Mit einem auch in dieser Höhe verdienten 2:4 beim Derby am Aachener Tivoli hat Borussia den ersten richtigen Dämpfer der Saison hinnehmen müssen. Nachdem man bereits nach der ersten Halbzeit mit zwei Toren in Rückstand geraten war und dabei die mit Abstand schlechteste Saisonleistung bot, sollte das Spiel nach dem Wiederanpfiff noch einmal spannend werden, als Kahê per Kopf den Anschlusstreffer erzielen konnte. Diese Spannung hielt gefühlte zehn Sekunden, denn beim direkten Gegenangriff der Gastgeber konnte Marius Ebbers freistehend zum 3:1 einköpfen, womit das Spiel praktisch entschieden war. Nahe an der Leistung der Borussia war die von Schiedsrichter Weiner, bei dessen Entscheidungen sich mancher Offizielle beim DFB fragen sollte, ob die Floskel „er habe eine Pause verdient" nicht auch für Schiedsrichter gelte.


Wie angekündigt ließ Jupp Heynckes die gleiche Startelf in Aachen beginnen, die vor drei Wochen beim letzten Bundesligaspiel gegen Arminia Bielefeld beginnen durfte. Vor Kapitän Keller agierten Kasper Bögelund, Bo Svensson, Ze António und Marcell Jansen. Im Mittelfeld entschied sich Heynckes, anders noch als beim ersten Auswärtsspiel in Nürnberg, gegen eine Aufstellung mit zwei defensiven Akteuren. Eugen Polanski spielte dort ohne Nebenmann und sollte die Kreise von Aachens spielstarkem Offensivtrio um Jan Schlaudraff, Sascha Rösler und Marius Ebbers stören. Da weder Filip Daems noch Peer Kluge einsatzbereit waren, musste erneut Hassan El-Fakiri auf der für ihn ungewohnten linken Seite auflaufen. Oliver Kirch, der auch vom weiteren Ausfall David Degens profitierte, sollte im rechten Mittelfeld an seiner guten Leistung vom Spiel in Nürnberg anknüpfen. Offensiv zentral ist Federico Insua gesetzt, auch wenn er heute zum ersten Mal festgestellt haben dürfte, warum der europäische Fußball ein anderer ist als der, den er aus Argentinien kennt. Neben dem ohnehin gesetzten Oliver Neuville hat Kahê zur Zeit die Nase vorn, auch wenn Vaclav Sverkos mit seiner Leistung im Pokalspiel in Roßbach ein Ausrufezeichen gesetzt hatte.

Als sich in den ersten Spielminuten ein unterhaltsames und schnelles Spiel abzeichnete, hatte Schiedsrichter Michael Weiner seinen ersten, großen Auftritt. Eine Flanke von der linken Aachener Seite prallte an der Brust von Marcell Jansen ab. Dumm für den Nationalspieler, dass seine Hände vor seiner Brust waren, denn dies reichte Weiner, um auf absichtliches (!) Handspiel und somit auf Elfmeter für Aachen zu entscheiden. Es gibt durchaus diskussionswürdige Situationen, und das jede Woche, in jedem Stadion. Dieser Elfmeter jedoch war dermaßen lächerlich, dass man sich durchaus fragen muss, welcher Profilierungssucht Schiedsrichter wie Weiner eigentlich unterliegen. Dass wieder ein Handspiel in Aachen ein Spiel (mit-)entscheidet, setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Laurentiu Reghecampf war dies alles selbstredend egal und verwandelte den Strafstoß sicher. Der Tivoli stand Kopf, Borussia lag in Rückstand und wusste noch nicht einmal, warum.

Das, was in den folgenden 40 Minuten geschah, hatte noch nicht einmal Michael Weiner zu verantworten. Gegen aggressiv aufspielende Gastgeber wirkten Borussias Aktionen pomadig, plan- und lustlos. Unmotiviertes Kurzpassspiel im Mittelfeld, ohne die Angreifer Kahê und Neuville entscheidend in Szene setzen zu können. Eugen Polanski und Federico Insua verloren regelmäßig ihre Zweikämpfe und speziell der Argentinier wirkte wie ein Fremdkörper. Konnte er sich in den ersten drei Spielen noch des öfteren geschickt in Szene setzen, ließen ihm die Aachener kaum Raum zur Entfaltung. Hatte er dann ein paar Meter Raum, hielt er den Ball zu lange oder verrannte sich in unnötige Dribblings. Nach einer Viertelstunde die erste nennenswerte Offensivaktion der Gäste. Eugen Polanski hatte sich über die linke Seite durchgesetzt und zog eine halbhohe Flanke vors Tor, die Oliver Neuville am zweiten Pfosten zwar erreichte, aber der Nationalspieler konnte nur noch im Rutschen den Ball treffen und somit war die Chance vertan.

Nach circa 20 Minuten nahm Alemannia Aachen das Heft in die Hand, ohne dass sie es der Borussia wirklich abnehmen musste, wollte man im Bild bleiben. Angetrieben vom lautstarken Aachener Publikum entwickelte der Aufsteiger meist dann Gefahr, wenn schnell und direkt auf die Außen gespielt wurde, wo Schlaudraff, Rösler oder der oft aus dem Mittelfeld nachrückende Sascha Dum ihre Gegenspieler nicht nur beschäftigten, sondern oft überliefen, ausspielten oder mit einfach Doppelpässen stehenließen. Besonders Kasper Bögelund hatte mit dem genannten Sascha Dum ernsthafte Probleme, auch wenn der Däne, wie sich in der Halbzeitpause herausstellte, muskuläre Probleme hatte und ausgewechselt wurde. Seine Leistung allein in der ersten Halbzeit hätte diesen Schritt dennoch gerechtfertigt.
Es sind diese Spiele wie das heutige, in denen so gut wie alles schief läuft. Nach dem lachhaften Fehlurteil von Michael Weiner zu Beginn des Spiels und dem enttäuschenden Auftritt der Mannschaft insgesamt, war es die Entstehung des zweiten Aachener Tores, die allen Beobachtern zeigte, dass heute kein Blumentopf zu gewinnen war. Eine im Grunde harmlose, hoch geschlagene Flanke aus dem Mittelfeld stellte Torhüter Keller und Ze António vor unlösbare Probleme. Der amerikanische Schlussmann mit zögerlichem Herauslaufen, der Portugiese António mit katastrophalem Stellungsspiel, die Zutaten für Schlaudraffs erstem Tor gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber hätten einem Slapstick zu Ehre gereicht. Schlaudraff nutzte die Konfusion und mangelnde Absprache der beiden sonst so sicheren und souveränen Gladbacher, ersprintete sich den Ball und schob mit links in das leere Gladbacher Tor ein.

Federico Insua schoss einen direkten Freistoss aus aussichtsreicher Position noch unmotiviert und unplatziert über das Tor, als zur Halbzeitpause gepfiffen wurde. Wenige Sekunden vorher der zweite Auftritt von Schiri Weiner. Gleichwohl die 45 Minuten offiziell abgelaufen waren, holte Borussia noch einen Eckball heraus. Leider war Weiner anderer Auffassung, denn anstatt den Eckball für Borussia ausführen zu lassen, pfiff er ab und schickte beide Mannschaften in die Kabine.

Anders als sein Vorgänger, der mit Auswechslungen gerne bis kurz vor Schluss wartete, tauschte Jupp Heynckes direkt zwei Spieler aus. Für den schlecht spielenden und verletzten Bögelund kam Delura, für den nicht verletzten, aber ebenso uninspiriert agierenden Insua feierte Johannes van den Bergh eine Woche nach seinem ersten Profieinsatz im Pokalspiel bei den Rheinländern (und nicht Pfälzern) aus Roßbach sein Bundesligadebut. Taktisch stellte Heynckes damit auf das System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern um. El Fakiri stand nun Eugen Polanski zur Seite, während Delura und van den Bergh die offensiveren Mittelfeldspieler waren.

Heynckes schien in der Kabine die richtigen Worte gefunden zu haben, denn die Mannschaft spielte von Wiederanpfiff an wie ausgewandelt. Bereits die ersten Sekunden der zweiten Halbzeit ließen auf eine entschlossenere Mannschaft aus Mönchengladbach schließen. Folgerichtig fiel wenige Minuten später das Tor. Der Ecke, die zum Kopfballtor von Kahê führte, war ein schöner Spielzug über die rechte Seite vorausgegangen, an der Kirch, Kahê und Delura beteiligt waren. Letztgenannter mit einem langen Sprint bis in den Strafraum, wo sein Schuss zur bereits beschriebenen Ecke abgeblockt wurde.

An dieser Stelle ein kurzer Blick in die jüngere Vergangenheit: am 17.12.2005 gastierte die Frankfurter Eintracht im BorussiaPark. Auch an diesem kalten Wintertag lag Borussia mit 0:2 hinten, auch an diesem Tag gelang Borussia der Anschlusstreffer zu einem wichtigen Zeitpunkt (damals Jansen kurz vor der Pause, heute Kahê kurz danach). Vielleicht erinnern sich einige noch an die Szene im Dezember, als Francis Copado, völlig frei und alleinstehend, auf Kasey Keller zulief, aber wegen (unberechtigter) Abseitsstellung zurückgepfiffen wurde. Das wahrscheinliche 3:1 hätte den Frankfurtern damals den Sieg gesichert, so verlor man nach furioser Aufholjagd der Gastgeber und mit entfesselt aufspielendem Oliver Neuville noch 3:4. Entfesselt spielte heute jedoch nur Alemannia, und insbesondere Jan Schlaudraff. Während die anwesenden Journalisten noch diskutierten, gegen wen sich Kahê beim Kopfball durchsetzte, ließ Schlaudraff im Mittelfeld und unmittelbar nach Wiederanpfiff mit einer simplen Körpertäuschung einen Gegenspieler stehen, lief unbedrängt auf den rechten Flügel, von wo aus er eine butterweiche Flanke in die Mitte schlug. Dort köpfte Marius Ebbers, freundlich beobachtet von Svensson und Ze António, zum 3:1 ein, was den Tivoli endgültig zum Kochen und die Borussia ebenso ultimativ auf die Verliererstraße brachte.
Der Rest des Spiels ist schnell erzählt, da hier gewohnte Automatismen griffen. Borussia wechselt noch einmal offensiv ein, hat mehr Spielanteile, Ballkontakte, Ecken usw. Aachen zieht sich zurück, lauert auf Konter. Borussia ist und bleibt am Drücker, hat jedoch keine richtig große Chance mehr. Dass das 4:1 durch Schlaudraff ein abgefälschter Schuss war, passt zum Bild des Spiels, soll die Leistung der Aachener aber ebenso wenig schmälern wie die der Gladbacher relativieren.

Natürlich sollte auch in dieser Halbzeit Michael Weiner seine Auftritte haben. Nach einem Gerangel zwischen Moses Sichone und Kahê, in dessen Folge der Aachener Verteidiger dem Brasilianer zumindest ansatzweise einen Kopfstoß verpasst, zückte Weiner auch recht schnell die Gelbe Karte. Doch, Sie ahnen es, nicht Sichone wurde verwarnt, sondern tatsächlich Kahê. Eine sehr seltsame Regelauslegung, die der - eigentlich - Unparteiische heute an den Tag legte. Jansen wird angeschossen, was zum Elfmeter für Aachen führt, Kahê wird tätlich angegriffen und erhält dafür die Gelbe Karte. Vielleicht hätte Borussia am Ende drei Eigentore schießen sollen; wer weiß, ob Weiner nachher im Spielberichtsbogen nicht 4:3 für das Auswärtsteam notiert hätte.
Doch, das soll nicht unterschlagen werden, einmal lag das Schiedsrichtergespann vollends richtig. Die geistigen Tiefflieger, die mit ihren rassistischen Äußerungen und Rufen gegenüber Kahê schon während des Spiels auffielen, veranlassten Weiner dazu, über den Stadionsprecher die Warnung bekanntgeben zu lassen, dass er, sofern diese Äußerungen nicht unterlassen werden, das Spiel unterbricht oder gar vollends abbrechen würde. Dass diese Schwachköpfe immer wieder Gehör in den Stadien finden, ist dramatischer und ärgerlicher als jede Derbyniederlage.
Mit dem Schlusspfiff erzielte Kahê den Ehrentreffer zum 2:4 und lieferte, wie bereits Gerald Asamoah letzte Woche in Rostock, die beste Antwort auf die Beleidigungen.

Wieder einmal setzt Borussia ein Auswärtsspiel in den Sand. Wieder einmal verpasst sie es, ein Zeichen zu setzen. Wieder einmal enttäuscht sie in einem für die Fans so wichtigen Derby. Ein Sieg heute wären mehr als drei Punkte, mehr als eine Tabellenposition gewesen. Es sind die Big Points, die es auch im Fußball gibt, diese Spiele, die eine Mannschaft und ihr Umfeld über Wochen tragen können. Doch fehlt der Mannschaft der letzte, der ultimative, der unbedingte Wille. In Aachen kann man nicht glänzen, dort muss man sich jeden Punkt hart erarbeiten. Den Kampf hat die Mannschaft nicht oder erst zu spät angenommen. Dass man durch eine skandalöse Fehlentscheidung direkt zu Beginn ins Hintertreffen gerät, ist bitter, passte jedoch nur zum Bild des heutigen Auftritts. Hoffen kann man jedoch, dass mit dem heutigen Spiel das Pech für die nächsten Wochen abgegolten ist. Ein unberechtigter Elfmeter, ein „Klops" beim sonst fehlerfreien Torwart, ein abgefälschter Schuss.

Positiv hervorzuheben ist wahrlich nur Kahê, der seinen Stammplatz - zum Leidwesen Sverkos´ - zu festigen scheint. Der Rest der Mannschaft fiel kollektiv ab, mit einigen Ausreißern negativer Art. Peter Pander formulierte nach dem Spiel treffend, dass das nächste Spiel glücklicherweise schon am Freitag sei, so dass die Mannschaft das heutige Spiel schnell vergessen und sich eher auf das kommende vorbereiten kann und soll.


Tore: 1:0 Reghecampf (6., Handelfmeter), 2:0 Schlaudraff (31.), 2:1 Kahê (50.), 3:1 (51.), 4:1 Schlaudraff (84.), 4:2 Kahê (90.)

Aachen: Nicht - S. Pinto, Herzig, Sichone, Leiwakabessy - Reghecampf (M. Lehmann, 81), Plaßhenrich (Heidrich, 87), Dum (Noll, 75) - Rösler - Schlaudraff, Ebbers.

Borussia: Borussia: Keller - Bögelund (van den Bergh, 46), Svensson, Zé Antonio, Jansen - Polanski - El Fakiri (Sverkos, 67), Kirch - Insua (Delura, 46)- Kâhe, Neuville.

Ersatz: Heimeroth - Thijs, Levels, Rafael.

Schiedsrichter: Michael Weiner

Zuschauer: 20.800

Datum, Spieltag: Samstag, 16. September 2006; 4. Spieltag 2006/07

Gelbe Karten (Borussia): Jansen, Kahê, Sverkos.

Gelb-Rote Karten: -

Rote Karten: -

Besondere Vorkommnisse: Das Spiel war Borussias 87. Auswärtsspiel seit dem Wiederaufstieg. In diesen 87. Versuchen erreichte die Borussia 9 Siege, 26 Remis und 52 Niederlagen. Letztmalig in der ersten Bundesliga trafen beide Mannschaften am 21. März 1970, ebenfalls in Aachen, aufeinander. Erstmals in seiner Laufbahn zählte Johannes van den Bergh zum Kader der Borussia für ein Bundesligaspiel, erst in der Vorwoche hatte der Mittelfeldspieler im DFB-Pokal sein Debüt in Borussias "Erster" gegeben und feierte heute seine Premiere in der Bundesliga. Für Borussias Eigengewächs, späteren Nationalspieler und ehemaligen Assistenztrainer Michael Frontzeck war das Spiel das erste Match als Bundesligacheftrainer. Frontzeck war unter der Woche von Aachen als Nachfolger seines ehemaligen Mannschaftskameraden bei der Borussia, Dieter Hecking (jetzt Hannover 96), unter Vertrag genommen worden. Aachens Doppeltorschütze Jan Schlaudraff traf gleich im ersten Spiel gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber Borussia das Tor.

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