VfL Osnabrück Die Überraschung ist ausgeblieben: In einem spannenden, doch keineswegs hochklassigen Pokalkampf unterlag Borussia Mönchengladbach beim ambitionierten Regionalligisten VfL Osnabrück letztlich verdient mit 2:1. 18.500 Zuschauer im ausverkauften Stadion an der Bremer Brücke (das derzeit als „osnatel Arena" firmiert) erlebten bei bestem Herbstwetter ein Flutlichtspiel, das allein wegen seines Ergebnisses in Erinnerung bleiben wird und in dem die unterklassigen Niedersachsen nach 1992 zum zweiten Mal in Folge den Erstligisten vom Niederrhein aus dem DFB-Pokal warfen. Borussen-Coach Jupp Heynckes zeigte sich nach der Partie müde und verärgert, jedoch nicht in der Lage oder willens, das völlig unproduktive Ballverwalten seiner Mannschaft einer genaueren Ursachenforschung zu unterziehen. So ziehen wir einen unkonventionellen Erklärungsansatz heran, der sich uns nachts um halb zwölf auf der A 1 zwischen Hagen-Nord und Hagen-West erschloß ...

Landkarten behaupten, daß Städte wie Bielefeld, Paderborn oder eben Osnabrück existieren, doch man glaubt es erst, wenn man dort tatsächlich einmal etwas zu tun hat, da man ansonsten immer nur auf der Autobahn an ihnen vorbeirauscht. So waren wir gespannt, als wir zum ersten Mal den Boden der „Friedensstadt Osnabrück“ betraten, und wir fühlten uns gleich wohl, nachdem wir auf der erstbesten Hauswand den Graffito „Mehr Brezel für Bush!“ lesen durften. Zudem bekamen wir gratis eine Art Stadtführung, denn der offizielle Anfahrtsplan des VfL Osnabrück meinte lapidar, man müsse nach der Autobahnausfahrt einfach fünf, sechs Kilometer geradeaus fahren, um zum Stadion zu gelangen, doch diese fünf, sechs Kilometer führten uns mitten durchs Zentrum, vorbei an gefühlten hundert Ampeln und tausend Radfahrern, für die alle keine Verkehrsregeln zu gelten schienen. Dafür erwies sich der ebenso offizielle Presseparkplatz als eine Art Lagergelände der Bahn, auf dem allerorten Parkverbotsschilder aushingen. Immerhin versicherte der zuständige Ordner glaubhaft, daß nur vor den Schildern links abgeschleppt würde, nicht aber vor den Schildern rechts.

Das war ein solider Start in den Abend, der wahr werden ließ, was uns die geschätzten Kollegen vom VfLog angekündigt hatten: In Osnabrück gehe es noch so richtig sympathisch und familiär zu, quasi sei die Zeit stehengeblieben. Wir erfuhren sogleich erneut, was damit gemeint war, als wir am Eingang vergeblich nach dem Presseraum gefragt hatten. „Hier sind Sie falsch; Sie müssen einmal komplett ums Stadion gehen!“, beschied man uns und schaute nur ausdruckslos, als wir meinten: „Wenn wir einmal ums Stadion gehen, sind wir ja wieder hier...“ Wir schnappten uns also einen hinter der Absperrung nervös eine Zigarette rauchenden Osnabrücker, der sich später als der Zeugwart entpuppte, und versuchten unser Glück erneut. Der gute Mann ließ uns nicht nur durch die Absperrung, lotste uns durch den Spielerpulk vor der Osnabrücker Kabine – Handschlag hier, gute Wünsche da, gerade als Bundesliga-Entourage muß man ja höflich sein – und zeigte uns den weiteren Weg, nein, er schickte uns geradewegs durch den Spielertunnel aufs grüne Heiligtum. Spätestens jetzt kam Bökelberg-Atmosphäre auf, die nur dadurch getrübt wurde, daß uns der erste Schritt auf den „Rasen“ zentimetertief im Matsch versinken ließ. Eine Pferdekoppel ist nichts gegen das, was der VfL Osnabrück hier als Spielfläche ausgab.

Mit Bratwurst und Bier bewaffnet (schon vor fünfzig Jahren war bekannt, daß es unhygienisch ist, zurückgegebene Becher ohne Säubern gleich für neue Kunden wieder zu befüllen; irgendwo hört die Romantik der „guten alten Zeit“ auf...) kämpften wir uns auf die Pressetribüne, die sich als Hühnerverschlag entpuppte – wir lernten später, hohe Bälle zu hassen, denn alles, was sich auf dem Spielfeld in mehr als zwei Meter fünfzig Höhe abspielte, war so dicht unter dem Dach nicht mehr zu sehen. Die Stimmung entwickelte sich auf beiden Seiten prächtig, und gegen 19.30 Uhr war die Welt aus Mönchengladbacher Sicht absolut in Ordnung. Das i-Tüpfelchen bildete der Blick auf die von Jupp Heynckes gewählte Aufstellung, die sich auf dem Papier als bemerkenswert offensiv las: Vor Ersatzkeeper Heimeroth standen mit Zé Antonio und Levels zentral und Helveg rechts drei gelernte Verteidiger in der Viererkette, doch bereits Linksverteidiger Kluge versprach Druck nach vorn. Das Mittelfeld bildete lediglich die Doppelsechs Thijs und El Fakiri, denn bereits die Flügelspieler Nando Rafael und Degen mußten als halbe Stürmer angesehen werden, zu schweigen von der Doppelspitze Sonck und Kahê. Es war angerichtet, und man durfte sich freuen.

Soweit zum gemütlichen Teil. Fußballromantik und Fanfreude verabschieden sich an dieser Stelle aus diesem Bericht, es übernimmt die Marke VfL 1900 Borussia Mönchengladbach anno 2006, sofern sie sich nicht im Borussia-Park befindet. Wir fassen uns entsprechend kurz.

Die Elf vom Niederrhein kontrollierte das Spiel von Beginn an, wobei „Kontrolle“ zunächst wohlwollend als „behutsames Aufbauen“ und mit zunehmender Spieldauer immer mehr als „uninspiriertes Ballgeschiebe“ umschrieben werden konnte. Mancher Fehlpaß schlich sich ein, gerade auch bei einem eigentlich erfahrenen Spieler wie Zé Antonio, der in den ersten acht Minuten gleich drei hanebüchene Fehlpässe in der eigenen Hälfte produzierte, doch die mindestens ebenso nervösen Osnabrücker konnten bis auf zwei harmlose Schüßchen nichts mit derartigen Geschenken anfangen. Das war immer noch mehr als Borussia, denn El Fakiris mittelprächtiger 18-Meter-Schuß nach elf Minuten war der erste Abschluß, zu dem der Bundesligist sich aufraffen konnte. Dennoch durfte man optimistisch sein, zumal Nando Rafael über links mehrfach technisch feine Aktionen zeigte, Degen seine Seite ebenso sicher bekleidete und gar defensiv mit einem feinen Tackling überzeugte sowie Thijs und El Fakiri zentral die Fäden in der Hand hielten.

All das wurde in der 16. Minute zur Makulatur, als Osnabrück mit dem ersten guten Angriff in Führung ging. Aziz hatte sich links fein in Szene gesetzt, der Ball gelangte quer zu Menga, für Levels ergab sich die Gelegenheit, Schlimmeres zu vermeiden, was durch fehlerhafte Ballkontrolle unterblieb, und Menga netzte im zweiten Versuch trocken ins Eck ein. Die lila-weißen Teile des Stadions bebten, doch bevor man als Borusse überhaupt in Schockstarre fallen konnte, stand es drei Minuten später 1:1: Ein Fehlgriff des Torwarts nach schöner Nando-Flanke führte zu einer Ecke, die Helveg von rechts auf den Kopf von Sonck platzierte. Der Kopfball des Belgiers schien zu hoch, landete aber trotzdem genau an der richtigen Stelle unter der Latte im Eck und bescherte dem Spieler, der zuletzt gegenüber Fleßers wegen vermeintlicher Kopfballschwäche ins Hintertreffen geraten war, ein ausgiebig gefeiertes Erfolgserlebnis.

Alles, was die Hausherren in der Folgezeit noch zuwege brachten, war eine mißglückte Flanke, die wir großzügig unter der Rubrik Torschuß verbuchen. Borussia hingegen wirkte nun sicherer und begann zu kombinieren, doch Torchancen blieben stets Mangelware. Sonck zielte aus 17 Metern knapp vorbei, und Kahê, der sich oft fallen ließ, um das Loch hinter den Stürmern zu füllen, verwertete geschickt eine schöne Vorlage von Nando Rafael, doch Osnabrücks Torwart Gößling kratzte das Leder zur Ecke. Den Schlußpunkt setzte quasi mit dem Pausenpfiff Thijs, der einen Freistoß aus zwanzig Metern halblinks gut platzierte, jedoch zu wenig Wucht hinter den Ball brachte, so daß Gößling sicher halten konnte. Hätten zwischenzeitlich Zé Antonio und Helveg mit einem gänzlich unnötigen Doppelpaß am eigenen Strafraum, der in einem Ballverlust endete, nicht noch einmal für potentielle Gefahr gesorgt, hätte Heimeroth im Gästetor den Großteil der ersten Halbzeit durchaus am Bierstand verbringen dürfen, ohne daß es aufgefallen wäre.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit schien eine personell unveränderte Borussia sofort wieder die Kontrolle an sich reißen zu wollen, doch der Schein trog. In der 48. Minute kam Osnabrück nach einem Freistoß zu einer Dreifachchance, doch ob per Schuß oder Kopfball, stets landete der Ball bei einem Borussen und zuletzt in den Händen von Heimroth. Auf der anderen Seite reklamierten die Gladbacher Spieler nach einer von Thijs verlängerten Helveg-Ecke vehement Handelfmeter, doch die Szene erschloß sich uns nicht einwandfrei; in jedem Fall schien die Hand aus kurzer Entfernung angeschossen zu sein. Der Pfiff bleib somit aus, was Thijs nur noch mehr zu beflügeln schien, denn der neben Nando Rafael beste Borusse des Abends zeigte sich fortan nicht nur in der Defensive besonders motiviert, sondern sorgte nach einem El Fakiri-Freistoß mit einem Kopfball zumindest für die Andeutung von Gefahr. Borussia spielte nun halbwegs solide, und vom VfL Osnabrück war immer noch nichts zu sehen.

Augenblicke später dann stand es 2:1 für Osnabrück, und der Treffer war genauso sehenswert wie vermeidbar. Die Platzherren konterten über Großöhmichen, der Menga in die Gasse schickte, Helveg kam zu spät, Levels war schon gar nicht am Mann, Heimeroth stand zu weit vor dem Tor, und der Stürmer der Niedersachsen zwirbelte den Ball aus 25 Metern bogenförmig ins linke obere Toreck – man hat schon Schlechteres gesehen, was freilich für Borussias „Abwehr“, insbesondere Dauersünder Levels, nur sehr eingeschränkt gilt. Peter Pander sollte später sagen, daß für ihn nach diesem Tor das Spiel gelaufen war, und zwei gelbe Karten für Kluge wegen Haltens und Thijs wegen Meckerns binnen Sekunden belegten dieses Frustpotential zur Genüge. Während Osnabrücks Coach Wollitz, der zur Halbzeit von 4-2-3-1 auf 4-4-2 umgestellt hatte, nun zu Wechseln begann und verstärkt Beton anrührte, tat sich auf der Gladbacher Bank erst einmal nichts. Auf dem Platz geschah genauso wenig; nur Sonck und Thijs erarbeiteten sich mit zwei Seitfallziehern Halbchancen.

In der 71. Minute kamen dann Delura und Neuville für El Fakiri und Kahê. Während die Stürmer Mann für Mann wechselten, rückte Delura zentral hinter die Spitzen und beließ Thijs als einzige Absicherung vor der Defensive. Osnabrück lauerte nur noch auf Konter, Borussia ertrank in Ballbesitz, kam aber nun zu überhaupt keinen Torchancen mehr, weil irgendwann halt immer ein Fehlpaß unterlief, und sei es bei der dreißigsten Ballberührung eines Borussen hintereinander. In der 77. Minute schickte Heynckes noch Compper für den kaum sichtbaren Kluge aufs Feld, was durchaus positive Auswirkungen hatte, doch Comppers Antritte verpufften letztlich ebenso wie die seiner Kollegen. Als es vier Minuten vor Ende der regulären Spielzeit doch noch zu einer Torchance für den Erstligisten kam, Thijs aber 17 Meter vor dem Tor freistehend knapp rechts am Toreck vorbeizielte, wußte jeder im Stadion, was die Stunde geschlagen hatte. Schiedsrichter Gräfe sorgte mit großzügiger Nachspielzeit zwar für künstliche Spannung, aber mehr als eine kuriose Szene beschwor er damit nicht mehr herauf: Viele Zuschauer hielten einen Abseitspfiff nämlich für das Schlußsignal und stürmten das Spielfeld, das nach Minuten wieder geräumt war, nur drei Balljungen tanzten noch ausgelassen eng umschlungen vor Heimeroths Tor herum, entrückt von der Realität, daß alle anderen auf dem Feld noch gerne die Partie regulär zum Abschluß bringen wollten. Kurz darauf war endgültig Schluß, und die einen ergingen sich in purer Freude, während die anderen ihren Frust hinausschrien.

Nach dem Spiel wartete ein zum Bersten gefüllter Presseraum auf die Aussagen der Trainer. Während Claus-Dieter Wollitz im Kreise seiner Familie entrückt, doch zugleich sehr pragmatisch wirkte, sah Jupp Heynckes auf einmal bemitleidenswert müde aus, gleichzeitig aber von unterdrücktem Zorn beseelt. Erneut mußte er eine Auswärtspleite erklären, erneut fiel es ihm schwer. Seine Spielanalyse (viel Ballbesitz und Aufwand, wenig Zählbares gegen defensivstarke Osnabrücker) war den Ereignissen angemessen, erklärte aber nichts. Wir fragten also nach: Um Tore zu schießen, muß man sich doch erst einmal Chancen erarbeiten – wie erklärt es sich denn Jupp Heynckes, daß trotz offensiver Aufstellung und jeder Menge optischer Überlegenheit fast keine Torchancen erspielt wurden, und das ja nicht zum ersten Mal. Heynckes setzte zum Monolog an, erzählte von jahrelang nicht richtig gewachsenen Strukturen und dem Fehlen von echten Spielertypen, erbat sich Geduld und meinte, gegenüber dem Berlin-Spiel bereits Besserung gesehen zu haben. Und dann sagte er als letztes plötzlich: „Ich weiß, woran es liegt, kann aber nicht alles öffentlich machen.“

Wir staunten darob nicht schlecht, denn offensichtlich konnte er damit ja nicht die Dinge meinen, über die er zuvor – und zwar sehr öffentlich – gesprochen hatte. Worauf er tatsächlich abzielte, darüber läßt sich nur spekulieren. Denkbar ist, daß er seine Spieler schützen will, die einfach aus seiner Sicht nicht die Fähigkeiten haben, die man halt braucht – teils weil sie noch zu jung und unerfahren sind, teils aus weniger erfreulichen Gründen. Auch über die Taktik darf man dann reden, denn wenn man gegen einen defensiven Gegner 70 Minuten lang ohne offensives Mittelfeld hinter den Spitzen agiert, muß man sich über nichts wundern. Was auch immer: Wenn es auswärts so weitergeht wie zuletzt, so wird der Tag kommen, da Jupp Heynckes sich hierzu genauer wird äußern müssen. Im Moment muß man fairerweise eingestehen, daß er erst seit kurzen mit dem Team zusammenarbeitet und ohnedies ein Mann von exzellentem Ruf ist, der einen Vertrauensvorschuß verdient. Doch bereits Peter Panders Ausführungen nach dem Spiel zeigten, daß nicht jeder ewig Geduld haben wird: Pander bemängelte zurecht, daß der letzte Biß gefehlt habe, und er hätte hierbei auch das Wort „Einstellung“ verwenden dürfen. Dies hat nun mit irgendwelchen längerfristigen Ursachen nur noch sehr wenig zu tun ...

Und so rauschten wir zurück durch die Nacht nach Hause, trotz des Resultats irgendwie beseelt von einer Pokalnacht, die ihre Freuden außerhalb des Rasens hatte und fast schon wieder milde gestimmt, weil der unvergessene Falco uns bewies, wozu man trotz widriger Umstände in der Lage sein kann (man höre „Live auf der Donauinsel“, Track 11). Und als dann das Lied „Titanic“ durch unsere Gehörgänge brodelte, da erschloß sich uns die tiefere Wahrheit dieses Abends: Man muß ja gar nicht gewinnen wollen. Oder, in den Worten des zu früh verblichenen Barden, mit Schwerpunkt auf dem letzten Satz:

Sieht man um sich, was passiert,
Wohin es geht oder auch nicht,
Hilft nur eines:
Schampus, Kaviar, Noblesse im Gesicht.
Lets deca-dance in jedem Fall
Die Smokingträger überall.
Denn nobel geht die Welt zugrund
Ob dieser oder jener Stund’!


Die Titanic sinkt in Panik
Ganz allanig
Aber fesch!
Mit all den Millionen Cash
Und all der teuren Wäsch'.

Die Titanic sinkt in Panik
Ganz allanig
Aber gut!
Denn wer sich retten tut
Der hat zum Untergang koan Mut!


VfL Osnabrück: Gößling - Tredup, Cichon, Dominique Ndjeng, Andreas Schäfer, Nouri (Schanda 62), Großöhmichen (de Jong 84), Enochs, Aziz, Reichenberger (Chitsulo 76), Menga.

Borussia: Heimeroth - Helveg, Levels, Zé António, Kluge (Compper 77), D. Degen, Thijs, El Fakiri (Delura 73), Sonck, Kahê (Neuville 73), Rafael.

Tore: 1:0 Menga (17.), 1:1 Sonck (20.), 2:1 Menga (58.)

Schiedsrichter: Manuel Gräfe (Berlin)

Zuschauer: 18.500 (ausverkauft)

Gelbe Karten (Borussia): Kluge, Helveg, Levels.

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