Es wird laut, als er das Stadion betritt. Vielleicht zu laut für seinen Geschmack. 50.000 Augenpaare folgen ihm, als er zur Trainerbank schreitet. Doch es ist nicht die Hertha-Bank zu der er geht. Der Bank, auf der er noch vor einem halben Jahr Platz genommen hätte. Von welcher er eineinhalb Jahre lang die Geschicke des Hauptstadt-Clubs lenkte und den Verein aus den Niederungen der zweiten Liga in das Mittelfeld der Bundesliga führte. Wo er Erfolge feierte und den Anhängern von Hertha BSC die Hoffnung vermittelte, dass der überraschende Abstieg 2010 tatsächlich nur ein Betriebsunfall gewesen sei. Ein gellendes Pfeifkonzert ergießt sich über ihn. Unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen, welche seine Rückkehr erwartet haben, versucht der Mann möglichst nicht nervös zu wirken. Doch so ganz gelingt es ihm nicht. Am 34ten Spieltag der Saison 2011/12 kehrt Markus Babbel mit der TSG Hoffenheim nach Berlin zurück. Doch es ist keine triumphale Rückkehr.


Um zu verstehen, warum die Emotionen an diesem Tag im Mai hochkochen, muss man ein halbes Jahr zurückgehen. Zu diesem Zeitpunkt war Markus Babbel noch Trainer bei Hertha BSC. Ein erfolgreicher Trainer. Nach dem sowohl überraschenden wie auch desolaten Abstieg übernahm er im Sommer 2010 das Team von der Spree, gestaltete es um und schaffte den sofortigen Wiederaufstieg. Dies kam zwar nicht unbedingt überraschend, schließlich hatte man es allen Unkenrufen zum Trotz geschafft, Leistungsträger wie Raffael oder Ramos zum Verbleib zu bewege. Die Dominanz, mit der man das selbstgesteckte Ziel erreichte, beeindruckte dann aber doch. Weit davon entfernt, am Transfermarkt große Sprünge machen zu können, wurde das Team punktuell verstärkt. Zunächst erfolgreich. Und so präsentierte sich eine Mannschaft, welche zwar den typischen Lernprozess eines Aufsteigers erlebte, aber mit Überraschungssiegen wie in Dortmund oder Wolfsburg durchaus aufhören lies. Man schien einen Trainer gefunden zu haben, welcher den lange benötigten Neuaufbau gewährleisten konnte. Doch hatte die Personalie ein Manko: Markus Babbel war ein Trainer mit auslaufendem Vertrag.

Natürlich war man bei der Hertha sehr interessiert, dieses Manko auszumerzen. Leider hatte sich Babbel aber irgendwann in dieser Zeit entschieden, seinen Vertrag eben nicht zu verlängern und die Hertha am Saisonende zu verlassen. Über seine Gründe wurde in der Folge viel spekuliert. Doch es ist schlichtweg egal, ob für seine Entscheidung familiäre Probleme, amouröse Eskapaden, Zwistigkeiten mit der Vereinsführung oder schlichtweg der Wunsch, sich zu verändern den Ausschlag gab. Fakt war, dass die Person, mit der der Aufbau Hertha verbunden wurde nicht verlängerte. In der Folge entstand ein Chaos, beflügelt durch die mediale Unfähigkeit der Vereinsführung, mit diesem Thema umzugehen. Ein Chaos an dessen Ende das Tischtuch zwischen allen Parteien unter gegenseitigen Schuldzuweisungen soweit zerschnitten war, dass die Ära Babbel vorzeitig beendet wurde. Von der hierbei entstandenen Unruhe hat man sich nie wieder erholen können. Es ist deutlich sichtbar, dass der Abstieg der Hertha hier seinen Anfang nahm.

600 Kilometer entfernt dürfte man in Mönchengladbach diesen Niedergang durchaus interessiert wahrgenommen haben. Die Tatsache, dass der Mann, welcher die letzte Glanzzeit der Berliner herbeigeführt hatte, nun seine Zelte am beschaulichen Niederrhein aufgestellt hat, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Lucien Favre kann auf erfolgreiche eineinhalb Jahre zurückblicken. Er hat ein Team, welches eigentlich schon abgestiegen schien, neu geordnet und sensationell in die Champions-League Qualifikation geführt. Erstmals seit 16 Jahren darf man sich nun auch außerhalb von Vorbereitungsspielen wieder auf internationale Gegner freuen. Auch die Art und Weise des Erfolges war aufsehenerregend. Die neu erworbene Spielkultur versetzte nicht nur Fans in Staunen. Es ist zweifelsfrei, dass dieser Fortschritt eng mit dem Namen Favre verbunden ist. Doch leider hat auch Lucien Favre ein Manko: Er ist ein Trainer mit auslaufenden Vertrag. Man ist an der Hennes-Weisweiler-Allee durchaus bemüht, dieses Manko zu beseitigen. Bislang ohne Ergebnis. Noch ziert sich Favre, einer Verlängerung sein Ja-Wort zu geben und liefert damit reichlich Raum für Spekulationen.

Es heißt, seine Berliner Zeit habe ihn geprägt, als er nach einem ähnlichen Husarenritt nur wenige Wochen später hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurde. Objektiv gesehen ist das Unsinn. Fakt ist vielmehr, dass man die Situation der Hertha von damals nicht mit der heutigen von Gladbach vergleichen kann. Finanziell fehlten in Berlin die Mittel, die abwandernde Achse Simunic, Voronin und Pantelic zu ersetzen. In Mönchengladbach hat man hingegen bereits früh deutlich gemacht, dass man bereit sei, die Einnahmen aus dem Reus-Transfer zu reinvestieren. Mit dem Erwerb von Xhaka wurde der erste Transfer getätigt. Es darf angenommen werden, dass dies nicht die letzte Investition in Qualität war. Dies relativiert auch die Spekulation, der Erfolg der Borussia sei nicht mehr wiederholbar und daher wäre der Zeitpunkt der Trennung ideal. Richtig ist, dass mit Reus und Dante zwei herausragende Akteure den Verein verlassen haben. Es wird nicht einfach sein, diese Lücken zu füllen. Doch steckt in diesen Abgängen auch die Chance, den Kader qualitativ breiter aufzustellen und damit Leistungsschwankungen zu reduzieren. Es wäre sicherlich nicht auszudenken gewesen, wären die beiden Akteure langfristig ausgefallen. Mit den Einnahmen aus den Transfers kann diesem Risiko nun begegnet werden. Richtig ist auch, dass die Borussia lange Zeit Leistungen erbrachte, die ihr nicht unbedingt zuzutrauen waren. Ob dieser Erfolg wiederholt werden kann, erscheint fraglich. Allerdings erwartet dies auch kaum jemand. Von der sportlichen Leitung wurde immer wieder betont, dass ein Kader zusammengestellt werden müsse, der auch das Verfehlen der internationalen Qualifikation verkrafte. Natürlich hat niemand etwas dagegen, im nächsten Jahr wieder unter den besten sechs Mannschaften zu landen. Pflicht ist es hingegen nicht. Der kontinuierliche Aufbau steht weiterhin im Vordergrund und dies wird auch offen kommuniziert. Insofern dürfte der Druck des diesjährigen Erfolges für die Zukunft erträglich sein.

Doch der Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Und so verwundert es auch nicht, dass Lucien Favre bereits in den Blickpunkt größerer Vereine gerückt ist. Das Interesse eines bajuwarischen Clubs wird immer wieder erwähnt. Und auch jenseits der Grenze dürfte man auf den frankophonen Schweizer aufmerksam geworden sein, spätestens wenn die Qualifikation zur Champions League gelingen sollte. Und so kann der Wunsch nach einer neuen sportlichen Herausforderung durchaus nachvollzogen werden. Dies ist legitim. Ob ein solcher Schritt auch klug ist, steht hingegen auf einem andern Blatt. In Mönchengladbach hat sich Lucien Favre Kredit erworben. Dass er in Ruhe gestalten kann, liegt aber auch an einem Umfeld, welches ihm diese Spielräume zugesteht. Ein Umfeld, das eine klare Vorstellung vom weiteren Werdegang des Vereins hat und bereits bei Michael Frontzeck bewiesen hat, dass man auch bei temporärem Misserfolg nicht sofort den Automatismen der Branche verfällt. Das Lucien Favre diesen Raum auch bei anderen Vereinen vorfindet, ist schwer vorstellbar, wenn auch nicht undenkbar. Letztendlich  wäre ein Wechsel insofern ein Wagnis, als dass er bei einem Scheitern schnell in die Schublade des kurzzeitig erfolgreichen Trainers geraten könnte. Zuweilen ist der Abstand zwischen einem großen Trainer und einem ewigen Talent eine Nuance. Es bleibt Favre überlassen ob er dieses Risiko gehen will. Derzeit kann man sich aber des Eindrucks nicht erwehren, als ob seine Arbeit in Mönchengladbach noch nicht vollendet ist.

Für die Borussia ist es wichtig, Sicherheit über diese Dinge zu haben. Keinesfalls darf sich der Verein auf das Risiko einlassen, die Personalie des Trainers erst im Laufe der kommenden Spielzeit zu klären. Trainerdiskussionen bringen immer ein gehobenes Maß an Unruhe mit sich. Unruhe die sich ein Verein zwischen den Spielen nicht erlauben darf. Hertha BSC gibt hier ein warnendes Beispiel ab. Entscheidet sich der Trainer dann gegen den Verein, besteht immer die Gefahr, dass er sich in der Folge als eine „lame duck“ erweist, unabhängig davon, wie professionell er sein Engagement beenden will. Dies zeigt deutlich, dass die Position eines Trainers nicht vergleichbar mit der eines Spielers ist. Zu zentral ist sein Einfluss auf Taktik und Spielkultur. Neben der Gestaltung des zukünftigen Kaders steht man in Mönchengladbach somit auch vor der Aufgabe, ein klares Bekenntnis des Trainers einzufordern. Mit allen Konsequenzen. Dies ist Voraussetzung dafür, auch weiterhin den erfolgreich eingeschlagenen Weg der Kontinuität fortzusetzen.

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