Nein, Jupp Heynckes war mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Man hätte diese Partie gewinnen müssen, leitete er sein Fazit in der Pressekonferenz ein und bekräftigte dies später gleich drei Mal. Manchen mag das überrascht haben: Schließlich hatte die Borussia zwar ihren ersten Auswärtspunkt eingefahren, dabei aber wenig Torchancen erspielt und erst kurz vor Schluss den 1:1-Endstand hergestellt. Tatsächlich wollten manche Kommentatoren gar einen unverdienten Gladbacher Punktgewinn gesehen haben und konnten dabei immerhin auf die Statistik verweisen, die am Ende 21:8 Torschüsse für den gastgebenden Hamburger SV auswies. Aber Heynckes hatte so unrecht nicht, und die Partie ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr plumpe Statistiken den Blick auf das Wesentliche eines Spiels verstellen können.

Kleine, unscheinbare Szenen, die im Fernsehen in keiner Zusammenfassung auftauchen, verraten manchmal vielmehr darüber, was sich verbessert hat und was weiterhin im Argen liegt. Freistöße im Mittelfeld etwa. Beispiel Nummer eins aus der 23. Spielminute: Nach taktischem Foul nahe des Mittelkreises wollen die Hamburger den verhängten Freistoß schnell ausführen. Eine gefährliche Kontersituation könnte daraus entstehen, wird aber vom aufmerksamen Thomas Helveg noch in der Entstehung unterbunden. In Frankfurt hatte die Gladbacher Verteidigung bei einem schnell ausgeführten Freistoß noch zu spät reagiert und den Gastgebern damit den glücklichen Siegtreffer ermöglicht. Beispiel Nummer zwei aus der 15. Minute, wieder Freistoß nahe des Mittelkreises, diesmal für die Borussia: Auf den schnellen Vorstoß Oliver Neuvilles Richtung Strafraum reagiert Bernd Thijs gedanklich zu langsam, so dass sich die Hamburger Deckung sortieren kann und Thijs letztlich quer spielen muss. Beispiel Nummer drei aus der 81. Minute: Die Hamburger, bemüht ihre knappe Führung über die Zeit zu schaukeln, zögern auffällig lange mit der Ausführung eines Freistoßes in der eigenen Hälfte. Wesley Sonck spurtet dazwischen, tippt den Ball an und beschwert sich lautstark bei Schiedsrichter Meyer, der nun endlich eine zügige Ausführung durchsetzt.

Was illustrieren die drei Beispiele? Erstens, dass sich die Gladbacher Defensive in Hamburg deutlich verbessert präsentierte. Zweitens, dass im Spiel nach vorn die entscheidende Inspiration zumeist  ausblieb. Und drittens, dass die eingewechselten Feldspieler in Sachen Siegeswillen jenen Schub mitbrachten, denen man sich von Einwechslungen immer wünschen würde.

Punkte eins und zwei waren schon in der ersten Hälfte ausgiebig zu besichtigen. Die Gladbacher Defensive wirkte generell stabilisiert, was teilweise mit Heynckes' Aufstellung zu tun hatte. Der Trainer schonte zwar den angeschlagenen Peer Kluge, setzte mit Thijs, Polanski und Fakiri aber auf gleich drei stärker defensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler, rechts hinten kehrte Thomas Helveg nach abgesessener Gelb-Rot-Sperre zurück. Wichtiger noch aber war, dass die Borussen defensiv mit hohem Engagement auftraten, zudem mit  gedanklicher Schnelligkeit und teilweise auch taktischem Geschick - beides war am Mittwoch noch schmerzlich vermisst worden. So kamen die Gastgeber im ersten Durchgang kaum zu nennenswerten Torchancen. Deren größte vereitelte Kasey Keller in der 21. Minute, als er nach Fillingers Flanke von rechts Rafael van der Vaart wagemutig vor die Füße sprang, sich dabei verletzte und elf Minuten später verletzt ausgetauscht werden musste. Das hätte die Borussen verunsichern können, Ersatztorwart Heimeroth aber wehrte nicht nur kurz nach seiner Einwechslung Ljubojas Schuss mit starker Parade ab, sondern zeigte auch sonst eine überzeugende Leistung.

So deutlich verbessert das Defensivverhalten, so unbefriedigend blieb das Spiel nach vorn. Zwar war die Fehlpassquote im Vergleich zum gruseligen Auftritt gegen Schalke 04 deutlich reduziert und kombinierte man bis zum gegnerischen Strafraum teilweise sogar recht ansehnlich. Dort aber fehlte entweder der Mut zum entschlossenen Abschluss oder blieb das entscheidende Zuspiel zu ungenau. Symptomatisch dafür zwei Szenen: Nach knapp einer halben Stunde eröffnete ein schöner Doppelpass zwischen Neuville und Delura letzterem eine gefährliche Schusschance, Delura aber brauchte zulange, um den Ball zu kontrollieren, so dass die Hamburger Verteidiger klären konnten. Neun Minuten später startete Helveg nach toller Kombination mit Polanski und Neuville auf dem rechten Flügel Richtung Grundlinie durchs, Polanskis Abspiel aber geriet einen Tick zu lang.

Immerhin: Ein den Gastgebern emotional verbundener Journalist, der das Spielgeschehen durchgängig lautstark für die Umsitzenden (oder vielleicht auch nur für sich selbst) kommentierte, ließ sich zu diesem Zeitpunkt zu der Bemerkung hinreißen, die Gladbacher spielten „auch besser". In der vierzigsten Minute hätte die Borussia den Kollegen beinahe in einer Art und Weise bestätigt, die ihm gar nicht behagt hätte: Delura hatte sich auf der rechten Seite energisch durchgesetzt und auf den in der Mitte des Strafraums völlig freistehenden Kahê gepasst. Der Brasilianer, für Sverkos in die Startelf zurückgekehrt, scheute indes den direkten Abschluss und verhedderte sich beim Versuch, die Hamburger Innenverteidigung auszuspielen. Jupp Heynckes sollte hinterher von einer hundertprozentigen Chance sprechen, nach deren Verwertung man ganz anders hätte spielen können und wohl als Sieger nach Hause gefahren wäre. Ohnehin gefiel Kahê zwar durch fleißige Lauf- und Defensivarbeit, neigte aber dazu, die Dribblings zu übertreiben.

Das Hamburger Publikum hatte sich lange in Geduld gefasst, aber als Atouba in der 36. Minute unbedrängt einen langen Pass ins Leere schlug, drohte die Stimmung zu kippen. Die Pfiffe zur Halbzeitpause fielen entsprechend vernehmlich aus. Die Gastgeber hatten also allen Grund, ihre Bemühungen zu intensivieren, und in der Tat traten sie  zu Beginn der zweiten Hälfte deutlich engagierter auf. Es war vor allem in dieser Phase, dass der HSV sich seine imposant erscheinende Torschussstatistik erarbeitete. Sie wäre sicher anders ausgefallen, hätte man stärker zwischen der Qualität der Schüsse differenziert. Bei Lichte betrachtet erarbeiteten sich die Gastgeber nämlich das, was Hans Meyer gemeinhin als „Scheinüberlegenheit" bezeichnet: Ein deutliches Plus an Spielanteilen, einige Schussversuche, kaum aber wirklich zwingende Gelegenheiten. Wirklich nennenswert war allein Ljubojas nur knapp zu hoch angesetzter Kopfball in der 55. Minute.

Da Borussia nach vorn weiterhin zu halbherzig agierte - bezeichnend eine Szene aus der 52. Minute, als Polanski am rechten Flügel schön von Delura freigespielt wurde, der Pass auf den in der Mitte lauernden Neuville aber zu ungenau geriet - schien die Partie auf ein torloses Remis hinauslaufen. Dass es anders kam, dazu trug zunächst Atouba maßgeblich bei. In der 65. Minute entwischte der Kameruner ein einziges Mal dem ansonsten sehr umsichtigen Helveg und passte den Ball in die Mitte, wo Ljuboja scharf am Rande des Abseits wartete. Der bis dahin bewegliche, aber glücklose Stürmer touchierte den Ball mit der Hacke, letztlich aber war es der Levels, der bei seinem Rettungsversuch das Leder aus kurzer Distanz ins eigene Tor bugsierte.

Nur zwei Minuten später hätte der kämpferisch starke, aber spielerisch zumeist unter seinen Möglichkeiten agierende van der Vaart die Partie entscheiden können, beließ es aber bei einem harmlosen Schüsschen. Doch erst als Heynckes nach David Degen auch Wesley Sonck einwechselte, gewann man den Eindruck, dass Borussia das Spiel noch wenden könnte. Nahezu direkt nach seiner Einwechslung - die Schiedsrichter Meyer aus schwer einsichtigen Gründen mehrere Minuten verzögerte - leitete der Belgier Borussias bis dahin größte Gelegenheit ein. Heimeroths langen Abschlag hatte der Ex-Borusse René Klingbeil vertändelt, woraufhin Sonck sich am rechten Flügel durchsetzte und überlegt auf Kahê passte. Völlig ungedeckt, hatte Kahê aus acht Metern freie Auswahl unter den Ecken des Hamburger Tores, entschied sich aber für die Mitte, die diesmal keine goldene war. Der genau dort postierte Torwächter jedenfalls nahm den zu allem Unglück wenig scharf geschossenen Ball dankbar auf. In der 83. Minute - zwischenzeitlich hatte Heimeroth einen gut platzierten Freistoß des eingewechselten Mahdavikia aus dem Winkel gefischt - machte Oliver Neuville es besser. Neben Sonck war mit Degen der zweite eingewechselte Feldspieler entscheidend beteiligt. Vorausgegangen war eine lange Gladbacher Ballstafette im Mittelfeld, die zwar hübsch anzusehen war, bei der man aber den Eindruck gewann, es wisse keiner so recht, wie man sich näher ans gegnerische Tor heranarbeiten sollte. Schließlich aber leitete der an der Strafraumgrenze angespielte Sonck den Ball geschickt an den durchstartenden Degen weiter, der Schweizer passte in einem optimal gewählten Moment auf Neuville, und der wiederum ließ Wächter  aus wenigen Metern keine Chance.

Die verbleibenden Spielminuten verbrachten die Gastgeber im kollektiven Schockzustand, während bei der Borussia zwar vor allem Sonck und Degen punktuell engagiertes Pressing betrieben, die Mannschaft aber im Ganzen zu wenig entschlossen auftrat, um gar noch den Siegtreffer erzielen zu können. So kam eine defensiv sehr kompakte, offensiv aber weiterhin zu harmlose Borussia zu einem gleichwohl insgesamt verdienten Punktgewinn in Hamburg. Positiv fielen dabei vor allem der sichere Heimeroth, der umsichtige Helveg und der eingewechselte Sonck auf.


Tore: 1:0 Levels (66., ET), 1:1 Neuville (83.)

Hamburger SV: Wächter - Fillinger, Mathijsen, Klingbeil, Atouba - Feilhaber - Jarolim, Trochowski (Mahdavikia 63) - van der Vaart (Wicky 83) - Sanogo (Berisha 63), Ljuboja.

Borussia: Keller (Heimeroth 32) - Helveg, Levels, Zé António, Compper - Polanski (Degen 66), Thijs, El Fakiri - Delura (Sonck 75) - Kahê, Neuville.

Ersatz: Fleßers, Insua, Rafael, Sverkos.

Schiedsrichter: Florian Meyer (Burgdorf)

Zuschauer: 57.000 (ausverkauft)
 
Datum; Spieltag: Samstag, 11. November 2006; 12. Spieltag 2006/07

Gelbe Karten (Borussia): Compper, Degen

Gelb-rote Karten: -

Rote Karten: -

Besondere Vorkommnisse: In der 32. Minute kam Christofer Heimeroth nach Kasey Kellers Verletzung zu seinem Bundesligadebüt für die Borussia. Insgesamt schraubte der ehemalige Schalker damit die Zahl seiner Bundesligaeinsätze auf neun. In Hamburg kam die Borussia zu ihrem ersten Auswärtspunkt der Saison. Der HSV selbst hatte zuvor seinen letzten Heimsieg am 9.April, ausgerechnet gegen die Borussia, erreicht. Nach dem Spiel beendete Lotto King Karl im Stadion TV seinen enttäuschten Kommentar mit dem Satz: „Ich hoffe, dass wir uns hier (bedeutungsvolle Kunstpause) alle wiedersehen". Damit waren wohl weniger die Borussen gemeint, als der Hamburger Trainer Thomas Doll, auf den sich denn auch das Medieninteresse richtete. Doll aber erklärte, mit der Mannschaft weiterarbeiten zu wollen, und auch die Vereinsführung steht offenbar weiterhin fest zu ihrem Übungsleiter. Das Spiel war Borussias 91. Spiel auf fremdem Platz seit dem Wiederaufstieg. In diesen 90 Spielen erzielte sie 9 Erfolge, jetzt 27 Remis und 55 Niederlagen. Nach zwei torlosen Fahrten in das ehemalige Volksparkstadion (0:0 am 8. Mai 2005, 0:2 am 9. April 2006) war der Treffer Oliver Neuvilles Borussias erstes Tor dort seit Joris van Hout am 27. November 2004 zum zwischenzeitlichen 1:2 (Endstand 1:3) treffen konnte. Erstmals seit dem Auswärtssieg bei Eintracht Frankfurt (und dem Pokalerfolg über Roßbach) am 13. Mai 2006 verließ die Borussia einen fremden Platz nicht als Verlierer. In der Bundesliga trennte sie sich letztmalig auf fremdem Platz Remis vom MSV Duisburg, das Spiel endete ebenfalls 1:1. Jenes Spiel fand auf den Tag genau vor neun Monaten, am 11. Februar, statt und sah ebenfalls die Heimelf zunächst in Führung.

... lade FuPa Widget ...

Borussia Mönchengladbach auf FuPa

... lade FuPa Widget ...

Borussia Mönchengladbach auf FuPa

Twitterfeed


Folge uns auf Twitter