Borussia Mönchengladbach verbringt das Weihnachtsfest und das Neujahrsfest 2006/07 auf einem Abstiegsplatz. Während unfassbaren neunzig Minuten, in denen die Lizenzspielermannschaft Borussias sämtliche mit dem Verein emotional verbundenen Menschen wiederholt über die Grenze der Belastbarkeit hinaus mit allerlei Scheußlichkeiten vor dem Kopf stieß, sorgten ein direktes (Kahê) und ein indirektes Eigentor (Tobias Levels) für den Sieg der Gastgeber. Abgesehen vom Ergebnis wirkt vor allem die Art und Weise der hier bezogenen Tracht Prügel als Karikatur und es bleibt überaus schwer die dennoch angebrachte Contenance zu bewahren.
 
An diesem Dezemberabend ist deutlich geworden, dass diese Mannschaft an sich am wenigsten Verständnis, am allerwenigsten Nachsicht verdient. Weder von den Fans, noch von ihrem Trainer, den man wirklich nur dafür bedauern kann mit einem Ensemble von Taugenichtsen arbeiten zu müssen. Ja, es tut richtig in der Seele weh, dass dieser für den Verein uneingeschränkt ideale Trainer sich seinen guten Namen von ambitionslos umherirrenden Balltretern ramponieren lassen muss, die in der Glanzzeit Borussia Mönchengladbachs kaum von ihr für die Position eines Materialwarts in Erwägung gezogen worden wären.

Auf vier Positionen veränderte Jupp Heynckes die Anfangsformation seiner Borussia, stellte anstelle von Kahê Sonck in den Angriff, ließ Polanski für Kluge im Mittelfeld auflaufen und brachte für die heute aus unterschiedlichem Grund nicht berücksichtigten Bo Svensson und Marvin Compper in der Abwehrreihe den jungen Tobias Levels und Kasper Bøgelund.

In der Anfangsviertelstunde der Begegnung bot sich den rund 30.000 im ehemaligen Stadion an der Castroper Straße ein an sich gewohntes Bild für die Auswärtsspiele von Borussia Mönchengladbach. Vor einer fünfstelligen Zahl eigener Anhänger suchte sich die Borussenelf die Gelegenheit etwas für die eigene Offensive zu suchen. Schön, wie Polanski oder Delura versuchten den Ball schon in der Bochumer Hälfte den Gastgebern abzujagen, gekonnt wie Wesley Sonck in der 6. Spielminute auf Zuspiel von Oliver Kirch den Ball mit der Hacke versuchte an Bochums Peter Skov-Jensen vorbei in das Tor zu befördern, doch da Marcel Maltritz für seinen geschlagenen Tormann auf der Torlinie rettete, ging die Borussia hier nicht in Führung und zog sich bereits um die fünfzehnte Spielminute immer sukzessiver in die eigene Spielhälfte zurück und überließ den ihr zu diesem Zeitpunkt unterlegenen Bochumern die Spielkontrolle, ja die Regie der Begegnung; als in der 17. Spielminute Christoph Dabrowski und Bernd Thijs im Luftkampf mit den Köpfen zusammenstießen (und behandelt werden mussten), hatten die Bochumer allerdings noch nicht ernsthaft das Tor von Kasey Keller in ihr Visier genommen.

Augenscheinlich wurde aber, dass die Gastgeber dies durchaus aus ihrem Repertoire zu betstreiten gedachten, denn sie bemühten sich immer wieder im Halbfeld der Borussenhälfte um Standardsituationen. Der Trend, dass Bochum aufgrund höherer Aggressivität und hingebungsvollerer Laufbereitschaft mehr und mehr die Initiative übernehmen konnte, manifestierte sich zwischen der 25. und 35. Spielminute durch mehrere solcher Standards. Mal war es Theofanis Gekas, mal Christoph Dabrowski mit einer Kopfballgelegenheit und immer wieder konnte man die Vorteile sehen, die die Bochumer im Luftkampf hatten und noch haben sollten. Jupp Heynckes schien darauf früh reagieren zu wollen, der hochaufgeschossene Kahê übte sich am Spielfeldrand beim Dehnen seiner Muskeln und Fasern. Eingewechselt wurde dieser jedoch nicht, auch nicht, als Gekas blitzgescheit die in diesem Moment ungeordnete Borussenabwehr mit einer Kopfballablage auf Dabrowski narrte und diesen in 17 Metern Entfernung eine astreine Torgelegenheit bot. Dabrowski wusste sie nicht zu nutzen, das Spiel verblieb beim torlosen Zwischenstand und sah gegen Halbzeitende die Borussia, die im Grunde nach der Torchance von Sonck keine nennenswerte Offensivaktion mehr gehabt hatte, wieder im Vorteil.

Mustergültig verschob sich die Borussia in der 42. Spielminute in einem Tempogegenstoß in Richtung des Tores von Peter Skov-Jensen. Thomas Helveg trieb den Ball über seine rechte Seite in Richtung des Bochumer Strafraums, setzte den mitgelaufenen Federico Insúa ein und während die Bochumer Abwehrspieler mitsamt den drei mitgelaufenen Borussen um Sonck und Delura darauf setzten, dass der argentinische Nationalspieler den Ball ablegen würde, probierte es der Südamerikaner auf eigene Faust und scheiterte dabei am wachsamen Peter Skov-Jensen. Die Borussia hatte eine zweite Chance zur Führung vertan.

Aufgrund der Schwere des Fehlers, den in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit Tobias Levels beging, und der zum sehenswerten Führungstreffer der Bochumer durch Gekas führte, ist es  - die Contenance erstmals so richtig wahrend - nötig, zu berichten, dass Levels mehr als zwei andere Alternativen hatte, als unter aufziehendem Druck von drei Bochumern dem an der linken Außenseite winkenden Bøgelund hier den Ball flach und steil zu zu passen. Er tat es dennoch, der Ball fiel relativ unverbindlich Theofanis Gekas vor die Füße und dieser vollbrachte mit einem gefühlvollen Lupfer über den der Spielsituation angemessen postierten Kasey Keller hinweg das Bochumer Führungstor, welches auch den Pausenstand bedeutete.
 
Die Halbzeitansprache von Jupp Heynckes war kaum vorüber und die zweite Halbzeit durch den Schiedsrichter kaum auf den Weg gebracht, da hatten die knapp 30.000 Zuschauer im ehemaligen Ruhrstadion zu beobachten, dass die Gastgeber im Grunde das schnelle 2:0, und damit die Entscheidung, suchten. Gegebenenfalls war die Kopfballgelegenheit, die Theofanis Gekas in der 47. Spielminute aus der Not und dem Gewühl heraus zustandebrachte, eine ernstzunehmende. Aus der Sicht eines der Borussia zugeneigten Beobachters war aber in jenen Minuten vor allem die nicht aufgebotene Zweikampfführung seitens zu vieler Borussenspieler ein wesentlicher Grund dafür, weshalb überhaupt die gastgebende Elf vor das Borussentor kam. Es war schon interessant zu beobachten, wie man Ballbesitz am gegnerischen Sechzehner (Delura) dazu verwenden kann mit einem schwungvollen (aber planlosen) Abspiel entgegen der Laufrichtung der eigenen Abwehrspieler einen gefährlichen Tempogegenstoß für den Gegner einzuleiten.

Dies sollte aber nicht die einzige nennenswerte Beobachtung in der zweiten Halbzeit werden. Diese Spielhälfte wurde nach der Einwechselung von Oliver Neuville in der 56. Spielminute zunächst ein Stück näher in Richtung des Bochumer Gehäuses ausgetragen, ohne den Nationalstürmer dabei relevant in Ballbesitz zu bringen. Die nennenswerte Möglichkeit dieses kleinen Zwischenhochs der Borussia war die Torgelegenheit Insúas, die im Nachhinein die gefährlichste der Borussia während der gesamten zweiten Halbzeit blieb. Schön wie Insúa im Bochumer Strafraum von halbrechts den Ball in das lange Eck zu zirkeln probierte. Schade, dass Torwart Skov-Jensen diesen Schlenzer noch um den Pfosten drehen musste.

Nach 66 Minuten durfte sich mit David Degen dann jemand bei der Borussia für Oliver Kirch probieren, dessen Hinrunde so schlecht verlief wie seine letzten beiden Kurzeinsätze gegen Bayern München und Mainz. Auch heute fand Degen nicht die berüchtigte „Bindung" zum Spiel, stand wieder relativ zeitig vor einer Verwarnung und ansonsten recht vielen seiner Mannschaftskameraden in keiner Weise nach. Kurzum, wieder einmal konnte David Degen seinem Anspruch ein Stammspieler sein zu wollen nicht mit entsprechenden Aktionen folgen. Auch wenn seine Mitspieler größtenteils nun wieder jenen spielerischen Flickenteppich von schlechten Zuspielen und grausigen Ballan- und -mitnahmen ausrollten, genau wie der im Angriff der Borussia oft im luftleeren Raum umhergeisternde Wesley Sonck tat der Schweizer erheblich zu wenig für seinen Ruf als brauchbarer Spieler.

Drei Minuten nach Degens Hereinnahme hatte dann Drsek (69.) eine Möglichkeit für Bochum. Der gastgebende VfL verlagerte das Spiel wieder mehr in die Hälfte der Borussia und konnte dabei nervenschonend gegen eine Zusammenstellung von Individuen agieren, bei denen einzig das einheitliche Trikot auf eine gemeinsame Absicht deuten ließ. In Spielberichten ist es oft schade ein wenig an der Oberfläche bleiben zu müssen, die Art und Weise der sogenannten einfachen wie unbedrängten Fehler, die die Protagonisten im „schwarzen Weiß" minutiös zu Protokoll gaben, ließ dem geübten Fußballbeobachter nunmehr alle Haare zu Berge stehen: Einer kann nicht köpfen, einer kann nicht schießen, einer kann nicht laufen, einer kann nicht decken, einer kann nicht sprinten, einer kann nicht passen und kaum einer hat solche Grundlagen im richtigen Moment oder gar noch kombiniert zu bieten.

Eine Standardsituation ermöglichte Oliver Neuville, bis dato unauffällig in der Teilnahme am Spiel, einen Freistoß aus dem Halbfeld. Der ehemalige Leverkusener drosch den Ball in der 82. Spielminute jedoch von dort geschmeidig über die Latte des Bochumer Gehäuses und sah, zwei Minuten später, den für Bochum eingetauschten Tommy Bechmann im linken Halbfeld der Borussenhälfte sich einen Freistoß zu erschleichen. Schiedsrichter Perl tat dem Dänen den Gefallen. Noch bevor Jupp Heynckes mit Kahê für Thomas Helveg, der sich bereits in der ersten Halbzeit zurecht mit dem Schiedsrichter über eine leichtfertige Freistoß-Entscheidung gegen ihn ausgetauscht hatte, einwechseln konnte, führte Bochum diesen Freistoß aus. Er blieb bei Wesley Sonck hängen, der vom Schiedsrichter die einzige Gelbe Karte der Partie sah, weil der Schiedsrichter dem auch in der heutigen Partie mehrheitlich tief enttäuschenden Belgier nicht glauben wollte, dass er bei der Berührung des Balles mit der Hand lediglich sein Gesicht schützen wollte.

Wie dem auch sei. Vor dieser neuerlichen Ausführung des Freistoßes kam es zum angesprochenen Wechsel und durch die dann ausgeführten Wechsel kam es zum Selbsttor des Carlos Eduardo de Souza Floresta, das auch noch den restlichen Hoffnungsschimmer auf Festtage jenseits des Abstiegsplatzes begrub - wie schon beim ersten Tor, dem Quasi-Eigentor, war Kasey Keller machtlos.

Mit einem resümierenden Blick auf das trostlose Spiel der Borussia beim VfL Bochum ist der US-Amerikaner und auch Federico Insúa beinahe der einzige Akteur, den man von jeglicher Kritik ausnehmen muss. So wie Insúa mit seinen fußballerischen Fähigkeiten, so thront der ebenfalls „seinen Job machende" Kasey Keller charakterlich über einem großen Teil der Mannschaft der Borussia, die, wie es ganz am Anfang dieses Spielberichts bereits angeklungen war, mit dieser Begegnung einen derartigen Offenbarungseid leistete, dass es einem speiübel wird daran zu denken, dass es immer noch Leute geben soll, die der Meinung sind bei der Borussia in Mönchengladbach sei es der Trainer, der in Bezug auf die Tabellensituation und die Hinrundenleistungen „den größten Dreck am Stecken" habe.

Den größten Anteil an der prekären Situation haben, wie sollte es anders sein, die Spieler. Ein ausgewählter Teil von ihnen bekam gerade durch den Trainer in den letzten Monaten einen gutgläubigen Vertrauensvorschuss in Form von Einsätzen ausbezahlt, über den ein Spieler nur vollkommen dankbar sein könnte. Heynckes redet nicht, Heynckes handelt im guten Glauben an die Aufrichtigkeit des Einzelnen. Eine Eigenschaft, die man gerade in dem heutigen Spiel einem großen Teil jener von Herzen absprechen darf. Und vor dessen Hintergrund man mal fragen darf, ob es dem großen Teil des sogenannten „kickenden Personal" noch nicht aufgefallen ist, dass sich der Verein im Existenzkampf befindet und wofür dieser große Teil meint monatsweise und auch noch pünktlich von der Borussia entlohnt zu werden.

In der Tat, es ist die Zeit richtig elementare Fragen aufzuwerfen. Es ist die Zeit sich an einem Schrank zu bedienen, in dem man eiserne Besen findet. Es ist die Zeit Grundsatzentscheidungen zu treffen. Borussia ist an der letzten Haltestelle vor der Ziellinie angelangt, sie wirft zum letzten Mal den Anker und wenn die Konkurrenz es will, ist der Rückstand auf den schlechtesten Konkurrenten aufhol- und überbrückbar. Der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl. Wenn die Borussia und ihre Führung nicht sieht, dass jetzt der Moment ist sich von einigen Traumtänzern innerhalb der Lizenzspielerelf sofort zu befreien - und diese Bezeichnung ist mit Bedacht gewählt - wird sie letztlich heillos kentern.

Wieviel Trainer, wie viele braucht es noch, bis endlich diese verabscheuungswürdige Gleichgültigkeit, die den Kader durch all die letzten Jahren im günstigsten Fall nur vorübergehend begleitete, sich endlich andere Opfer sucht? Wieviele wahrlich aufrichtige und wackere Kämpfer für eine bessere Zukunft sollen von dieser Art Virus, der explosive Extrakt aus teils bodenlos gleichgültiger Lizenzspielerschar und die Leichtgläubigkeit manches Anhängers bereitwillig bedienenden Boulevardjournalisten, noch dahingerafft werden? 

Wann endlich befasst man sich mit den wirklichen Bremsklötzen der Entwicklung? Wann endlich also schützt man die Bereitwilligen und Aufopferungsvollen vor den Abgrundtiefen. Die Spieler verdienen gutes Geld, aber der laufende Vertrag der so Vorbeihuschenden darf nicht mehr wert sein als der Verein. An erster Stelle steht Borussia, an zweiter Stelle der Trainer. Darum wäre es grundfalsch sich zum Büttel machen zu lassen und als Häscher für die aufzutreten, die am heutigen 17. Spieltag der noch 17 Spieltage währenden Saison mehrheitlich dokumentiert haben wie egal ihnen die Zukunft der Borussia in Wirklichkeit ist. 

Wäre es diesen nicht egal, sie hätten sich in Bochum nicht auf diese unfassbare Weise besiegen lassen.

Tore: 1:0 Gekas (45.), 2:0 Kahê (85., Eigentor)

Bochum: Skov-Jensen - B. Lense, Maltritz, Drsek, P. Bönig - Zdebel, Dabrowski - O. Schröder, Trojan (Bechmann 83) - Misimovic (Meichelbeck 88) - Gekas (Auer 90).
 
Borussia: Keller - Helveg (Kahê 84), Levels, Zé Antonio, Bögelund - Thijs - Kirch (Degen 66), Polanski - Insua - Delura (Neuville 56), Sonck.

Ersatz: Heimeroth (Tor), El Fakiri, Fleßers, Kluge.

Schiedsrichter: Günter Perl (München)

Zuschauer: 30.500

Datum;  Spieltag: Freitag, 15. Dezember 2006, 17. Spieltag 2006/07

Gelbe Karten (Borussia): Sonck

Gelb-Rote Karten: -

Rote Karten: -

Besondere Vorkommnisse
: Erstmals seit dem 11. Spieltag (0:2 gegen Schalke 04) kassierte die Borussia in einem Spiel zwei Gegentore. Nach nunmehr zehn sieglosen Spielen in Folge bleibt der 3:1-Erfolg über den VfL Wolfsburg (am 14. Oktober) vom 7. Spieltag dieser Saison der letzte Sieg der Borussia im Kalenderjahr 2006. Aus ihren 34 Bundesligaspielen im Kalenderjahr 2006 holte die Borussia acht Siege. Acht weitere Spiele endeten Remis, gar achtzehn (!) Partien verlor sie. Nach der Drei-Punkte-Regel ergibt dies exakt 32 Punkte (31:53 Tore), womit sie - wenn man dies in den Vergleich mit abgelaufenen Spielzeiten dieses Jahrhunderts bringen mag - sowohl in der Saison 2005/06, als auch in den Spielzeiten 2004/05, 2003/04 (aufgrund der Tordifferenz), 2002/03, 2001/02 und 1999/00 aus der Bundesliga abgestiegen wäre. Einzig in der Saison 2001/02 hätte sie zuletzt mit dieser Ausbeute den Erstligaabstieg vermieden.

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