"Das war kein Fußball, das war Volleyball", schimpfte Christian Hochstätter nach dem DFB-Pokal-Halbfinale 2004, als Schiedsrichter Edgar Steinborn seinen letzten großen Auftritt seiner Karriere mit einem kuriosen Aachener Erfolg zelebrieren ließ. In der vergangenen Saison zeigte sich dann Jupp Heynckes gegenüber seinem früheren Schützling Michael Frontzeck generös, als er ihm den Derbyerfolg in dessen erstem Bundesligaspiel als Trainer "von Herzen" gönnte, während Marcell Jansen nebenan in den Katakomben über einen von Schiedsrichter Michael Weiner in der Anfangsphase für die Heimelf ausgesprochenen Handelfmeter berechtigterweise Gift und Galle spuckte. In dieser Saison wurde heute dann auch mal wieder ein Gastspiel der Borussia auf dem Aachener Tivoli von einem Schiedsrichter in keiner Weise in eine Richtung beeinflusst, prompt erzielte die Borussia beim 1:1 (Torschütze: Oliver Neuville) in der Kaiserstadt ein für sie positives Resultat - dieses leistungsgerechte Ergebnis von zwei unterschiedlichen Halbzeiten war auch ein Verdienst des stets besonnen agierenden Schiedsrichters Herbert Fandel, der hier unter Beweis stellte, dass er zu Deutschlands besten Unparteiischen zählt.

Aufgrund der Gelben Karte, die sich Patrick Paauwe im Spiel gegen St. Pauli Hamburg eingehandelt hatte, musste Trainer Jos Luhukay am heutigen 25. Spieltag seine Anfangsformation von Haus aus verändern. Er tat dies wie vermutet, setzte Alexander Voigt von Beginn an ein und positionierte diesen auf der vakanten Mittelfeldposition. Ansonsten hatte Luhukay keinen Grund etwas zu verändern, folglich beließ der Cheftrainer es auf den restlichen Positionen der Startelf bei der Erfolgself, die zuletzt in drei Spielen drei Siege eingefahren hatte.

Nach dem Anstoß der Begegnung vergingen nur wenige Sekunden bis zum ersten Foul, Schiedsrichter Herbert Fandel erkannte bei jenem Luftduell zwischen Rob Friend und Mirko Caspers auf Freistoß für die Alemannia und entschied sich mit einer Verwarnung für Borussias kanadischen Nationalspieler sogleich ein Zeichen gegen unnötige Härten in diesem Lokalderby zu setzen. Rob Friend war darob wenig begeistert und lamentierte noch, als Marius Ebbers für die Heimelf in der dritten Spielminute den Ball hinter Christofer Heimeroth im Borussentor unterbrachte und seiner Elf damit die erhoffte frühe Führung bescherte. Vorausgegangen war eine in einem Ballverlust hinter der Mittellinie führende Konfusion im Aufbauspiel der Borussia, bei der Kasper Bögelund den Ball in die Aachener Regie bugsierte und in der Angriffsfolge dann mehrere abwehrende Borussenakteure, u.a. Gohouri, eine schnell vorgetragene Kombination zum Vorteil von Ebbers nicht unterbinden konnten.

Die frühe Führung der Heimelf, die engagiert zu Werke schritt und ein hohes Laufpensum an den Tag legte, lähmte die Borussia für eine Weile, in denen die Mannschaft um Kapitän Oliver Neuville nur äußerst eingeschränkt einen Zugang zum Spiel fand. In dieser Phase, in der die Borussia mehrfach das Zentrum vor und in ihrer Abwehrreihe in eklatanter Weise verwaist ließ, hatte die Mannschaft das nötige Fortune nicht höher in Rückstand zu geraten. So profitierte sie von Reiner Plaßhenrichs, aber auch von Daniel Brinkmanns Abschlussschwierigkeiten, denn diese besaßen im Abstand von rund zehn Minuten die besten Möglichkeiten für die Mannschaft von Trainer Seeberger, die es über sehr weite Strecken der ersten Spielhälfte auch gut verstand die Borussia vom Tor ihres Schlussmannes Thorsten Stuckmann entfernt zu halten.
Dementsprechend war der wenig kraftvolle Versuch Marko Marins in der 26. Spielminute, den der ehemalige Braunschweiger und Münsteraner Keeper sicher aufnahm, die im Grunde erste echte Tormöglichkeit für eine Borussia, die insgesamt auch darunter litt, dass auf ihrer rechten Mittelfeldseite Marcel Ndjeng konstant hinter seinen Möglichkeiten blieb und damit es den Aachenern in ihren Spielzonen wiederum auch nicht allzu kompliziert gemacht wurde.

Mit zunehmender Spieldauer wusste die Borussia jedoch besser sich auf das quirlige Angriffsspiel der Heimelf einzustellen und so kamen die Hausherren immer seltener wirklich zielstrebig in Richtung des Gehäuses von Christofer Heimeroth. Da die Borussia ihrerseits jedoch eine dem ebenbürtige Durchschlagskraft in ihren Aktionen vorhielt, versandete und verflachte die Begegnung gegen Ende der ersten Spielhälfte wieder. Die Aachener - bei denen Außenverteidiger Polenz und Innenverteidiger Herzig von Fandel mit Gelb verwarnt worden waren - konnten zum Zeitpunkt des Halbzeitpfiffs hier allerdings nicht nur mit ihrem Spiel, sondern auch mit dem Zwischenstand sehr viel eher zufrieden sein; sie hatten es schlicht besser verstanden ihre Tugenden zeitnah in die Waagschale zu werfen und waren dann eben schon vorab mit dem Führungstor belohnt worden.

Bei der Borussia führte die Halbzeitpause zu einem Spielerwechsel, für den enttäuschenden Marcel Ndjeng kam zum Wiederanpfiff Sharbel Touma auf das Feld und machte in der Rolle, in der Ndjeng in der ersten Halbzeit noch arge Defizite offenbart hatte, sogleich eine wesentlich lebhaftere Figur. Der zweifache Internationale konnte in den ersten zehn Spielminuten der zweiten Halbzeit mit seiner Explosivität einige gute Ansätze über die rechte Angriffsseite darbieten und initiierte auch in der 47. Spielminute einen verunglückten Torschuss Sascha Röslers, der wohl gefährlicher auf das Gehäuse der Hausherren geflogen wäre, hätte der in Aachen wohnhafte nicht unmittelbar zuvor an Stand verloren. So ging der Ball aus 16 Metern halbrechts sehr weit am Ziel vorbei.
Über die linke Angriffsseite, die mit Marin in der ersten Spielhälfte die deutlich markantere im Borussenspiel gewesen war, wurde dann nach etwa zehn Minuten der zweiten Halbzeit die erheblichste Tormöglichkeit der Borussia im gesamten Spielverlauf herausgearbeitet. Als Sascha Rösler, dessen Darbietung wie jene der gesamten Elf eine erhebliche Steigerung erfahren hatte, in dieser Folge innerhalb des Strafraums der Aachener den Ball auf den von Beginn an agilen Neuville ablegen konnte, kam dieser sogleich zu einem herrlichen Torschuss. Leider klatschte der Ball hier lediglich an die Latte des Aachener Tores, Touma verfehlte beim sofort nachsetzenden Versuch das Gehäuse etwas weniger knapp.

Diese Minuten zwischen der 50. und der 60. Spielminute erschienen, auch wenn sie nicht von einem Torerfolg gekrönt wurden, als die nachdrücklichsten Offensivmomente der Borussia in dieser Begegnung. Im Anschluss an den Lattenknaller Neuvilles scheiterte Brouwers (56.) tornah bei einem Freistoß aus tiefer halbrechter Position. Unmittelbar im Anschluss verfehlte der dribbelstarke Marko Marin in der 60. Spielminute das Torgestänge der Aachener ebenfalls nur um die stets ominösen Bruchstücke. Insgesamt war die Borussia zu diesem Zeitpunkt die nachvollziehbar aktivere Elf, während die Alemannia sich im Konterspiel probierte. Dieses stellte sich jedoch nicht in dem von ihr erhofften Maße ein.

In diesem Maße auch nicht einstellen, dies taten sich weitere Tormöglichkeiten für die Borussia, die nach der 65. Spielminute wieder einen kleineren Bruch in ihrem Offensivspiel hinnehmen musste, in der Form, dass die Aachener es wieder besser schafften ihre Offensivbemühungen einzudämmen und damit dafür sorgten, dass die Gefahr für das Tor ihres Torhüters Stuckmann sukzessive weniger zu werden schien. So hatte die Borussia in der 73. Spielminute schon einen Distanzversuch Alexander Voigts nötig, um eine notierenswerte Tormöglichkeit für sich zu reklamieren. Der stramme Rechtsschuss des gebürtigen Kölners strich jedoch rechts am rechten Aachener Torpfosten entlang, der anschließende Eckball Sharbel Toumas endete im Nichts und die ablaufende Spielzeit schien jetzt ihrerseits auch erheblicher deutlicher für die Alemannia zu sprechen.

In der 78. Spielminute erfolgte dann die Auswechselung Marko Marins, der, obgleich unentwegt bemüht, sich nun auch nicht mehr wirklich entscheidend in Szene setzen konnte. Für ihn beorderte Jos Luhukay Soumaila Coulibaly auf das Spielfeld und bewies gerade damit ein äußerst glückliches Händchen. Der Nationalspieler aus Mali blieb nur wenige Sekunden nach seiner Einwechselung initiierend an der Szene beteiligt, die Oliver Neuville im Strafraum der Aachener zum verdienten Ausgleichstor für die Borussia nutzte. Coulibaly hatte, unter Druck von mehreren Aachenern, hier außerhalb des Strafraums einfach den idealsten Moment gefunden Neuville anzuspielen und dabei sich gegen jenen Distanzversuch entschieden, den wohl nicht nur die Abwehrspieler der Hausherren von dem Linksfuß erwartet hatten. Neuville hingegen sorgte mit seinem trockenen Rechtsschuss aus knapp 7 Metern Torentfernung für jenen Glücksmoment, den er und seine Teamgefährten im Anschluss vor den mitgereisten Borussenfans jubelnd auskosteten.

Etwas holperig erschien jetzt die Art der Mannschaft aus einem Punkt mittels weiterer (überhasteter) Offensivaktionen gleich einen weiteren Auswärtssieg zu machen. Diese Holperigkeit führte dann auch in der 81. Spielminute zu einem Konter der Aachener über Mittelstürmer Marius Ebbers, der auf dem Weg zu seinem zweiten Treffer des Abends zunächst von Roel Brouwers gestört wurde und im Anschluss daran mit seinem ultimativen Schussversuch innerhalb des Strafraums behände an dem herausgeeilten Christofer Heimeroth scheiterte, der dabei zum wiederholten Male in dieser Saison eine Großchance für die gegnerische Elf vereitelte und seinen bisher ordentlichen Saisoneindruck individuell weiter verbesserte.

Mit weniger als zwei Minuten Nachspielzeit beendete Referee Fandel dann ein Spiel, in dem es leistungsgerecht auch keinen Sieger hätte geben müssen. So wie die Heimelf von Trainer Seeberger in der ersten Halbzeit die dominantere Rolle innehatte, so hatte Jos Luhukays Mannschaft die Zügel in der zweiten Spielhälfte in ihrer Hand. Obgleich die Mannschaft der Borussia hier nicht ihre beste Rückrundenleistung - und mit Sicherheit nicht ihre beste Saisonleistung bot - so zeigte sie auch heute wieder jene Tugenden, die sie bis an die Spitze der Tabelle geführt hatten. Die Mannschaft hatte sich für das heutige Spiel etwas vorgenommen und ließ sich (anders etwa als die Elf des Vorjahres durch Referee Weiner) nicht von einem sehr frühen Rückschlag in Form eines Tores aus der Bahn werfen. Sie wirkte zwar mehrere Minuten irritiert, nach spätestens 45 Minuten hatte sie sich allerdings wieder völlig ihrem Vorhaben verschrieben und sich, insbesondere auch nach dem Seitenwechsel, durch eine sichtbare Leistungssteigerung ohne Frage wenigstens den letztlich auch erzielten Punkt sehr verdient.

Aachen: Stuckmann - Polenz, Olajengbesi, Herzig, Casper - D. Brinkmann, Plaßhenrich (M. Lehmann 82), Fiel, Krontiris (Milchraum 73) - Ebbers, Nemeth (Mosquera 89)

Borussia: Heimeroth - Bögelund, Brouwers, Gohouri, Daems - Voigt - Ndjeng (Touma 46), Rösler, Marin (Coulibaly 78) - Neuville, Friend

Tore: 1:0 Ebbers (3.), 1:1 Neuville (79.).

Schiedsrichter: Herbert Fandel (Kyllburg)

Zuschauer: 20.800 (ausverkauft).

Gelbe Karten (Borussia): Friend, Gohouri (5., im nächsten Spiel gesperrt), Bögelund.

Rote Karten
: -

Besondere Vorkommnisse: Im achten Rückrundenspiel blieb die Borussia im fünften Spiel in Folge ohne Niederlage. Durch die Verteidigung der Tabellenführung steht die Borussia aktuell seit 17 Spieltagen (dies entspricht umgerechnet einer Saisonhälfte) an der Spitze der 2. Bundesliga. Erklommen hatte sie die Tabellenspitze am 7. Oktober 2007. Auch das dritte Zweitligaduell in der Geschichte beider Klubs endete wie die beiden vorangegangenen, die am 3. März 2000 und am 25. September 2000 jeweils 1:1 ausgegangen waren. Für die Borussia hatten in diesen Spielen Marcel Ketelaer (3. März 2000) und Arie van Lent ins Tor getroffen, für Aachen Taifour Diane (3. März 2000) und Marc Kienle. Für Sascha Rösler war Borussias Spiel bei Alemannia Aachen gleichzeitig eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte, er war im Sommer von der Alemannia zur Borussia gestoßen. Durch Steve Gohouris fünfte Gelbe Karte, die er in dem heutigen Spiel bekam, wird die Borussia auch am kommenden Spieltag einen Akteur gelbgesperrt ersetzen müssen. Heute hatte sie Patrick Paauwe ersetzen müssen, der am vergangenen Spieltag zum fünften Mal in dieser Saison verwarnt worden war und damit als zweiter Borussenprofi seit Nando Rafael (war nach 5. Gelber am 33. Spieltag am 34. Spieltag 2006/07 gesperrt gewesen) gelbgesperrt fehlte. Die erste Gelbsperre verbüßte Sascha Rösler am 19. Spieltag in Hoffenheim.

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