Wo Uli Hoeneß Recht hat, hat er Recht. Im Mitglieder-Magazin der Borussia hatte der alte und neue Bayern-Präsident vieles Nette über Borussias Fans zu sagen. Da stimmt man gerne zu.  Weniger gern pflichtet man bei, was die Schere betrifft. Aber auch da hat Hoeneß Recht. Es gab ja Zeiten, da begegneten sich Münchner und Gladbacher auf fußballerischer Augenhöhe. Seit dem Bau des Münchner Olympiastadions aber sei die Schere zwischen ihnen auseinandergegangen und so richtig seit Einführung der Champions League.

Nun kann man darüber sinnieren, welchen Nutzen eine Schere hat, die auf, aber nicht mehr zugeht. Man kann sie als Zahnstocher oder Rückenkratzer benutzen, was freilich Verletzungsgefahr birgt. Einem Logan Bailly würde man so eine Schere ungern überlassen. Man will sich gar nicht vorstellen, was jemand mit spitzen Klingen anstellen könnte, für den schon Klima-Anlagen eine ernsthafte Gefahr sind. Auch Peter Nielsen wäre vor Scheren im Hoeneßschen Sinne zu schützen: Den Dänen in seiner einstigen Top-Verfassung könnte die Borussia aktuell zwar bestens gebrauchen, man erinnert sich aber, dass selbst der Fernsehsessel im Hause Nielsen gesundheitliche Gefahren barg. Und dass Christoph Kramers Kopf die Eigenschaft hat, die Engländer mit dem wundervollen, im Deutschen schmerzlich vermissten Begriff „accident-prone“ belegen, war am Samstag wieder zu beobachten. Wenigstens hat Jannik Vestergaards Knie keine scharfen Kanten.

Unbrauchbar wäre eine Uli-Schere aber für ihre eigentliche Bestimmung: das Zertrennen. Man mag das begrüßen: Leben wir nicht in einer Zeit, in der allenthalben die Zunahme des Trennenden, der Spaltung bedauert wird?  Trump, der die USA in die Isolation führt und eine Mauer bauen will, vielleicht sogar bewehrt mit klingenscharfem Stacheldraht? Erdogan, der den Ton zur EU verroht und Beitrittsverhandlungen in weite Ferne rücken lässt? Der Brexit, vielleicht wieder Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland? Verhinderte Jamaika-Koalitionäre? GroKoisten, die maulig zur Verhandlung genötigt werden, sich aber eigentlich viel lieber „auf die Fresse“ geben wollten? Brauchen wir also nicht viel mehr Scheren, die sich nicht schließen?

Andererseits: Wie sähe eine Welt, in der sich nichts mehr schneiden ließe? Rasen würden nicht mehr gemäht, was das Fußballspielen erschweren würde. Friseure verlören ihre Jobs und die Menschheit sähe bald so aus wie die Römer aus „Asterix, der Gallier“, nachdem Miraculix dem Zenturio statt des ersehnten Zaubertranks ein übernatürlich potentes Haarwuchsmittel untergejubelt hat und dieser sich in seiner wallenden Mähe verheddert. Nun gut, üppiger Haarwuchs ist nicht Uli Hoeneß‘ vordringlichstes Problem.

Er hätte aber durchaus ein Problem, wenn die Schere sich nie mehr schlösse. Vermeintliche Realisten mokieren sich gern über diejenigen, die den Mangel an finanzieller Chancengleichheit im Fußball bedauern. So sei er nun mal der Kapitalismus und wer das nicht begreife ein weltfremder Romantiker. Sie übersehen dabei, dass sich der Fußballmarkt von anderen Märkten in der Beschaffenheit des angebotenen Produkts unterscheidet. Einem VW-Kunden kann es herzlich egal sein, wie es Toyota geht, zumindest solange VW keinen Monopolstellung erreicht, mit entsprechenden preislichen Konsequenzen. Im Fußball aber, im Leistungssport generell, ist das Produkt, für das der Zuschauer zahlen soll, der Wettbewerb selbst. In seinen lichten Momenten weiß Uli Hoeneß das: Der Fortbestand der Zentralvermarktung ist weniger soziale Wohltat der Bayern gegenüber dem Rest der Liga, sondern Teil eines wohlverstanden Eigeninteresses. Die Attraktivität des Produkts Bundesliga-Fußball ist zumindest bedroht, wenn die Schere sich gar zu weit öffnet.

So gesehen hatte die unerwartete Niederlage seiner Bayern für Hoeneß auch etwas Gutes: Der Fußball lebt auch vom permanenten Selbstbetrug der Fans; etwas von dem, was der englische Romantiker Samuel Taylor Coleridge die „willing suspension of disbelief“ nannte. Man muss sich wider alle Evidenz einen Rest der Illusion bewahren, dass Fußball etwas mit ernsthaftem Wettbewerb zu tun hat. Natürlich weiß man (und Ökonomen haben es bestätigt), dass sportliche Abschlusstabelle und Finanztabelle in hohem Maße korrelieren. Wenn man von diesem abgekarteten Spektakel dennoch nicht ganz lassen kann, dann auch, weil es einen immer wieder mit einem letzten Rest an gelegentlicher Unvorhersehbarkeit verführt. Selten zwar, aber manchmal doch wird die Illusion genährt, die Schere lasse sich wieder schließen.

Solch einen illusionsfördernden Ausreiter bot die Partie am Samstag. Vieles kam zusammen: Ein paar Ausfälle bei den Bayern (trotzdem übersteigt allein Lewandowskis Marktwert den des kompletten Gladbacher Kaders zusammen), eine angesichts bisheriger Darstellungen überraschend sortierte Defensivleistung der Borussen, die sich mit großem Einsatz und beachtlichem Geschick gegen ihre Seite der Schere warfen und die Klingen wenigstens für die Dauer eines Nachmittags wieder gegeneinander pressten. Und natürlich auch etwas Glück, wie anders wären die Bayern auch zu besiegen? Man spricht nach solchen Spielen gern von einer geschlossenen Mannschaftsleistung, und täte es auch hier mit Recht. Wollte man aber Einzelne herausheben, wäre Elvedi ein Kandidat: Der Schweizer lieferte nach einem anfänglichen Wackler eine beeindruckende Vorstellung gegen Lewandowski ab und wirft nicht zum ersten Mal die Frage auf, ob er im Abwehrzentrum nicht besser aufgehoben ist als auf der rechten Verteidigerposition. Ginter präsentierte sich stark im defensiven Mittelfeld, Thorgan Hazards fleißige Defensivarbeit ist vorbildlich und auch Patrick Herrmann rechtfertigte seine Aufstellung durch viel Engagement in der Arbeit gegen den Ball. So konnte man es sogar verschmerzen, dass Raffael eine Chance vergab, deren Auslassen man sich gegen die Bayern sonst eigentlich nicht erlauben kann.

Zwar nicht ganz wie „same prodecure as every year“, aber doch „same prodecure“ wie bei jeder Bayern-Niederlage: Wenn sich Größe in der Art und Weise zeigt, wie man mit Niederlagen umgeht, präsentierte sich mindestens ein Bayern-Spieler im Interview auf unterem Regionalliga-Nivea. Früher übernahm ein Thomas Müller gern diese Aufgabe, der wahlweise den Schiedsrichter, den schlechten Zustand des Gladbacher Rasens, Wikinger oder Außerirdische für den eigenen Misserfolg verantwortlich machte. Diesmal war es Niklas Süle, der nach dem Spiel den Mut zum Postfaktischen bewies. „Mutig“ sei die Elfmeter-Entscheidung des Schiedsrichters gewesen, schwadronierte der Verteidiger, während die Bilder eine zwar kleine, aber eben doch eindeutige aktive Beteiligung seiner Hand zum Ball zeigte. Nun muss man zur Einordnung natürlich berücksichtigen, dass im bajuwarischen Selbstverständnis Elfmeter gegen Bayern prinzipiell unberechtigt sind, es sei denn, ein Bayern-Spieler hat einen Gegner eigenhändig erwürgt, zerlegt und die Gliedmaßen im Strafraum verscharrt (dann und nur dann käme im Wiederholungsfall sogar eine Verwarnung des Bayern-Spielers in Betracht).

Das aber kommt selten vor, denn zum Zerlegen braucht man eine Schere, die sich schließt. Und das, so wissen wir im tiefsten Inneren ja doch, geschieht im Fußball zwar gelegentlich mal für einen Nachmittag. Auf Dauer aber hat Uli Hoeneß Recht. Man sagt es mit Schmerz.

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