Wir erleben offiziell den tristesten Winter seit dem berühmten "Beginn der Aufzeichnungen". Das bezieht sich auf das Wetter, denn tatsächlich gab es in Westdeutschland noch nie so wenige Sonnenstunden in so langer Zeit, wie von November 2017 bis jetzt. Vielen Menschen, ob Borussenfan oder nicht, schlägt die Abwesenheit von Tageslicht aufs Gemüt. Wer aber mental oder gar ganz physisch in schwarz-weiß-grüner Bettwäsche schläft, der plagt sich mit noch mehr Stimmungskillern. Denn bei Borussia scheint spätestens seit der Winterpause Murphy's Law zu gelten. Im Umfeld rumort es, und vor der Partie gegen das ostdeutsche Fußballprojekt befeuern Teile der Anhängerschaft die Dissonanzen noch mit einem diskussionswürdigen Aufruf zum Stimmungsboykott.

Wie schon beim letzten Heimspiel gegen Leipzig soll das Stadion 19 Minuten schweigen - so der Wunsch der Ultras an den Rest der Anhängerschaft. So berechtigt die Kritik an der Eroberung des Fußballs durch Gestalten wie Dietrich Mateschitz und seiner Spießgesellen ist, so zweifelhaft ist die Strategie, die die Traditionalisten dagegen an den Tag legen. Der Stimmungsboykott, so er denn wirklich zustande kommt, ärgert den Gegner und die Business-Männer dahinter am allerwenigsten. Stattdessen schadet er dem eigenen Team, das in schwieriger sportlicher Lage fast ein Viertel des Spiels ohne Unterstützung auskommen muss. Nun ist der Vorwurf der Hardcore-Fraktion aus der Kurve an alle Blümchenfans gerne pauschal, dass sie ja sowieso "nichts verstehen". Dem sei von dieser Seite in diesem Fall ausdrücklich zugestimmt.

Ungewöhnlich turbulent ging es in Gladbach in der vergangenen Woche in Sachen Transfers zu. Dass es überhaupt Winteraktivitäten gab, ist für Borussenfans ohnehin fast schon ungewohnt. Dass es diesmal tatsächlich Wirbel am medial bis ins Unendliche gehypten "Deadline-Day" gab, kannte man so noch gar nicht. Die Rückkehr von Reece Oxford wurde zum Geduldsspiel, erst in wirklich letzter Minute wurde das Leihgeschäft erneuert. Der Engländer bleibt jetzt einige Wochen länger. Dem Vernehmen nach ist aber weder eine Verlängerung noch eine Kaufoption Teil des Deals. Hatte es ob der kurzen Laufzeit vor der Saison starke Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Leihe gegeben, registriert man jetzt schon fast erleichtert, dass Oxford noch für ein paar Spiele zur Verfügung steht. Das liegt zum einen an dessen sehr vernünftigen Auftritten vor der Winterpause, zum anderen an der mehr als ansgespannten Personalsituation bei Borussia. Noch erstaunlicher als das Hin und Her um Reece Oxford war am 31. Januar die Personalie Robert Gumny. Der junge polnische Außenverteidiger kam wie Kai aus der Kiste und verschwand auf mysteriöse Weise nach kurzer Zeit wieder in derselben. Einen Tag vor Schließung des Transferfensters wurde die Verpflichtung von Max Eberl öffentlich, wenn auch ohne Namensnennung, angekündigt. Und während Fans wie Journalisten noch eifrig googelten, was es denn mit diesem hoffnungsvollen Nachwuchskicker auf sich hat, platzte der Deal mit Lech Posen. Teuer wäre Gumny geworden, aber was bedeutet das in diesen Tagen des freidrehenden Marktes schon? Ob es nun wirklich ein lädiertes Knie war oder doch sich ungebremst erweiternde Eurozeichen in den Augen der Manager beim polnischen Erstligisten, Tatsache ist, dass das Geschäft nicht zustande kam. Gerade angesichts der ungewöhnlich offenen Ankündigung Eberls im Vorfeld scheint klar, dass da irgendetwas enorm schiefgegangen ist. Womöglich ist ein Vorgang wie dieser schlicht ein weiteres Indiz dafür, dass im Fußballbusiness im Jahr 2018 nichts mehr normal ist.

Zum Sport: Borussia plagt sich mit einer Verletztemisere ungekannten Ausmaßes. Fast mit Ansage hat es jetzt auch den unersetzlichsten Spieler im ganzen Kader erwischt: Oscar Wendt fällt auf unbestimmte Zeit aus. Unersetzlich ist der Schwede nicht unbedingt wegen seiner Leistungen, die waren in dieser Saison selten herausragend, meist aber ausreichend. Wendt ist aber der einzige gelernte Linksverteidiger, den Borussia hat. Dass es auf dieser Position keine wirkliche Alternative gibt, nachdem man vor der Saison Nico Schulz nach Hoffenheim abgegeben hat, wurde auch an dieser Stelle immer wieder kritisch bemerkt. Jetzt wäre dringend eine vonnöten. Wer Wendt am Samstag Abend und in den kommenden Wochen ersetzen kann bzw. ersetzen muss, kann man bisher nur spekulieren. Theoretisch kommen dafür alle Defensivkräfte mit Ausnahme von Jannik Vestergaard in Frage. Freilich ist keiner davon gelernter Linksverteidiger, nicht ein einziger ist überhaupt Linksfuß. Wird teilweise schon kritisch gesehen, dass es in der Innenverteidigung keinen geborenen "Linken" gibt, fällt das in der aktuellen Situation um so schwerer ins Gewicht. Sollte Borussia gegen Leipzig in der traditionellen Formation auflaufen, ist Tony Jantschke wohl der aussichtsreichste Kandidat für die Wendt-Vertretung. Sollte Dieter Hecking das gegen Frankfurt überraschend aus dem Hut gezauberte und nicht gerade geglückte Experiment Dreierkette wiederholen wollen, spricht viel für eine Kette aus Nico Elvedi, Jannik Vestergaard und Matthias Ginter. Den Platz im linken Mittelfeld, und mithin zumindest teilweise die Aufgaben des Linksverteidigers, könnte dann Jonas Hofmann einnehmen. Keine dieser Varianten hört sich, bei allem Respekt für die Beteiligten, wirklich beruhigend an. Dagegen beschleunigt der erzwungene Wechsel auf der Torhüterposition den Puls nur unwesentlich. Tobias Sippel hat sich bislang immer als zuverlässiger Ersatz für Yann Sommer erwiesen, zumal Sommer selbst bisher keine wirklich herausragende Saison gespielt hat. Wesentlich schwerer wiegt der erneute Ausfall von Raffael. Ohne den Brasilianer läuft bei Borussia vorne zuletzt wenig, zumal Lars Stindl erstmals seit er das Gladbacher Trikot trägt, eine Formkrise durchläuft und Thorgan Hazard weiterhin die Zuverlässigkeit abgeht. Dass Raul Bobadilla wieder eine Option für den Kader ist, sei hier wertfrei angemerkt.

Die Auftritte der Borussia seit dem Winter sorgen im Umfeld für weitere Unruhe. Die einen verweisen auf den Punktestand und das, was theoretisch nach oben weiterhin möglich ist, die anderen bekommen angesichts der Personalprobleme und der Darbietungen des Teams (Stichwort Eier) langsam die Flatter, ob man den Blick vielleicht in dieser Saison doch noch einmal vorsichtig nach unten richten sollte. Bei Borussia reagiert man äußerst dünnhäutig auf die Kritik. Max Eberl schilt Publikum und Medien, ob aus Berechnung oder aus dem Bauch heraus, ist von außen kaum zu bewerten. Ob der Sportdirektor sich und dem Verein damit auf lange Sicht einen Gefallen tut, wird man sehen. Dieter Hecking fährt mit seinem angeborenen Stoizismus auf jeden Fall sicherer.

Wie viel ruhiger geht es dagegen im Umfeld des Gegners vom Samstag zu. Das Produkt aus Leipzig performt nicht so, wie in der vergangenen Saison. Nach einer Schwächephase vor der Winterpause kam das Team mit einem Sieg gegen Schalke überzeugend aus den Startlöchern, konnte aber zuletzt weder in Freiburg noch gegen den HSV gewinnen - trotz spielerischer Überlegenheit. Auch Ralph Hasenhüttl hat mit Verletzungssorgen zu kämpfen. Mit Halstenberg und Forsberg fehlen seinem Team zwei Basisspieler. In Leipzig werden dennoch keine Grundsatzdiskussionen geführt. Sehr hilfreich ist für das Team um Fußballchefzyniker Ralf Rangnick, dass man es mit Kunden zu tun hat, nicht mit Fans. Wo Unterhaltungsbedürfnis statt Leidenschaft die Menschen ins Stadion lockt, fallen die Reaktionen moderater aus, wenn das Produkt mal nicht die gewohnte Qualität hat. Erst wenn die Mängel gravierend werden, muss man Sorge haben, dass sie andere Konsumentenentscheidungen treffen, wobei der Mangel an Konkurrenzprodukten im regionalen Umfeld den Machern in die Karten spielt. Und sollte die Qualitätskontrolle versagen und sich das schadhafte Produkt als irreparabel erweisen, startet man im Sommer halt eine Rückrufaktion, überlegt sich im Sommer einen Relaunch und bringt nach der WM ein runderneuertes Produkt auf den Markt. Aber so weit ist es noch lange nicht.

Mögliche Aufstellung

Borussia: Sippel - Elvedi, Vestergaard, Ginter, Jantschke - Kramer, Zakaria - Hofmann, Hermann - Stindl, Hazard

Leipzig: Gulacsi - Klosermann, Orban, Upamecano, Bernardo - Keita, Kamp - Sabitzer, Bruma - Poulsen, Werner

SEITENWAHL-Prognose

Christian Spoo: Verunsicherte und personell geschwächte Borussen können ihre spielerischen Qualitäten gegen Leipzig nicht ausspielen. Das Projekt gewinnt mit 2:0.

Michael Heinen: Borussia wird sich gegen einen stärkeren Gegner auch wieder steigern. Am Ende reicht es zwar nicht ganz zum Sieg, aber immerhin zu einem 1:1.

Claus-Dieter Mayer: Die Borussia überrascht sowohl den sächsischen Pseudoclub als auch seine eigenen Anänger mit einem überzeugendem 4:1-Sieg und wirft somit kurzfristig die Frage auf, ob man für ein Omelette wirklich Eier braucht.

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