Es sind richtungsweisende Wochen für Borussia. Der Entlassung von Dieter Hecking am vorigen Dienstag folgte diesen Mittwoch die Bestätigung, dass Salzburgs Erfolgstrainer Marco Rose zur neuen Saison das Zepter schwingen wird. Doch bevor dieses spannende Experiment beginnt, gilt es noch die laufende Saison zu Ende zu spielen, die lange Zeit ein einziger Höhenrausch gewesen war, aus dem die Fohlenelf in den letzten zwei Monaten höchst unsanft geweckt wurde. Um die Chance auf einen Champions League-Platz am Leben zu erhalten und jene auf die Gruppenphase zur Europa League zu festigen, muss die aufsteigende Form und Einstellung aus dem Bremen-Spiel in den ausstehenden sechs Partien bestätigt werden. Zunächst beim Tabellenletzten und ehemaligen Verein des Noch-Trainers. Großartige Änderungen in der Aufstellung sind dabei auf beiden Seiten nicht zu erwarten, da die Trainer zwar nicht mit dem Ergebnis, aber mit dem Auftreten ihrer Mannschaften zuletzt zufrieden waren. Lediglich die Entscheidung zwischen Stindl und Raffael als Sturmpartner von Plea erscheint bei Borussia offen.

Für deren Coach steht viel auf dem Spiel, denn vom finalen Ergebnis dieser Saison wird die Bewertung seiner Zeit am Niederrhein abhängen. Das weiß er selbst nur zu gut, weshalb er die Deutungshoheit darüber zuletzt durch einige markige Sprüche aktiv zu beeinflussen versuchte: Borussia habe in der Hinrunde deutlich über ihren Möglichkeiten gespielt und erst in den letzten Wochen ihr wahres Gesicht gezeigt, so wurde Hecking in der vergangenen Woche zitiert. Die Anstrengungen des Vereins, sich professioneller aufzustellen, um dauerhaft ein Kandidat für den internationalen Fußball zu werden, konterte er süffisant, indem er Max Eberl viel Spaß bei diesen aus seiner Sicht allzu ambitionierten Zielen wünschte. Aus diesen Worten sprach ganz offensichtlich der verletzte Stolz eines Mannes, der immer schon sehr karriereorientiert agiert hat. Man frage nach in Verl, Aachen oder Nürnberg – Vereine, die Hecking allesamt gegen deren Willen verließ, um eine sportlich attraktivere Aufgabe anzunehmen. Dies war jedes Mal genauso professionell legitim wie es jetzt von Max Eberl gewesen ist, sich für einen aus seiner Sicht sportlich attraktiveren und jüngeren Trainer wie Marco Rose zu entscheiden. So nett und sympathisch Borussias aktueller Coach sein mag, ist Mitleid fehl am Platz, kokettierte er selbst doch noch vor wenigen Wochen mit dem Job des Nationaltrainers, für den er Mönchengladbach bei entsprechender Gelegenheit sofort verlassen hätte.

Mit Heckings berechtigtem Ehrgeiz, in den kommenden Jahren noch auf höchstem Niveau trainieren zu dürfen, ist dann auch sein aktuelles Understatement als allzu durchschaubarer Versuch einzuordnen, seine Bilanz bei Borussia schön zu definieren, indem er seine Mannschaft zum Durchschnitt deklariert, mit der schon die 9. Plätze der letzten beiden Jahre ein Erfolg gewesen sein sollen. Für das erste Jahr lässt sich dies noch halbwegs vertreten, da Hecking die Fohlenelf nach 16 Spieltagen auf Tabellenplatz 14 übernahm und mit Hilfe des Neue-Besen-Effekts zwischenzeitlich gar dicht an die Europaränge führte. Als dieser Effekt allerdings nachließ, stagnierte die Leistung auf höchst überschaubarem Niveau und der durchaus mögliche Platz in der Europa League wurde zum Saisonende durch drei ärgerliche Unentschieden gegen den 13., 16. und 18. der Tabelle fahrlässig verspielt.

Ähnlich durchschnittlich verlief das darauffolgende zweite Jahr, also die erste vollständige Spielzeit in der Ägide Heckings. Schlimmer noch als das dürftige Saisonergebnis war aber das konstant uninspirierte Auftreten der Mannschaft. „Sie spielen irgendwie Fußball“, brachte es Redaktionskollege Spoo ebenso gerne wie treffend auf den Punkt. Also ohne erkennbares System, Konzept oder gar Handschrift des Trainers.

Dieser begründete dies vornehmlich mit den zahlreichen Verletzten, die das Einspielen einer funktionierenden Mannschaft zweifelsohne erschwerten. Umso gespannter durfte die aktuelle Saison erwartet werden. Im ärztlichen Bereich wurden u. a. mit der Verpflichtung des neuen medizinischen Leiters Andreas Schlumberger die richtigen Weichen gestellt. Zudem kündigte Hecking an, u. a. durch den Transfer des zuvor fehlenden Zentralstürmers Plea ein neues 4-3-3-System einstudieren zu wollen. Auch wenn der Franzose zumeist dann doch auf links auflief, ging der Plan auf. Borussia spielte eine herausragende Hinrunde und setzte sich seit dem 4. Spieltag konstant in den Champions League-Rängen fest.

Dass sie zwischenzeitlich gar die Bayern überholte und nach 20 Spielen als Meisterkandidat gehandelt wurde, das überstieg tatsächlich die Möglichkeiten des Kaders und war einer offensichtlichen Überperformance geschuldet. Seitenwahl, wie auch fast alle anderen Fanseiten des Vereins, stiegen daher zu keiner Zeit in die Meisterträume der (Boulevard-)Medien ein und waren sich der Realitäten stets bewusst. Bei zwischenzeitlich 10 Punkten Vorsprung auf Eintracht Frankfurt waren Träume von der Rückkehr in die Champions League allerdings keine Utopie, wie es Hecking suggeriert.

Gerade gegenüber den Hessen zieht das Argument der finanziellen Unterlegenheit nicht, denn Borussia sollte nicht zuletzt durch die Einnahmen aus den beiden Jahren in der Champions-League monetär besser gestellt sein als die Eintracht oder auch Werder Bremen. In der Umsatztabelle findet sich Borussia auf Rang 6, in der Gehaltstabelle auf Rang 7 wieder – jeweils in einem ähnlichen Bereich wie die Konkurrenten aus Leverkusen und Hoffenheim. Lediglich Wolfsburg besitzt von den Konkurrenten um die Plätze 4-7 durch seinen Hauptsponsor Finanzvorteile gegenüber Borussia, muss dafür aber Standortnachteile akzeptieren. Man frage nach bei Frau Ivanauskas oder ganz aktuell bei Herrn Rose, der sich nicht ohne Grund gegen Wolfsburg und für Gladbach entschieden hat.

Das Erreichen der Champions League wäre tatsächlich eine sehr gute und besondere Leistung der Mannschaft und des Trainers (gewesen). Auch die Europa League ist für Borussia keine Selbstverständlichkeit angesichts der Vielzahl an ebenso gut aufgestellten und professionell arbeitenden Konkurrenten. Die geringe Zahl an Verletzten sowie die fehlende Doppelbelastung waren in dieser Saison aber Wettbewerbsvorteile, die dem Verein zugute kamen, und durch die zumindest Platz 6 als ein eher normales und zu erwartendes Ergebnis eingestuft werden müsste. Bedenkt man den nahezu optimalen Verlauf der ersten 20 Spieltage und den bis damals herausgespielten Vorsprung, wäre es sogar eine Enttäuschung.

Borussia hat sich die gute Ausgangsbasis nach der Hinrunde nicht zusammengeduselt, sondern durch konstant gute und souveräne Leistungen erarbeitet. Kein einziger der 33 Punkte war glücklich oder unverdient. Mit Stindl, Kramer, Herrmann und Ginter verfügt der Kader über vier (ehemalige) deutsche Nationalspieler – zwei von ihnen Weltmeister, einer Siegtorschütze im Confed-Cup-Finale 2017. Ein Thorgan Hazard wird nicht ohne Grund für rund 40 Mio. € nach Dortmund wechseln. Yann Sommer gehört zu den besten Torhütern der Liga. Auch sonst verfügt Borussia über hohe Qualität im Kader, die sicherlich nicht für die (langfristige) Augenhöhe mit Bayern und Dortmund reicht. Vor keinem anderen Bundesligisten muss sich diese Mannschaft aber verstecken.

Von daher ist es höchst ärgerlich, dass sich die Fohlenelf von Spieltag 21 bis 27 eine unerklärliche Auszeit genommen hat und in diesem Zeitraum ebenso unter ihren Möglichkeiten blieb, wie man davor zeitweise darüber gelegen haben mag. Der Punktgewinn in Bremen kam im Kampf um die Champions League vermutlich zu spät. Er war aber ein wichtiger erster Schritt aus dieser Krise. Hecking hat seiner Mannschaft vor dem Werder-Spiel den nötigen Arschtritt verpasst, der sie aufgerüttelt hat, und mit einem Systemwechsel den wichtigen neuen Impuls gesetzt. Speziell den Ur-Borussen Kramer und Herrmann war anzumerken, dass sie sich für das Düsseldorfer Debakel rehabilitieren wollten. Aber auch z. B. die zuletzt viel geschmähten Hazard und Ginter kämpften um jeden Ball und zeigten endlich wieder Führungsqualitäten.

Diese Leistungssteigerung war aber nichts wert, wenn die Mannschaft in den kommenden Wochen nicht weiter genauso engagiert auftritt. Hannover ist die mit Abstand schwächste Mannschaft der Liga. Trotzdem ist Vorsicht geboten: Gegen Leverkusen, Schalke und Wolfsburg verloren die Niedersachsen zuletzt unglücklich und schnupperten an der Überraschung, die ihnen gegen die Fohlenelf in der Form der letzten Krisenwochen gelingen würde. Sollte Borussia dort patzen, wäre dies noch peinlicher und verheerender als das 1:3 in Düsseldorf, denn angesichts des Restprogramms und der guten Form der Konkurrenz dürfte dann selbst das kleine Ziel Europa League kaum noch zu erreichen sein. Spätestens dann würde die Trainerbilanz von Dieter Hecking bei Borussia negativ bewertet werden müssen. Es wäre ihm, der Mannschaft, dem Verein und besonders deren Fans zu wünschen, dass ihnen allen dies erspart bleibt.

Hannover: Esser – Sorg, Anton, Wimmer, Korb – Müller, Haraguchi, Schwegler, Bakalorz, Maina – Weydandt

Borussia: Sommer – Elvedi, Strobl, Ginter – Hazard, Zakaria, Kramer, Neuhaus, Herrmann – Stindl, Plea

Seitenwahl-Tipps

Michael Heinen: Die größte Gefahr besteht darin, dass die Mannschaft den Sieg beim abgeschlagenen Tabellenschlusslicht als selbstverständlich voraussetzt. Wenn sie dies nicht tut, sondern genauso engagiert zu Werke geht wie gegen Bremen, wird sich die Qualität durchsetzen und Borussia siegt mit 2:0.

Christian Spoo: Ein Held, kein Kind, wäre in Hannover nötig, damit 96 gegen Borussia punktet. Tja. 3:1 für uns.

Claus-Dieter Mayer: Mit einem 1:1 in Hannover schneidet die Borussia besser ab als beim letzten Mal als 96 abstieg und kommt dem großen Ziel des Platz 9-Hattricks ein gutes Stück näher.

Uwe Pirl: Wo will man gewinnen, wenn nicht in Hannover? Immerhin das klappt, wenn auch mühsam: 2:1 für Gladbach.

Thomas Häcki: Zwar ist Hannover das bessere Team, das Pech des Absteigers bleibt ihnen jedoch treu. So kann die Borussia mit einem 1:0 ihren letzten Saisonsieg einfahren und vorübergehend von Europa träumen.

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