Jos LuhukayBorussia Mönchengladbach dominiert zurzeit die 2. Liga. Seit elf Spielen ungeschlagen, beträgt der Abstand zu einem Nicht-Aufstiegsplatz bereits acht Punkte. Dass Borussia nach dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte so erfolgreich aufspielen wird, haben nur wenige erwartet. Ein Mann, der für diesen Erfolg steht, ist Cheftrainer Jos Luhukay. In einem ausführlichen Interview mit SEITENWAHL spricht der Niederländer unter anderem über seinen Anteil am Erfolg, über Transferpolitik, warum Marko Marin noch Schutz braucht und dass er in der vergangenen Saison persönlich viel gelernt hat.

SEITENWAHL: „Herr Luhukay, souveräner Tabellenführer, Konstanz und Leistung stimmen, die Stimmung ebenso. Zur Zeit macht es sicher Spaß, Trainer von Borussia Mönchengladbach zu sein."

Luhukay: „Es hat mir von Anfang an Spaß gemacht, hier Trainer zu sein. Natürlich ist es momentan für alle Beteiligten angenehmer. Wir genießen das aber nicht zu sehr, denn wir haben nach wie vor nur ein Ziel: den Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen. Das erreicht man erst am Ende der Saison. Wenn wir das geschafft haben, werden wir das auch feiern und genießen können."

SEITENWAHL: „Nach dem Spiel in Mainz sah es nicht danach aus, dass es eine einfache Saison würde. Die Kritik wuchs, die Stimmung war schon zu diesem frühen Zeitpunkt im Keller. Wie haben Sie diese Phase erlebt?"

Luhukay: „Am Anfang einer Saison weiß man nie genau, welche Richtung eingeschlagen wird. Holt man genügend Punkte? Spielt man ansehnlichen Fußball? Im Trainerteam wussten wir, dass es eine gewisse Zeit und Geduld braucht, um die Mannschaft zu formen und ihr ein System zu geben, das sie verinnerlicht. Es ist manchmal schade, dass man diese Zeit nicht bekommt. Wir hatten jedoch die Geduld, und Mannschaft und Trainerstab haben von Anfang an zusammengehalten. Auch und speziell in der schwierigen Phase zu Beginn der Saison. Wir haben die Kurve bekommen, das spricht für die Geschlossenheit innerhalb der Mannschaft und auch innerhalb des gesamten Vereins."

"Wir sind auf einem richtigen Weg"

 

Jos Luhukay



SEITENWAHL: „Jetzt sind es elf Ligaspiele in Folge ohne Niederlage, davon neun Siege. Sind Sie von dieser Entwicklung nicht selbst überrascht?"

Luhukay: „Man kann nicht sagen: ‚Jetzt starten wir eine Serie von x Spielen!‘ Dies alles ist ein Prozess, eine Entwicklung, die seit Beginn der Vorbereitung läuft. Es gab eine große Anzahl an Spielern, die neu dazugekommen sind und die wir integrieren mussten. Nicht nur spielerisch, sondern auch menschlich. Dieser Prozess ist heute noch immer nicht abgeschlossen, wir arbeiten Tag für Tag weiter. Aber wir sind auf einem richtigen Weg."

SEITENWAHL: „Welche Rolle spielte der Faktor Glück?"

Luhukay: „Wir hatten in den ersten Spielen das Glück nicht auf unserer Seite. Wir gleichen zwar im ersten Spiel in Kaiserslautern kurz vor Schluss aus, hatten danach aber noch Chancen, das Spiel zu gewinnen. Dann gehst Du mit einem Auswärtssieg in die Saison und nimmst direkt ein wenig Druck von der Mannschaft. Gegen Hoffenheim hatten wir auch eine Reihe guter Möglichkeiten, das Spiel zumindest mit 1:0 zu gewinnen. Inzwischen hat sich die Mannschaft so entwickelt, dass sie die Spiele mit Dominanz und spielerischer Überlegenheit bestreitet. Das spricht nur für den Kader."

SEITENWAHL: „Kritiker werfen ein, dass Borussia gegen die vermeintlich starken Mannschaften der 2. Liga, Köln, 1860 München und Mainz, nicht so dominant gespielt hat."

Luhukay: „Dann kontere ich, dass wir in Fürth und gegen Aachen gewonnen haben. Das sind Mannschaften, die bis zum Ende um den Aufstieg mitspielen werden. Gegen Mainz waren wir nicht präsent genug und vielleicht auch verunsichert, weil wir nach den ersten beiden Unentschieden gegen Kaiserslautern und Hoffenheim schon enormen Druck von außen gespürt haben. Aber Mainz war ein Spiel für sich und ist bis heute das einzige Ligaspiel, das wir verloren haben. Beim Auswärtsspiel gegen 1860 München war es ebenfalls nicht einfach für uns, aber da hat sich die Mannschaft gewehrt, auch gegen die Aggressivität des Gegners."

SEITENWAHL: „Am vierten Spieltag, im Heimspiel gegen den VfL Osnabrück, haben Sie zum ersten Mal mit zwei Stürmern begonnen, also im klassischen 4-4-2, nachdem die Mannschaft in den Spielen zuvor nur mit einer Spitze agiert hat, die zudem noch von Sascha Rösler, einem Mittelfeldspieler, bekleidet wurde. Sie haben in der Vorbereitung oft davon gesprochen, auch in der Liga ein 4-3-3 spielen lassen zu wollen. Würden Sie heute sagen, dass das 4-4-2 das System ist, das die Mannschaft einfach am besten umsetzen kann?"

Luhukay: „Tatsache ist, dass ich in der Vorbereitung sowohl das 4-3-3 als auch das 4-4-2 immer abwechselnd habe spielen lassen. Zudem waren wir zu Beginn der Saison noch gar nicht in der Lage, problemlos alle Alternativen probieren zu können. Wir hatten Verletzungen zu beklagen oder Spieler wurden erst spät transferiert. Marcel Ndjeng kam kurz vor dem ersten Saisonspiel, Sharbel Touma und Roberto Colautti kamen beide spät und konnten die Vorbereitung nicht mit der Mannschaft absolvieren. Und Oliver Neuville war am Anfang der Saison noch nicht ganz fit. Sie sehen, es gab viele Gründe, warum wir nicht direkt im 4-4-2 haben spielen lassen. Wenn alle Spieler gesund und von Beginn an dabei gewesen wären, hätten wir sicher im 4-4-2 die Saison begonnen."

SEITENWAHL: „Mit den Transfers von Sharbel Touma und Roberto Colautti wurden viele Hoffnungen verknüpft. Beide sind Spieler, die in ihren vorherigen Vereinen sehr gute Leistungen auf hohem Niveau gezeigt haben. Beide konnten aus verschiedenen Gründen ihr Potenzial aber noch nicht einbringen. Wie weit können speziell diese beiden Spieler das Niveau der Mannschaft noch anheben?"

Luhukay: „Ich denke, dass wir schon jetzt sehr stark sind, was man auch an den Ergebnissen sieht. Aber natürlich, wenn alle gesund und fit sind, wird das den Konkurrenzkampf im Kader nochmals erhöhen. Die Spieler wissen, dass es auf jeder Position mindestens einen Konkurrenten gibt, auf manchen Positionen sogar mehrere. Wir haben das Glück, über einige flexible Spieler zu verfügen, die mehrere Positionen spielen können. Das ist für den ein oder anderen sicher nicht leicht, aber so halten wir die Qualität hoch. Wenn wir durch Verletzungen oder Sperren mal wechseln müssen, erhalten wir die Qualität der ersten Elf."

SEITENWAHL: „Roberto Colautti soll schon seine Unzufriedenheit über seine aktuelle Lage geäußert haben."

Luhukay: „Roberto muss gesondert betrachtet werden. Er hat sich wenige Tage nach seinem Wechsel zur Borussia verletzt und stand uns über viele Wochen gar nicht zur Verfügung. Seit drei Wochen ist er wieder im Mannschaftstraining und holt sich Spielpraxis bei der U23. Auch ihn wollen wir langsam heranführen. Er hat bei der U23 zuerst 30 Minuten gespielt, dann eine Halbzeit, zuletzt 60 Minuten. Nun war er eineinhalb Wochen bei der Nationalmannschaft. Zudem wäre es für ihn nicht einfach gewesen, in die Startelf zu kommen. Rob Friend und Oliver Neuville spielen sehr erfolgreich und haben zusammen schon 16 Tore erzielt. Dieses Duo löst man nicht einfach auf, indem ich einen der beiden für Colautti auf die Bank setze. Es spielt für mich keine Rolle, ob er ein ‚großer Einkauf‘ ist oder nicht. Er ist einer von 24 Spielern im Kader, und keiner hatte einen Stammplatz von Beginn an."

SEITENWAHL: „Dennoch kann man sagen, dass die im Sommer getätigten Transfers fast ausnahmslos gelungen sind. Mit Patrick Paauwe hat Borussia wieder einen echten Strategen auf dem Platz, der ohne Umschweife als Kopf der Mannschaft bezeichnet werden kann."

Luhukay: „Dafür spielt er auf der zentralen Position im defensiven Mittelfeld. Er ist aufgrund seiner Erfahrung und seiner Persönlichkeit ein enorm wichtiger Spieler. Natürlich soll er Verantwortung übernehmen, soll die jungen Spieler auf und neben dem Feld führen. Das macht er hervorragend, ohne Frage. Daher wollten wir ihn im Sommer unbedingt zur Borussia holen, weil wir von seinen Qualitäten überzeugt waren und sind. Er hat eine positive Ausstrahlung und Persönlichkeit, und das wirkt auf viele der jungen Spieler, die wir im Kader haben. Aber ich stelle ihn nicht alleine heraus. Er ist ein Teil des Erfolgs, nicht der einzige Grund."

SEITENWAHL: „Marko Marin ist in den vergangenen Wochen oft ein Thema in den Medien. Hier bei Borussia scheint er dennoch langsam aufgebaut zu werden. Wie akzeptiert er diese Entwicklung? Sieht er ein, dass er noch Pausen braucht?"

Luhukay (lacht): „Marko ist 18 Jahre jung, der will jede Woche Fußball spielen und am liebsten immer von Anfang an. Wir wollen ihn nicht nur kurzfristig, sondern auch mittel- und langfristig aufbauen. Man darf nicht vergessen, dass er eigentlich noch in der A-Jugend spielen würde. Er hat in der vergangenen Saison zwar schon einige Spiele gemacht, aber diese Saison ist seine erste im Seniorenbereich. Er muss sich langsam an die Intensität und das Niveau, ob Spiel oder Training, gewöhnen. Wir beobachten bei ihm immer die Belastung, der er ausgesetzt ist. Er war auch eineinhalb Wochen bei der U21, hat dort gut gespielt und - zurecht - von Medien und Fans viel Lob für seine Leistung bekommen. Das ist eine hohe Belastung, mental und körperlich."

SEITENWAHL: „Wie findet man da den richtigen Mittelweg?"

Luhukay: „Es ist nicht so einfach, wie es von außen scheint. Er ist noch nicht in der Lage, Woche für Woche seine 100%ige Leistung abrufen zu können. Das Mentale darf man bei diesen jungen Spielern nicht unterschätzen. Er kommt mit sehr positiven Erlebnissen und Eindrücken von der U21 zurück. Er muss nun lernen, innerhalb von wenigen Tagen diese positiven Erlebnisse zur Seite zur legen und gleichzeitig die nötige mentale Spannung für das nächste Ligaspiel aufzubauen. Ein Oliver Neuville hat damit keine Probleme, weil er es seit zehn Jahren so erlebt, dass er dauerhaft einer hohen körperlichen und mentalen Belastung ausgesetzt ist, wenn er zwischen Verein und Nationalmannschaft pendelt."

SEITENWAHL: „Sie sprechen oft von der psychischen Ebene bei den Spielern. Haben Sie das Gefühl, dass Christofer Heimeroth die aktuelle Diskussion um seine Person verunsichert? Nach dem offensichtlichen Fehler im Pokalspiel bei den Bayern wirkte er nicht mehr so souverän wie noch zu Beginn der Saison. Beobachten Sie eine mentale Schwächephase bei ihm?"

Luhukay: „Eines vorweg: er steht bei uns überhaupt nicht zur Diskussion! Wir wissen, was er kann und arbeiten täglich mit ihm. Er ist zwar schon 26 Jahre alt, aber im Grunde erlebt er erst seit diesem Sommer die Situation, als Nummer 1 in eine Saison zu gehen. Insofern sollte man ihm die Entwicklung zugestehen, die auch jeder andere Spieler braucht und bekommt. Zumal es bei Borussia oft so ist, dass er Spiele erlebt, in denen er sehr selten geprüft wird. Wäre er bei einem Verein aus der unteren Tabellenhälfte, hätte er vielleicht öfter Gelegenheit sich auszuzeichnen. Dass er selten geprüft wird, freut mich natürlich, weil das bedeutet, dass wir defensiv gut stehen. Dies ist aber für einen Torwart nicht immer einfach. Wir werden uns auch bei Christofer nie zurücklehnen und zufrieden sein. Wir arbeiten ständig an jedem Einzelnen im Training, dass er besser wird. Dazu gehört auch Christofer, und er wird sich weiter steigern."

"Ich bin kein Alleinunterhalter"


Jos Luhukay



SEITENWAHL: „Jetzt ist Borussia Tabellenführer, spielt einen guten Fußball. Die Transfers sind fast alle geglückt, die Fans sind zufrieden. Lehnt man sich da mal zurück und fühlt sich in seiner Arbeit bestätigt? Auch vor dem Hintergrund der Kritik, die Borussia zu Beginn der Saison und während der Transferphase begleitet hat?"

Luhukay: „Bei den Transfers wurden die Stimmen nur deswegen laut, weil man einige Spieler nicht kannte. Wenn man einen Spieler verpflichtet, der vorher nicht in Deutschland gespielt hat, gehen viele zuerst kritisch damit um, obwohl oder weil sie ihn nicht kennen. Wir wussten von Anfang an bei jedem Spieler, welche Qualitäten er hat und warum und für welche Position wir ihn brauchen. Zufrieden sind wir im Trainerstab allerdings nie. Wir freuen uns über das Erreichte, aber eine zu große Zufriedenheit überträgt sich sehr schnell auf die Mannschaft. Wir müssen Tag für Tag hart arbeiten, um den Erfolg, den wir zurzeit haben, halten zu können. Speziell im Erfolg muss man noch mehr arbeiten, weil sonst immer die Gefahr besteht, dass die Gegner die paar Prozent mehr drauflegen, um das Spiel zu gewinnen. Und dann bekommen wir Probleme."

SEITENWAHL: „Ihre Tätigkeit als Trainer des SC Paderborn haben Sie u.a. deswegen beendet, weil ohne Ihr Wissen mit Spielern verhandelt wurde. Wie ist der Trainer Jos Luhukay in Transfers eingebunden? Geben Sie konkrete Namen vor, nur Spielertypen oder lediglich Tendenzen?"

Luhukay: „Im Grunde von allem etwas. Es ist mir sehr wichtig, dass man zusammen Dinge erarbeitet, dass man miteinander kommuniziert, philosophiert und diskutiert. Ich bin kein Alleinunterhalter, aber ich habe ganz klare Vorstellungen, was den Spieler, die Position und das System betrifft. Ebenso Einstellung und Charakter des Spielers. In Paderborn stand weniger Geld zur Verfügung als hier in Mönchengladbach, aber es hat trotzdem funktioniert."

SEITENWAHL: „Es gab Zeiten bei Borussia, da wurden Spieler unter weniger genauen Vorgaben verpflichtet. Christian Ziege und Sie haben schon vor Beginn der Sommerpause sehr explizit und detailliert dargestellt, welche Spielertypen für Borussia in Frage kommen respektive welche grundsätzlichen Bedingungen erfüllt sein müssen, um einen Transfers zu realisieren. Ist das eine grundsätzliche Philosophie im Scouting oder war das eher der Tatsache geschuldet, dass man aus den Erfahrungen speziell der vergangenen Saison gelernt hat?"

Luhukay: „Das ist meine Philosophie und auch die von Christian Ziege. Ich will jeden Spieler mehrfach persönlich gesehen und mit ihm gesprochen haben, bevor wir über einen Transfer nachdenken. Bei Borussia ist das ein Miteinander. Wir sprechen wöchentlich mit unseren Scouts, setzen uns ein- bis zweimal im Monat zusammen, um uns immer wieder ausführlich über Entwicklungen auszutauschen, sowohl der Spieler, die wir beobachten als auch über die unserer Mannschaft. So soll es doch sein, denn niemand kann alles alleine schaffen. Man darf nicht zurückschauen, sondern immer nur nach vorne."

"Du musst immer wieder aufstehen"

SEITENWAHL: „Sie wollen nicht zurückschauen, doch lassen Sie uns genau dies noch einmal tun. Die vergangene und die jetzige Saison darf man nicht gesondert betrachten, auch wenn sie sich auf den ersten Blick so darstellen. Sie kamen kurz vor dem Wintertrainingslager zum Verein. Wie war Ihr erster Eindruck, als Sie die Mannschaft in Portugal zum ersten Mal gesehen haben?"

Luhukay (überlegt lange): „Ich fand die Außenverpackung phantastisch, aber den Inhalt nicht. Leider hat sich während der Rückrunde dieser Eindruck bestätigt."

SEITENWAHL: „Sie sind dann relativ schnell vom Co-Trainer zum Cheftrainer aufgestiegen, nachdem Jupp Heynckes zurückgetreten war. Den Abstieg verhindern konnten Sie allerdings nicht. Wie hoch ist Ihr Anteil am Abstieg?"

Luhukay: „Wenn ich zurückblicke, dann weiß ich, dass auch ich Fehler gemacht habe. Dennoch hat es für mich aus heutiger Sicht keinen Sinn, zurückzublicken, um einen Schuldigen zu suchen. Wir haben es gemeinsam am Ende nicht geschafft, den Abstieg zu verhindern. Der Trainer ist der Verantwortliche, und ich habe mich bis zuletzt immer vor die Mannschaft und dieser Verantwortung gestellt. In der Rückrunde bekam das alles eine sehr negative Dynamik. In Zeiten des Misserfolgs lernt man mehr als in erfolgreichen Zeiten. Ich habe in dieser Phase persönlich viel gelernt. Es war für mich wichtig, diese Zeit zu durchleben. Du darfst als Mensch nicht nur umfallen, sondern musst immer wieder aufstehen."

SEITENWAHL: „Haben Sie sich durch diese Zeit verändert?"

Luhukay: „Nein, das nicht. Ich kann von mir sagen, dass ich ein sehr ausgeglichener Mensch bin. Ich habe mich weder durch die Misserfolge der vergangenen Saison noch durch die jetzt erfolgreiche Zeit menschlich verändert. Das werden die Menschen im meinem Umfeld auch bestätigen. Ich gucke immer nach vorne, sei es zum nächsten Spiel oder jetzt zum nächsten Training."

SEITENWAHL: „Kurz bevor der Abstieg auch rechnerisch feststand, haben Sie gesagt, dass die Mannschaft ihre Philosophie nicht umsetzen könne. Doch das hätten Sie von Beginn an wissen können, als Sie diesen Posten nach dem Rücktritt von Jupp Heynckes angeboten bekommen haben."

Luhukay: „Das stimmt. In der Defensive haben wir uns sogar verbessert, wir waren das siebtbeste Team der Liga, gemessen an den Gegentoren. Unser Problem war die Offensive, wo wir nicht effektiv genug waren. Wir hatten genügend Offensivkräfte, aber diese waren in der Rückrunde keine Garanten für Tore und damit Punkte. Darauf haben wir speziell in diesem Sommer geachtet. Dass wir uns eben Spieler holen, die auch offensiv erfolgreich spielen können."

SEITENWAHL: „Sie hatten am Tag Ihrer Beförderung zum Cheftrainer die Gelegenheit, den Stürmer Bancé zu bekommen, der am gleichen Tag zur Vertragsunterschrift in Mönchengladbach war. Dennoch wollten Sie ihn nicht."

Luhukay: „Das stimmt."

SEITENWAHL: „Warum? Sie wussten laut eigener Aussage seit dem Trainingslager in Portugal, dass der Kader in der Offensive nicht ausreichend besetzt war."

Luhukay: „Ich kannte den Spieler nicht. Und der Spieler selber kannte weder die Sprache, noch das Land oder die Liga. Ich stehe diesen kurzfristigen Wintertransfers allgemein sehr skeptisch gegenüber. Sehen Sie, im Winter habe ich drei bis vier Wochen Zeit, inklusive der Zeit im Trainingslager. Im Sommer sind es sechs bis acht Wochen. Jeder Neuzugang muss integriert werden, der Spieler muss sich wohl fühlen. Dies ist ein Prozess, der mehrere Wochen dauert. Bancé war am 31. Januar hier, die Stimmung innerhalb der Mannschaft war negativ, der Spieler kannte weder Liga noch Sprache. Wäre es ein bekannter Spieler aus der Bundesliga oder 2. Liga gewesen, der die Strukturen und die Liga kennt, hätte man vielleicht zusagen können. Aber nicht unter diesen Voraussetzungen."

SEITENWAHL: „Wenn man sich auf ein Interview mit Jos Luhukay vorbereitet, fällt eines auf. An Ihnen werden selten komplette Entwicklungen festgemacht. In Fachkreisen schätzt man Sie und Ihre Arbeit, in der Öffentlichkeit werden Sie jedoch oft unterschätzt. So wurde der Abstieg vergangene Saison nicht alleine an Ihnen festgemacht, ebenso wenig findet man Geschichten, die Sie in der jetzigen Phase des Erfolgs als Schlüsselfigur sehen. Es scheint, als käme Ihnen dieses sogar entgegen."

Luhukay: „Ich habe damit überhaupt kein Problem. Ich weiß, was ich in meine Arbeit investiere. Das ist das, was für mich zählt. Ich habe eine wichtige Position bei Borussia Mönchengladbach, aber ich denke nicht, ich bin der Wichtigste. Ein Trainer sollte sich nie überschätzen. Die Art und Weise, wie ich arbeite, ist immer mit einem Team verbunden. Weder als Spieler, noch jetzt als Trainer habe ich mich über Dritte profilieren müssen. Wenn die Mannschaft am Ende der Saison aufgestiegen ist, habe ich meinen Teil dazu beigetragen. Nicht mehr und nicht weniger. Zu denken, dass Borussia Mönchengladbach ohne Jos Luhukay nicht funktioniert, wäre irre und vermessen. So bin ich nicht eingestellt."

SEITENWAHL: „Ist es dieser Drang zum gemeinsamen Arbeiten, dass Sie, wenn einzelne Spieler von diesem Prinzip abweichen, so besonders hart durchgreifen und reagieren? Wesley Sonck musste dies in der vergangenen Saison mehr als deutlich erleben, Ze António immer noch."

Luhukay: „Ja, und dazu stehe ich. Wenn man sich für einen Mannschaftssport entscheidet, dann muss das Team im Vordergrund stehen. Wir haben ein gemeinsames Ziel. Das kann man nur erreichen, wenn gegenseitiger Respekt vorhanden ist und gelebt wird. Unter den Spielern, gegenüber dem Trainerteam und zu jedem Mitarbeiter dieses Vereins. Wenn Spieler aus der Reihe tanzen, dann kann ich unangenehme Maßnahmen ergreifen. Aber nie aus dem Grund, um mich zu profilieren, sondern weil ich den Teamgedanken schützen will."

SEITENWAHL: „Für jemanden, der stundenlang und gerne über Taktik, Spielsysteme und Laufwege philosophiert: wünscht man sich hin und wieder eine tiefere Auseinandersetzung der Medien und des Umfelds mit diesen Themen? Weg von der reinen Ergebnisbetrachtung?"

Luhukay: „Ich kann es nicht ändern, daher stört es mich weniger. Im Fußball ist das Ergebnis entscheidend und daran werde ich wie jeder Trainer gemessen. Für mich selber zählen natürlich mehr Dinge. Ich gucke auf das, was wir im Training vor den Spielen angesprochen und geübt haben. Ich schaue: wurde das im Spiel umgesetzt? Wenn im Spiel das Ergebnis nicht stimmt, ist man natürlich enttäuscht, aber nicht immer frustriert, wenn man gesehen hat, dass die Mannschaft die Vorgaben umgesetzt hat. Manchmal ist der Gegner eben besser. Ebenso bin ich nach einem Sieg nicht immer so froh, wie es ein Fan ist, weil ich Dinge gesehen habe, die mir nicht gefallen haben. Es gibt also immer Handlungsbedarf, egal, wie das Ergebnis aussieht."

SEITENWAHL: „Sie absolvieren zurzeit die Trainerausbildung an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Als solcher sind Sie mittendrin in der aktuellen Diskussion, die im deutschen Fußball stattfindet und im öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Oliver Bierhoff und Rudi Völler ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Nun galten Niederländer schon immer als Verfechter eines modernen Fußballs. Fühlen Sie sich demnach auch von Oliver Bierhoffs Kritik angesprochen?"

"Geh´ raus und spiel wie auf dem Bolzplatz!"

Luhukay: „Wie sich die Deutsche Nationalmannschaft in den vergangenen zwei Jahren darstellt, finde ich sehr positiv. Für den gesamten deutschen Fußball. Die Deutschen spielen zurzeit den guten Fußball, den die Niederländer immer spielen wollen (lacht). Die Nationalmannschaft der Niederlande hat sich zwar für die Europameisterschaft qualifiziert, aber deren Fußball ist kaum anzusehen. Deutschland hingegen spielt richtig guten Fußball. Sie spielen offensiv, attraktiv und dominant."

SEITENWAHL: „Oliver Bierhoff sagte in einem Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘, dass man in Zusammenarbeit mit Urs Siegenthaler und unter Einsatz moderner Spielanalyse-Systeme so weit geht, dass man den Spielern nicht nur erklärt, dass sie von A nach B laufen müssen, sondern bei jedem Laufweg auch, warum er das tun soll. Überfordert man damit nicht einige Spieler, die auch viel von ihrer Intuition leben?"

Luhukay: „Man muss hierbei unterscheiden. Es gibt taktische Anweisungen, die die ganze Mannschaft betreffen. Wie sie sich allgemein bei Ballbesitz oder Ballverlust verhält. Dann Dinge, die man mit Mannschaftsteilen bespricht. Zum Schluss Gespräche mit einzelnen Spielern. Weil die Ursachen für Fehler eben auch verschieden sind. Verhält sich der Spieler falsch? Oder der ganze Mannschaftsteil, wenn Räume zu groß sind? Auch wir machen regelmäßig Spielanalysen auf DVD. Meist mit der gesamten Mannschaft, aber auch mit einzelnen Gruppen, wenn wir auf spezielle Dinge hinweisen wollen. Ein Bild sagt manchmal mehr als 1000 Worte. So habe ich in zwei oder drei Minuten dem Spieler mehr erklärt als in einer 30-minütigen Mannschaftssitzung."

Jos Luhukay



SEITENWAHL: „Gibt es Spieler, bei denen Sie das weniger einsetzen?"

Luhukay: „Ja, mit Marko Marin brauche ich nicht jeden Tag über Taktik zu sprechen. Ihm sage ich oft: ‚Geh raus und spiele wie auf dem Bolzplatz! Du musst nur ein bißchen mitmachen in der Bewegung gegen den Ball.‘ Er weiß, was ich von ihm verlange, aber ich will nicht, dass er seine Unbekümmertheit verliert."

SEITENWAHL: „Herr Luhukay, vielen Dank für das Gespräch!"


Das Interview führte Mike Lukanz.
Fotos von Anne Leeser.

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