Man sieht sich immer zweimal. Oder dreimal. Oder auch noch viel öfter, aber für das anstehende Wiedersehen würden die Borussen in ihrer überwiegenden Mehrzahl befürworten, wenn es vorläufig bei zweimal bleibt, nur Hin- und Rückrunde. Mit Aachen erwarten uns am Samstag quasi die Ersatzkölner. Das Derby dieser Saison, das auf beiden Seiten höchst emotional erwartet wird, auf Borussenseite aber mit noch wesentlich mehr Feuer. Zu frisch ist die Erinnerung an die Pokalpleite, an den Namen Steinborn und an vollkommen natürliche Handbewegungen, als dass der Name „Alemannia Aachen" nicht viele Emotionen wecken würde. Keine guten. Dazu gesellen sich noch weitere Erinnerungen, die den Abend damals für viele so richtig abrundeten. Endlose Shuttlebusfahrten durch Aachen z.B. oder ein gepflegter Übungskessel der Polizei vor dem Stadion; mittendrin Borussen die nicht wussten wie und warum ihnen geschah. Manch einer verzichtet diesmal bewusst auf die Auswärtsfahrt, von vielen aber ist zu hören „das sind für mich die wichtigsten Spiele dieser Saison".

Borussia:

Eine dreiwöchige Ligapause gab Gelegenheit für ein kleines Zwischenfazit. Der Saisonstart darf als geglückt betrachtet werden; die beiden Siege wurden zwar nicht gegen stärkste Kundschaft herausgespielt, aber auch diese Spiele müssen erst gewonnen werden. Die bisher einzige Niederlage gab dabei am meisten Anlass zur Hoffnung, denn das Auftreten in Nürnberg war für unsere Verhältnisse der letzten Jahre ungewohnt couragiert.
 
In diesem Spiel liess sich deutlich mehr als in den beiden Heimsiegen erkennen, dass Borussia einen neuen Trainer hat. Heynckes, der von sich sagt, schnelles Spiel nach vorne seit jeher zu bevorzugen, braucht noch einige Zeit um der Mannschaft eine neue Spielweise nahezubringen. Die Zeit sei ihm gerne zugestanden, dazu muss der Kader ja auch noch so einige Neuzugänge integrieren, die nach drei Spieltagen praktisch noch nicht zu beurteilen sind. Auch bei  manch unverhofft positiver Entwicklung ist noch abzuwarten, was in der Praxis dabei herausspringt,, z.B. ob ein erschlankter Kahê wirklich die nötige Spritzigkeit mitbringt, oder ob Sverkos schwierige Bälle auch gegen Erstligisten annehmen kann.

Nun also Aachen. Für eine Mannschaft wie Borussia, für die jede Auswärtsdarbietung eine Nagelprobe darstellt, ist ein Spiel bei einer leidenschaftlichen Lauf- und Kampftruppe erst recht ein Test. Ein bisschen mehr Eingespieltheit hätten wir uns für das Spiel schon gewünscht, andererseits kommt uns der jetztige Zeitpunkt vielleicht auch ganz recht.
 
Borussias Defensive

Dass mit Keller Gespräche für eine Vertragsverlängerung geführt werden, freut uns alle. Die Viererkette davor steht personell auch recht unverändert, von Nationalverteidiger Jansen über das bisher solide Gespann Zé António - Svensson bis hin zu Bøgelund auf der rechten Verteidigerposition. Die letztgenannte war Anfang der Saison die einzige, auf der Unsicherheit herrschte; inzwischen dürfte der Däne den Platz sicher haben, sofern er unverletzt bleibt.

Die vor einigen Wochen durchgesprochenen Alternativen mit Daems auf links, wenn Jansen weiter vorgezogen wird, und Kirch oder Svärd auf rechts sind im Moment reine Theorie. Nachdem die zwar nicht richtig hochklassigen aber erfahrenen Ersatzspieler für die Innenverteidigung abgegeben wurden, müssen wir aber hoffen dass Zé António und Bo Svensson möglichst die ganze Saison unverletzt bleiben.
 
Die Positionen des (einen) defensiven Mittelfeldspielers bekleidet bisher Eugen Polanski. Im ganzen annehmbare Spiele mit gelegentlich eingestreuten Einzelfehlern kennzeichnen seinen bisherigen Saisonverlauf; man muss ihm aber zu Gute halten, dass er mit seinen 20 Jahren die vielleicht taktisch schwierigste Position der ganzen Aufstellung einnimmt. Mit mehr Erfahrung wird er zwangsläufig besser werden, wobei er nach wie vor seine Heissblütigkeit im Zweikampf im Zaum halten muss.

Borussias Offensive

Dieser Bereich wird von mehr Wechseln betroffen, als uns lieb wäre. Während Sonck sich von einer seiner zahlreichen Verletzungen erholt und sich an die Mannschaft heranarbeitet, kam der OffensivGAU auf uns zu: Ein möglicher Ausfall von Neuville. Der Nationalstürmer mag zwar nicht so oft treffen wie andere, ist aber durch seine Laufarbeit und durch seine Fähigkeit, mal einen oder zwei Gegenspieler locker in Dribbling und Spurt stehen lassen zu können, unverzichtbar. Zuletzt hiess es, ein Antreten in Aachen wäre für ihn möglich; hoffen wir es sehr.
 
Die Planstelle offensives Mittelfeld zentral besetzt unangefochten Federico Insua. Noch läuft nicht alles wie gewünscht beim argentinischen Wieder-Nationalspieler, aber seine Fähigkeiten waren schon zu sehen. Ballfähigkeiten und Passspiel sind eine Augenweide, sollten aber pro Spiel häufiger zu sehen sein. Auch er kann mit weiterlaufender Saison nur besser werden.  Das Mittelfeld links leidet unter der Verletzung von Kluge. Wenn er zu der beständig guten Form der letzten Saison findet, wird Insua einen wertvollen Assistenten an seiner Seite haben. Für das kommende Spiel ist zu erwarten, dass Hassan El Fakiri den Posten wieder einnimmt,der diese Rolle zwar annehmbar, aber mit Luft nach oben ausgefüllt hat. 
David Degen trainiert zwar, wie Kluge, mit der Mannschaft, ein Einsatz in Aachen erscheint im Moment aber unwahrscheinlich. Oliver Kirch könnte die verbleibende Position im Mittelfeld besetzen, denkbar ist aber auch eine Variante mit Thijs und Polanski, falls Heynckes Stabilität wichtiger als Dynamik einschätzt.
 
Verbleibt der Posten des zweiten Stürmers. Hier sammelte Sverkos beim Pokalspiel einige Pluspunkte, sein Einsatz in Aachen wäre durchaus möglich, allerdings darf man vermuten, dass Heynckes beim zu erwartenden intensiven Spiel zuerst einmal den unermüdlich arbeitenden Kahê an den Start bringt.

Der Gegner aus Aachen

Sportlich ist die Alemannia aufsteigertypisch in die Saison gestartet. Einem Desaster in Leverkusen folgte das übliche „Lehrgeld zahlen" beim Heimspiel gegen Schalke, bei dem die Gelsenkirchener dominiert wurden und trotzdem 0:1 siegten. Dann kam das Glück, einen in Auflösung begriffenen Gegner zu erwischen: Der 3:0-Sieg in Hannover zeugt mehr von der Schwäche der Hannoveraner zu diesem Zeitpunkt als von der Stärke der Aachener. Natürlich traten hier nichtsdestoweniger ein paar Vorzüge der Mannschaft zu Tage, wie auch schon gegen Schalke.

Das sportliche trat aber völlig in den Hintergrund, nachdem das Spiel aus war. Aachens Trainer Dieter Hecking fand Gefallen an der Idee, dem Trümmerhaufen 96 neues Leben einzuhauchen, Aachen kassiert angeblich 750.000 Euro für die Auflösung des Vertrages. Nachfolger ist seit Dienstag Michael Frontzeck. Die Ernennung des Ex-Borussen war für die Aachener Fans ungefähr so als hätten wir statt Heynckes Stefan Engels verpflichtet. Die Fanschar ist, gelinde gesagt, gespalten. Hoffentlich weiß Frontzeck, dass in Aachen gegnerische Trainer schon mal mit Nägeln beworfen wurden und hoffentlich wissen die Aachener, dass Frontzeck kein Gegner ist. Hoffentlich werfen sie gar nichts. 

Aachens Defensive  

Vor der Saison zählte praktisch jeder die Aachener zu den Abstiegskandidaten. Kaum ein Spieler, der sich langfristig in der Bundesliga durchgesetzt hätte, ist in der Mannchaft vertreten, die Abwehr zeugt besonders davon. Ins Tor kehrt nach seiner Rotsperre Kristian Nicht zurück, davor versammeln sich Neuzugang Leiwakabessy, der nicht eben als Sicherheitsgarant bekannte Moses Sichone, Klitzpera sowie Sergio Pinto, der nach dem Spiel in Leverkusen zu Protokoll gab, man müsse auch mal „mehr foul spielen und mit 5 Mann beim Schiedsrichter reklamieren."
 
Im defensiven Mittelfeld räumt Rainer Plaßhenrich auf, der dort auch längerfristig Bundesliganiveau bringen können sollte.

Aachens Offensive

Aachens Hoffnung für den Klassenerhalt beruht darauf, zuhause den Gegner niederkämpfen und besiegen zu können. Das fussballerische Mindestpotential sollen im Mittelfeld dafür Christian Fiel mitbringen, der gelegentlich durchaus durch gute Schusstechnik glänzen kann, Wandervogel Sascha Rösler sowie der 20jährige Sascha Dum, der für ein Jahr von Leverkusen ausgeliehen wurde und bisher unbekümmert mitspielte.

Im Sturm sorgt vor allem ein Name für Diskussionen, bei Aachenern, anderen und Borussen: Jan Schlaudraff. Wir erinnern uns, er war von Borussia an Aachen ausgeliehen und Mitte der letzten Saison endgültig abgegeben worden, gerade als er sich prächtig dort entwickelte. Aus unserer Sicht weiter nicht ohne Magenschmerzen, Schlaudraff verkörpert nämlich einen Großteil des fußballerischen Potentials in Aachen; war nicht unerheblich für den Aufstieg und ist die entscheidende Hoffnung für den Klassenverbleib.
Seine Stärken, die Technik und Ballbehandlung auch in hoher Geschwindigkeit, seine Schnelligkeit waren schon gegen Schalke zu sehen, gegen Hannover zeigte er seine Torgefährlichkeit.
 
An seiner Seite hat bisher Marius Ebbers gespielt, der bisher aber nur einen guten Zweitligastürmer abgibt. Hoher Einsatz und Laufbereitschaft sowie in der ersten Liga mangelnde Trefferquote zeichnen sein Spiel. An seiner Stelle könnte auch Rückkehrer Krontiris spielen, wahrscheinlicher aber ist ein Einsatz von Neuzugang Szilárd Nemeth, seines Zeichens slowakischer Nationalstürmer und vom Typ ein schneller Konterstürmer mit präzisem Schuss. Nach Gastspielen bei Middlesbrough, die einmal über 6,5 Mio. Euro für ihn gezahlt haben sollen, und einer Ausleihe an Racing Strasbourg ist nun abzuwarten, inwiefern Nemeth in der Bundesliga Fuß fassen kann.
 
Schiedsrichter:
 
Kein Bange, Edgar Steinborn - der Mann, dessen Namen mit van der Kroft in einem Atemzug genannt wird - ist nicht mehr an der Pfeife aktiv, er beurteilt für den DFB jetzt in der ersten und zweiten Liga Schiedsrichterleistungen. Wir lassen bewußt dahingestellt, ob Steinborn dafür geeignet ist. Sollte der DFB ihn dieses Wochenende doch mit Aachen betrauen, wird er die (hoffentlich anstandslose) Leistung von Michael Weiner aus Giesen, einem Controller im Hauptberuf, beurteilen können. Weiner galt in den letzten Jahren als der Experte für Bochum-Spiele der Borussia, so pfiff er in deren Abstiegsjahr 2004/05 beide Partien und sah im Ruhrstadion Holger Fach letzten Arbeitstag. Jenen garnierte Weiner mit einem Platzverweis gegen Jeff Strasser. Wir wollen an dieser Stelle hoffen, dass Herr Weiner Borussia ein bisschen mehr Glück bringt, schließlich war sein letztes Bundesligaspiel mit Borussias Beteiligung jenes scheußliche 2:5 in Nürnberg in diesem Mai.
 
Bilanz:

Dieser Punkt ist von wenig Aussagekraft gekennzeichnet, die letzten Vergleiche waren im Pokal oder in der zweiten Liga, in der ersten sind sie schon länger her und sehen so aus: 3 Spiele in Aachen in den Jahren 1968 bis 1970, eine Niederlage, ein Remis und, jawohl, ein Sieg dortselbst bei 4:2 Toren für die Borussia.
 
Rennen, kämpfen, beissen, die Heimstärke ausspielen, so will Aachen versuchen, die Klasse zu erhalten. Für etablierte Bundesligisten muss das Rezept dagegen heissen, jederzeit in den Zweikämpfen dagegenzuhalten und spielerische Überlegenheit durchzusetzen. Und das muss bei dem Aachener Kader immer drin sein, mag sich das Publikum auf den Rängen noch so lautstark und streckenweise so geistig minderbemittelt (wie bei den Gesängen gegen die türkischen Spieler von Schalke) gebärden.  Für alle, denen der Gedanke an das Pokalhalbfinale und den verpassten Uefa-Cup noch heute Schmerzen bereitet, gibt es an dieser Stelle ein Analgetikum: Wen haben wir bei unserem Aufstieg aus der Oberliga West 4 Spieltage vor Schluss an der Spitze abgelöst und für immer hinter uns gelassen?
 
Aufstellungen:

Borussia: Keller - Bøgelund, Svensson, Zé António, Jansen - El Fakiri, Polanski, Insúa, Kirch - Kahê, Neuville.
 
Ersatz: Heimeroth, Delura, Sverkos, van den Bergh, Levels, Thijs, Rafael, Helveg
 
Es fehlen: Sonck, Kluge, Degen (Reha), Daems, Fleßers, Svärd (verletzt), Compper (Nebenhöhlenentzündung)
 
Aachen: Nicht - Pinto, Klitzpera, Sichone, Leiwakabessy - Plaßhenrich, Dum, Rösler, Fiel - Schlaudraff, Nemeth
 
Ersatz: Straub, Reghekampf, Lehmann, Ibisevic, Hesse, Heidrich, Casper, Herzig, Krontiris
 
SEITENWAHL-Meinung:
 
Christian Heimanns: Optimismus ist zwar die Aufgabe von Mike, aber bei den Voraussetzungen in Aachen muss man wirklich zulangen. 1:2  Sieg für uns bei der ersten Etappe der Operation Revanche.
 
Thomas Zocher: Es liegt auf der Hand, dass man bei der Vorgesichte einfach nicht jenes bedauernswerterweise denkwürdige Pokalhalbfinale übergehen kann, welches am Ende kein regulärer Wettstreit mehr sein durfte. Man sollte zwar tunlichst vermeiden deshalb leichtfertig irgendwelche Dämlichkeiten in den Orbit zu pusten, zumal George Mbwando kein Aachener mehr ist und der Fußballsport an sich noch niemals fair war, aber sich einen Sieg wünschen ist deshalb auch noch nicht verboten. Möge Borussia deshalb mit einem unabsichtlichen 1:0-Erfolg und Aachens Neuer, Michael Frontzeck, ein paar Monate später mit dem Klassenerhalt belohnt werden.
 
Christoph Clausen: Als erstes Team gegen eine Mannschaft zu spielen, die gerade den Trainer gewechselt hat, ist oft undankbar, des hinlänglich beschriebenen psychologischen Effektes wegen. Diesmal indes könnte es anders sein, schließlich hat die Alemannia den Trainerwechsel nicht, wie sonst üblich, als Notbremse nach freiem Fall, sondern zu einem Gutteil unfreiwillig vollzogen. Das, und die Hoffnung, dass diesmal ein ernstzunehmender Unparteischer für ein Fußball- statt eines Volleyballspiels sorgt, nährt die Hoffnung auf einen Gladbacher Auswärtserfolg. Fällt der, wie hier getippt, gar mit einem beruhigenden 3:1 aus - umso schöner.

Joachim Schwerin: Fällt mir nicht leicht. Ich denke 2:1, hoffe 1:2 und tippe 1:1.

Michael Heinen: Auswärts ist leider wieder nichts zu holen. Unglücklich verlieren wir durch einen Handelfmeter mit 1:2.
 
Hans-Jürgen Görler: Der neue Besen, der auf den Namen Michael Frontzeck hört, wird sicher einige Wochen in Aachen gut kehren, letztlich aber doch nicht vermeiden können, dass der Klub sich ausschließlich mit dem Abstiegskampf wird beschäftigen müssen. Am Sonnabend kehrt jedoch ausnahmsweise wieder mal die Borussia erfolgreich auf fremdem Platz und fährt ein hart erarbeitetes 1:0 ein.
 
Mike Lukanz: Das erste Auswärtsspiel der Saison in Nürnberg war keine Fortsetzung der unsäglichen Auftritte auf des Gegners Platz, sondern ein neuer Anfang. Was sich im Frankenland noch nicht in Punkte und Tore widerspiegelte, zeigt in Aachen erste Erfolge. Zu einem Sieg reicht es bei heimstarken Alemannen noch nicht, aber mit dem 2:2 werden beide Teams sehr gut leben können.

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  • @Reporter_vorOrt @dpa_sport "Im Fußball ist Doping ja auch nutzlos, das Zeug muß in die Spieler!"
  • @guek62 They kame & run!
  • Joachim Löw möchte sich sein 150. Spiel als Bundestrainer nicht von einem Gladbacher Torschützen kaputtmachen lassen! #GERCMR #Servicetweet
  • @Dagobert95 @Peter_Ahrens Und gerade heute jährt sich das 1:0 von Deutschland gegen Österreich in Gijon 1982, wow!
  • @JrgNeb Entschuldige bitte, aber es war zu verlockend 😉😆
  • Heute vor 22 Jahren waren wir noch wesentlich jünger, aber sehr nervös. Deshalb einen großen Dank an @JrgNeb & alle…
  • Reinhard #Grindel ist irritiert über #IFAB-Vorschläge, er hat doch mit Geschäftspartnern aus China so viele schöne eigene Ideen vorbereitet.

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