Jos LuhukayZwölf Minuten Fußball und eine Standardsituation, das blieb das Arbeitsprotokoll der Borussia am heutigen letzten Zweitligaspieltag der Spielzeit 2007/08. Mit dem so erwirkten 3:2 in Paderborn sicherte sich die Mannschaft auch endgültig den völlig verdienten Meistertitel. Keiner gewann in dieser Saison so viele Saisonspiele, keiner verlor so selten, keiner schoss mehr Tore oder war gar länger an der Tabellenspitze positioniert. Zudem war die Borussia die erfolgreichste Auswärtself dieser Spielzeit und erzielte dort in bloß 17 Partien auf fremdem Platz alleine mehr Treffer als ganze vier Klubs in ihren gesamten 34 Saisonspielen; kein Mensch wird folglich also behaupten können, dass dieses souveräne Team um Aufstiegscoach Jos Luhukay etwas anderes verdient hatte als diese Saison auf jenem Platz 1 der Tabelle abzuschließen.

Im Stadion seines alten Arbeitgebers begann Jos Luhukay das letzte Saisonspiel mit vier Veränderungen in der Startelf. Für den gelbgesperrten Roel Brouwers in der Abwehr rückte Filip Daems wieder in die zentrale Abwehr, dafür verteidigte als Linksverteidiger der gegen Freiburg gelbgesperrte Alexander Voigt. Im Mittelfeld pausierten Sharbel Touma und Sascha Rösler, für sie agierten Marcel Ndjeng (rechts), an alter Wirkungsstätte, und Soumaila Coulibaly. Auf der Torwartposition bekam ferner Ersatztorhüter Uwe Gospodarek seinen Saisoneinsatz, eine Art Dankeschön seines Trainers für seine Trainingsarbeit in den vergangenen Monaten an der Hennes-Weisweiler-Allee.

Die Gastgeber, für die der Abstieg in die neue 3. Bundesliga spätestens seit dem vergangenen Spieltag bittere Realität geworden war, starteten die Partie mit forschem Elan und hatten durch den jungen Kanadier David Hoilett nach gut vier Spielminuten ihre erste Tormöglichkeit. Doch hier zeigte sich Uwe Gospodarek erstmals auf dem Posten. Auch im Anschluss an diese Anfangsphase verdienten sich am ansehnlichen Spielverlauf in erster Linie die Gastgeber ihre guten Kritiken, allerdings hatten sie vor ihrem eigenen Gehäuse in der 10. Spielminute eine Schrecksekunde zu überstehen, als auf Vorlage von Mannschaftskapitän Oliver Neuville Rob Friend einen Kopfball nur knapp neben das Tor wuchtete.  
Anders als die Borussia, deren Spieler sich mitunter in Einzelaktionen probierten und die über sehr weite Strecken der ersten Halbzeit eine gewisse Präzision im Offensivspiel vermissen ließ, bemühten sich die Gastgeber um die zügige Erlangung weiterer Torchancen. So war dann bisweilen Uwe Gospodarek gefordert, der etwa nach 19 Minuten eine Torchance des Paderborners Löbe unterband und nur zwei Minuten später zu einer echten Glanztat gezwungen war, als Fischer völlig unbedrängt und ungestört aus halbrechter Position die zu diesem Zeitpunkt gewiss verdiente Führung der Heimelf auf dem Fuß hatte.

Wie so oft im Fußball geht in so einem Spiel dann aber nicht die aktivere, sondern die effektivere Mannschaft in Führung. So auch hier, übrigens als Resultat einer der wenigen zielstrebigen Aktionen der Borussia zum gegnerischen Tor in der gesamten Halbzeit. So hatte Kläsener vor Ndjeng zur Ecke abgewehrt, doch stand bei dieser Eckballsituation eben jener Kläsener im Fünfmeterraum plötzlich dem von Ndjeng hereingebrachten Ball nicht näher als Rob Friend, der somit prompt mit dem Kopf zum 1:0-Führungstor der Borussia zur Stelle war - der kanadische Nationalspieler durfte sich über seinen 18. Saisontreffer freuen.

Die Inaktivität der Borussia, die es den Gastgebern zu Beginn der Partie durchaus leicht gemacht hatte eine zunächst lediglich optische Feldüberlegenheit zu erwirken, machte sich allerdings durch diesen Führungstreffer nicht auf den Heimweg. Ganz im Gegenteil, diese Inaktivität setzte sich weiter im Spiel der Borussia fest, die nun noch weniger Anstalten machte sich aktiv an der Entwicklung eines konstruktiven Spiels zu beteiligen. Viel wurde aus dem Stand probiert und zu wenig aus der Bewegung, verlorenen Bällen wurde nicht konsequent nachgesetzt und im Mittelfeld wurde ein gegnerischer Spieler im Ballbesitz durchaus schon einmal von Strafraum zu Strafraum begleitet. Nur recht und billig, dass die ostwestfälischen Gastgeber sich dafür mit dem Ausgleichstreffer bedanken wollten und in der 34. Spielminute gelang eben dieser dem wuseligen David Hoilett, der eine schöne Kombination seiner Mannschaft unhaltbar für Gospodarek im Borussentor unterbrachte.

Auch jetzt machte die Borussia keine großen Anstalten das Spiel in ihre Hand zu nehmen, sie ließ die gastgebende SC-Elf sich weiter den Frust über eine verkorkste Saison aus den Knochen schütteln. Und die Paderborner bekamen in den Minuten bis zum Halbzeitpfiff weitere Möglichkeiten ein weiteres Tor zu erzielen. Allein Hoilett, mit dem die Defensive der Borussia ihre Problemchen hatte, hätte seinem ersten Treffer gleich mehrere hinzufügen können, doch letztlich scheiterten die Hausherren entweder an ihrem eigenen Unvermögen oder an dem diese Bälle parierenden Uwe Gospodarek. Eine Minute vor dem Halbzeitpfiff war dann aber auch Uwe Gospodarek machtlos, als der ehemalige Borussenspieler Benjamin Schüßler im Verbund mit dem flankenden Karsten Fischer aus der Nahdistanz eine echte Schlafmützigkeit der Borussenabwehr zum 2:1-Pausenstand herausarbeitete.

Auf dieses Tor, das in seiner Entstehung davon begünstigt war, dass auch Tobias Levels den Zweikampf scheute, folgte die Halbzeitpause und auf diese Pause folgte zunächst eine Auswechselung bei der Borussia. Der immer wieder von Blessuren heimgesuchte Sebastian Svärd ersetzte nominell Tobias Levels, teilte sich fortan dessen Aufgaben auf der rechten Seite mit Marcel Ndjeng.

Mehr noch als dieser Wechsel folgte auf die Halbzeitpause ein sofortiger Wandel im Spiel der Borussia. Die Mannschaft um die EM-Kandidaten Neuville und Marin zeigte sich gleich einmal wesentlich spritziger und lebendiger als in allen Situationen der ersten Halbzeit. In der 46. Spielminute hatte so Rob Friend eine erste als Chance zu wertende Situation und nachdem der Tempogegenstoß der Paderborner über Schüßler im Nachfassen von Gospodarek zu einer Nichts einbringenden Ecke geklärt worden war, begann die Borussia für einen Intervall von gut zwölf Minuten einen kombinationsfreudigen Tempofußball zu spielen. So erwirkte sie in der 50. Spielminute einen zur Ecke abgewehrten Schuss Marins, so erlangte sich im Zuge dieser Standardsituation einen satten Volleyversuch Marcel Ndjengs aus allerdings etlichen Metern Torentfernung.

Sie war also plötzlich spielfreudig und sie war plötzlich den Gastgebern auch überlegen. Aus einem schnell ausgeführten Freistoß durch Patrick Paauwe eröffnete sich in der 53. Spielminute die Gelegenheit für Soumaila Coulibaly das 70. Borussentor der laufenden Saison zu erzielen und der Nationalspieler aus Mali nutzte diese Möglichkeit auch. Der Ausgleichstreffer. Die Borussia machte allerdings weiter und kam nur fünf Minuten später durch ihren mutmaßlich neuen A-Nationalspieler Marko Marin zum erneuten Führungstreffer. Eingesetzt von Marcel Ndjeng, der den Ball simpel weiterspitzelte, kam der 19-jährige EM-Kandidat im Paderborner Strafraum in Ballbesitz und unterstrich mit dem kurz danach folgenden, erfolgreichen Torschuss noch einmal seine individuelle Ballfertigkeit; die Borussia hatte den negativen Pausenstand in diesem nicht mehr ausschlaggebenden Spiel binnen zwölf Minuten zügig in eine eigene Führung verwandelt.

Im Anschluss an den Treffer von Marko Marin drosselte die Borussia das Tempo jedoch wieder, nahm sichtbar den Elan und die Spritzigkeit aus der eigenen Spielanlage und so verlagerte sich das Spielgeschehen zwangsläufig eben wieder etwas stärker in Richtung des Gehäuses von Uwe Gospodarek, dem seine Mitspieler also auch jetzt wieder die Möglichkeit gaben sich mit nötig gewordenen Aktionen auszuzeichnen. Wie schon in der gesamten Spielzeit, so konnte der SC Paderborn seine Schwierigkeiten im Torabschluss aber auch in diesem Spiel nicht verbergen oder gar kaschieren. Selbst diese inaktive Borussenmannschaft vermochte die Elf von Trainer Dotchev allenfalls noch einmal an den äußeren Rand eines Gegentreffers zu bringen, als mit dem freistehenden Stürmer Assauer ein Paderborner an dem flink aus seinem Tor geeilten Torwart scheiterte und Sinkala den ihm zum Nachschuss vor die Füße trudelnden Ball ganz flott und weit an den gerade verwaisten Stangen des Borussentores vorbei segeln ließ (76.).

Die Offensivsituationen der Borussia in diesen letzten zwanzig Saisonminuten waren zwar an einer Hand ablesbar, doch wenn sie sich wirklich zu einem konstruktiven Spielzug aufraffte, so blitzte ihre Torgefährlichkeit konsequent auf. Rob Friend hätte sich so im Anschluss an eine spektakulär scheinende Ballan- und -mitnahme vor dem Strafraum der Paderborner zum wiederholten Mal in die Torschützenliste eintragen können, die nennenswerteste dieser raren Möglichkeiten blieb indes jener nur knapp am Paderborner-Tor vorbeifliegende Schuss von Nando Rafael (81.), der unmittelbar zuvor und zusammen mit Alexander Baumjohann für Oliver Neuville bzw. Marko Marin ins Spiel gekommen war.

In der Folge mehrerer Halbchancen der gastgebenden Mannschaft in den Schlussminuten folgte noch eine von Schiedsrichter Georg Schalk ausgewiesene Nachspielzeit, dann war auch das 34. Saisonspiel der Borussia beendet und das Erringen der Meisterschaft der 2. Fußball-Bundesliga in der Saison 2007/08 eine Tatsache. Einer Meisterschaft, die sie sich wie kein anderes Team in dieser Liga verdient hat und als deren wichtige Begleiterscheinung der schon am 32. Spieltag durch ein 3:0 über Wehen Wiesbaden festgezurrte Wiederaufstieg in die 1. Fußball-Bundesliga wie eine Art Wimpel schmückend hängt.

31 Spiele sind nunmehr nach dem jämmerlichen 1:4 beim FSV Mainz 05 am 3. Spieltag vergangen, abgesehen von dem bedeutungslosen 2:3 gegen den SC Freiburg am vergangenen Spieltag hat die Borussia lediglich zwei weitere Spiele in diesem Zeitraum verloren. Einmal das Auswärtsspiel beim Mitaufsteiger Hoffenheim, als sie einen komfortablen Pausenvorsprung durch eigene Nachlässigkeiten noch verspielte, und andererseits das darauf folgende Heimspiel gegen Mainz 05, wobei ihr in jener Partie ein Strafstoß verweigert wurde und der Schiedsrichter beim Siegtreffer der Gäste eine Abseitsposition des Torschützen von seinem Assistenten nicht angezeigt bekommen hatte. Alle restlichen 28 Spiele seit diesem 24. August 2008 beendete die Borussia mit immer wenigstens einem Punkt, 18 dieser Begegnungen gewann sie sogar.

Dies ist eine Bilanz, auf die kann der Verein mit seiner Mannschaft, aber auch die Fans der Borussia, absolut stolz sein. Solange diese erste gewonnene Liga seit der Deutschen Meisterschaft 1976/77 jetzt nicht doch dazu führt, dass die notorische Überheblichkeit und die latente Nachlässigkeit ihren Weg zurück nach Mönchengladbach findet, solange ist nicht allein die Saisonbilanz positiv. So lange hat diese akribische Mannschaft, die nachgewiesenermaßen ein Team ist, auch alle berechtigte Hoffnung ihre Positiventwicklung in die richtige Richtung schrittweise fortzuführen. Auch nach dieser Saison, aber eben nur schrittweise. Weshalb zu wünschen bleibt, dass sämtliche für Borussia Mönchengladbach hoffenden und auch sich einsetzenden Menschen die Tatsache gewordene Einmaligkeit der nunmehr zurückliegenden Spielzeit erkennen und entsprechend aktiv wertschätzen. Nur dann wird diese ja ziemlich wunderbar und eben natürlich zauberhaft verlaufene Spielzeit 2007/08 der Wendepunkt für eine Zukunft sein, die an jenem 24. August 2007 in Mainz vor allem einmal gänzlich unerreichbar schien.

Die Saison 2007/08 war traumhaft, die Saison 2008/2009 wird eine sehr schwierige Aufgabe. Eine Aufgabe, die man vor allem dann meistert, wenn man die Bescheidenheit nicht verliert, die es einem immer erlaubt die Schönheit eines einzelnen Augenblicks zu genießen. So eine Schönheit ist, nach einer kompletten Spielzeit an Position 1 der Tabelle zu rangieren.

Die Borussia ist jetzt zurück in der 1. Bundesliga. „Wieder zuhause", wie der Verein das in diesen Tagen auszudrücken pflegt. Das ist schön und wichtig, das kann jetzt aber auch nur ein Ansporn sein. Für die nahe Zukunft über  w e n i g s t e n s  drei Spielzeiten, in der die Borussia natürlich wieder mehr Partien als Verlierer beenden wird, ist das erreichbare und ebenso realistische Ziel der Klassenerhalt in der 1. Fußball-Bundesliga. Und wenn die Borussia den jetzt Jahr für Jahr schafft, und sei es in der letzten Minute der Nachspielzeit des jeweils letzten Spieltags, dann ist jeder dieser Klassenverbleibe genauso hoch einzuschätzen wie diese fabelhaft schimmernde Meisterschaftssause dieser Saison.

Paderborn: Kruse - Fall, Kläsener, Gonther, Halfar - Hoilett, Gouiffe à Goufan, Fischer (Maaß 83), Schüßler (Sinkala 71) - Löbe, Müller (Assauer 67)

Borussia: Gospodarek - Levels (Svärd 46), Kleine, Daems, Voigt - Paauwe - Ndjeng, Coulibaly, Marin (Baumjohann 80) - Friend, Neuville (Rafael 80).

Tore: 0:1 Friend (28.), 1:1 Hoilett (34.), 2:1 Schüßler (45.), 2:2 Coulibaly (53.), 2:3 Marin (58.).

Schiedsrichter: Georg Schalk (Augsburg)

Zuschauer: 12.000 (ausverkauft)

Gelbe Karten (Borussia): -

Rote Karten: -

Besondere Vorkommnisse: Zum ersten Mal seit der Saison 1976/77 (Borussias 5. deutscher Meistertitel) beendet die Borussia eine Saison auf dem 1. Platz ihrer Liga. Kein Zweitligist gewann in dieser Saison so viele Saisonspiele (18), keiner verlor so selten (4), keiner schoss mehr Tore (71) oder war gar länger an der Tabellenspitze positioniert (26 Spieltage). Zudem war die Borussia die erfolgreichste Auswärtself dieser Spielzeit (8 Auswärtssiege, 31 Auswärtspunkte) und erzielte dort in bloß 17 Partien auf fremdem Platz alleine mehr Treffer (40) als ganze vier Ligakonkurrenten in ihren insgesamt 34 Saisonspielen. Erstmals seit der Saison 1986/87 (74 Tore) erzielte die Borussia in einer Saison wieder mehr als 70 Treffer, erstmals seit der Saison 2000/2001 (31 Gegentore) kassierte die Borussia so wenig Gegentore (38). Erstmals seit der Saison 1999/2000 (Arie van Lent, 19 Saisontore) gelang einem Borussenspieler eine vergleichbar individuelle Torausbeute (Rob Friend, 18 Saisontore). Seit der Einführung einer 18-Klubs-fassenden 2. Bundesliga 1994 erzielten nur Hannover 96 (2001/02, 93 Tore) und der 1. FC Kaiserslautern (1996/97, 74 Tore) mehr Treffer als die Borussia (71), seit 1994 kassierte auch nur Hannover 96 (2001/02, 3) weniger Saisonniederlagen als die Borussia (4) in dieser Saison.

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