Es gibt solche Tage: Du lässt beste Chancen liegen, gerätst mit der ersten Chance des Gegners direkt in Rückstand und wirst später brutal ausgekontert. Solche Spiele können immer passieren und sind kein Grund, um in Panik zu geraten. Problematisch wird es allerdings, wenn so etwas in zwei aufeinanderfolgenden Heimspielen nahezu deckungsgleich auftritt.

In den beiden Partien gegen die Hertha und gegen Wolfsburg ließ Borussia all das vermissen, wofür sie in den vorherigen 20 Partien gerühmt wurde und wodurch sie sich bis in die Spitzenplätze der Liga katapultierte:

Die sagenumwobene Heimstärke

Vor Berlin hatte Borussia den Vereinsrekord mit 12 gewonnenen Heimspielen in Folge eingestellt. Diese imposante Bilanz verschwieg aber, gegen welche Gegner sie zustande kam. Schalke, Leverkusen und Frankfurt waren von der Papierform die einzigen Topteams, die den Borussia-Park beehrten. Zum jeweiligen Zeitpunkt befanden sich allerdings alle drei Vereine in einer Krise und zumindest Bayer und die Eintracht waren weit von ihrer aktuellen Form entfernt. Zweifellos: Auch gegen Mannschaften wie Nürnberg, Düsseldorf oder Hannover muss man seine Hausaufgaben erledigen und die Konstanz, mit der diese Pflichtsiege eingefahren wurden, sind keine Selbstverständlichkeit. Es zeigt sich aber in den letzten beiden Heimspielen, wie auch beim Pokalaus gegen Leverkusen, dass sich Borussia mit Mannschaften auf Augenhöhe sichtlich schwer tut. Wenn diese defensiv kompakt stehen und vorne in der Lage sind, aus wenigen Chancen viel zu machen, findet die Elf von Dieter Hecking kaum Lösungen. Fällt das 0:1, spielt dies dem Gegner zusätzlich in die Karten.

Die Kaltschnäuzigkeit in der Offensive

Torchancen verdaddelt hat Borussia auch schon in erfolgreicheren Spielen aus der Hinrunde. Allerdings zeichnete es sie dort aus, trotzdem geduldig weiter zu spielen und irgendwann doch noch zuzuschlagen. Gleich 5x war es Alassane Plea, der mit dem wichtigen 1:0 den „Brustlöser“ markierte, der Borussia in den vergangenen beiden Heimspielen so bitter gefehlt hat. Schon in der Hinrunde war analysiert worden, dass die Effizienz dieses echten Torjägers der Mannschaft in den schwächeren letzten Jahren abging und sich dadurch ein nicht unwesentlicher Teil des neuen Aufschwungs erklärte. Diese Abhängigkeit vom Franzosen fällt Borussia jetzt vor die Füße, denn seit einigen Wochen befindet sich Plea in einer offensichtlichen Formkrise. Ohne ihn hat Borussia zwar immer noch eine Fülle hochkarätiger Offensivspieler, die alle für einen Treffer gut sind. Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor ist aber nicht ihre ausgeprägteste Eigenschaft. Umso wichtiger wird es für die kommenden Wochen sein, dass Plea seine Schwächephase überwindet und wieder zu alter Torgefahr findet. Eine Überlegung könnte es sein, ihn wieder ins Angriffszentrum zu beordern, wo die Chancen am höchsten sind, dass er seine Flaute beendet. Darüber hinaus sollten aber auch Topspieler wie Stindl oder Hazard den Anspruch haben, dieses aktuelle Problem zu lösen.

Die Stabilität in der Defensive

In Hälfte 1 ließ Borussias Defensive nur eine ernsthafte Torchance des Gegners zu. Dass diese wieder einmal unglücklich reingekrümelt wurde, ist bitter, kann aber vorkommen. Nicht entschuldbar sind hingegen die individuellen Fehler von Elvedi und Wendt bei den Toren 2 und 3, die auf diesem Niveau nicht passieren dürfen. Die bis vor kurzem beste Defensive der Liga hat so in den letzten drei Wochen 7 Treffer kassiert, nachdem sie zuvor in 6 aus 7 Partien ohne Gegentor geblieben waren. Dieter Hecking wird sich fragen müssen, wie sich dies erklärt und ob es ggf. mit seinen personellen Umstellungen zusammenhängt. Fabian Johnson und Christoph Kramer gehörten allerdings zuletzt noch zu den besseren Akteuren. Selbst der zuvor zurecht so hochgejubelte Ginter ist dagegen in den letzten Wochen zu einem Unsicherheitsfaktor geworden. Auch wenn das Kernproblem aktuell eher in der fehlenden Effizienz vorne besteht, so ist die defensive Stabilität die Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Spiel der Fohlenelf.

Dieter Hecking muss daher auf mehreren Ebenen ansetzen. Psychologisch muss er die Frage beantworten, ob die Mannschaft tatsächlich durch die öffentlichen Träumereien vom Meisterschafts-Dreikampf vernebelt wurde. So bitter die Heimniederlagen gegen direkte Konkurrenten gewesen sind. Zuletzt zeigte Borussia darauf stets eine gute Reaktion. Nach dem Pokalaus gegen Leverkusen folgten drei Siege in Folge. Dem 0:3 gegen Hertha schloss sich ein engagierter und (teil-)erfolgreicher Auswärtsauftritt in Frankfurt an. Bei allem aktuellen Frust darf nicht vergessen werden, dass Borussia bei der so bejubelten Eintracht das bessere Team war. Dieses Mal wartet mit den Bayern erneut ein hochkarätiges Kaliber auf die Mannschaft. Positiv immerhin: Durch die jüngsten Auftritte liegt die Favoritenrolle wieder eindeutig auf Seiten der Gäste – eine Ausgangssituation, die der Fohlenelf in den letzten Jahren gegen den Rekordmeister gut tat.

Von der Meisterschaft träumt inzwischen niemand mehr. Den Champions League-Platz zu verteidigen, das muss aber trotzdem der Anspruch sein, den diese Mannschaft nach dieser bislang so tollen Saison, an sich selbst stellt. Dies betrifft insbesondere Spieler wie Hazard, Sommer, Stindl, Plea, Kramer, Wendt oder Ginter, die zum Teil in ihre Nationalmannschaft streben oder Borussia gar als Sprungbrett für größere Vereine sehen.

Von der teilweise im Umfeld aufkommende Panik, den Vorsprung auf Platz 5 in den kommenden Wochen noch vollständig zu verspielen, sollte sich die Mannschaft nicht anstecken lassen. Mindestens 14 andere Bundesligisten beneiden Borussia um ihre Ausgangslage im Rennen um die Champions League-Plätze. Das dieses kein Selbstläufer wird, das sollte schon vor dem bitteren 0:3 vom Samstag klar gewesen sein. Die Mannschaft hat aber die Qualität und den Charakter, um aus den letzten Spielen zu lernen und in den kommenden Wochen wieder zu alter Form und Konstanz zurückzukehren. Am besten fängt sie damit gleich in der kommenden Woche gegen den dankbarsten aller möglichen Gegner an.

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