Vieles wirkte bizarr an diesem 21. Dezember. Knapp 47.000 Zuschauer hatten sich zu dem vorweihnachtlichen und selbst für erfahrene Bundesliga-Zuschauer selten unwürdigen Ereignis eingefunden. Auf der Gladbacher Bank saß ein Trainer, der gute Miene zum bösen Spiel machen musste und seiner bereits beschlossenen aber auch längst überfälligen Ablösung entgegen blickte. Sein Nachfolger auf der Tribüne wurde bereits intensiv von der Presse ins Visier genommen und beobachtete seinerseits das Aufeinandertreffen von seinen Ex- sowie seinem zukünftigen Verein. Ein Trauerspiel, denn beide Kontrahenten hinkten ihren internationalen Ambitionen weit hinterher und spielten stattdessen gegen den Abstieg. Dabei präsentierten sich die Borussen derart verunsichert und blutleer, dass sich nach der erneut ernüchternden Heimniederlage so mancher fragte, ob die drei Punkte am Ende nicht bitter vermisst werden würden. Ganz so schlimm kam es dann am Ende doch nicht.

Am Samstag schließt sich für Dieter Hecking der Kreis. War er im Hinspiel noch um das Aufeinandertreffen mit dem Club herumgekommen, wird er nun erstmals auf den Verein treffen, mit dem er bislang seine größten Erfolge feiern konnte. Die Partie könnte brisant sein – zumindest auf dem Papier. Verliert Wolfsburg, muss man sich am letzten Spieltag dem Abstiegsendspiel im Hamburg stellen. Verliert die Borussia, sind europäische Gedankenspiele endgültig ad acta zu legen. An diese glauben allerdings sowieso nur noch die hartgesottenen Optimisten, bei denen die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt. Zu wankelmütig waren die Auftritte der Borussia, die Helmut Grashoff einst „seine launische Diva“ getauft hatte. Seit dem grautrüben Abend im Dezember hatte man sich zunächst in allen drei Wettbewerben in eine sehr gute, kaum erhoffte Ausgangsposition gebracht, um sich dann allzu leicht selbst um die Früchte der Arbeit zu bringen. Interessanterweise immer vor eigenem Publikum. Überhaupt scheinen die Fohlen ihren Heimnimbus verloren zu haben, denn abgesehen von einem 3:0 gegen Freiburg und einem 4:2 gegen Schalke waren die Heimauftritte in diesem Jahr allesamt eher trist. Das maue 1:1 gegen Augsburg vom vergangenen Wochenende gehörte da schon zu den positiveren Auftritten.

Umso überraschender ist da die Wandlung der einstigen Auswärtsdeppen. Das man sich überhaupt frühzeitig aus dem Abstiegskampf verabschieden konnte und zeitweise von Europa träumen durfte, hat man einer neuen Stärke auf des Gegners Platz zu verdanken. Leverkusen, Florenz, Köln, Mainz … all diese Erfolge kamen zu Zeitpunkten, als man das Team eher angeschlagen sah. Eine Mannschaft mit Comeback-Qualitäten, auch das ist die Borussia 2017. Wer nach den Gründen für derart schwankenden Darbietungen fragt, erntet zumeist nur ein Schulterzucken. Die Verletztenmisere wird da gerne genannt und auch das Fehlen von Führungspersönlichkeiten. Zumindest in diesem Punkt ist wieder etwas Optimismus angebracht. Das Lazarett der Fohlen lichtet sich langsam und so wird man am Samstag wohl wieder Namen wie Raffael, Hazard, Johnson und Kramer auf dem Spielberichtsbogen lesen können. Wunderdinge dürfen aber nicht erwartet werden, denn keiner dieser Spieler ist auch nur annähernd bei 100% und dürfte wohl nur für Kurzeinsätze zur Verfügung stehen. Zudem wussten ihre Vertreter die Abwesenheit mit deprimierender Regelmäßigkeit kaum zu nutzen um auf sich aufmerksam zu machen.

Wenig Werbung in eigener Sache machten auch die Akteure des VfL Wolfsburg. Egal ob unter Hecking oder Ismael, die Mannschaft bleibt ihren Fans einiges schuldig. Auch unter Andries Jonker blieb ein „Neuer-Besen-Effekt“ weitestgehend aus. Und so befreiten sich die Niedersachsen nie aus den Niederungen der Liga und stehen am Ende dort, wo sie leistungsmäßig hingehören. Dabei gibt der Kader, auch wenn das Geld der Konzernleitung nicht mehr so frei sprudelt wie in der Vergangenheit, deutlich mehr her als Abstiegskampf – zumindest auf dem Papier. In der Praxis zeigt sich hingegen, dass elf Individualisten noch lange kein Team bilden. Läuft es gut und gibt man den Norddeutschen Gestaltungsspielraum, sind sie ein schwer zu bespielender Gegner. Setzt man das Team hingegen unter Druck und geht gar in Führung, fehlt ein richtiges Aufbäumen und man ergibt sich emotionsfrei seinem Schicksal.

Das ist die Chance der Borussia, aber ob sie diese wahrnehmen kann ist völlig offen. Den die Wolfsburger bringen, allen Vorurteilen und dem Tabellenplatz zum Trotz, immer noch große Qualität auf den Platz. Mit blutleeren Auftritten wie gegen Augsburg, Frankfurt, Dortmund oder bayern wird man die Niedersachsen kaum in Verlegenheit bringen können. Der Elan von Hoffenheim, Köln oder Mainz ist hingegen eher geeignet, den Gastgebern schon früh die Lust am Spiel zu nehmen und vielleicht noch das letzte Fünkchen an Hoffnung aufrecht zu erhalten. Die Fans hätten es, unabhängig von dem wieder einmal lächerlichen Auftritt der Ultras, verdient, gegen Darmstadt keine bedeutungslose Partie zu erleben. Dabei könnte es der Borussia in die Karten spielen, dass mit Casteels und Rodriguez zumindest zwei Akteure fraglich sind und mit Bruma und Gerhardt zwei weitere wichtige Spieler fehlen. Spielentscheidend ist das allerdings sicherlich nicht. Borussia hat es selbst in der Hand. Ob sie es nutzen können, werden wir am Samstag Nachmittag wissen.

 

Wolfsburg: Benaglio - Jung, Knoche, Gustavo, Horn - Arnold, Guilavogui - Bazoer, Didavi, Ntep - Gomez

Borussia: Sommer - Elvedi, Christensen, Vestergaard, Schulz - Dahoud, Benes - Traoré, Hofmann - Hahn, Stindl

 

TIPPS:

Thomas Häcki: Ein kompliziertes Spiel, dessen Ausgang eigentlich kaum prognostizierbar ist. Ein Unentschieden wird es vermutlich nicht geben. Da die Borussia zuletzt den letzten Biss vermissen lies, wird es am Samstag vermutlich lange Gesichter geben. Nach dem 0:1 hat man in dieser Saison zwar schlimmeres abgewendet, aber auch die durchaus vorhandenen Chancen kontinuierlich nicht genutzt.

Michael Heinen: Die Wolfsburger sind derzeit ähnlich unberechenbar wie Borussia. Deswegen ist die Partie nahezu untippbar. Ich würde mir wünschen, dass die Auswärtsstärke erneut zum Tragen kommt. Ich fürchte aber, das 1:2 in der VW-Stadt begräbt auch die letzten Hoffnungen auf den europäischen Wettbewerb.

Claus-Dieter Mayer: Entgegen jeder Logik gewinnt die Borussia auf überzeugende Weise mit 3:1 in Wolfsburg. Dass endgültige Scheitern an der EL-Qualiikation ist damit auf das Heimspiel gegen Darmstadt verschoben, wird dann aber umso peinlicher und kläglicher. 

Christian Spoo: Borussia glaubt nicht mehr an sich. Wolfsburg macht den Klassenerhalt durch ein ungefährdetes 2:0 klar. 

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