Mit einem 2:2 in Bochum erkämpfte sich Borussia am Freitag abend einen verdienten Auswärtspunkt und konnte damit zumindest die Talfahrt der letzten Wochen vorläufig stoppen. In einem packenden Spiel mit allerdings verhältnismäßig wenigen Torchancen wäre bei einer besseren Formkurve vermutlich sogar mehr drin gewesen. Aber auch so darf das Ergebnis beim obligatorischen „18. Heimspiel der Saison“ als Punktgewinn gewertet werden.

Christian Ziege machte bei seinem ersten Auftritt als Borussen-Trainer vieles ähnlich wie sein Vorgänger. Auch er rotierte gleich fünfmal gegenüber der vorigen Partie, er spielte das bei den Fans unbeliebte 4-2-3-1-System und wechselte relativ spät aus, wobei er u.a. auf die Drangphase der Bochumer Mitte der 2. Halbzeit nicht reagierte. Wohlwollende Stimmen werden ihm zugute halten, wie er nach dem Ausgleichtreffer in der 79. Minute aktiv Zeichen setzte, das Spiel noch einmal drehen zu wollen. Doch Vergleiche zwischen Ziege, dem bald zu erwartenden neuen, wie auch dem alten Coach sollten gar nicht erst angestellt werden. Das Kapitel Jos Luhukay ist bei Borussia Vergangenheit und es gibt jetzt Wichtigeres als die Sinnfrage zu stellen, wie richtig oder falsch dieser Wechsel gewesen sein mag.  

Kurzfristig bot er Uwe Gospodarek eine etwas überraschende Chance, die sich aber bei diversen Trainingseinheiten in dieser Woche schon angedeutet hatte. Der Ex-Bochumer hielt lange Zeit ordentlich und souverän. Beim 1:1-Ausgleichstreffer war er aber nicht in der Lage, einen haltbaren Schuss aus kurzer Distanz abzuwehren. Auch in zwei bis drei anderen Situationen wirkte Gospodarek nicht ganz sicher, was aber u.a. mit seiner fehlenden Spielpraxis erklärbar ist. Insgesamt stellt sich dennoch die Frage, warum Christian Ziege in seiner vermutlich einzigen Partie als Verantwortlicher solch eine schwer wiegende Veränderung vorgenommen hat. Sofern man von der Spekulation absieht, dass dies bereits mit seinem Nachfolger abgesprochen gewesen sein könnte, eröffnete er damit einen weiteren Themenschwerpunkt für die kommenden Wochen. Zusätzlich darf man hinterfragen, warum er vor der Saison nicht eine junge, viel versprechende Alternative auf der Torwartposition verpflichtet hat, wenn er offensichtlich kein allzu großes Vertrauen in die Fähigkeiten von Christofer Heimeroth zu haben scheint. Uwe Gospodarek mag einen wohl klingenden Vornamen haben und ist als Reservekeeper für einen Abstiegskandidaten keine schlechte Wahl. Seine Perspektive ist aber ebenso wie seine Fähigkeiten sehr begrenzt.
 

Eine andere Personalentscheidung des Sportdirektors war hingegen goldrichtig. Steve Gohouri kam erneut auf der umstrittenen Position des Rechtsverteidigers zum Einsatz und absolvierte hier seine beste Saisonleistung. Defensiv stand er sicher, um sich dann sogar noch für die 1:0-Führung verantwortlich zu zeichnen, obwohl er zu diesem Zeitpunkt in der 30. Minute bereits sichtlich angeschlagen war. Es ist eine interessante, wenngleich müßige Überlegung, wie das Spiel verlaufen wäre, hätte er nicht zur Halbzeit verletzt ausgewechselt werden müssen. 
 

Für ihn brachte Ziege den offensivfreudigeren Marcel Ndjeng, der in den folgenden 45 Minuten aber nachwies, warum er kein Rechtsverteidiger ist und wohl auch nie einer werden wird. Zu desolat sein Defensivverhalten, dass er an diesem Abend nicht einmal durch gelungene Offensivvorstöße kompensieren konnte. Beide Gegentore gingen zumindest anteilig auf Ndjengs Kappe. Zudem war es sein unnötiger Leichtsinnsfehler im Mittelfeld, der in der 54. Minute die Drangphase des VfL Bochum einleitete, die eine Minute später zum Ausgleich durch Christoph Dabrowski führte. Zwischen dem 1:0 in der 30. und jener 54. Minute war den Gastgebern sehr wenig eingefallen, um Borussias bis dato überraschend gut stehende Defensive zu gefährden. 
 

Im Anschluss an das 1:1 verstärkten sie dann aber erst recht den Druck und zwangen Gladbach – insbesondere in Person der Außenverteidiger Voigt und Ndjeng – zu zahlreichen Fehlern. Christian Ziege reagierte hierauf sehr spät, aber dann folgenschwer. Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der in der 76. Minute vorgenommene Wechsel (Brouwers für Voigt) mit zum zwischenzeitlichen Rückstand beitrug. Der holländische Abwehrspieler war es nämlich, der gegen Kaloglu nicht hochstieg, wenngleich die Hauptschuld darin lag, dass Ndjeng zunächst den Bochumer Azouagh nicht angriff und kurz darauf Fuchs nahezu unbedrängt flanken ließ. Als Innenverteidiger befindet sich Brouwers in so einer Situation automatisch im Nachteil gegenüber dem Stürmer, wenngleich das Stellungsspiel des Niederländers alles andere als optimal gewesen ist.
 

Wenige Augenblicke nach dem 1:2 machte sich Oliver Neuville bereit, um doch noch die Schlußoffensive einzuleiten. Diese begann sogleich mit einem Paukenschlag in Form einer Marin-Ecke von rechts, eines Kopfballs von Thomas Kleine sowie eines krassen Torwartfehlers von Fernandes. Dass Neuville trotz des umjubelten Ausgleichs dennoch (für Matmour) kam, spricht für den Offensivgeist von Ziege, wenngleich dies letzten Endes keinen nennenswerten Effekt mehr haben sollte. Die letzten 10 Minute waren geprägt von hoher Dramatik, ohne aber noch eine allzu große Torchance vor einem der beiden Tore heraufzubeschwören. 
 

So blieb es letztlich beim alles in allem gerechten 2:2, das beide Mannschaften tabellarisch nicht allzu weit nach vorne bringt. Borussia wird die Abstiegsränge nicht verlassen können, während sich die Bochumer daheim gegen den Tabellenletzten mehr ausgerechnet haben dürften. Beide Teams zeigten zwar viel Leidenschaft und Engagement. Man merkte ihnen aber gleichfalls immer wieder die Verunsicherung an, die weder ein 3:3 in München noch ein Trainerwechsel so schnell beseitigen kann. 
 

Gewinner des Spiels waren bei Borussia die Verteidiger Gohouri, Daems und Kleine, die trotz der beiden Gegentore ihre Sache sehr sachlich und souverän lösten. Auch die neue Doppelsechs, bestehend aus Sebastian Svärd und Patrick Paauwe, verdiente sich weitere Chancen beim neuen Coach. Da dieser vermutlich bereits aktiv und mit großem Interesse die Partie verfolgt haben wird, dürfte Marcel Ndjeng sehr schlechte Karten besitzen, auf der Position des Rechtsverteidigers berücksichtigt zu werden.  

Hinterfragt werden sollte zudem das System des 4-2-3-1, das defensiv, mit Ausnahme diverser individueller Fehler der genannten Akteure, zwar relativ gut funktionierte. Offensiv hing Rob Friend aber über 90 Minuten völlig in der Luft, so dass er weite Wege gehen musste, um überhaupt einmal an den Ball zu gelangen. Die offensiven Mittelfeldakteure unterstützten ihn viel zu wenig, wobei Matmour eines seiner schwächeren Saisonspiele ablieferte und Marko Marin immerhin durch zwei Torvorlagen nach Standards glänzte. Michael Bradley war sehr bemüht, deutete aber an, dass es noch viel zu früh ist, in ihm den großen Heilsbringer zu sehen. Dass Borussia aus dem Spiel heraus keine einzige echte Torchance besaß, ist ebenso ein Zeichen fehlender spielerischer Klasse wie es fehlende Eingespieltheit offenbart. 2 Treffer bei 3 Möglichkeiten nach Standards – Kleine vergab zwischenzeitlich in der 70. Minute per Kopf – sprechen hingegen für eine sehr hohe Effizienz im Torabschluss.
 

Ungewohnt in einer Situation wie der unsrigen, dass Schiedsrichter Helmut Fleischer in den strittigen Situationen verstärkt zu Borussias Gunsten entschied. Ein klares Foul von Svärd an der Strafraumgrenze (4.) blieb völlig ungeahndet, hätte aber wohl auch nur einen Freistoß nach sich ziehen dürfen. Derselbe Akteur hatte kurz vor der Pause erneut Glück, dass er für ein sehr unschönes Foul an Dabrowski im Mittelfeld nicht einmal Gelb sah. Hier wäre selbst Rot möglich gewesen wie aber auf der Gegenseite auch für Mavraj, der gegen Marin in der 29. Minute die Notbremse zog. 
 

Nach 7 Niederlagen in den vorigen 8 Partien war der Punktgewinn ein wichtiges Erfolgserlebnis, das allerdings in der kommenden Woche zwingend durch einen Dreier gegen den Karlsruher SC gekrönt werden muss. Unabhängig davon, wer neuer Cheftrainer wird und welche Maßnahmen dieser trifft, muss dieses Spiel dazu beitragen, dass der Anschluss an die übrigen Abstiegskandidaten nicht verloren geht. Seit diesem Freitag abend besteht darauf wieder etwas mehr Hoffnung, wenngleich die Schwächen des Spiels deutlich aufzeigten, dass die Probleme noch lange nicht ausgestanden sind und tiefer als nur in der Person eines Jos Luhukay begründet liegen.


VfL Bochum: Fernandes – Pfertzel, Maltritz, Mavraj, Fuchs – Freier, Schröder, Dabrowski, Azaouagh, Sestak – Kaloglu

Borussia:
Gospodarek – Gohouri (Ndjeng 46), Kleine, Daems, Voigt (Brouwers 76) – Matmour (Neuville 79), Paauwe, Svärd, Bradley, Marin – Friend. 

Tore: 0:1 Gohouri (30.), 1:1 Dabrowski (55.), 2:1 Kaloglu (77.), 2:2 Kleine (79.)

Schiedsrichter: Helmut Fleischer (Sigmertshausen) 

Zuschauer: 31.328 (ausverkauft) 

Gelbe Karten (Borussia): Voigt, Friend, Marin

Besondere Vorkommnisse:
Borussia konnte nicht nur die Serie von 5 Niederlagen in Folge stoppen, sondern spielte überhaupt zum ersten Mal in dieser Saison Remis. Nach zuletzt 9 Auswärtsniederlagen in der 1. Bundesliga in Folge, konnte auch dieser schwarze Trend beendet werden. In ihrem vierten Auswärtsspiel der Saison holte die Borussia ihren ersten Auswärtszähler (3:9 Tore). Steve Gohouri erzielte sein erstes Bundesligator überhaupt, gleichzeitig seinen ersten Treffer in einem Pflichtspiel seit seinem Wechsel zur Borussia. Dass auch Christian Ziege seinen ersten Punkt als Bundesliga-Cheftrainer feiern durfte, wird hingegen nur die wenigsten unserer Leser überraschen.

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