Der 26. April 1986 beendete eine englische Woche, die in die Bundesliga-Geschichte eingehen sollte. 4 Tage zuvor hatte Michael Kutzop die Mutter aller Pfosten-Elfermeter geschossen und Werder Bremen damit die vorzeitige Meisterschaft verpasst. Dass Borussia zeitgleich mit einer Heimniederlage gegen Bayer Uerdingen vor 10 500 (!!!) Zuschauern am Bökelberg den dritten Platz abgeben musste, interessierte kaum einen: Das Drama von Bremen war DAS Thema, das in jener Woche alle Fuβballfans bewegte. Aber noch war ja nichts verloren. Werder hatte zwar das schlechtere Torverhältnis aber 2 Punkte Vorsprung vor den Münchenern; ein Unentschieden in Stuttgart hätte Otto Rehagels Mannen schon gereicht. Und die Bayern hatten ja parallel auch ein schweres Heimspiel gegen Gladbach, damals bestückt mit Spielern wie Bruns, Frontzeck, Krauss, Rahn, Hannes, Hochstätter, Mill, Criens oder Pinkall und regelmässig europäisch vertreten. Auf der Trainerbank beim VFL saβ seit schon 7 Jahren ein gewisser Jupp Heynckes, der seine Spieler sicher motivieren würde die erneute Meisterschaft des Erzrivalen zu verhindern. Nun ja, für Bremen ging alles schief, was schief gehen konnte. Man selbst verlor in Stuttgart und die Hoffnung auf Gladbach erwies sich auch trügerisch: Die Heynckes Elf liess sich ohne gröβere Gegenwehr mit 6:0 in München abschlachten.

Für mehr als 3 Jahrzehnte sollte dies der peinlichste Auftritt eines Gladbachteams bei den Bayern bleiben. In den letzten 13 Jahren gab es keinen Bayernsieg mit mehr als 2 Toren Differenz gegen die Fohlen, zweimal gelang der Borussia gar ein Auswärtssieg. Gladbach wurde fast zu so etwas wie einem Angstgegner der Münchener, was der Sieg im Hinspiel noch unterstrich. Mit einer nach passablem Anfang nicht nur harmlosen sondern zum Teil schon jämmerlichen Leistung schafften es die Gladbacher Spieler am Samstag  die Bayern jedoch von aller Angst vor der Borussia zu kurieren. Wir ersparen es uns selbst und unseren Lesern hier noch einmal, en Detail das ganze Grauen vor allem der zweiten Halbzeit dieses Spiels aufzuarbeiten. Es reicht vollkommen, sich einer Szene zu erinnern: Jenes 4:1, welches Alaba mit einem zugegenermassen schönem Fernschuss erzielte, bei dem aber die Gladbach Spieler wirkten wie menschliche Slalomstangen die für eine Trainingseinheit in den Rasen der Allianz-Arena eingepflanzt worden waren.

Nun haben schon ganz andere Teams in München eine Klatsche bekommen (Besiktas Istanbul und Borussia Dortmund sind zwei prominente Namen, denen dies in den vergangenen Monaten passierte), insofern kann man argumentieren, dass nicht die hohe Niederlage erstaunlich ist, sondern die Tatsache, dass Borussia solch eine über viele Jahre verhindern konnte. Auch kann es immer mal passieren, dass ein Team kollektiv versagt, so wie es die Borussia am Samstag tat. Die 86er Truppe z.B. erlitt keinen bleibenden Schaden dadurch sondern holte im Folgejahr einen guten dritten Platz. Der Grund warum man dieses Spiel aber auf keinen Fall mit „Kann passieren, Mund abwischen“ abhaken kann, ist, dass es halt kein Ausrutscher ist, sondern vielmehr perfekt in das Bild passt, welches die Borussia 2017/18 abgibt.

Zum einen gibt es da immer wieder Anzeichen des Potentials, welches eigentlich vorhanden ist. In diesem Spiel zeigte sich das in den ersten 10 Minuten, in denen man sich – unter Mithilfe einer extrem verhalten beginnenden Bayernelf – klare Vorteile erspielt, wie es sonst kaum einer Mannschaft in München gelingt. Taktisch agierte man sehr variabel mit einer Mischung aus 3-5-2 (in der Vorwärtsbewegung) und 4-4-2 (in defensiven Situationen), lieβ den Ball gut laufen und spielte letztendlich auch ein schönes Tor heraus.

Umso unverständlicher jedoch, wie man danach zum wiederholten Male in dieser Saison nach Führung die Spielkontrolle abgab. Es war keineswegs so, dass die Bayern unmittelbar nach dem Gegentor ein wütendes Pressing fuhren, sondern eher von der Borussia eingeladen wurden jetzt doch mal etwas mehr fürs Spiel zu tun. In einem Heimspiel gegen den HSV kann sowas gut gehen (eine gute Idee war es aber auch da nicht), bei den Bayern jedoch kaum. Auch die Tatsache, dass die Borussia nun schon zum dritten Mal in dieser Spielzeit in einem Spiel komplett zusammengebrochen ist, deutet an dass irgendetwas im Team gewaltig nicht stimmt.

Fans haben typischerweise ein gutes Gefühl für den Gemütszustand ihres Clubs. Oft solidarisieren sie sich gerade in Krisenphasen mit dem Team; das Absingen von „You’ll never walk alone“ bei Katastrophenspielen hat eine gewisse Tradition. Dass man in Mönchengladbach im Moment meilenweit weg von solch einer „wir halten zusammen“-Mentalität ist, liegt nicht daran, dass die Anhänger den Verein im Stich lassen, sondern eher im Gegenteil daran, dass sie sich seit geraumer Zeit im Stich gelassen fühlen. Das betrifft Nichtleistungen der Mannschaft  wie der in Halbzeit 2 in München, wie auch  so manchen Kommentar Max Eberls über angeblich verwöhnte Eventfans oder auch die Spielerreaktionen nach Fanprotesten in der Vorwoche angesichts des sehr glücklichen Sieges gegen Berlin.

Wenn es (neben des Comebacks von Tobias Strobl) einen positiven Aspekt an diesem Spiel gibt, dann den, dass es diesmal kaum noch eine Möglichkeit gab, etwas schön zu reden . Sowohl Max Eberl, der die Leistung „beschämend“ fand als auch Dieter Hecking („ Das war einfach zu wenig, und darüber wird auch noch zu reden sein") fanden relativ klare Worte. Allerdings hat man zumindest als Aussenstehender das Gefühl, dass die Gladbacher Schwierigkeiten in dieser Saison  über mangelnde Moral der Mannschaft hinausgehen, sondern diese eher ein Symptom tiefergreifender Probleme (Kaderstruktur? Sportliche Leitung?) ist, die es im Sommer aufzuarbeiten gilt.

Keineswegs erfreulicher als die sportlichen Leistungen der Borussia sind die Schlagzeilen, die es in letzter Zeit über die Fans der Mannschaft gibt. Fiel man vor einigen Wochen auf dem Rückweg aus Hannover negativ durch Plünderungen in einem Supermarkt  und der Behinderung der Polizeiarbeit nach einem exhibitionistischen Vorfall im  Sonderzug auf, so ist die Nachricht, dass es auf der Rückfahrt des Fanzugs aus München zu einer Vergewaltigung einer jungen Frau gekommen sei, noch ein Stück schockierender und beschämender. Natürlich kann man nicht eine komplette Fanszene für die kriminellen Verbrechen Einzelner verantwortlich machen, aber diese Vorfälle deuten an, dass es eine Kultur gibt, Auswährtsfarten als rechtsfreie Zone anzusehen, in der vieles/alles erlaubt ist. Auch die „unschuldige“ Mehrheit in der Fanszene sollte sich Gedanken Machen, ob und wie sie eventuell zu dieser Kultur beiträgt.

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