Die britische Tageszeitung "The Guardian" wies just in dieser Woche auf Parallelen der sonst so unterschiedlichen Charaktere Theresa May (britische Premierministerin) und Donald Trump (US-Präsident) hin. „What they share is an almost total lack of reasoning power and an ability to hold on to multiple contradictions by the sheer act of will“. Ebenso in diese Woche ist aus Mönchengladbach zu vernehmen, dass  es auch nach der Demission von Ralph Hasenhüttl in Leipzig keine Überlegungen gibt, sich doch noch von Trainer Dieter Hecking zu trennen. Treibende Kraft hinter dem Bekenntnis zu Hecking sei einmal mehr Sportdirektor Max Eberl. Was dies alles miteinander zu tun hat? Eben genau das: Ein fast totaler Mangel an Vernunft und die Fähigkeit, an zahlreichen Widersprüchen festzuhalten, einfach, weil man es will. Nichts, wirklich nichts spricht nach Inaugenscheinnahme der vergangenen zwölf Monate dafür, in Mönchengladbach die Parole „Weiter so“ auszugeben. Und solange Hecking weitermachen darf, kann man so viele Physiotherapeuten und Mediziner austauschen, wie man will – unter dem Strich steht „Weiter so“.

Alles kommt auf den Prüfstand – so war die Ansage schon vor dem bezeichnenden Schlusspunkt einer aus Borussensicht äußerst unerfreulichen Spielzeit. Nicht der Tabellenplatz allein ist es, der das nahezu komplette Umfeld des Vereins schlechtgelaunt in die Sommerpause entlässt. Es ist das Gefühl, dass eine bleierne Zeit angebrochen ist. Niemand scheint einen Pfifferling darauf zu geben, dass es in absehbarer Zukunft wieder besser werden könnte. Das ist neu: Selbst in schweren Zeiten mit Abstiegskampf und Existenznot stand am Ende einer jeden Saison dann doch die Hoffnung und der Glaube daran, dass die kommende besser werden würde. Diesmal ist es anders. Der berechtigte Verweis auf die Verletztenmisere allein reicht kaum jemanden als Entschuldigung für das, was aus „Borussia Barcelona“ und dem großen „Schubi-Du“ in relativ kurzer Zeit geworden ist. Borussia ist zu einer Truppe ohne erkennbares Profil, ohne identifizierbaren Charakter mutiert. Es ist eine Ansammlung teils hoch begabter Fußballprofis, deren Zusammenspiel allenfalls dank ihrer individuellen Fähigkeiten noch gelegentlich von Erfolg gekrönt zu sein scheint. Fragt man, welche Spieler des aktuellen Kaders man sich weiter bei Borussia vorstellen kann, dürfte fast jeder Name fallen (Ausnahmen bestätigen die Regel), fragt man, für welchen Fußball dieser aktuelle Kader steht, schaut man in leere Gesichter. Das Potenzial ist erkennbar, eine Idee, es zu aktivieren, nicht.

Zwangsläufig landet man angesichts dieser Gemengelage beim Trainer. Und muss feststellen: Außer Max Eberl scheint kaum jemand Dieter Hecking zuzutrauen, eine solche Idee zu haben bzw. zu entwickeln. Seit Dick Advocaat gab es keinen Borussen-Trainer, der in der Anhängerschaft so wenig Fürsprecher hatte, wie er. Selbst Jos Luhukay, Michael Frontzeck oder der späte Schubert wurden von einigen Unentwegten (SW-Autoren eingeschlossen) noch leidenschaftlich verteidigt, als sie schon den Gang zur Geschäftsstelle antraten, um ihre Papiere abzuholen. Was aber wirft man Hecking vor? Ist es, dass er keiner der viel beschriebenen „Laptop-Trainer“ ist? Dass er nicht den Stoff für mehrere Kapitel in den Werken des Fußball-Theoretikers Christoph Biermann liefert? Dass er kein Charismatiker ist? Ja, das ist es auch. Wenigstens eine der genannten Eigenschaften würde vermutlich die Zahl der Kritiker reduzieren. Zentral ist aber, dass nicht zu erkennen ist, wo Hecking mit Borussia hin will. Was genau hat der Trainer mit dieser Mannschaft gemacht, außer sie unmittelbar nach der Hurra-Fußball-Ära Schubert kurzzeitig defensiv zu stabilisieren? Es ist nicht erkennbar. Die defensive Stabilität ist längst wieder Geschichte, ohne dass das Team zur Offensivpyrotechnik zurückgekehrt wäre, die Heckings Vorgänger abbrennen lassen wollte. Die Mannschaft ist nicht besonders stabil, sie ist nicht besonders torgefährlich, sie spielt keinen besonderen Tempofußball, keinen Mauerfußball, kein kontrolliertes Kurzpassspiel, keinen Konterfußball, sie spielt nicht betont über die Flügel, sie zaubert sich nicht durchs Mittelfeld, sie… spielt einfach irgendwie Fußball. Reicht es, einem Trainer eine „Handschrift“ zu unterstellen, wenn er sein Team nominell mal 4-4-2, mal 3-5-2 spielen lässt? Das zumindest tut Hecking. Das sei erwähnt, um seine Verdienste nicht zu schmälern.

„Er macht jeden Spieler besser“ sagte man in Gladbach einst über einen Trainer, dessen Name in diesem Text nicht erwähnt werden soll, dessen Geist allerdings zwangsläufig über jedem einzelnen Buchstaben schwebt. Versuchen wir es anders: „Dass er jeden Spieler besser machen möchte, sagt Kovac. Dass dafür viel gearbeitet werden müsse. An der Taktik wie an der Fitness“. So steht es im Alternativ-Kicker „11Freunde“. Man muss feststwellen: Viele Spieler sind unter Hecking schlechter geworden, ob mit oder ohne sein Zutun, ist kaum zu beurteilen. Klar ist aber auch: Nicht ein Spieler ist unter Hecking offenkundig besser geworden. Allenfalls hat er jungen Spielern wie Cuisance oder Elvedi die Chance gegeben, sich regelmäßig zu zeigen und Erfahrung auf höchstem Niveau zu sammeln, sie taktisch oder technisch geschult zu haben, kann er sich kaum auf die Fahnen schreiben. Ein weiteres Zitat aus der "11Freunde": „Bald werden sich die körperlichen Fähigkeiten aller Bundesligaspieler angeglichen haben, dann machen andere Faktoren den Unterschied. Die Taktik wird immer entscheidender, aber auch Einsatz und Wille, sagt Domenico Tedesco“. Man mag das Frankfurter und das Schalker Spiel unattraktiv finden, aber man erkannte dort zu fast jedem Zeitpunkt der vergangenen Saison, was der jeweilige Trainer vorhatte – und wie er reagierte, wenn er erkannte, dass die eine oder andere Idee nicht funktioniert. Taktiker, deren Teams zu jedem Zeitpunkt Einsatz und Willen zeigen – das ist der Gegenentwurf zu Dieter Hecking. Den kapriziösen Nicklas Bendtner möchte man ungern als Kronzeugen heranziehen, aber der nach seiner Katastrophenzeit in Wolfsburg regenerierte dänische Nationalspieler sagte für einen Fußballer ungewohnt unverblümt, dass er die Arbeit von Hecking im taktischen Bereich als ungenügend betrachtet. Aber es mangelt nicht nur an taktischer Raffinesse. Dazu kommt das Thema "Einsatz und Wille". Denn es gab in der abgelaufenen Saison immer wieder Phasen gab, in denen sich das Team von Borussia Mönchengladbach hängen zu lassen schien. Es sei an die „Eier“-Diskussion auf dieser Plattform erinnert, wer ein kürzeres Gedächtnis hat, rufe sich das letzte Saisonspiel in Hamburg vor Augen, in dem die Mannschaft die Flügel hängen ließ und dafür danach auch noch Verständnis von Trainer und Sportdirektor erntete.

Nein, man mag das Gesicht der Mannschaft behutsam umstrukturieren, wie es Max Eberl angekündigt hat, man mag neue Ärzte und Torwarttrainer holen, es wird nicht viel verändern. Dass Max Eberl das anders sehen möchte, ist menschlich verständlich. Für seinen Unwillen, den „Mechanismen des Geschäfts“ blind zu folgen, gebührt dem Sportdirektor durchaus Respekt. Aber er sollte wissen, dass er sich mit seinem Festhalten am Trainer im aktuellen Fall höchst angreifbar macht. Die Treue zum Trainer, man wird den Eindruck nicht los, dass sie nicht mehr von Sachargumenten getragen wird, sondern nurmehr von einer erstaunlichen Dickköpfigkeit.

Zwischen den Eberlschen Leitplanken ist ein LKW liegen geblieben. Sein Name ist Dieter Hecking.

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