Die Vorrunde der Weltmeisterschaft ist vorüber und hat mit der deutschen Nationalmannschaft ihren größten Verlierer hervorgebracht. Einer der Gewinner der ersten Turnierwochen ist dagegen der VAR, was für den DFB fast noch peinlicher ist als das sensationelle Ausscheiden seines Auswahlteams. Während es nämlich in der Bundesliga nach inzwischen zwei Testjahren noch immer nicht gelungen ist, die Videounterstützung transparent und effizient umzusetzen, macht ausgerechnet die so oft zurecht kritisierte FIFA vor, wie es geht. Und das mit Schiedsrichtern, die den VAR bei diesem Turnier oft zum ersten Mal nutzen und nur wenige Wochen geschult wurden.

Das System VAR funktioniert

Die FIFA hat am gestrigen freien Tag einige Zahlen veröffentlicht, um den Zwischenerfolg des VAR statistisch zu untermauern. So wurden 335 Sachverhalte kontrolliert, darunter alle 122 Tore. Insgesamt 17 Mal habe der VAR eingegriffen, wobei er die Entscheidungen des Feldschiris 14 Mal korrigierte. Die Quote der korrekten Schiedsrichter-Entscheidungen sei dadurch von 95 % auf 99,3 % gestiegen.

Die Einschätzung, welche Entscheidung korrekt gewesen sein mag, kann je nach Stimmungslage der betroffenen Fans, schwanken. Die reinen Zahlen waren auch für die Bundesliga im vergangenen Jahr gleichermaßen positiv. Dennoch wird selbst der skeptischste Fußballfan nicht bestreiten können, dass der VAR bei der WM bislang deutlich besser funktioniert als in der Bundesliga. Ursächlich hierfür ist, dass die FIFA genau das umgesetzt hat, worüber der DFB bislang nur geredet hat. Seit der letzten Winterpause hieß es nämlich in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise, dass die Entscheidungen den Fans transparenter dargestellt und dass nur noch eindeutige Fehlentscheidungen vom Video-Schiedsrichter korrigiert werden sollen. In der Rückrunde lief es dann immerhin etwas weniger holprig als zuvor. Es war aber weiterhin keine klare Linie zu erkennen, nach der sich die Schiedsrichter orientierten und die Stadionfans wurden bis zum Saisonende in relevanten Situationen dumm gehalten.

Die WM zeigt da ein deutlich anderes Bild. Den Zuschauern wird sowohl im Stadion als auch am TV transparent aufgezeigt, welche Szene warum überprüft und wie schlussendlich entschieden wird. Die oftmals chaotische Verunsicherung aus der Bundesliga war in Russland bislang kaum zu erkennen. Noch wichtiger aber: Die Eingriffsschwelle für den Eingriff des Video-Assistenten ist bei der WM tatsächlich sehr hoch. Dadurch wurden einige strittige Szenen zwar nicht korrigiert, aber dafür führte der relativ seltene Eingriff des Schiedsrichters fast ausnahmslos zu besseren und zumeist eindeutig richtigen Entscheidungen – was der öffentlichen Akzeptanz des neuen Instruments sehr gut tat. Exemplarisch sei hier z. B. auf die erst vom VAR aufgedeckte Neymar-Schwalbe gegen Costa Rica verwiesen oder auf den wichtigen Siegtreffer der Schweden gegen Südkorea durch einen nachträglich vorgenommenen Elfmeterpfiff.

Der VAR sorgt für mehr Sicherheit

Es gab auch bei dieser WM schlechte Schiedsrichter-Entscheidungen und schwer nachvollziehbare Eingriffe des VAR. Und es wird sie auch im weiteren Turnierverlauf noch geben. Insgesamt fällt aber auf, dass die Schiedsrichter-Leistungen bei dieser Weltmeisterschaft bisher so gut sind wie selten zuvor. Man erinnere sich an die beinahe skandalösen Leistungen bei der WM 2002 in Südkorea. Auch in den nachfolgenden Weltmeisterschaften standen die Schiedsrichter regelmäßig in der Kritik. So korrupt die FIFA sein mag: Vor dieser WM hat sie in Sachen Schiedsrichter-Betreuung und -Einweisung einiges richtig gemacht. Wahrscheinlich nicht zuletzt ein Verdienst des neuen Chefs der Schiedsrichter-Kommission Pierluigi Collina, der schon zu seiner aktiven Zeit der vielleicht beste Schiedsrichter aller Zeiten gewesen ist.

Die meisten Schiedsrichter wirken in ihrem Auftreten deutlich souveräner als es bei vorangegangenen Turnieren der Fall war. Dies dürfte ebenfalls zum Teil mit dem VAR in Verbindung stehen. Wenn dieser eine Zusatzabsicherung bietet, dass er die ganz großen Fehler mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit unterbindet, so bietet er dem Spielleiter auf dem Feld zusätzliche Sicherheit.

Wie anders dagegen das Bild in der Bundesliga, wo sich viele Schiedsrichter durch die Diskussionen rund um den VAR sichtlich verunsichern ließen. Es zeigt sich: Wie der VAR umgesetzt wird, hat auch indirekt gewaltigen Einfluss auf die Entscheidungsqualität der Schiedsrichter.

Der VAR wird immer umstritten bleiben

Trotz allem, was bislang positiv läuft, wird es niemals möglich sein, die Kritik an der Video-Technik vollkommen verstummen zu lassen. Schiedsrichter-Entscheidungen sind seit jeher eine höchst emotionale Angelegenheit, die im Fußball oft sehr gravierende Auswirkungen haben. Zudem hat jeder Fan eine höchst subjektive Einstellung darüber, wie ein Foul von oder an einem seiner Spieler zu ahnden ist. So ist es kein Wunder, dass z. B. die Trainer der ausgeschiedenen Teams aus Ägypten oder Iran dem VAR die Schuld zu geben versuchten – wer mag es ihnen verdenken, wo gemeinhin der Trainer das schwächste Glied ist, der nach einem frühzeitigen WM-Aus fast immer seinen Job verliert. Abgesehen davon, dass diese beiden Nationen nun wahrlich nicht an den Schiedsrichtern gescheitert sind. Diese Emotionalität darf nicht der Maßstab sein, an dem der VAR objektiv gemessen wird.

Abseitsfehler gehören weitgehend der Vergangenheit an

Wie sinnvoll der VAR in der gezeigten Form sein kann, verdeutlichte sich in einigen weiteren spielentscheidenden Situationen. Dank der kalibrierten Linien sind Abseitsstellungen inzwischen eindeutig aufzulösen. Die Deutschen mussten dies gegen Südkorea leidvoll erfahren, als das 1:0 der Asiaten zunächst wegen vermeintlicher Abseitsstellung zurückgepfiffen wurde und sich kurz darauf herausstellte, dass der Ball von Toni Kroos gespielt worden war. Auch die Spanier können sich beim VAR bedanken – und dies gleich doppelt. In der Nachspielzeit des finalen Spiels gegen Marokko korrigierte ausgerechnet der streitbare Felix Zwayer den Feldschiedsrichter, der auf Anraten des Assistenten fälschlicherweise eine Abseitsstellung gesehen haben wollte. Dass Iago Aspas hier nur wenige Millimeter hinter dem marokkanischen Abwehrspieler stand, spielte dabei keine Rolle. Bei Abseits gibt es dank der kalibrierten Linien kein klar oder deutlich mehr, sondern nur noch ein eindeutig richtig oder falsch. In diesem Fall stand der Spanier eindeutig nicht im Abseits, sodass der VAR mit vollem Recht einschritt. Die Spanier hatten bereits im vorherigen Gruppenspiel das Glück, dass dem Iran ein Abseitstor korrekterweise zurückgepfiffen wurde, sodass das knappe 1:0 bis zum Ende Bestand hatte. Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit wäre der einstige Weltmeister ohne VAR bereits in der Vorrunde durch zwei krasse Fehlentscheidungen ausgeschieden, die zum Glück aber durch die TV-Bilder korrigiert werden konnten.

Die Handregel bleibt ein Ärgernis

Probleme bereiten den Schiedsrichtern wie dem VAR weiterhin primär alle Entscheidungen, die mit der unsäglichen Handregel zu tun haben. Beim Spiel Portugal gegen Iran z. B. wurde ein Handspiel der Südeuropäer gepfiffen, das nicht als absichtlich hätte gewertet werden dürfen. Ein Eingriff des VAR in dieser maximal streitbaren Szene war in jedem Fall verkehrt, wenn man den Maßstab der hohen Eingriffsschwelle bei diesem Turnier berücksichtigt. Auch die Australier bekamen gegen Dänemark einen Handelfmeter zugesprochen, der nicht so eindeutig war, um hier einen Eingriff von außen zu rechtfertigen. Fehler wie diese werden auch in Zeiten des VAR weiter passieren – und dies ganz besonders bei der schwammigen Handregel, die schon seit Jahren den Fußballsport malträtiert. Gladbach-Fans könnten ganze Bücher mit diesbezüglichen Anekdoten füllen. Hier sollten FIFA und DFB noch einmal in sich gehen und die Eingriffsschwelle des VAR noch weit höher ansetzen. In 80 % der Fälle lässt sich jede Hand-Entscheidung mit den üblicherweise herangezogenen Tatbeständen irgendwie rechtfertigen. Ein VAR-Eingriff, der den Feldschiedsrichter korrigiert, sollte daher idealerweise nur dann erfolgen, wenn wirklich überhaupt kein Zweifel besteht, dass der Spieler die Hand absichtlich eingesetzt hat, z. B. um ein klares Tor zu verhindern.

Der Traum von der einheitlichen Linie kann sich nie erfüllen

Beim Spiel Argentinien gegen Nigeria machte es der ansonsten wenig souveräne Schiedsrichter Cakir in diesem Punkt besser, indem er einen Hinweis seines Videoassistenten aktiv überprüfte und beim Handspiel von Rojo zurecht nicht auf strafbares Handspiel entschied. Hier bestand der Fehler eher darin, dass der VAR überhaupt eine Überprüfung empfahl. Die Szene ähnelte jener aus dem Portugal-Spiel einen Tag zuvor und machte damit auf ein altbekanntes Ärgernis aufmerksam, das von VAR-Gegnern immer wieder gerne angeführt wird: Es bestünde keine einheitliche Linie beim Eingriff des VAR, sodass dieser ein Element der Willkür sei.

Das ist grundsätzlich korrekt, sollte aber niemanden wirklich überraschen. Zum einen gibt es nur selten zwei vollkommen identische Situationen. Noch wichtiger aber: Jeder Mensch hat eine eigene subjektive Wahrnehmung und es ist zu viel verlangt, dass alle Schiedsrichter für alle Situationen immer jeweils die gleiche Wahrnehmung haben sollen. Auch die Einschätzung des VAR, was aus seiner subjektiven Sicht eine „klare Fehlentscheidung“ ist, wird sich nie zu 100% vereinheitlichen lassen. Die Schiedsrichter sollten so geschult werden, dass sie dem theoretischen Optimum einer vollkommen einheitlichen Regelauslegung möglichst nahe kommen. Solange Menschen entscheiden, wird es aber immer Unterschiede geben, die es aber ebenfalls ohne VAR gibt. So werden manche Fouls vom einen Schiedsrichter als strafbar angesehen, während andere Referees eine weniger strenge Linie fahren und vergleichbare Fouls ungeahndet lassen.

Was den Video-Assistenten angeht, so wird zu akzeptieren sein, dass auch dieser letztlich nur subjektive Einschätzungen nach möglichst objektiven Maßstäben vornehmen kann – dies aber auf Basis besserer Informationen und dadurch mit einer weit höheren Erfolgswahrscheinlichkeit.

Die Qualität der Schiedsrichter entscheidet

Letztlich steht und fällt die Entscheidungsqualität mit der Qualität der Schiedsrichter. Insgesamt ist diese bei dieser WM erstaunlich hoch. Es gab aber mit Wilmar Roldan Perez ein markantes Negativbeispiel. Der Kolumbianer fiel schon bei seinem ersten Auftritt zwischen England und Tunesien mit inkonsequenter Linie auf. Den Afrikanern sprach er einen strittigen Elfmeter zu – immerhin kein so eindeutiger Fehler, als dass der VAR hier hätte eingreifen müssen. Bei Perez zweitem Spiel zwischen Saudi Arabien und Ägypten nutzte er dann aber die Videounterstützung und lag bei mindestens einem der zwei Elfmeter, die er den Arabern zusprach, daneben. Es war sicher kein Zufall, dass der Referee nur noch für diese sportlich unbedeutende Partie eingeteilt wurde. Schon 2014 war er bei der WM negativ in Erscheinung getreten, als er den Mexikanern gegen Kamerun zwei korrekte Tore aberkannte.

Auch der DFB wird sich und sein Schiedsrichter-Team hinterfragen müssen, denn in der abgelaufenen Bundesliga-Saison wurden trotz Nutzung der Fernsehbilder einige offensichtliche Fehler begangen, die einem geschulten Auge niemals hätten unterlaufen dürfen. Das System VAR kann letztlich nur so gut sein wie die Menschen, die es umsetzen. Hier zeigt die WM – mit wenigen Ausnahmen – dass gute Schiedsrichter selbst mit wenig VAR-Erfahrung und nur kurzer Schulung ein gleichermaßen gutes Bild abgeben. Selbst wenn noch einige Spiele bei diesem Turnier zu spielen sind und in der emotionaleren K.O.-Phase die (ggf. strittigen) Entscheidungen der Schiedsrichter und des VAR noch viel stärker in den Fokus geraten werden, kann jetzt schon festgehalten werden, dass das System funktioniert. Zudem ist davon auszugehen, dass die Schiedsrichter das Instrument mit zunehmender Erfahrung in den nächsten Jahren noch flüssiger und effizienter werden einsetzen können.

Hausaufgaben für den DFB

Die Bundesliga-Schiedsrichter müssen hier ab der kommenden Saison deutlich zulegen. Es ist sicher nicht zu weit hergeholt, einen direkten Zusammenhang herzustellen zwischen dem zeitweiligen VAR-Chaos der Vorsaison und den sonstigen Querelen, die sich zwischen den Herrn Krug, Fandel, Gräfe, Rafati und Co. in den letzten Jahren zugetragen haben. Es hat leider sehr den Anschein, dass beim DFB auch in der Schiedsrichter-Gilde nicht unbedingt das Leistungsprinzip an allererster Stelle steht.

Der DFB täte daher gut daran, sich in allen Bereichen neu und professioneller aufzustellen. Was für den Bundestrainer und -manager gilt, dass gilt ganz besonders für das Schiedsrichterwesen, das sich nach den bisherigen WM-Erfahrungen in der kommenden Saison nicht noch einmal so desolat präsentieren darf. Das System VAR funktioniert – und es wäre ein Armutszeugnis für den größten nationalen Fußballverband der Welt, wenn er weiterhin unfähig wäre, es adäquat umzusetzen.

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