Nach der Ausgangslage müsste uns am kommenden Sonntag ein offensivfreudiges Spiel erwarten. Die Hannoveraner wollen mit einem Sieg das endgültige Abrutschen in den Abstiegskampf vermeiden. Für Borussia zählen ab sofort sowieso nur noch 3 Punkte, um die Träume vom Wunder wenigstens noch ein bisschen länger am Leben zu erhalten. Für den entsprechenden SEITENWAHL-Vorbericht zu diesem Spiel hat Thomas (Zocher) die Aufgabe übernommen, Hannover 96 detailliert zu sezieren. Der Part über Borussia wiederum wurde von Michael (Heinen) verfasst.

Borussia


Gegen Frankfurt und den HSV konnten zwei Endspiele nicht gewonnen werden. Jedes Mal hieß es, dass uns nur ein Sieg überhaupt noch im Rennen um den Klassenerhalt halten würde. Doch jedes Mal konnten es einige Unverbesserliche anschließend nicht lassen, weitere Hochrechnungen aufzustellen, nach denen es Borussia doch noch schaffen könnte. Mittlerweile darf man hierzu den Konkurrenten nahezu keinen Zähler mehr zutrauen sowie Borussia selbst eine sensationelle Siegesserie. Doch noch frustrierender als der mittlerweile auf 7 Zähler angewachsene Rückstand ist die Spielweise der Mannschaft, die nicht im Entferntesten erahnen lässt, wie sich noch mindestens 4 Siege in den letzten 5 Partien einfahren lassen sollten. Man kann in Hannover oder Mainz und an einem guten Tag selbst gegen Stuttgart oder Bayern gewinnen. Aber dieser Mannschaft würde es zur Zeit wahrscheinlich selbst schon schwer fallen, einem durchschnittlichen Zweitligisten Paroli zu bieten.  

Aber selbst wenn es sehr nach Phrasendrescherei klingt. Die Mannschaft steht in der Pflicht, so lange für die Mini-Chance zu kämpfen, solange rechnerisch noch irgendetwas geht. Noch immer haben wir es – zumindest theoretisch – selbst in der Hand, auf 40 Punkte zu kommen. Es ist beschämend, dass sich beim HSV-Spiel einige schon sehr früh in ihr Schicksal ergaben und offensichtlich nicht alles dafür taten, um das Wunder doch noch irgendwie zu erzwingen. 
 

Borussen-Defensive
 

Der Ausfall von Kasey Keller ist angesichts unserer Situation durchaus positiv zu werten. 5 Spiele lang bekommt Christopher Heimeroth nun die Chance, sein Können unter Beweis zu stellen. Bislang fällt es noch schwer einzuschätzen, ob er gut genug ist, um langfristig unsere Nr.1 sein zu können. Zu schwankend zeigte er sich hierfür in seiner Leistung, die er allerdings im Profi-Bereich nur sporadisch zeigen durfte. Jetzt bekommt er seine Chance schon etwas früher als erwartet und wir können in Ruhe beobachten, wie er diese zu nutzen versteht. Davon wird im Mai dann sicherlich auch abhängen, ob sich Keller doch noch zu einer weiteren Saison bei Borussia überreden lässt und ob man ggf. auf dem Markt nach einer neuen Nr.1 oder eher nach einer talentierten Ergänzung für die Bank Ausschau hält.  

In der Viererkette gibt die defensiv ordentliche Vorstellung vom letzten Freitag keinen Anlass, viel zu ändern. Letzte Woche entschied Luhukay etwas überraschend, mit Zé Antonio einen konstant ordentlichen Abwehrspieler nach einer schwachen Partie auf Schalke herauszunehmen. Mit Svensson, Zé Antonio und Gohouri verfügen wir in der Rückrunde über drei gestandene Innenverteidiger, deren Niveauunterschiede relativ gering sind. Am fehlerträchtigsten wirkt hierbei der Ivorer, der aber durch seine Zweikampf- und Kopfballstärke bei unserem Coach hohe Wertschätzung genießt. 
 

Marcell Jansen und Kasper Bögelund sind auf der Außenbahn gesetzt und werden auflaufen, obwohl Jansen mit einer Knochenhautentzündung leicht angeschlagen ins Spiel geht. Im defensiven Mittelfeld besteht zwar kein dringlicher Bedarf für einen Kettenhund, da weder Rosenthal noch Bruggink in der Rückrunde herausragen. Dennoch hat sich El Fakiri in den letzten Wochen seinen Stammplatz auf der 6er-Position verdient, mit dem er wahrscheinlich auch in die neue Saison gehen wird. 
 

Borussias Offensive


Auch das übrige Mittelfeld bietet wenig Anlass zu Veränderungen. Svärd und Kluge dürften demnach erneut die Halbpositionen besetzen, wobei einzig unklar ist, wer auf welcher Seite zum Einsatz kommt. Gegen den HSV wurde zur Halbzeit gewechselt. Dass Kluge in den letzten Jahren eher auf links zuhause gewesen ist und hier mit Jansen eingespielt ist, spricht eher für diese Variante.
 

Die Auswechselung von Federico Insua war das meistdiskutierte Thema der letzten Woche. Jos Luhukay zeigte sich von dessen Effizienz nicht ausreichend überzeugt. 2 Tore und 2 Assists sind für einen Mann mit Insuas Fähigkeiten zweifelsohne viel zu wenig. Von ihm müsste auf jeden Fall mehr kommen als er in dieser Saison gezeigt hat. Dass er dies bislang nicht umsetzen kann, lässt sich nur bedingt mit den zu schwachen Mitspielern entschuldigen. Ein Rafael van der Vaart ist in Hamburg ebenfalls in der Lage, ohne brauchbaren Stürmer mehr Impulse zu setzen. Daher muss sich auch unser Argentinier konstruktiver Kritik an seinem ineffizienten Spiel stellen. Dennoch sollte man nicht übersehen, dass die Alternativen fehlen, um auf Insua ohne Not zu verzichten. So macht es auf jeden Fall Sinn, ihn weiter aufzustellen, wahrscheinlich erneut als hängende Spitze neben Nando Rafael. Ein Moses Lamidi könnte zwar auswärts für schnelle Konter ein Kandidat sein. Diese Rolle sollte er aber odonkor-like bei entsprechendem Spielstand lieber in der Schlussphase ausüben. 
 
Hoffnungsträger Oliver Neuville wird Borussia ebenso wie Marco Marin und Eugen Polanski nicht zur Verfügung stehen, da sie allesamt angeschlagen sind. 


Der Gastgeber aus Hannover


Die Mannschaft, die derzeit mit 35 Punkten im Tabellenmittelfeld rangiert, erlebte in dieser Saison verschiedene Wellentäler. Zunächst wurden zu Saisonbeginn in der Ebene der Vereinsverantwortlichen Wechsel vorgenommen, die dem im Hannoveraner Umland angesiedelten Unternehmer Martin Kind zwölf Monate nach seinem Rückzug von der Vereinsspitze die erneute Präsidentschaft antrugen. Kind, dessen Name in der niedersächsischen Landeshauptstadt eng mit der sportlichen Wiedergeburt des zwischenzeitlich bis in die Dritte Liga abgerutschten Hannoverschen Sportvereins von 1896 verbunden ist, war dann auch nur unmittelbar wieder in Amt und Würden, als die von Manager Ilja Kaenzig und Trainer Peter Neururer auf die Saison vorbereitete Mannschaft einen miserablen Start erwischte, flugs auf den letzten Tabellenplatz durchgereicht wurde und den Anschein erweckte eine Abstiegssaison mit wenig eigenen und vielen gegnerischen Toren zu spielen.


Die erste Maßnahme dagegen, der Austausch des Trainers gegen den von der gerade aufgestiegenen Aachener Alemannia abgeworbenen Dieter Hecking, ermöglichte „den Roten“ besonders gegen Ende der Hin- und zu Beginn der Rückrunde dieser Saison entscheidende Punktgewinne und damit die zwischenzeitlich beachtliche Entfernung von der Abstiegsregion, mit der die Niedersachsen die Borussia durch ihren Erfolg im Hinspiel (0:1) nachhaltig vertraut gemacht hatten. Das Augenmerk, dass der zuvor in Lübeck (Pokalhalbfinale 2004) und in Aachen (Bundesligaaufstieg 2006) erfolgreiche, und bereits vor seiner Amtszeit in Hannover im nahen Hannoveraner Umland sesshafte, Hecking mit seinem aus Aachen mitgebrachten Assistenten Dirk Bremser dabei legte, war im Grunde bloßes Fußball-Ein-Mal-Eins: auf Kosten der Offensive wurde die Defensive und mit ihr die Defensivbewegung der Mannschaft solange verstärkt, bis sich die dort beheimateten Akteure in der reinen Konzentrationsfähigkeit so gesteigert hatten, dass die Elf auch weiterhin eine gewisse defensive Ordnung auf den Platz brachte, jedoch fortan wieder couragierter den Tempogegenstoß bzw. den Weg zum gegnerischen Tor suchen konnte.
 


Exemplarisch für die Art der Spiel- und Krisenbewältigung waren in der Hinrunde unter anderem die Partien beim FC Bayern München und bei der Borussia, die die Elf jeweils mit dem kleinstmöglichsten aller möglichen positiven Ergebnisse für sich entschied und dabei teambezogene Spielbalancen gewann, von der sie vor allem im ersten Teil der Rückrunde richtig profitieren konnte. Noch beim hochverdienten 4:2-Heimerfolg über Borussia Dortmund Ende Februar unterstrich die Mannschaft jene auch beim 5:0 über Hertha BSC Berlin und beim imposanten 4:1-Auswärtserfolg in Aachen, vier Tage später, auf den Rasen gelegte Spielweise. Das 1:0 bei Bayer Leverkusen hatte ebensolche Züge, selbst das 2:2 gegen Wolfsburg war prägnant, wenngleich die Mannschaft hierbei im Abwehrverhalten alte Konzentrationsmängel aufwies.
Seit jenem 4:2 über Borussia Dortmund Ende Februar vor begeisterter Heimkulisse ist die Mannschaft derweil jedoch ohne Sieg und ließ gerade auch beim Spiel gegen den VfB Stuttgart am vergangenen Wochenende wieder vorher gesehene Mängel aufblitzen. So fiel das Siegtor der Schwaben durch eine Koproduktion Hannoveraner Defensivspieler, die sich nicht einig werden konnten welcher von ihnen den Ball vor der Torlinie aus dem Gefahrenbereich entfernen sollte. So ließ die Mannschaft gerade beim Spiel auf das gegnerische Tor jenes zielgerichtete Tempo vermissen, mit dem sie beispielsweise gegen Hertha BSC Berlin oder Borussia Dortmund den Beobachter noch zu beeindrucken wusste. Damals ließ die relative Vielzahl der in der damaligen Saisonphase dafür verantwortlichen Spieler den Anschein erwecken, Hannover 96 könne sich nach dem Gruselstart, der das Ende der Ära Neururer markierte, und der auf den Fuß gefolgten Instandsetzung unter dessen Nachfolger in dieser Spielzeit mehr als einen oder zwei Fuß breit über der Abstiegsregion konsolidieren. 

Für einen der Gastgeber aus Hannover, Sportdirektor Christian Hochstätter, bringt das Spiel gegen Borussia eine Situation mit sich, die er noch nie erlebt hat: ein Spiel gegen Borussia Mönchengladbach.
Obschon der vor zwei Jahren zwei Tage nach der Demission von Dick Advocaat (und zugunsten von Peter Pander) bei der Borussia ausgeschiedene langjährige Mittelfeld- und kurzzeitige Nationalspieler sich nicht von jener während 23jähriger Tätigkeit gewachsenen Verbundenheit zur Borussia lossagen wird, es ist vollauf natürlich, dass er ausschließlich für seinen neuen Klub fiebern wird und sich dementsprechend ärgern müsste, sollte es gerade das nunmehr von zwei ehemaligen Borussen in Führungspositionen betreute Hannover sein, das der chronisch auswärtsschwachen Elf vom Niederrhein mehr erlaubt als jenes für Mönchengladbach gutbekannte Gefühl einer weiteren Niederlage auf fremdem Boden. 


Hannoveraner Defensive

 
Von einem in Mönchengladbach Altbekannten und einem albanischen Nationalspieler wird die Defensive der Niedersachsen dominiert. Assistiert werden Torwart Robert Enke und (der mittlerweile als Urgestein von 96 zu gelten habende) Altin Lala dabei von Linksverteidiger Michael Tarnat und dem zusätzlichen defensiv postierten Mittelfeldspieler, Hanno Balitsch. Sie vermitteln den restlichen drei Abwehrspielern der Niedersachsen strukturgebenden Halt. Für viele Bundesligainteressierte war der Auftritt Robert Enkes im Nationaltrikot bei der Testspielniederlage gegen Dänemark im Februar einerseits überragend, andererseits überfällig. Seit seiner Rückkehr in den deutschen Profifußball unter der Regie von Ewald Lienen bei, eben, Hannover 96 gehört der zuvor beim FC Barcelona überzählige und dann bei CD Teneriffa wieder in die Spur gefunden habende ehemalige U21-Nationalspieler der Borussia längst zu den besten Drei auf der Torwartposition der deutschen Fußballnationalmannschaft. Diverse erklären ihn noch vor Stuttgarts Hildebrand oder Nürnberg Schäfer sogar zu dem klar besten Torhüter der Liga.
Bestechend ist dabei vor allem die Souveränität die der beim Spiel mit dem Ball weiterhin schwächelnde Jenenser auf seine Abwehrreihe auszustrahlen fähig ist. Merklich gute Reflexe, die Fähigkeit sich von der Torlinie zu lösen und damit instinktiv brenzlige Situationen wie auch Aufprallwinkel gegnerischer Angriffe auf sein Tor zu reduzieren (Sachen, die gemeinhin wohl unter dem Begriff Strafraumbeherrschung zusammengefasst werden), sowie trotzdem ein verbesserungsfähiges Verhalten bei hohen Flanken zeichnen den Publikumsliebling aus. Dementsprechend von Bedeutung war im nun zurückliegenden Winter die Vertragsverlängerung, die Hannover mit Enke erzielen konnte. Sie löste vor allem Erleichterung aus, denn bedrohlich schien die Möglichkeit, dass sich Enke einem bereits in der Spitze der Liga beheimateten Klub wie beispielsweise Stuttgart – wo sein Nationalmannschaftsgefährte Hildebrand zum Ende der Saison ausscheidet – anschließen könnte. 

Ebenfalls beim VfB Stuttgart muss man die Anleihe nehmen, will man die Bedeutung von Altin Lala für eine funktionierende Defensive Hannovers skizzieren. Lala, als 22jähriger aus Fulda zum Klub gestoßen und schon in der Aufstiegssaison von immensem Wert für den damals in der Offensive unter Trainer Rangnick die zweite Bundesliga aufmischenden Verein, ist ein unaufgeregter wie passgenau spielender Stratege mit katalysierender Wirkung für seine Elf, dessen Spiel dem eines Zvonimir Soldo zu dessen Stuttgarter Jahren gleicht und sich auch in der Darbietung des Soldo-Nachfolgers Pardo wiederfindet. Immer anspielbar und gleichermaßen aufmerksam wie defensiv denkend spielte in Mönchengladbach zuletzt ein Peter Nielsen, dem es eben in völlig ähnlicher Form gelang durch geräuscharme Präsenz eine qualitativ unterbesetzte Abwehrreihe zielorientiert zu (unter-)stützen und ihr dabei den nötigen Halt zu verleihen. Dem ehemaligen Kölner, Leverkusener und Mainzer Balitsch (der infolge seiner häufigen Klubwechsel seine zwischenzeitlich vor allem auf Härte konzentrierten Leistungen stabilisieren musste) darf mittlerweile doch wieder zugetraut werden Altin Lala dort einmal zu beerben, obgleich er momentan gegenüber Lala bei der Reduzierung auf einen vorrangig defensiven Mann im Mittelfeld wohl noch den Kürzeren ziehen würde; und dies, obwohl Balitsch deutlich torgefährlicher ist als der Südosteuropäer.
 

Formgebend bringt sich für die Hannoveraner Defensive weiterhin der auf der Linksverteidigerposition beheimatete Veteran Michael Tarnat ein, der als ehemaliger Spieler des FC Bayern München für die Zeit nach seinem Karriereende bereits einen Anschlussvertrag beim FC Bayern München besitzt. Der schussfreudige wie in der Tat schussgewaltige Linksfuß interpretiert seine Rolle defensiver als sein Pendant bei Borussia, Marcell Jansen, kann aber durch seine präzisen Spannstöße aus größeren Entfernungen zum Tor eine nennenswerte Torgefährlichkeit erreichen. Der lautstarke Tarnat, der am Sonntag verletzungsbedingt auszufallen droht, übernimmt deshalb auch Standardsituationen aus größerer Entfernung und eine ordnende Funktion für die Abwehrreihe. In dieser befindet sich mit Steven Cherundolo ein US-Nationalspieler, dessen Spiel sich mit dem des Bernd Korzynietz vergleichen ließe, da der seit seinem Wechsel aus den Staaten kontinuierlich für die Norddeutschen auflaufende Rechtsverteidiger ebenfalls eine Vorliebe für das Halbfeld besitzt und obendrein von der körperlichen Statur her dem heutigen Bielefelder Arminen gleicht. Wiewohl man sagen sollte, dass Cherundolo drahtiger und spritziger erscheint und zusammen mit Tarnat bzw. durchaus Lala der häufig ballführende Hannoveraner im Spielaufbau ist.
 

Handlungsbedarf besteht bei den Leinestädtern in der Innenverteidigung, die durch die Sperre von Frank Fahrenhorst (der ehemalige Bochumer zog sich gegen Bayern München vor zwei Wochen einen Platzverweis zu und fällt auch für das Aufeinandertreffen mit der Borussia aus) numerisch dezimiert ist und der man den millionenschweren Verlust von Nationalspieler und Vorzeigetalent Per Mertesacker außerordentlich deutlich anmerkt. Einen Verlust, den Fahrenhorst keinesfalls kompensieren kann, wenn er auch als der stabilste der Innendeckung anerkannt werden könnte. Für die kommende Spielzeit haben die Hannoveraner mit dem Fürther Thomas Kleine bereits einen Spieler unter Vertrag genommen, der Fahrenhorst dahingehend Paroli bieten dürfte, nimmt man seine Leistungen im Unterhaus der Bundesliga zum Maßstab. Bis zur neuen Saison muss sich die Elf jedoch noch mit dem Brasilianer Vinicius und dem Polen Zuraw begnügen. 
 

Die Klasse von bestimmten Fußballern erkennt man gelegentlich dann erst richtig, wenn sie in einem neuen Gefüge - der Engländer spräche möglicherweise von einer Art verändertem „Environment“ innerhalb eines Teams – ihre Kunst zum Vortrage bringen. Legt man dies zum Maßstab für den bislang nach der Saison vertragslosen Dariusz Zuraw an, stellt man die Klasse Mertesackers fest. An dessen Seite war Zuraw ein solider Spielpartner, der mit dessen Abgang diese Solidität einbüsste und seinen damaligen Status an seinen heutigen Spielpartner Vinicius verlor. Zuraw, gemeinhin als linker Innenverteidiger unterwegs, ist passabel im Kopfball und zuverlässig im Spiel gegen den Mann, darüber hinaus besitzt der mittlerweile 34jährige Freiräume, die er bis zum Karriereende kaum noch wird wettmachen können.
Der im brasilianischen Bundesstaat Sao Paulo geborene Vinicius Bergantín, dessen italienische Nationalität ihm einst half, konnte sich derweil über einen neuen Vertrag in der niedersächsischen Landeshauptstadt freuen. Dieses Arbeitspapier begründet sich auf die Tatsache, dass er als rechter Innenverteidiger des sogenannten „kleinen HSV“ durchaus ordentliche Leistungen zu bringen imstande gewesen ist. Er ist wie Zuraw zuverlässig im Spiel gegen den Mann und sein Kopfballspiel ist stimmig, wenngleich keinesfalls so imposant wie das von Borussias Steve Gohouri. Ergänzend dazu bringt Vinicius nützliche Qualitäten bei Standards an und im gegnerischen Strafraum mit und kann sich auch am Ball nicht ausschließlich zerstörend behaupten. Auch wenn sein diesbezügliches Glas nur halbvoll sein sollte, es ist immerhin halbvoll. 


Hannoveraner Offensive

 
Für die Offensive der Niedersachsen könnte man durchaus ein bekanntes Sprichwort („Warum in die Ferne schweifen, ...“) mit einem Augenzwinkern abwandeln: Warum nach der Spitze streben, wenn die Breite ist immerhin so gut.   

Es ist bei den Männern aus der drittgrößten Stadt Norddeutschlands nämlich durchaus nicht leicht derart klare Schlüsselspieler ihrer Offensive auszumachen, wie man dies bei der Defensive könnte und das sie dennoch die Offensive, den offensiven Moment ihres Spiels, sinngebend wiedererlernen konnten, spricht einerseits sicherlich für die Arbeit Heckings im Anschluss an die Konsolidierung der Defensive, andererseits natürlich für relative Austauschbarkeit ihres Offensivpersonals. So mag man bei 96 unbesehen dem langzeitverletzten Konterstürmer Thomas Brdaric hinterher trauern, sein Fehlen ließ das Offensivspiel des Klubs jedoch keinesfalls derart kollabieren wie das der Borussia in Abwesenheit von Oliver Neuville. So kann es sich Trainer Hecking eben erlauben die Besetzung der vier vorrangig offensiv besetzten Positionen in der Startaufstellung (3 Mittelfeldspieler, 1 Stürmer) mitunter kontinuierlich zu variieren. Dennoch ist deutlich, dass der Verein trotz jener angeblich „immerhin so guten“ Breite natürlich auch hier zukünftig nach „der Spitze streben“ dürfte.
 

Die relative Austauschbarkeit ihres Offensivpersonals, auf das sich die Hannoveraner bislang verlassen können, macht es schwierig eine Besetzung vollauf zu prognostizieren und bedingt eine Erfassung der von Hecking häufig gebrauchten Akteure.
 

Mit Arnold Bruggink, einem ehemaligen Schützling von Hans Meyer zu dessen Zeit beim FC Twente, verband sich zu Saisonbeginn die Hoffnung des Klubs eine Art Spielgestalter unter Kontrakt genommen zu haben. Erwartungen, die der durch sein Intermezzo auf der Sonneninsel Mallorca in der spanischen Primera Division in die Stagnation verfallene, in dieser Form nicht erfüllen konnte. Der ablösefrei gekommene enttäuschte nicht vollends und am meisten dabei noch während der Eingewöhnungsphase unter Alt-Trainer Neururer, kann gelegentlich durchaus aus dem zentralen Mittelfeld in die Spitze nachstoßen und besitzt die Fähigkeit sich im Kombinationsspiel zurechtzufinden, doch unmittelbaren Scharfsinn und vor allem Abschlussstärke findet man im Spiel jenes früher für Eindhoven in einer Saison sehr häufig zum Torjubel gekommenen Akteurs eben in der Form nicht. 
 

Ein Schnäppchen gelang den Hannoveranern für cirka 300.000 Euro schon eher mit dem Erwerb des ungarischen Internationalen Szabolcs Huszti vom letztjährigen Absteiger aus der französischen Eliteklasse, FC Metz. Der von Ferencvaros Budapest ausgebildete Linksfuß für die Offensive ist ein gedrungener wie flinker und vor allem wuseliger Spieler, der dabei Zug zum Tor besitzt und in dieser Saison bereits viermal erfolgreich selbst zum Abschluss kommen konnte. Der laufstarke Haarbandträger zeigt auf der Position im linken Mittelfeld ein gutes Spielverständnis im Verbund mit Tarnat und dürfte wahrscheinlich auch in diesem Spiel zum Einsatz kommen.
Auf der rechten Mittelfeldposition hat sich im Verlauf der Saison mit U21-Nationalspieler Jan Rosenthal ein junger Spieler etabliert, der im Umfeld des Vereins bereits eine Popularität wie vor ihm Per Mertesacker erreicht. Rosenthal, ein von der körperlichen Statur stattlich gewachsener Rechtsfuß, bringt neben seiner Geschwindigkeit in erster Linie seine Ballbehandlung und seine couragierte Art Fußball zu spielen in das Spiel ein und führt mit immerhin fünf Saisontoren in seiner ersten Saison im Lizenzfußball die vereinsinterne Torschützenliste so dann auch gleich an – jene, die stets in Zahlen verliebt mit Statistiken zu spielen verstehen, würden sicher an dieser Stelle anführen, dass der Klub seit Rosenthals fünftem und letzten Saisontor in Leverkusen nur noch ein Spiel für sich entschied und Rosenthal von außerordentlicher Bedeutung für die Ergebnisse seines Klubs sein müsste. 

Diese außerordentliche Bedeutung sei an dieser Stelle dahingestellt, immerhin hat der im Hannover nicht allzu fernen Landkreis Diepholz aufgewachsene und seit fast sieben Jahren für Hannover aktive Juniorennationalspieler einem etablierteren Akteur wie Silvio Schröder den Stammplatz abgejagt. Schröter, einstmals aus Cottbus verpflichtet, ist jedoch im Grunde Rosenthal stilistisch nicht unähnlich. Sein Spiel besteht aus Schnelligkeit, dem Drang in die Offensive. Die Dominanz, die sich Rosenthal damit vermutlich in der Zukunft erspielen könnte, hat der doch verletzungsanfällige Sachse mit dem guten rechten Fuß, der einstmals zusammen mit noch heute für Cottbus aktiven Lars Jungnickel das Prunkstück der Jugend von Dynamo Dresden bildete, in seiner Laufbahn jedoch nie entwickeln können.
 

Mit dem Titel „amtierender Torschützenkönig“ war der ballfertige Gunnar Heidar Thorvaldsson im vergangenen Sommer vom schwedischen Erstligisten Halmstads BK nach Hannover gezogen, gemessen an seinen sieben Saisoneinsätzen hat sich die Ausgabe in Höhe von 1 Million Euro für seine Dienste durch 96 jedoch noch nicht amortisiert, wenngleich er unter Dieter Hecking näher an der Stammformation ist als unter Peter Neururer, der wenig mit dem noch in seiner Amtszeit geholten Isländer anfangen wollte und konnte. Umso mehr sagte Neururer der Iraner Vahid Hashemian zu, den er aus seiner Zeit beim VfL Bochum kannte und der seit jeher bundesweit auch gern boulevardesk unter dem Beinamen „Der Hubschrauber“ erwähnt wird. Auf 26 Saisoneinsätze hat es der in erster Linie einmal kopfballstarke Frontstürmer bislang gebracht, sich dabei jedoch unter Dieter Hecking nicht unentbehrlicher gemacht. In Stuttgart am vergangenen Wochenende zählte der eine ganze Saison beim FC Bayern in München vorrangig zum Training erschienende Stürmer wieder einmal zur Startformation und könnte natürlich auch gegen die Borussia beginnen.
 

Neben dem zu Saisonbeginn aus der Slowakei geholten Erik Jendrisek, der nach einer Eingewöhnungszeit sich vor allem in der Wintervorbereitung als förderungswürdig entpuppt hatte, und dem Nachwuchsmann Fabian Montabell, der gegen Stuttgart eine nennenswerte Torchance vergab, könnte Dieter Hecking ferner den mehrfachen tschechischen Nationalspieler Jiri Stajner zum Einsatz bringen. Aufgrund der Vielseitigkeit des ehemaligen Schlüsselspielers von Slovan Liberec würden sich als dessen Einsatzgebiet theoretisch gleich sämtliche Offensivpositionen in der Heckingschen Grundordnung anbieten. Der ballfertige und am Ball ebenso nennenswert gewandte Osteuropäer, einst der teuerste Neuzugang der Vereinsgeschichte, pflegt eine möglicherweise listig, eine sicher aber als nicht berechenbar einzuschätzende Spielweise. An einem guten Tag brilliert der Tscheche mit nachdrücklicher Torgefahr, mit Schnelligkeit, mit Kreativität und schier unbändiger Kampfeslust, schon an schlechteren Tagen geht seine dementsprechende Auffälligkeit an chronischer Lethargie zugrunde. So richtete der WM-Teilnehmer des vergangenen Sommers schon in früheren Jahren eine richtig nennenswerte Chance auf eine markanteren Karriereverlauf eigenverantwortlich hin, so testete er bereits den Geduldsfaden diverser Trainer auf unmittelbare Festigkeit. Andererseits verbarg er solchen schlechten Tage meist, wenn die Spielansetzung ihm ein Aufeinandertreffen mit der Borussia bescherte.
 

Bilanz

Hannover ist ein Gegner, bei dem Borussia traditionell gut aussieht. Mit 7 Siegen bei nur 5 Niederlagen und 7 Remis ist die Auswärtsbilanz sogar leicht positiv. Schaut man allerdings nur auf die jüngere Vergangenheit, so relativiert sich das Bild. Am 19. Februar 2000 gab es unseren letzten Sieg bei den Niedersachsen, damals noch in Liga 2., wo Borussia durch ein Last-Minute-Tor von Arie van Lent einen 1:2-Rückstand noch in einen 3:2-Sieg verwandelte. In den Jahren darauf gab es mit 3 Unentschieden und 2 Niederlagen jeweils nur wenig zu holen für Borussia. In der Vorsaison hätte man die Partie trotzdem fast gewonnen und ging durch Kahê kurz nach der Halbzeit in Führung. Aber Jiri Stajner, der uns mit seinen Toren schon oft ärgerliche Gegentore zufügte, egalisierte diesen Vorsprung noch zum 1:1-Endstand.
 

Aufstellungen

Borussia:
Heimeroth – Bögelund, Svensson, Gohouri, Jansen – Svärd, El Fakiri, Delura, Kluge – Insua, Rafael
Ersatz: Löhe – Zé Antonio, Thygesen, Lamidi, Fleßers, Kahê, Compper
Es fehlen: Daems, Baumjohann, Keller, Neuville, Polanski, Marin (verletzt) 

Hannover:
Enke - Cherundolo, Vinicius, Zuraw, Halfar - Balitsch, Lala - Rosenthal, Bruggink, Huszti – Hashemian
Ersatz: Golz - Andersson, Marheineke, Yankov, Schröter, Thorvaldsson, Montabell, Jendrisek, Willers, Stajner
Es fehlen: Fahrenhorst (gesperrt), Tarnat (verletzt) 

SEITENWAHL-Meinung
 

Michael Heinen: Leider zeigt sich einmal mehr, dass Borussia nicht besser kann. Da der eine oder andere inzwischen auch nur noch bedingt will, hat Hannover leichtes Spiel und findet durch ein 2:0 zurück in die Erfolgsspur. 

Thomas Zocher:
Am Anfang war es ein Gefühl, mittlerweile reift ein Gefühl zur Überzeugung. Und diese Überzeugung basiert auf Zynismus. So, wie die Saison sich bislang den mit der Borussia haltenden offenbart hat, müsste es in Hannover für die Borussia einen Auswärtssieg geben. Da Borussia aber bekanntlich keine Tore schießt, endet das Spiel 0:0. 

Hans-Jürgen Görler:
Borussias Abschiedstour geht in die Endphase. Manch ein Fan wird sich ob der ansprechenden Leistung in der AWD-Arena und dem ergatterten Punkt nach dem 1:1 fragen, warum das nicht früher möglich war. 

Mike Lukanz:
Wenn selbst in der SEITENWAHL-Redaktion Resignation zu verspüren ist, zeigt das den Ernst der Lage. Aber dann gilt es ganz besonders, den Glauben aufrecht zu erhalten. Nach einem lockeren 2:1-Sieg in Hannover sind es noch vier Spiele, bis der Klassenverbleib auch rechnerisch gesichert ist. 

Christoph Clausen:
Nachdem Borussias Abstieg nach menschlichem Ermessen als feststehend zu betrachten ist, kann ich auch diese zunehmend alberne Autosuggestivtipperei beenden. In Hannover schießt Borussia zwar zur allgemeinen Überraschung mal wieder ein Tor, aber eben nur eins. Da Hannover deren drei erzielt, bleibt es bei 25 Punkten. 

Christian Heimanns: Uninspirierte Hannoveraner: Eins, abgestiegene Gladbacher: Null. Spiel und Ergebnis zum Vergessen.

Der Gegner im Internet:
http://www.hannover96.de/

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