Die Erleichterung war greifbar. 78 Minuten lang hatte sich Borussia an der Augsburger Hintermannschaft die Zähne ausgebissen. In der ersten Halbzeit waren es vor allem Torwart Kobel, fehlendes Glück und ein gewaltiges Stück Unvermögen, die das einseitige Spiel torlos bleiben ließen. Im zweiten Durchgang wurde es zunehmend ermüdend. Die Augsburger Hintermannschaft bestand aus elf Spielern, Borussia fehlten sichtlich die Ideen, wie man dieses Bollwerk würde knacken können. Irgendwann zwischen der 60. und 70. Minute schien auch der Glaube etwas zu schwinden. Der Frust, nicht zum Ziel zu kommen, schien die Konzentration zu beeinträchtigen. Borussia wirkte zunehmend fahrig im Aufbau. Die viel postulierte Geduld, mit der man defensiv orientierte Gegner stets zu bespielen gedenkt, wurde knapp. Als sich auf den Tribünen gerade die Gewissheit breitzumachen schien, dass es nichts werden würde, mit dem neunten Heimsieg der Saison, da traf Oscar Wendt. Der Eindruck, knapp 42.000 Steine von knapp 42.000 Herzen fallen zu hören, erinnerte fast schon an 2011, damals, als de Camargo traf. Der Sieg gegen Augsburg war natürlich nicht halb so bedeutsam, aber dass Borussia in dieser Saison auch solche Spiele gewinnt, lässt nicht wenige Anhänger nach der Partie geradezu euphorisch werden. Eine Mannschaft, die in der einen Woche dem Leverkusener Sturmlauf standhält und in der anderen in einem ähnlich geartetes Spiel den eigenen Sturmlauf am Ende doch noch mit zwei Toren krönt, was soll der noch passieren?

Rational betrachtet vor alle eines: Den Faktor „Glück“ kann man bei der Frage, wie die sechs Punkte im Januar 2019 zusammengekommen sind, nicht herausrechnen. Davon abgesehen aber macht vor allem die stabile Defensivzentrale Mut. Gegen Augsburg waren Nico Elvedi, Matthias Ginter und Tobias Strobl nur selten gefragt, aber wenn, dann machten sie ihren Job zuverlässig. Über den Mann dahinter, Yann Sommer, muss man nicht viele Worte verlieren. Er hält im Moment, was zu halten ist und seine Mannschaft damit immer wieder im Spiel. Gegen Augsburg musste der Schlussmann im Grunde nur einmal wirklich sein Können zeigen – als er in der zweiten Halbzeit nach einem der wenigen Augsburger Konter einen Schuss von André Hahn entschärfte.

In der Defensive macht lediglich die rechte Position etwas Sorgen. Michael Lang hatte das Problem, dass er mit seinem Vordermann Ibrahima Traoré schon fast grotesk disharmonierte, was immer wieder zu Ballverlusten führte. Die ganze rechte Seite stellte im Grunde eine Einladung an den Gegner dar: „Versucht es hier“. Augsburg allerdings schien diese Einladung nicht lesen zu können oder zu sehr auf die Verteidigung des eigenen Tores bedacht, um sie anzunehmen. So, wie sich Lang in den letzte Partien präsentiert, sollte Dieter Hecking vielleicht darüber nachdenken, ob er mit einem sich auf das Wesentliche beschränkenden Tony Jantschke auf dieser Position nicht besser fährt. Andererseits war, das sei nicht vergessen, die Flanke von Michael Lang, die letzten Endes den Sieg einleitete. Vom bis dahin mehr als ordentlich haltenden Kobel direkt vor die Füße von Oscar Wendt gefaustet war das der eben beschriebene Moment der 42.000 fallenden Steine.

Borussias Offensive ein Zeugnis auszustellen, fällt nach einem Spiel wie diesem schwer. Für alle fünf nach vorne orientierten Spieler war es eine extrem undankbare Partie. Keiner von ihnen konnte glänzen, keinem kann man das Bemühen absprechen. Wenn keine Augsburger Beine dazwischen grätschten und im Grunde gut gedachte Pässe in vermeintliche Lücken abfingen, fehlten den Borussenstürmern sichtlich die Ideen, wie man sich durch das Bollwerk des Gegners spielen, kämpfen oder wuchten könnte. Man mag bei den Aktionen von Traoré oder Plea bemängeln, dass die Spieler im zweifelsfall die falsche Entscheidung trafen, gleichwohl möchte man einwenden, dass möglicherweise jede andere Entscheidung auch nicht erfolgreicher geendet wäre. Es war einfach verdammt schwer. Was fehlte, war der eine Geniestreich, die eine außergewöhnliche Aktion, wie sie in Leverkusen noch zum Erfolg geführt hatte. So blieben die Waffen der Borussia stumpf. Die Einwechslung von Michael Cuisance brachte an diesem Tag noch einmal etwas Leben ins Spiel, der junge Franzose war sichtlich daran interessiert, genau diese außergewöhnliche Aktion zu initiieren.  Borussia wurde mit Cuisance wieder gefährlicher. Vor dem 1:0 für das gegnerische Tor, danach für das eigene. Dazu gleich mehr. Es bedurfte eines Torwartfehlers, um doch noch in Führung zu gehen. Ein Tor, bei dem im Stadion niemand auf die Idee gekommen wäre, dass es an dessen Rechtmäßigkeit etwas zu diskutieren gäbe. Dass niemand auf die Idee „Abseits“ kam, liegt vor allem daran, dass die Situation ungewöhnlich und -übersichtlich war, insofern, als dass der Torwart nicht letzter Mann war. Dass Lars Stindl tatsächlich abseits stand, wird nach Ansicht der Bilder vom Tor niemand bestreiten. Die Frage „aktiv oder passiv“ wird man lange diskutieren können. Die Antwort wird sich wohl fast immer daran orientieren, welchem der gestrigen Gegner man eher in Sympathie zugeneigt ist. Will sagen: Kann man geben, muss man nicht geben. Von einem Skandal zu sprechen, wie der Augsburger Trainer Manuel Baum, ist bei allem verständlichen Ärger über die xte Niederlage und bei aller offenbar berechtigten Sorge um den eigenen Job dennoch ein wenig albern. In Augsburg machen sich am Tag nach dem Spiel Auflösungserscheinungen bemerkbar. Ex-Borusse Hinteregger demontiert im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk den eigenen Trainer in einer Art, die klar macht: Ab heute ist Augsburg zu klein für Baum und Hinteregger. Wie das ausgeht, bleibt freilich offen, weil sich Manager Reuter recht deutlich pro Baum positioniert hat. 

Von solchen Sorgen ist man in Gladbach so weit entfernt, wie man nur eben sein kann. Lehren aus dem Spiel sind wenige zu ziehen, Partien wie diese werden wir in dieser Saison vermutlich nicht mehr all zu viele sehen – schon weil es kaum mehr Heimspiele gegen Gegner der Kragenweite Augsburg gibt und weil die Teams aus dem unteren Tabellendrittel, die noch nach Gladbach kommen, nicht zum destruktiven Spiel neigen. So gehen wir der Frage, warum Traoré und nicht Herrmann nicht weiter nach und bemerken auch nur, weil weiter oben versprochen, dass Michael Cuisance nach dem 1:0 einen bemerkenswerten Mangel an Cleverness an den Tag legte, als er sich zu keinem Zeitpunkt bemühte, die Bälle vorne einfach mal zu sichern und nach einem tölpelhaften Ballverlust ein noch tölpelhafteres Foul vor dem eigenen Strafraum verübte, dass ihm zu Recht die Gelbe Karte einbrachte und dass nur deswegen folgenlos blieb, weil Augsburg es für eine gute Idee hielt, einen slapstickhaften Freistoßtrick zu probieren, anstatt das Ding einfach aufs Tor von Yann Sommer zu knallen. Und da das der vermutlich längste Satz ist, der bei SEITENWAHL seit dem Ausscheiden des hochgeschätzten Thomas Zocher je geschrieben wurde, machen wir jetzt einen Punkt. Sagen noch „Danke Patrick Herrmann“, wünschen uns einen Rentenvertrag für den Mann mit der 7.  Und freuen uns noch ein bisschen. 

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