Oliver NeuvilleDie „selbsternannten Bayern der zweiten Liga" seien die Gladbacher, wollte vor Saisonbeginn die Süddeutsche Zeitung wissen. Das „selbsternannt" darin war ein klassischer Fall von journalistischem Erfindungsreichtum; tatsächlich hatten sich Spieler wie Verantwortliche der Borussia vor und während der laufenden Saison wohlweislich gehütet, derart Neururersche Töne zu spucken. Ansonsten hat die Parallele aber manches für sich, nicht nur, weil der der Tabellenführer der zweiten Liga nach dem 16. Spieltag genauso viele Punkte vorzuweisen hat wie der Tabellenführer der ersten. Es war auch die Art und Weise, mit der die Borussen bei einem der schärfsten Konkurrenten gewannen: eine Leistung, die nicht durch spielerischen Glanz, wohl aber durch geradezu unheimliche Effektivität bestach. „Typisch Bayern", hätte es in anderem Zusammenhang geheißen.

Für den gelb-rot gesperrten Ndjeng lief im Gladbacher Mittelfeld Polanski, für Marin der Ex-Freiburger Coulibaly auf. Da sich aber beide deutlich ins Zentrum orientierten, lagen die Gladbacher Flügel häufiger als gewohnt brach. Auf sie wich bisweilen Oliver Neuville aus, was bereits in der sechsten Minute zum Erfolg führte. Neuville hatte sich schön im Laufduell durchgesetzt und auf Rob Friend quergelegt. Der Kanadier war nach über fünf Stunden Torflaute und schwachen Spielen in die Kritik geraten, zumal Roberto Colautti durch seinen Treffer in Wehen und starke Testspiel- und Trainingsleistungen Werbung in eigener Sache hatte machen können. Luhukay aber hatte dem zwischenzeitlich glücklosen Friend demonstrativ den Rücken gestärkt, und dieser dankte es, indem er sich geschickt um Heiko Butscher drehte und den Ball zur Führung ins kurze Eck hob.

Der zuvor gerade zuhause so offensivstarke SC Freiburg kam in der Folge kaum dazu, sein teils gefürchtetes, teils bewundertes Spiel aufzuziehen. Das hatte viel mit der defensiven Disziplin der Borussen zu tun, die im Mittelfeld immer wieder Überzahl herstellten und den Freiburger Angriffswirbel schon in der Entstehung erstickten. Je nachdem, wie wohl oder übel gesonnen man Jos Luhukay und Eugen Polanski ist, kann man es als taktischen Kunstgriff oder glücklichen Zufall bezeichnen, dass die Borussen im Mittelfeld auch anders agierten als in den Partien zuvor. Luhukay war in der Abstiegs- und noch zu Beginn der laufenden Saison für das Konzept mit doppeltem Sechser ausgiebig gescholten wurden. Im Breisgau erlebte diese Ausrichtung eine heimliche Neuauflage. Denn obwohl der Trainer vor den Mikrophonen vorher beteuert hatte, trotz personeller Rochaden am bisherigen 4-4-2 festzuhalten, spielte vor allem Eugen Polanski statt eines Außenbahnspielers effektiv einen zweiten defensiven Mittelfeldspieler neben Patrick Paauwe.

Da die Freiburger der Borussia gerade im ersten Durchgang den Gefallen taten, die Flügel kaum zu nutzen und es immer wieder durch die Mitte zu versuchen, da zudem Pitroipa mit dem seifigen Untergrund seine liebe Müh und Not hatte, kamen die Gastgeber vor der Pause zwar zu einer gewissen Feldüberlegenheit, aber kaum zu nennenswerten Gelegenheiten. Banovic wurde nach zwanzig Minuten im Strafraum noch von Daems und den defensiv sehr fleißigen Coulibaly gestört. Nach knapp einer halben Stunde segelte Christofer Heimeroth an einer Ecke vorbei, und hätten die Freiburger Angreifer daraus Kapital geschlagen, hätte man sich trefflich streiten können, ob hier ein Torwartfehler vorlag, oder ob Schiedsrichter Gagelmann wegen Attacke auf den Keeper im Fünfmeterraum hätte abpfeifen müssen. Fünf Minuten vor dem Pausenpfiff war es schließlich Pitroipa, der sich toll im Strafraum gegen drei Borussen durchsetzte, vom erneut umsichtigen Paauwe aber an Schlimmerem gehindert wurde. Unter dem Strich jedoch kaum Zwingendes gegen eine Borussia, die ihren Vorsprung clever verteidigte, ohne selbst nach vorne gefährlich zu werden. Eugen Polanski war zwar sichtlich bemüht, sich endlich in die Mannschaft zu spielen, und fiel auch durch enormes Laufpensum und giftige Zweikampfführung auf. Nach vorne aber waren von ihm neben allzu optimistischen Pässen in die Spitze in erster Linie Distanzschüsse zu verzeichnen, die ihr Ziel jeweils deutlich verfehlten.

Sichtlich entschlossen, ihren Heimnimbus nicht kampflos preiszugeben, kamen die Freiburger aus der Kabine, und tatsächlich bot sich Pavel Krmas zehn Minuten später eine exzellente Gelegenheit, die der Tscheche aber überhastet vergab. Wie Krmas mutierte nun auch der andere Innenverteidiger, Heiko Butscher, immer mehr zum zusätzlichen Stürmer, was einerseits für Gladbacher Unruhe sorgte, andererseits aber auch Kontergelegenheiten eröffnete. So in der 58. Minute, als Coulibaly im Fallen einen tollen langen Ball auf Neuville spielte und der vom linken Flügel aus in die Mitte flankte, wo Sascha Rösler sich clever von Rechtsverteidiger Daniel Schwaab absetzte und per Kopf zum 2:0 traf.

Wer aber die Vorentscheidung gewittert hatte, sah sich nur sechs Minuten später düpiert, als Patrick Paauwe eine Freiburger Freistoßflanke ebenso unglücklich wie unhaltbar ins eigene Tor verlängerte. Auf das Heimpublikum, das bis dahin vor allem dadurch aufgefallen war, jede einzelne Freistoßentscheidung gegen die eigene Mannschaft mit lautem Unmut zu quittieren, hatte das Gastgeschenk eine enthusiasmierende Wirkung. Tatsächlich geriet die Borussia in der Folge unter stetig wachsenden Druck. Allein, wirkliche Freiburger Großchancen wollten sich auch jetzt nur selten einstellen. Helle Aufregung im Gladbacher Strafraum herrschte in der 67. Minute, als Butscher den beherzt eingreifenden Christofer Heimeroth im Strafraum anging und zu Recht von Schiedsrichter Gagelmann zurückgepfiffen wurde - dass der Nachschuss das Gebälk traf, war damit ohne Belang. Ansonsten choreographierten die Freiburger aufwendig diverse Freistoßchancen aus aussichtsreicher Position, jeweils mit offenbar planvoll postierten Spielern in der gegnerischen Mauer, um dann letztlich aber entweder das Tor weit zu verfehlen oder einen Verteidiger anzuschießen.

Sascha Rösler Vielleicht hatten beide Mannschaften vor der Partie ja die Trümpfe ausgelost, und die Freiburger die Feldüberlegenheit, die Gladbacher dagegen die Effektivität gezogen. Das würde jeweils die Geschehnisse in der 76. Minute erklären, als Oliver Neuville erneut auf dem rechten Flügel auftauchte und erneut in die Mitte flankte, wo erneut Sascha Rösler vor Daniel Schwaab an den Ball kam und erneut ins rechte Eck einköpfte. Ein gewissermaßen geklontes Tor, und wer zwischendurch Bier holen war, hätte auf die Idee kommen können, hier würde mangels aktueller Ereignisse gerade das zweite Gladbacher Tor wiederholt. Es war aber das dritte, und an dem so erreichten Spielstand sollte sich bis zum Schluss nichts mehr ändern. Rösler vertändelte noch eine ansehnliche Konterchance, Heimeroth hielt stark gegen Günes, und Bencik traf in der Schlussminute das Außennetz: Am Schluss aber standen zwar zehn zu null Ecken und mehr als doppelt so viele Torschüsse für den SC Freiburg zu Buche, aber eben auch drei Tore aus drei Chancen für den Tabellenführer, der damit vorzeitig als Herbstmeister feststeht. Typisch Bayern, hätte es in anderem Zusammenhang geheißen.

Freiburg: Walke - Schwaab, Krmas, Butscher, Ibertsberger (Mesic 64) - Banovic, Uzoma (Günes 77), Aogo, Pitroipa - Matmour (Schlitte 83), Bencik

Borussia: Heimeroth - Levels, Brouwers, Daems, Voigt - Paauwe - Polanski (van den Bergh 67), Coulibaly - Rösler (Colautti 90) - Friend, Neuville (Rafael 77)

Tore: 0:1 Friend (6.), 0:2 Rösler (58.), 1:2 Paauwe (64., ET), 1:3 Rösler (76.)

Schiedsrichter: Peter Gagelmann (Bremen)

Zuschauer: 24.000 (ausverkauft)

Gelbe Karte (Borussia):Voigt

Besondere Vorkommnisse: Mit diesem Sieg steht die Borussia vorzeitig als 'Herbstmeister' der laufenden Zweitligasaison fest. Sie wird damit erstmals seit über 30 Jahren, nämlich seit der Saison 1976/77, während einer Winterpause die Tabellenspitze ihrer Spielklasse zieren. Damals wurde sie am Ende Deutscher Meister. Borussia ist durch den heutigen Erfolg im 13. Spiel in Serie (10 Siege, 3 Remis) erfolgreich geblieben und hat somit auch im achten Spiel in Serie an einem Spieltag die Tabellenführung verteidigt.
Erstmals in der laufenden Saison unterlief der Borussia ein Eigentor, Patrick Paauwe traf heute in das eigene Tornetz. Erstmals nach vier Spielen ohne Tor traf Rob Friend für die Borussia, zuletzt hatte er am 11. Spieltag beim Auswärtserfolg bei der SpVgg Greuther Fürth ein Tor erzielen können. Auch jenes Spiel endete 3:1 für die Borussia. In insgesamt neun Auswärtsspielen der Hinrunde 2007/2008 errang die Borussia fünf Siege und drei Remis, nur die Partie beim FSV Mainz 05 (1:4) verlor sie. In diesen 9 Auswärtsspielen schoss die Borussia zusammen 20 Tore. In den 34 Auswärtsspielen der Spielzeiten 2005 bis 2007 hatte die Borussia insgesamt 23 Treffer erzielt. Mit nunmehr 35 Toren aus 16 Vorrundenspielen zeigte sich die aktuelle Borussenmannschaft torhungriger als in der Vor- und Rückrunde der Aufstiegssaison 2000/2001, als sie in der Vorrunde 30 und in der Rückrunde 32 Tore erzielte, und in der Hinrunde der Zweitligasaison 1999/2000 (23 Tore). Mit nunmehr 35 Punkten aus 16 Vorrundenspielen hat die Borussia auch mehr Punkte geholt als jeder Halbserie ihrer vorherigen zwei Zweitligaspielzeiten, die alten Topwerte hatte sie in der Rückrunde 1999/2000 mit 33 bzw. in der Rückrunde 2000/2001 mit 34 Punkte errungen.

... lade FuPa Widget ...
Borussia Mönchengladbach auf FuPa
... lade FuPa Widget ...
Borussia Mönchengladbach auf FuPa