Im April 2010 gab Oliver Kahn der Süddeutschen Zeitung ein bemerkenswertes Interview. Ungewohnt offen sprach der Torwart, der zwei Jahre zuvor seine fußballerische Karriere beendet hatte, über Angst im Hochleistungssport: die Lust an ihr, die Vielschichtigkeit des Burnout, die Angst vor der Leere nach der Karriere. Selten zuvor hatte die Öffentlichkeit den auf dem Platz oft so unbeherrschten Keeper so nachdenklich und gelassen erlebt.

Ein zentraler Begriff des Interviews war Demut. Das ist ein altmodischer Ausdruck; vielleicht ist es auch ein altmodisches Konzept. In der Glitzerwelt des Medienzirkus steht hemmungslose Selbstbejubelung höher im Kurs. Demütig, man kann es auch bescheiden nennen, war auch die Antwort des einstigen Weltklassespielers auf die Frage, ob er sich künftig als Sportdirektor oder Trainer sehe. Er befinde sich, so Kahn, „momentan in einer Ausbildungsphase“. Und: „Ausbildung ist die Grundlage. Ein Ex-Sportler muss verstehen, dass er sich nach der Karriere für alte Verdienste nichts kaufen kann. Es sei denn, man legt Wert darauf, dass einem Leute auf die Schulter klopfen und sagen: Du warst aber mal ein toller Hecht!“

 

Kahn absolviert zurzeit ein Management-Studium. Von Stefan Effenberg ist nicht bekannt, dass er sich seit seinem Karriereende in einer Weise weitergebildet hätte, die ihn für eine Position als Sportdirektor qualifizieren würde. Die fast sieben Jahre hätten ja Zeit genug geboten für ausgedehnte Hospitationen bei Vereinen quer durch Europa, für einen Einstieg in die Wirtschaft, für eine Ausbildung, für eine Tätigkeit im Jugendbereich. Die Zeit so zu nutzen, hätte nicht nur Effenbergs Kompetenzen vermehrt. Sie hätten ihn auch als Menschen erwiesen, der auch jenseits des Platzes planvoll zu handeln weiß. Einen Menschen, der nicht glaubt, eine erfolgreiche sportliche Karriere verschaffe ein Anrecht auf herausgehobene Positionen danach. Einen Menschen, der ahnt, wie mühsam es sein wird, sich unter völlig neuen Anforderungen ganz neu zu beweisen. Einen Menschen, der den wohl größten Umbruch seines Lebens strategisch angeht und frühzeitig neue Ziele definiert. Einen Menschen, der sich nicht zu schade ist, auch wieder klein anzufangen.

 

Stefan Effenberg ist kein Oliver Kahn. Er möchte gleich ganz oben einsteigen. Das tat zwar einst auch sein Vorbild Uli Hoeneß, aber mit ganz anderer Vorgeschichte. In seiner Autobiographie Ich bin doch kein Tor schwärmt Sepp Maier von dem Geschäftssinn, mit dem schon der junge Hoeneß auffiel. Schon während seiner aktiven Zeit als Fußballer hatte sich Hoeneß mit US-amerikanischen Praktiken des Merchandising befasst, das damals in der Bundesliga noch ein Schattendasein fristete. Im Jahr 1978 war Hoeneß, noch als Spieler, entscheidend an der Akquise des Trikotsponsors Magirus Deutz aus seiner Heimatstadt Ulm beteiligt, mit der der Club die Rückkehr Paul Breitners finanzierte. Breitner sollte neben Karl-Heinz Rummenigge zur zentralen Gestalt der Bayernelf werden, die gleich in Hoeneß‘ ersten beiden Amtsjahren als sportlicher Leiter zwei Meisterschaften errang – die ersten seit sechs Jahren.

 

Auch Klaus Allofs verriet schon sehr früh ein ausgeprägtes Interesse an sportwirtschaftlicher Strategie. Als 18-jähriger Jungspund überraschte der Stürmer seine Teamkollegen dadurch, dass sich von seinem ersten Profigehalt kein schickes Auto leistete, sondern es in einen bis dato nur Experten bekannten Galopper investierte, der dann in den Folgejahren tatsächlich so manche Rennbahn als Sieger verlassen sollte. Sein wirtschaftliches Interesse am Pferdesport behielt Allofs konsequent bei und erwarb über die Jahre an gut vierzig Rennpferden Beteiligungen. Und: Bei seinem Amtsantritt als Bremer Sportdirektor konnte er auf eine kaufmännische Ausbildung sowie erste Erfahrungen als Trainer verweisen.

 

Solche Referenzen sucht man in Effenbergs Lebenslauf vergeblich. Für Verhandlungsgeschick stand während seiner aktiven Zeit eher seine damalige Ehefrau, aber die strebt momentan keine Position als Sportdirektorin an. Effenberg selbst sieht seine fehlenden wirtschaftlichen Qualifikationen gelassen. Er werde ein starkes Team an Beratern ins Boot holen. Nun ist es zwar oft eine gute Idee, auf die Hilfe von Experten zurückzugreifen. Wie aber will der noch seine Eigenständigkeit wahren, der mangels eigener Kompetenz Ratschläge nicht mehr selbständig auf ihren Wert prüfen kann und ihre langfristigen Konsequenzen nicht erkennt?

 

Auf ihren Wert prüfen würde man gerne auch welche Veränderungen Effenberg konkret anstrebt. Leider erfährt man darüber nur wenig. Am konkretesten ist noch, dass Effenberg seine neue Aufgabe nur als eine von dreien betreiben will, neben der Trainerausbildung und der Tätigkeit als Sky-Experte. Man hatte sich das Amt des Sportdirektors eigentlich als Vollzeitjob vorgestellt, zumal für einen Berufseinsteiger.

 

Man erfährt, dass Effenberg die vielumworbenen Spieler Dante und Reus unbedingt halten will. Das möchte sicher auch die aktuelle Vereinsführung. Als Borussia nach dem letzten Abstieg Marcell Jansen gegen eine zweistellige Millionensumme zu den Bayern ziehen ließ, geschah das ja auch nicht, weil man für ihn keine Verwendung gehabt hätte. Wer aber auf solche Transfererlöse verzichten will, wird andere Wege finden müssen, um im Falle eines Abstiegs dessen finanzielle Folgen aufzufangen. Wie Effenberg sich das vorstellt, dazu erfährt man nichts. Aktuell schließt er die Veräußerung von Anteilen des Vereins ja noch aus. Unter Umständen würde sich ein Sportdirektor Effenberg entscheiden müssen, welches seiner Wahlversprechen er halten möchte - vorausgesetzt, dass wirklich er entscheiden würde und nicht das Beraterteam im Hintergrund.

 

Man erfährt, dass Effenberg die Jugendarbeit neu gestalten möchte, aber nicht, wie das geschehen soll. Das Ziel der Attacke überrascht: Gerade die Gladbacher Jugendabteilung hat in den letzten Jahren eine großartige Entwicklung durchlaufen. Die Zahl der Jugendnationalspieler ist förmlich explodiert; mit ter Stegen, Herrmann und Jantschke sind drei hoffnungsvolle Eigengewächse Stammspieler. Der lange verletzte Janeczek oder der schon von den Bayern umworbene Julian Korb könnten die nächsten sein. Inzwischen ist die Borussia in der Lage, selbst ein so deutschlandweit begehrtes Talent wie Herthas Nico Brandenburger an den Niederrhein zu locken. Man würde gern Konkretes dazu erfahren, wie dieser Bereich umgestaltet werden soll. Nur so ließe sich sinnvoll diskutieren, ob dadurch wirklich noch weitere Verbesserungen erzielt werden oder umgekehrt gerade die Fortschritte der letzten Jahre gefährdet werden könnten.

 

Generell sollen Borussias Mitglieder nach jetzigem Stand offenbar den Tiger im Sack kaufen. Man stelle sich einen Politiker vor, der im Wahlkampf die Halbierung der Arbeitslosigkeit ankündigt und auf die Frage, wie er das denn konkret bewerkstelligen wolle, antwortet: „Es wird mit Sicherheit Veränderungen geben. Welche das sind, können wir aber jetzt im Detail nicht sagen“. Der Satz stammt von Stefan Effenberg, vom Express danach befragt, was er konkret verändern wolle. Wer so antwortet, der will entweder eine offene Diskussion über die eigenen Vorstellungen vermeiden. Oder er weiß selbst noch nicht so recht, was er eigentlich ausprobieren möchte.

 

Wahrscheinlich meint Effenberg es übrigens durchaus ehrlich, wenn er ankündigt, keine Vereinsanteile verkaufen, Reus und Dante halten und eine Aufbruchstimmung erzeugen zu wollen. Die Frage ist, ob das Wollen reichen würde. Die Frage ist, ob ein Sportdirektor Effenberg die Zügel in der Hand halten würde oder sein Beraterteam im Hintergrund. Die Frage ist, ob Effenberg die Schwere der Aufgabe nicht unter- und sich selbst überschätzt. Die Frage ist, ob ihm nicht die Demut eines Oliver Kahn besser zu Gesicht stünde.

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