Spitze.  

Ganz vorne herrscht bei der Eintracht extreme Personalnot, schon jetzt suchen Heribert Bruchhagen und Michael Skibbe nach möglichen Neuzugängen für den Winter. Ioannis Amanatidis fällt mit einer Knieverletzung bis auf weiteres aus, auch Martin Fenin kann nicht spielen. Zuletzt hat sich noch die einzig verbliebene „echte“ Spitze Nikos Liberopoulos abgemeldet. Der Grieche ist nach dem Tod seines Vaters in die Heimat geflogen und wird nicht rechtzeitig zum Spiel am Samstag zurückerwartet. So wird wohl Halbstürmer Meier die einzige Spitze sein.

Aufstellungen

Borussia: Bailly – Levels, Brouwers, Dante, Jaurès – Marx, Bradley – Reus, Arango – Matmour, Friend
Frankfurt: Nikolov – Ochs, Franz, Russ, Spycher – Chris – Bajramovic, Teber, Caio, Schwegler – Meier


SEITENWAHL-Prognose


Christoph Clausen: "Sowas hat man lange nicht gesehen", sangen freudetrunkene Borussenfans vor zwei Wochen in Hamburg. Sollte es am Samstag gar zum zweiten Gladbacher Auswärtssieg in Folge kommen, hätten die Zeilen noch größere Berechtigung. Ausgeschlossen ist das nach den zuletzt gezeigten Leistungen nicht, und so versteige ich mich denn zu einem überaus optimistischen Tipp: Borussia siegt mit 2:0.

Thomas Häcki: Als mich zu Beginn der 80er der Virus Fussball erwischte, da spielte die Borussia schönen Angriffsfussball und sieben Mal in Folge Unentschieden gegen Eintracht Frankfurt. Schön ist der Fussball bereits anzusehen, man ist zumindestens angriffslustiger als letzte Saison (was zugegebenermaßen nicht sooo schwer ist) - nun fehlt nur noch ein Unentschieden. 1:1

Michael Heinen: Wer denkt, dass Borussia nach zuletzt verbesserten Auftritten in Frankfurt als Favorit auf den Platz geht, der wird leider enttäuscht. Mit 1:2 verliert man das Auswärtsspiel und muss sich wieder deutlicher nach unten orientieren.

Christian Spoo: Borussia spielt weniger gut als in Hamburg und gegen Stuttgart. Die Defensive steht, die Offensive lahmt. Einer geht aber trotzdem rein – so wird die Mannschaft einen Punkt aus Frankfurt mitnehmen. Das Spiel endet 1:1

Mike Lukanz: Borussia sammelt Punkt für Punkt, tritt aber weiter auf der Stelle. Das 0:0 hat somit drei Konsequenzen: 1) Die Mannschaft geht zum vierten Mal in Folge ungeschlagen vom Platz, 2) ist ein Punkt auswärts für Borussia per se ein Erfolg und 3) wird der Boulevard sein "seit X Minuten ohne eigenes Tor"-Gefasel bemühen.

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