Wer hätte das im Winter gedacht, dass Borussia vor dem letzten Spieltag noch eine Chance auf den Einzug in den Europa League hat? Angesichts einer Ausbeute von 16 Zählern nach 16 Partien ging es zum damaligen Zeitpunkt primär darum, den Abstiegskampf zu vermeiden. Während sich Bayer Leverkusen erst an diesem Spieltag retten konnte und dem VfL Wolfsburg in der kommenden Woche ein Endspiel in Hamburg bevorsteht, hat es die Fohlenelf im Vergleich zu Ihren einstigen Konkurrenten wesentlich besser getroffen. Der von Max Eberl unermüdlich postulierte Traum von der Einstelligkeit wird bei einem Sieg über den abgestiegenen Tabellenletzten aus Darmstadt in der kommenden Woche definitiv erreicht. Damit wäre die Punktausbeute aus der Hinrunde nahezu verdoppelt. Angesichts der Verletztenmisere dieser Saison könnte man sich eigentlich zufrieden zurücklehnen und eine unter diesen Umständen ordentliche Saison konstatieren. Doch ganz so einfach sollten es sich die Verantwortlichen nicht machen, sondern den Blick lieber auf das richten, was selbst an dieser punktemäßig ordentlich verlaufenen Rückrunde zu bemängeln war.

Während Borussia unter dem neuen Trainer nämlich stark aus dem Winter gekommen war, haben die Auftritte in den letzten Monaten wieder deutlich an Fahrt verloren. Gegen die Top4-Klubs kassierte die Mannschaft in der Rückrunde ausnahmslos Niederlagen. Vom einstigen Favoritenschreck vom Niederrhein ist in dieser Saison kaum noch etwas übrig geblieben. Aber schlimmer noch: Das letzte rundum überzeugende Spiel gab es Anfang März mit dem 4:2 über Schalke 04. Danach waren z. B. bei den Siegen in Köln oder Mainz zwar einige ordentliche Leistungen der Fohlenelf zu sehen. Diese wechselten sich aber regelmäßig ab mit blutleeren Vorstellungen wie in Hamburg, Frankfurt oder gegen Augsburg. Borussia wurde zu Saisonbeginn zurecht ein erfreulich breiter und starker Kader attestiert, sodass sie in der Theorie selbst ersatzgeschwächt konstanter auftreten müssten. Die Realität hat alle Experten eines Besseren belehrt. In der Offensive ist die Abhängigkeit von Raffael nicht zu übersehen – nicht zuletzt aufgrund der eklatanten Formlosigkeit einstiger Nationalspieler wie Herrmann oder Hahn. Im zentralen Mittelfeld rächte es sich zudem, dass der Abgang von Granit Xhaka vollständig intern gelöst werden sollte.

Diese bereits jetzt bestehenden Defizite wird das Team um Max Eberl in diesem Sommer beheben müssen. Zusätzlich müssen noch die Abgänge von Dahoud und Christensen kompensiert werden, so dass mindestens 3-4 gestandene Neuzugänge benötigt werden, um die hohe Qualität im Kader aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen. Für die beiden Abgänge wird in jedem Fall noch je ein Akteur geholt werden. Mickael Cuisance ist als talentierte Zukunftsoption zu sehen und zunächst verstärkt für die U23 vorgesehen. Dass sich Laszlo Benes weiter so toll entwickeln wird wie zuletzt und die Fußstapfen von Mo Dahoud wird ausfüllen können, darf nicht als selbstverständlich angesehen werden. Dies umso weniger als dass schon Dahoud selbst in dieser Saison Schwierigkeiten hatte, aus dem Schatten eines Granit Xhaka zu treten. Auf der so wichtigen 6er Position wird daher noch ein Lenker benötigt, der das Team auch in schwächeren Spielen mitzureißen versteht.

Sollte der 1. FC Köln in der kommenden Woche gegen Mainz nicht verlieren, so würde Borussia der Weg nach Europa endgültig versperrt bleiben – die theoretische Möglichkeit einmal ausgeschlossen, dass sich die UEFA doch nicht von den kläglichen Erklärungsversuchen aus Salzburg blenden lässt, dass Red Bull bei Red Bull nichts mehr zu sagen habe. Wer darauf hofft, dass der Verband am langen Ende nicht vor dem Großkapital eines potenten Geldgebers einknickt, der glaubt wahrscheinlich auch daran, dass der DFB mit dem Freshfields-Report für Transparenz und Aufklärung sorgen wollte.

Borussia darf sich aber nicht beklagen. In dieser Saison boten sich genügend Möglichkeiten, aus eigener Kraft wieder ins europäische Geschäft einzuziehen. Allein in Wolfsburg hätte sie sich in eine weit bessere Ausgangsposition vor dem letzten Spieltag bringen müssen. Dort wurde Europa aber nicht verspielt. Denn im Gegensatz z. B. zum Auftritt in der Vorwoche wirkte die Fohlenelf an diesem Samstag von Beginn an engagiert und entschlossen. Das hoch verdiente 1:0 zur Pause fiel deutlich zu niedrig aus und so kam es, wie es in solchen Spielen häufig kommt. Nutzt die überlegene Mannschaft ihre zahlreichen hochkarätigen Chancen nicht, so fängt sie irgendwann an zu grübeln und der Gegner wittert seine Gelegenheit zurückzuschlagen. Wie so oft gelang es diesem dann sogleich mit der ersten ernstzunehmenden Chance den Ausgleich zu markieren.

Nach so einem Nackenschlag ist es für jede Mannschaft schwer den Schalter wieder umzulegen und noch einmal zur vorherigen Dominanz zurückzufinden. Für ein Team wie Borussia 2017, dem nach dem Abgang von Granit Xhaka, Martin Stranzl und Roel Brouwers ganz offensichtlich Führungspersönlichkeiten fehlen, gilt dies umso mehr. Christoph Kramer mühte sich nach seiner Rückkehr redlich, das Spiel zu lenken. Spätestens nach der Gewitterpause fand Borussia wieder etwas besser in die Partie und war in den letzten 10 Minuten näher an der Führung als der insgesamt erschreckend harmlose Gastgeber.

Dass es am Ende nicht ganz reichte war bedauerlich, bietet aber keinen Grund zum Trübsal blasen. In der kommenden Woche gilt es, im letzten Saisonspiel im Borussia-Park die zuletzt auffällige Heimschwäche zu überwinden und damit diese durchwachsene Spielzeit wahrscheinlich auf Platz 8 zu beschließen. In den letzten Jahren hatte Borussia fast immer das Maximum aus ihren Möglichkeiten herausgeholt. Da sei ihr ein schwächeres Jahr gestattet.

Ja, Max Eberl hat Recht. Diese Mannschaft kann in einer schwächeren Saison, in der vieles schief läuft, die europäischen Ränge verfehlen und sich mit der Einstelligkeit zufriedengeben. Es muss trotzdem ihr Anspruch sein, eine starke Saison zu spielen, in der eben dies nicht der Fall ist. Noch verfügt der Kader trotz aller erkennbarer Defizite über ausreichende Qualität, um dies zu ermöglichen. Es wäre zu wünschen, wenn Borussias Talente wie Doucouré, Benes, Sow oder Cuisance schon im kommenden Jahr den ganz großen Durchbruch feiern. Verlassen darf sich der Verein darauf aber nicht. Dafür ist die aktuelle Lage zu bedeutsam. Ein weiteres Jahr im Mittelmaß und der Verein würde diesem langfristig nur noch schwer entfliehen können.

Im kommenden Jahr wird die viel geschmähte Doppelbelastung entfallen. Dieter Hecking wird zumeist Gelegenheit haben, seine Mannschaft eine ganze Woche auf die jeweils nächste Partie vorzubereiten. Mannschaften wie Leipzig, Hoffenheim, Berlin und vermutlich auch Köln und/oder Freiburg werden erstmals oder nach langer Zeit wieder einmal europäisch spielen, was einigen von ihnen zusetzen wird. Dies bietet Borussia eine gute Chance, wieder neu anzugreifen und die Plätze 4-6 ins Visier zu nehmen.

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